Buchstabe Leb Im Kontext

Leben

Die Voraussetzungen der Natur und des Lebens waren Teilchen, die in ihrer Verschmelzung eine Energie bildeten, die größer war, als die, welche in sie eingegangen ist, eine stoffliche Masse, die in einer unendlichen Bewegung war.

Die so entstandenen Stoffe befanden sich in einem Zustand beständig wechselnder Energieformen, der sich in atomaren und molekularen Beziehungen ausrichtete. Im Streben nach einem ausgerichteten Zustand war die Verbrennung von Sauerstoff eine der stabilsten stofflichen Beziehungen. Von daher war eine Ausrichtung der Verbrennung zur Optimierung einer Energieform entstanden, die noch rein stofflich und leblos war, die aber allem Leben auf der Erde vorausgesetzt ist.

Die ersten natürlichen Beziehungen waren wahrscheinlich dadurch entstanden, dass diese Stoffe einander so durchdrungen hatten, dass sie in bestimmten Massenverhältnissen verbrannten und eine Schlacke hinterließen, die selbst wieder als Stoff weiterter Verbrennungen verfügbar war.

Jede Verbrennung hat ein bestimmtes Verhältnis zu ihrer Asche, das mehr oder weniger Energie enthielt. Bestimmte Stoffe bildeten optimale Verbrennungsverhältnisse, worin der Verbrennungsrückstand optimierter Stoff und die Verbrennung selbst optimierte Energie war und in diesem Verhältnis affin füreinander blieben. So war eine quantitative Beziehung, also eine Affinität verschiedener Soffe auf die Welt gekommen, welche sich als stoffliche Energie aus einer nach ihrer Masse ausgerichteten Verbrennung bildete, die in ihrer Umwelt eine Schlacke hinterließ, die wiederum neue Beziehungen in anderer Verbrennung einging. Die bislang rein stofflichen Beziehungen wurden hierdurch zu einer Art Natur, in welcher die unterschiedlichsten Beziehungen der Stoffe in dieser Ausrichtung bezogen blieben, und worin sich Verbrennung und Rückstand in den verschiedensten Formen und Gestaltungen erneuerten. Die wichtigsten waren Wasser, Luft und Erde.

Die Frage, wie hierin Leben entstehen konnte, lässt sich nicht logisch beantworten, weil Leben selbst nicht logisch entscheidet, auch wenn es nach Vollzug logisch erscheinen mag. Es gibt von daher keinen Schöpfungsakt als solchen, nicht die Entscheidung einer vorausgesetzten Intelligenz, wohl aber eine Intelligenz der Stoffe, die in ihrer Affinität beständig wurden und aus ihrer Beständigkeit neue Stoffe bildeten, sie sich hieraus erklärten und also eine bestimmte Entstehungsgeschichte in sich forttrugen. Dies macht wohl die erste wirkliche Grundlage der Natur und damit allen Lebens aus. Es ist die Wirkung bestimmter Austauschverhätnisse von Stoffen, die in ihrer Verbrennung opfimale Energienutzung und für weitere Entwicklungen optimale stoffliche Produkte hinterließen. Die Natur ist demnach ein hieraus entstandenes Streben nach optimaler Verbrennung, der Stoffwechsel selbst ihre ursprünglichste Tätigkeit.

Die Intelligenz der so gebildeten stofflichen Verbindung kam dadurch zu einem eigenständigen Leben, dass sich darin stoffliche Verbindungen ergaben, die ihre stoffliche Beziehung nicht nur vollziehen, sondern sie schließlich irgendwann auch selbst veranlassen konnten, die also ein Streben entwickelten, sich bestimmten Stoffen im Zweck ihrer Natürlichkeit anzunähern, um optimale Verbrennungsverhältnisse fortzutragen und in stofflicher Gestalt, also in der Affinität bestimmter Massenverhältnisse sich diese zu "merken". Leben begründete sich also auf der "Intelligenz" einer Wechselbeziehung der Stoffe, auf einem Stoffwechsel, der veranlasst werden konnte und so die Natur bildete und entwickelte.

