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Dekadenz

Dekadenz tritt in totalisierten Krisenzeiten auf, in denen sich auch kulturell die ökonomische Krise nicht mehr auffangen lässt und die Möglichkeiten der Kultur, Ereignisse und Erlebnisse des Überlebens zu stiften, zu ihrer eigenen Zersetzung gelangt sind. Sie ist von daher eine sinnliche Agonie, eine pervertierte Zerstückelung, die sich am ästhetischen Schein gleichgültiger Veräußerung zusammenfindet, indem dieser zur privaten Innerlichkeit sich verkehrt und als solche auch sich äußert. Die Perversion ist die Hochzeit der Dekadenz, wie auch ihr Zerfall und ihre letztliche Selbstzerstörung.

Die Gewalt, die darin schlummert, ist die Gewalt, die ihr vorausgesetzt: Die Zerstörung von Lebenszusammenhängen, die keinen Sinn mehr haben, weil sie längst enteignet sind. Der Zynismus der Dekadenz ist deshalb die eigentliche Bestätigung des Zerfalls, da er die Enteignung leugnet und in diesem Willen sich formiert. Dekadenz ist die Herrschaftsform von Enteignung, die keinen Sinn mehr hat und die daher ihren eigenen Grund verleugnen muss und verleugnen will, der überkommene Tod, der sich als Leben gibt.

s.a.

=> Untergangstheorien

=> Nietzsche

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Dekonstruktivismus

Der Dekonstruktivismus ist die Erkenntnismethode eines Zeitgeistes, welcher die Postmoderne ablösen wollte. Sie setzt sich gegen jede Synthese, indem sie in der Verneinung die Wirkung ihres Antagonisten ergründet. Von daher ist sie der methodische Zweifel an jeder Struktur als Form einer Hierarchie, wie er schon bei Nietzsche als Anliegen von Philosophie formuliert war, der diesen Zweifel am "Gebälk der Begriffe" in eine Verstellung als Kunstform überführen wollte. Der Dekonstruktivismus richtet sein Augenmerk auf das Nichtgesagte. Dieses soll herausgestellt und konzentriert werden, so dass es als Fußabdruck einer Aussage oder einer ausgeschlossenen Wirklichkeit erkennbar wird. Dessen Wahrheit hat allerdings dann sehr wohl eine Struktur, zumindest ideell als binäre Form. Sie wird ermittelt durch einfache Umkehrung einer Aussage und durch die Veränderung oder Bewegung ihres Objekts. Die durch solche Manipulation erwirkte Erkenntnis verbleibt vor allem dadurch subjektiv, dass sie keine Objektivität anerkennt. Von außen verstanden, erzeugt sie aber eine Objektivität ihrer Erkenntnis zumindest vorübergehend durch ihre Manipulation. Von daher mischt sich der Gegenstand mit der Wahrheit des Subjekts, die er darin immer so bestätigt bekommt, wie er sich darin manipulativ veräußert.

Das Problem des Dekonstruktivismus ist die manipulative Intelligenz, die er vor aller Erkenntnis als Selbstverständlichkeit voraussetzt und aus der sich seine Aussage ergibt. Es ist eine methodologische Grundbedingung, die sich einer Ontologie verweigern will, aber doch zugleich ihren philosophischen Kern in der Heideggerschen Ontologie hat, welche eine radikale Rückbesinnung auf eine allem zugrunde liegende Wahrheit zumindest implizit verfolgt: Die Ursprünglichkeit des Seins, dem sich das Dasein zu bekennen habe, als das Seiende des Seins zu ergründen sei, also in seinen Existenzialien schlechthin erkannt werden müsse. Diese mache die Begegnung des Menschen mit seinem Sein in den Ereignissen des Lebens wesentlich aus und müsse in seiner Form durch die Dekonstruktion ihrer Scheinhaftigkeit herausgearbeitet werden. Solche Denkposition vermittelt Radikalität gegen die "Verfälschungen des Seins", gegen die Seinsvergessenheit des modernen Menschen, aber auch gegen die Strukturen und Formen der "Neuzeit".

In der Kritik an der strukturalistisch fixierten Widerspiegelungstheorie, die besonders von Marxistisch-Leninistischen Kaderorganisationen vertreten wurde, hatte sich Derrida gegen die darin implizite Versperrung und Objektivierung des Erkenntnisvermögens gewandt. Von der Kritik der Strukturalisten ging er bruchlos auf die Kritik von Struktur überhaupt über und bezog sich auf Nietzsche und Rousseau, um die Strukturen als Verstellungen zu behandeln, in welche die Gegensätze von Präsenz und Absenz zu einer ursprünglichen Unmittelbarkeit, zu "Ursprungssupplements" aufgehoben sein sollten (siehe auch Ursprungstheorien).

