Wolfram Pfreundschuh

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pfreundschuh

1946 in Bad Brückenau (Unterfranken) geboren, in Heidelberg aufgewachsen. Studium in Heidelberg (Medizin abgebrochen) und München (Philosophie und Psychologie). Aktivist in der antipsychiatrischen Bewegung. Aufbau und Mitarbeit in antipsychiatrischen Selbsthilfegruppen und therapeutischen Wohngemeinschaften. Tätig als Diplom-Psychologe und Psychotherapeut. Danach wissenschaftlicher Autor und Verleger in einem Münchner Kleinverlag zur Diskussion kritischer Kulturtheorien (Hegel, Marx, Freud und Adorno). 1976 bis 1983 Herausgeber der ersten deutschsprachigen Antipsychiatriezeitung („Türspalt“), die zusammen mit Insassen der psychiatrischen Anstalten in München gemacht wurde. Danach 20 Jahre lang geschäftsführender Gesellschafter der „Satzwerkstatt GmbH“ in München. Heute Autor, Grafiker, Betreiber der Web-Site Kulturkritik.net und Redakteur bei „Radio Lora München“ für Kulturkritik. Anstifter der Gruppe „Kulturkritik München“ und ihrer Bildungsveranstaltungen und Rundfunksendungen. Sein neuestes Internetprojekt Wikipool.net startet zu Weihnachten 2008.

(alle Texte von Wolfram Pfreundschuh zeigen)

Arbeitsschwerpunkte:

Kulturkritik als Kritik der politischen Ästhetik, Aufbereitung philosophischer, ästhetischer und psychologischer Theorien im Zusammenhang mit eigenen psychologischen und philosophischen Texten zu einer kritischen Theorie bürgerlicher Subjektivität.

Eigene Veröffentlichungen:

1978 „Arbeit am Wahnsinn

1978 „Die Kultur - Erster Teil: Der Entstehungs- und Entwicklungsprozess der Privatperson oder das Selbst“ (Typoskript)

1979 „Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft

1980 „Was heißt da: Psychisch Krank?“ (Artikelserie im "Türspalt")

2003 Kulturkritisches Lexikon (http://kulturlexikon.net)

2004 bis heute Arbeit an einer systematischen Kritik der politischen Kultur (Wahrnehmung, Selbstwahrnehmung und private Persönlichkeit, die gesellschaftliche Existenz von Verrücktheit und Wahnsinn, politische Kultur als Prinzip des ästhetischen Willens der Sittlichkeit, der Religion und des Staats).

Politische Entwicklung

Ende der sechziger Jahre durch Vietnahmkrieg und Notstandsgesetze und schließlich durch die Repressalien und Menschenverachtung der Psychiatrie politisiert. Kurzzeitiges Mitglied des Sozialistischen Patientenkollektivs (SPK) in Heidelberg. In München in der AK-Fraktion (Arbeitskonferenz der späteren "Marxistischen Gruppen") aktiv im "Sozialistischen Studium" und als ASTA-Vertreter in der Hochschulpolitik. Zugleich Aktivist in den Anfängen der antipsychiatrischen Bewegung.