Aus dieser Verbrennung war demnach also eine Kraft entstanden, die keinen unmittelbaren stofflichen Grund hatte, sondern auf einer Vermittlung gründete, die aus vielen vorausgesetzten stofflichen Verbindungen hervorgegangen war und einen Stoff bildete, der sich aus ihrer bestimmten Vermittlung in ihrer Verbrennung als bestimmter Stoffwechsel ergeben hatte. Es war so etwas wie eine "intelligente Stofflichkeit" entstanden. Indem Sauerstoff zum Zweck dieses Stoffwechsel verbrannt wurde, war ein stoffliches Subjekt entstanden, das an dieser Verbrennung, also an einer Verbindung mit Sauerstoff "interessiert" war und hierfür eine stoffliche Verbindung erzeugen konnte, in welcher sich die Schlacke auch wieder regenerieren konnte. Dies aber verlangte die Fähigkeit, aus einem bestimmten toten Stoff Energie zu entwickeln und Asche in einem Verhältnis abzusondern, in welcher sie selbst als erneuerter Stoff für Verbrennungen eingehen konnte.

Alles Leben gründet auf diesem Stoffwechsel, der sowohl Kraft entfaltet als auch stoffliche Reduktion in einem organischen Zusammenhang, in einem Organismus betreibt. Im Unterschied zum toten Stoff, in welchem sich Masse und Energie lediglich verhalten, war Leben als Subjekt des Stoffwechsels, als ein "interessierter Stoff" entstanden, der sich selbst diesem Interesse adäquat verhalten konnte, weil er selbst ein Verlangen, ein notwendiges Bedürfnis nach Einverleibung eines bestimmten Stoffes entwickelt hatte.

Die ersten Lebewesen, die Mitochondrien, worin dies stattfand und auch heute noch stattfindet, hatten somit ein Lebensinteresse, das ihnen einen Sinn für die Mittel hierfür nötig machte. Sie sind das "Lebensgeheimnis" einer jeden lebenden Zelle. Leben entstand also, indem ein Stoff im anderen Sinn für sich gefunden hatte. Es begründete sich durch die Naturempfindung, die ein Wesen ausmacht, das in der Lage ist, andere Stoffe für sich aufzunehmen, sie sich einzuverleiben und in der Beziehung auf sich zu unterscheiden und die Schlacke, welche diese Beziehung erzeugt, wieder auszuscheiden. Es war wohl diese Selbstunterscheidung, die Beziehung, Bekräftigung und Aussonderung, die Grundform einer Erkenntnis, welche alles Leben begründete. Leben besteht zu allererst aus dieser Intelligenz.

Das erste Lebenszeichen war demnach ein Sinn, durch welchen Stoffe für den Stoffwechsel als sinnvoll erkannt wurden. Er entwickelte sich zu einem bestimmten Sinn für einen stofflichen Zusammenhang, einem Grund, für welchen Stoffe sich einfügen lassen und zusammenfügen und wonach sich auch Organe zur Empfindung anderer Stoffe entwickelten. Es waren die ersten Subjekte, welche sich Stoffe zu ihrem Objekt machten und sich selbst darin verobjektivierten. In der Empfindung von anderem hatten sie zugleich eine Beziehung zu sich, bildeten sich, wie es durch ihre Natur geboten war, also in der Beziehung zu ihrer Umwelt. Ihre Selbsterhaltung war dadurch zugleich Selbsterzeugung, die zur Selbstentfaltung wurde, indem sich diese Naturwesen zu sich selbst verhalten, sich fortpflanzen und entfalten konnten. Leben ist daher Subjektivität, also Selbsterzeugung, Selbsterhaltung und Selbstentfaltung, Reichhaltigkeit an natürlicher Bezogenheit, an Naturempfindungen, aus denen alle weiteren Empfindungen sich ergeben, die eigenes Wachstum, also Bewegung durch sich und um seiner selbst Willen begründen.

Leben ist Bewegung, Ruhe und Unruhe durch sich selbst, Vereinigung, Entzweiung, Vermehrung, Stoffwechsel und Gewissheit von sich, Erkenntnis - Sinn und Geist im beständigen Werden, in seiner Geschichte, Geschlecht im Entstehen und Vergehen, der geschichtliche Akt der fortwährenden Selbsterzeugung und Entfaltung.

Leben setzt nicht das Tote voraus, denn der Tod ist durch das Leben erst bestimmt als die Individualität seiner Aufhebung, aus der heraus das Leben sich erst wirklich allgemein setzen kann, in der Beschränktheit seiner Individualität, im Sterben der Individuen sich überhaupt fortträgt, fortpflanzt und entfacht. Leben trägt praktisch in sich, was es theoretisch vorraussetzt. Es ist entstanden, indem sich in der vorhandenen Materie Sinn gebildet hatte, Sinn für sich und anderes. Der Sinn ist das lebende Produkt der Naturgeschichte der Materie als geschichtliche Natur des Lebens; die Sinnbildung selbst ist Leben als Prozess, Naturgeschichte der Sinnlichkeit. Diese Geschichte ist immer materiell, weil Sinn selbst nur als Verhältnis der Materie besteht, als Verhalten von toter und lebender Materie, als lebender Stoff im Stoffwechsel des Lebens. Das Lebende bezieht sich hierbei erkennend auf das Tote, bildet sich in der Kenntnis hiervon, nimmt es auf und stösst es ab und weiß dies in sich (siehe Gewissheit).