Er wurde von daher vor allem zu einem kritischen Begriff in der Geisteshaltung der Postmoderne, die sich dem Strukturalismus entgegenstellte. Gerade in der Kritik des Strukturavantgardismus (z.B. der leninistischen Arbeiterbewegung), wie er unter anderem auch von marxistischen Soziologen (z.B. Althusser), Psychologen (Holzkamp) und Philosophen vertreten wurde, verschaffte der Dekonstruktivismus sich Zulauf, da er auch eine Kritik an den Widersinnigkeiten des Strukturprinzips (z.B. Arbeiterklasse als Partei der Avantgarde) und dem Determinismus eines geschichtslogischen Objektivismus implizierte. Der Strukturalismus hat in derTat die Systematik eines Ganzen als Gewalt gegen das Einzelne nötig, um sich als strukturelle Macht zu erhalten und zu verewigen. Dies wurde ihm als Erkenntnisweise angelastet, wiewohl er als solche nur vulgär aufgetreten ist (Widerspiegelungstheorie). Aber zur Selbstbegründung des Dekonstruktivismus wurde ihm entgegengehalten, er würde Sinn und Bild seines Gegenstands brechen (Derrida). Das Gebrochene selbst sei damit als Notwendigkeit der Struktur zur Denkform erhoben, welche sich nur in der Entgegensetzung behauptet. Damit wäre Identität geleugnet, vor allem, um sie zu verunmöglichen. Indem der Dekonstruktivismus sich von jeglicher systematischen Analyse eines Ganzen absetzte, verwarf er auch systematische Dialektik, warf dieser selbst schon vor, eine Systematisierung der Welt zu betreiben, welche per se idealistisch sein müsse. Und weil es Ganzes schlicht nicht gebe bzw. als Machtprinzip eines "geschlossenen Systems" bekämpft werden müsse, deshalb verbleibe auch lediglich die Möglichkeit der Rückbeziehung auf wesentliches Sein durch Dekonstruktion der Wirklichkeit, - das ist Heidegger total.

Mit dem Dekonstruktivismus war das Kapitalverhältnis als Ganzes zu einer bloßen Konstruktion, zu einer Gedankenform der Identitätszerstörung verschleiert, welche durch Denken und gedankliches Aufbegehren selbst schon zu bekämpfen sei, eben durch Dekonstruktion seiner geistigen Legitimität: Nicht als Kampf gegen die Herrschaftsformen der existenziellen Mächte, der politischen Formbestimmung der Ökonomie, sondern als bloße Kritik der Gedankenaffirmation bürgerlicher Institutionalität, oft auch als simple Kritik des Warenfetischismus verstanden (siehe hierzu auch Wertkritik). Er lässt sich von daher auch leicht mit der negativen Dialektik von Adorno in Beziehung setzten, wenn und wo der Dekonstruktivismus als Kulturkritik verstanden wird.

Bedeutungsvoll daran ist die Abweisung jedweder Subjekt-Objekt-Beziehung und damit auch die Leugnung von Objektivität überhaupt. Diese selbst git als Konstrukt, nicht als selbständige Lebensform, Vergegenständlichung von Lebensäußerung, die in ihrem Veräußerungsprozes sich auch zu einem selbständigen Dasein, zu einer Formbestimmung entäußern kann und hieraus eigenständige Macht und Wirklichkeit bezieht. Für Dekonstruktivisten besteht keine herrschende Wirklichkeit als Wirkung eines Kapitalverhältnisse, welche die Menschen erzeugen und vollziehen und das sich "hinter ihrem Rücken" mächtig macht. Wirklichkeit selbst sei nur Konstruktion, die gleich einer Fiktion von sich bewusst werdenden Menschen beherrscht werden kann. Alle wirklichen Gegensätze werden so lediglich Entgegensetzungen philosophierten Seins.