Theoretische Grundlagen fand ich in der Auseinandersetzung mit der Psychiatrie, der Psychologie und den politischen Gruppierungen der 70ger Jahre, besonders in einem Vorläufer der "Marxistischen Gruppen", der damals als sogenannte "AK-Fraktion" in München 1971 entstanden war. Es ging dort um die Kritik bürgerlicher Rationalität in der Wissenschaft, um den Zweck ideologisierter Wissensbildung, um die Agitation von Studenten und über die Funktion und das Interesse der Hochschule in Bezug auf die bürgerlichen Lebens- und Produktionsverhältnisse. Hierüber war 1974 ein bedeutsamer Streit zwischen zwei Ansätzen entstanden, der zugleich das Kernproblem theoretischer Marxrezeption im Bereich der bürgerlichen Wissenschaft enthält: die Beziehung von praktischem und theoretischem, von subjektivem und objektivem Bewusstsein. Für eine Hochschulgruppierung hieß dies: Stellt sich marxistische Theorie gegen die bürgerliche Wissenschaft als "andere Wahrheit" oder hält sie am Interesse der Wissenschaft an wahren Aussagen fest, indem sie deren immanenten Mangel als notwendigen Fehler bürgerlicher Wissenschaft nachweist und zu überwinden sucht? Besteht sie daraus, dass sie neues Wissen aus der Überwinndung der Fehler bürgerlicher Forschung bildet, aus dem hierdurch erneuerten Erkenntnisinteresse eigene Analysen erarbeitet und daran Intelektuelle und die davon betroffenen Menschen politisiert oder verlangt sie unmittelbar praktische Politisierung gegen die ökonomische Bestimmtheit der bürgerlichen Wissenschaft, welche die kapitalistische Gesellschaft als schlicht unendliche Objektivität, quasi als Naturgegebenheit ideologisiert und damit legitimiert, absichert und fortschreibt? Die Frage heißt wesentlich: Gibt es einen immanenten, einen inneren Grund der geschichtlichen Entwicklung, sich gegen die bestehenden Verhältnisse zu wenden, oder einen äußeren, der sich gegen die bloße Zumutung der Verhältnisse an die "eigentlichen Lebenswahrheiten" der Menschen wendet. Oder: Wie verhält sich beides zueinander: Was ist die Beziehung zwischen Interesse und Bedürfnis, zwischen Denken und Gegebenheit, zwischen Gedanken und Wirklichkeit? Ist Bewusstsein bloßes, dem Sein äußerliches Wissen, oder ist es sowohl eigene Gewissheit des Lebens, geistige Entfaltung des Menschen, wie auch Wissen über seine Formbestimmtheit, also selbst produktive Kraft im Lebensprozess der Menschen.

Theoretisch wurde dies als Identitätsfrage der Intelektuellen auseinandergesetzt: Folgen sie einem eigenem geistigen (oder kulturellen) Interesse, einem "Schmerz der Erkenntnis", also einem Leiden, auch wenn es geistiger Natur ist, wenn sie sich gegen die bürgerliche Gesellschaft wenden oder folgen sie einem bloßen Aufklärungsinteresse an ihrer Falschheit, die sie politisch zu vermitteln haben (Kritik des falschen Bewusstseins als Kritik falscher Bedürfnisse an den herrschenden Verhältnissen, bloße Kritik des Warenfetischismus). Ich hielt die Trennung von beidem selbst für falsch und hatte daher die Spaltung der Fragestellung als Ausdruck ihres Fehlers abgewiesen und mich von der damals bestehenden Marxrezeption, insbesondere ihrem Kultur- und Staatsverständnis abgewandt. In der Folge verlangte dies eigene Erarbeitungen, die ich als Arbeit an einem marxistischen Kulturverständnis fortsetzte.

In meinem Buch "Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft" (1979) hatte ich die Resultate dieser Arbeit an den Grundlagen des Marxismus am ersten Kapitel des Kapitals dargestellt, das Märchen von einem Widerspruch zwischen "jungem" zum "reifem" Marx aufgelöst und die bei Marxisten besonders gängige Entgegensetzung von Gebrauchswert als Naturbestimmung und Tauschwert als Gesellschaftsbestimmung angegriffen. Von solcher Begrifflichkeit sind nach meiner Auffassung die wesentlichen Probleme des Marxismus entstanden, die sich noch heute vor allem im Begriff marxistischer Politik, in der Entgegensetzung von der "natürlichen Subjektivität" und ihrer "gesellschaftlichen Form", in der Trennung von der "Kritik der politischen Ökonomie" und einer rein ökonomisch begründeten Politik (Gewerkschaftsfrage) niederschlägt. Andererseits betreibt solche Begrifflichkeit innerhalb der Geisteswissenschaften zugleich eine implizite Abweisung ökonomischer Wahrheiten des Besitzstandes, durch welche Forschen und Handeln gegen die Polisitierung ökonomischer und kultureller Wirklichkeit unnötig und in gesellschaftlichen Nischen (vergl. Alternativbewegung) oder im kämpferischen Gestus formalisierter Existenzansprüche überwindbar erscheint (vergl. Parteikader). Ganz fatal war und ist eine solche Beziehung von Intellektuellen zu ihrem Sein im Verständnis des Staates als Objekt einer revolutionären Avantgarde, welche sich seine Mittel und Bürokratie aneignen und seine bürgerlichen Sachwalter einfach nur vertreiben will ("die Müßiggänger schafft beiseite"). Die hieraus folgenden Anwendungen waren mit einer vagen Theorie von der "Diktatur des Proletariats" unterlegt, in der das menschliche Subjekt dem Willen des Staats als dem Verwalter einer staatskapitalistischen bzw. feudalen Produktionsform und damit absolut unterworfen wird. Dieser geschichstheoretische GAU hatte ja letztlich den Stalinismus zur Menschenverachtung, zu einem Linksfaschismus getrieben und dem Kapitalismus seine "menschenrechtliche" Legitimation als Programm der Endlösung durch Kapitalreichtum beschert (siehe hierzu "Probleme des Marxismus").

Der Fehler des Sozialismus liegt nicht in den Werken von Marx, sondern an der mangelhaften Wissensbildung für die konkrete Auseinandersetzung mit Politik, besonders als wirkliche Kritik der politischen Ökonomie, als Erkenntnis, dass alle bisherige Ökonomie politisch bestimmt war und endlich zu einer ökonomischen Politik entwickelt werden muss (siehe Wirtschaft).

Durch den unvollständigen Nachvollzug des längst vorhanden marxistischen Wissens verstarb die kulturkritische Bewegung in den ästhetischen Gemächern des "dornenreichen Weges der Selbstverwirklichung" (Hegel), wie ihn auch Adorno, wenn auch mit der Unterlegung einer negativen Dialektik, beging. Die Staatstheorien, die postmarxistisch entwickelt wurden, waren vom Marxismus und dem kommunistischen Manifest vor allem dadurch entrückt, dass sie den Staat selbst als nur politische Veranstaltung, als eine "politische Macht des Willens" auffassten, die - herausgesetzt aus den ökonomischen Zwängen der konkurrierenden Einzelkapitale und der gesellschaftlichen Notwendigkeit zur Erhaltung von Lebenstrukturen - sich als ideele Allgemeinheit verhalten würde, und daher machtpolitisch durch die Wendung zu einen sozialistischen Staat umkehrbar sei. Die Ökonomie blieb für dieses Bewusstsein eine leere Determinante moralisierender politischer Begriffe, die einen ebenso leeren revolutionären Willen propagierten, durch welche die kapitalistische Gesellschaft aufzuheben sei. Der Marxismus als Theorie des revolutionären Willens war einer der fatalsten Fehler, der noch heute anhält (vergl. z.B. die Staatstheorie der "Marxistischen Gruppe", die den bürgerlichen Staat als "Verselbständigung des abstrakt freien Willens" begreift und ihm den konkreten Willen entgegenhält). Er resultiert hauptsächlich aus den theoretischen Schwierigkeiten bei der Auffassung der Kritik der politischen Ökonomie, deren eigentliches Ziel es war, "mit der Waffe der Kritik" den politischen Willen des Kapitals in einer Ökonomie anzugehen, die selbst zu einer anderen Gesellschaftsform drängt, und deren Not-Wendigkeit in den drei Bänden des "Kapital" von Karl Marx als Notwendigkeit zur Vergesellschaftung des Mehrprodukts theoretisch aufgedeckt worden war.

In einem Versuch zur Kultur hatte ich in den 70ger Jahren die modernen Formen der Entfremdung der Menschen von ihrer Gesellschaft als Kultform ihres Verhältnisses zu sich selbst skizziert, welches aus dem abstrakten Reichtum der imperialistischen Nationen und schließlich besonders durch deren Auflösung in transnationalem Kapital resultiert und sie auch geistig und seelisch (zwischenmenschlich) den Zwängen der Verwertung unterwirft. Heute arbeite ich an der Ausführung dieser Skizzen, bei der ich besonders auch die Themen für bedeutsam halte, die noch fast vollständig den Nationalisten und Nazisten überlassen werden: Die Kulturzerstörung durch das globale Kapitalverhältnis. Wo dies nicht internationalistisch bearbeitet wird, werden die Rechten darin eine immer stärkere Grundlage und ihren Rückhalt in der Bevölkerung der reichen Nationen bekommen.

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