"Die Behauptung von Gegensätzen dient dazu, uns darauf festzulegen, entweder das eine oder das andere zu sein. Weiß oder Schwarz, Mann oder Frau, eindeutig männlich oder bzw. weiblich oder "gestört", heterosexuell oder homosexuell, nicht behindert oder behindert ... sind Einteilungen die asymetrische Machtverhältnisse verkörpern, da jeweils eine Kategorie des Gegensatzpaars die andere dominiert."(Jaques Derrida)

Indem die Gegensätze als solche schon dadurch ausgeräumt wurden, dass sie als reine Behauptungen hingestellt sind, wurde begriffliches Denken überhaupt abgewiesen. Dieses entsteht ja gerade erst durch die Erkenntnis von Identität in Gegensätzlichem, Durchdringung von Widerspruch. Das Denken selbst sollte sich als Identität genug sein und muss daher auch keinen Gegenstand begreifen. Ungewollt wurde Derrida so zum Sprachrohr reaktionärer Selbstbegründung: Wir sind alle eins, wenn wir uns einig sind, wenn wir die Brechungen der Welt selbst abweisen, uns davon also nicht berühren lassen. Es steckt darin ein impliziter Zynismus gegen Kritik überhaupt. Jede Kritik an bestehenden Verhältnissen erübrigt sich damit, weil die Menschen darauf verwiesen sind, sich lediglich in ihren Vorstellungen und Werten zu einigen, ihre Identität subjektiv gegen die Objekte der Welt durchzusetzen.

Das Interesse des Dekonstruktivismus beruht auf einer Identitätsbehauptung, die keine Hinterfragung duldet, weil sie das Menschliche schlechthin sei, das menschlich Selbstverständliche. Dieses verwirkliche sich unmittelbar in der kulturelle Befreiung der Subjektivität, indem sie diese nicht mehr durch die Formationen des Kapitalismus beschränkt sieht, sondern selbst als kulturelle Alternative zu ihm wissen will. Was in den Anfängen kulturkritischer Gedanken noch als "Subjektiver Faktor" unter die allgemeinen Bewegungen des Kapitals gestellt war, wurde somit zur wesentlichen Erfahrung des Kapitalismus und auch zum Ort der Kritik. Indem Kapitalismus zu einer Konstruktion von unmittelbar, also nicht bedingt handelnden Menschen begriffen wird, die sich in diesen Konstruktionen (z.B. Institutionen) auch ebenso unmittelbar in Bewertung und Wille gegenüberstehen, wird seine Kritik zu einer einfachen Abweisung seiner Strukturen, die lediglich selbstzweckhaft seien. Für den Dekonstruktivismus haben sie sich nicht in einer geschichtlichen Notwendigkeit ergeben und müssen daher auch nicht mit ebensolcher überwunden werden (z.B. als Möglichkeit der Aneignung des Mehrprodukts durch die Menschen, als Überwindung kapitalistischer Formen von menschlichem Reichtum). Es wurde der Kritik der bestehenden Strukturen und Werte, auch wenn es bloße Ideologiekritik war, schon die Kraft beigemessen, die kapitalistische Gesellschaft als Konstruktion zu transzendieren, durch die Umwertung der Werte Gesellschaftsveränderung zu bewirken (siehe hierzu auch Foucault).

Diese Entwicklung hatte Geschichte. Einerseits war schon in der Kritischen Theorie, besonders in ihrer Begründung durch die Negative Dialektik von Adorno, wirkliche Geschichte nur in der Negation ihrer Form (siehe Verdinglichung, Fetischisierung), nicht als substantieller Prozess im Stoffwechsel des Lebens begriffen (siehe Stoff). Der Diskurs selbst schon mache die "emanzipatorische Intension der kritischen Subjekte" (Habermas) realisierbar und sei von daher praktischer Prozess der Lebensänderung, aus der heraus Gesellschaftsveränderung sich notwendig ergebe.

Andererseits zeigten auch die Auseinandersetzungen in den politischen Kadern und besonders bei den Parteidiskussionen der Marxisten-Leninisten die prinzipielle Unfähigkeit, gesellschaftliche Subjektivität, wie sie zumindest im Leninismus ausschließlich dem Proletariat zugesprochen war, auch gesellschaftlich wirksam zu machen. Es war ganz offensichtlich eine fundamentale Kritik am bisherigen Verständnis dieses Subjekts notwendig. Nicht nur in den reichen Ländern des Imperialismus, sondern auch in den armen Ländern der sogenannten Dritten Welt war diese Form subjektiver Gesellschaftlichkeit nicht mehr zu erkennen.

Die bestehenden Wirklichkeit schien kein menschliches Subjekt mehr zu haben; das Kapital erschien als ausschließliche selbstbestimmte Kraft der Objektivität, wie es ja von Marx auch im Bezug auf den Arbeitsprozess als "automatisches Subjekt" begriffen war. Doch die Anerkennung dieses Scheins in der Linken hatte zur fatalen Folge, dass nun Wirklichkeit selbst nur subjektiv verstanden wurde: als Wirklichkeitskonstruktion, wie sie im Begriff des Seienden von Heidegger dargelegt ist (siehe Dasein). Da so keine Bestimmung in der Wirklichkeit mehr am Wirken ist, kann sich ihr auch jeder einzelne Mensch unabhängig von seiner gesellschaftlichen Bestimmung (siehe hierzu Besitz) als Subjekt in gesellschaftlichem Sinn verstehen und diese also auch bestimmen, indem er sich im Diskurs mit anderen ebensolchen Subjekten zur Gesellschaft bringt. Durch Dekonstruktion in diesem diskursiven Prozess sei die Macht der gesellschaftlich gültigen Konstruktionen zu bekämpfen.

Besonders in der franzözischen Diskussion wurden die philosophischen Unterlagen für diese Auffassung ausgearbeitet. Hier spielte die Entdeckung der Subjektivität der Gesellschaftlichkeit im Seelischen - namentlich im Wahnsinn - eine große Rolle. Der Mensch geriet zum Subjekt seiner Innerlichkeit, das durch die herrschenden Lebensformen unmittelbar verschüttet, zumindest von der gesellschaftlichen Geschichte ausgeschlossen sei und aus deren Erbfolge, aus ihrer Genealogie quasi archäologisch wieder entdeckt werden müsse. Foucault verband mit der modernen Gesellschaft eine Konstruktion, die dem Menschen als bloße Macht begnet und durch die Kasernierung des eigentlich Menschlichen, durch Einzäunung und Abschottung disfunktionaler Menschlichkeit durchsetzt, also durch politische Herrschaftsfunktion der Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft sichert und erhält, die alleine durch die Formationen von persönlicher Macht verstanden wurden. Die "Umwertung der Werte" wurde somit zur Grundlage, diese Macht zumindest zu destabilisieren und ihren Agenten den Boden ihrer Konstruktionen zu entziehen, um der Selbstverwirklichung der ausgeschlossenen Menschen zur gesellschaftlichen Öffentlichkeit zu verhelfen und somit auch Gesellschaft selbst neu zu gestalten.

So richtig dieses Anliegen ist, das sich in der Studentenbewegung ja auch längst schon als notwendiges Anliegen entwickelt hatte (siehe z.B. Antipsychiatrie, Frauenbewegung), so folgenreich war die Reduktion des Bewusstseins auf die Subjektivität des kritischen Verstandes in der Bewertung, da auch die "Umwertung der Werte" in der bloßen Moral befangen bleibt. Die Kritik der Macht geriet zur Position eines Willens, der sich lediglich in der Gegnerschaft zum herrschenden Willen begriff. Die Emanzipation des "kritischen Individuums" sollte die Befreiung seiner Willensbeschränkung, also Willkür werden. Das "kritischen Subjekt" musste um die Macht seines Willens kämpfen und hatte als einzigen wirklichen Grund hierfür die Konstruktion eines ihm unbotmäßigen Willens, also eine Wirklichkeitskonstruktion, die in ihrer schlechten Wirkung nur empfunden und auch nur vom Standpunkt der Empfindung bekämpft wird. Das "kritische Subjekt" war dadurch ausgewiesen und sollte sich auch darin bewähren, dass es seine Empfindungen als wesentlich menschliche Empfindungen gegen die Formationen ökonomischer Gewalten durchzusetzen versteht, die somit zu einer monsterhaften geratenen Objektivität fremder Willensäußerungen wurden. Und darin geriet es in den Denkzusammenhang der Genealogie von Nietzsche, worin bürgerliche Kultur lediglich Lüge gegen die Geistesgeschichte des Menschen, letztlich Abart des Menschseins ist. Diese Schmeichelei für den kritischen Intellekt, der seine Empfindung in seiner antibürgerlichen Position bestätigt weiß, hat seine Kehrseite in der Naivität gegenüber seinen eigenen Konstruktionen, setzt er doch nur durch, was ihm nötig ist und arbeitet er nur aus, was für ihn gut ist. Er muss sich notwendig immer als "besserer Mensch" begründen, um dies durchzuhalten, als guter Mensch oder Mensch schlechthin. Diese Anmaßung verfängt sich letzlich im Bürgertum des Übermenschen, der einzigen Gewähr für solche Selbstbezogenheit sein kann. Die Linke wird sich von der Rechten nicht mehr unterscheiden können. Das Weltbürgertum arbeitet schon fleißig an seiner allgemeinen Konstruktion, die sich letztlich in dem konstituiert, was ihm nötig erscheint und dem entspricht, was das Kapital nötig macht (siehe hierzu Sloterdijk). Der Dekonstruktivismus ist zwar kritisch gemeint, aber auch nur als eine kritische Variante des Neoliberalismus, wie er sich weltweit in den Kapital schöpfenden Nationen ausbreitet.

s.a.

=> Derrida

=> Phänomenologie

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