Dass das Lebende das Tote empfindet, zeigt sich an den urtümlichsten und einfachsten Verhältnissen des Stoffwechsels und der Assimilation. Die Fähigkeit, Stoffe für sich adäquat aufzunehmen und zu verdauen und die Schlacke abzusondern, macht den ersten Sinn in der Natur für die Natur aus. Indem Maße, wie lebende Zellen die Asche der Sauererstoffverbrennung nicht ausscheiden können, altern sie und nähern sich ihrem Tod. Ohne Empfindung für das, was dem Leben schadet, ist es nicht möglich.

Auch die Nervenzellen verfahren ähnlich, wenn sie sich ein Bild von ihrer Umwelt machen und sogar in der Lage sind, diese zur eigenen Gestalt zu bringen, z.B. in den Tarnfarben, die Tiere aus ihrer Umgebung beziehen und erzeugen können. Schon Hegels System der Sensibilität hat diesen Gedanken aufgenommen, als er das Nerven-, das Blut- und das Verdauungssystem als Totalität der natürlichen Gestalt auffasste, und diese schon als pflanzlichen Sinn begriffen hatte (Hegel, Enzyklopädie §354).

Der Sinn ist selbst eine Erkenntnis, indem er sich zur toten Materie wesentlich verhält als Sinn für sie, wie er auch die erste Erkenntnis für sich dadurch ist, in diesem Verhalten die Fähigkeit zu haben, Totes von Lebendem zu scheiden und auszuscheiden, sich darin zu bilden und tätig zu sein und als wirkliches, also Wirkung habendes Leben herauszubilden. So wie das Leben als Sinn der materiellen Natur entstanden ist, so ist der Sinn das Leben mit ihr. Die ganze Sinnbildung kann nichts anderes sein, als eine Naturgeschichte, die sich für sich begeistert hat. Der Geist selbst ist unmittelbar sinnlich, auch wenn er Verhältnisse eingeht, in denen er sich von seiner sinnlichen Natur entfernt, um auf sie wieder zurückzukommen. "Die Entstehungsgeschichte des Menschen ist die Bildungsgeschichte seiner Sinne" (Marx). Und diese ist noch nicht zu Ende.

Es ist dem Darwinismus entgegenzuhalten, dass er eine Lebensgeschichte des Untergangs vorstellt. Für ihn ist die Sinnbildung des Lebens zufällig, die Vernichtung von "Lebensunfähigkeit" vernünftig. Im Grunde vollstreckt er theoretisch die Vernunft einer Vergänglichkeit von Lebensvielfalt - ein Widersinn in sich. Warum sollte Leben sich entfalten und dann auf das Machbare reduzieren? Es mag verschwenderisch für den erscheinen, der damit haushalten will, aber seiner Sinne ist es damit enthoben. Warum diese sich ändern und warum Leben selbst Sinn bildet, ist dem Darwinismus als Verstand der Aufklärung fremd und zugleich Grundlage von einer der schlimmsten Gesellschaftstheorien der Geschichte (siehe auch Rassismus).

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist genauso leblos wie die Frage nach dem Sinn des Atmens, dem Sinn der Erkenntnis, dem Sinn der Liebe usw. Indem ich atme, erkenne, liebe usw. lebe ich. Das Leben kann keinen anderen Sinn haben als den Sinn, den die Menschen für ihr Leben haben und äußern. Indem sie dies befragen, vollziehen sie den Selbstwiderspruch, der sie an sich zweifeln lassen müsste, um Selbstkritik zu werden: Atme, erkenne, liebe ich nicht oder vielleicht nicht ganz richtig? Muss ich also mein eigenes Leben verneinen, es als falsches begreifen, um richtig leben zu können (siehe Adorno: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen")? Was aber kann dann richtiges Leben, richtiges Atmen, richtiges Erkennen, richtiges Lieben usw. sein, das ich nicht kenne, dessen ich nicht fähig bin, das mich fragen lässt und zugleich meine Frage verneint indem sie mich verneint? Es stellt die Frage nach dem Sinn des Lebens als Suche nach dem richtigen Leben. Diese Frage ist ein Widersinn. Sie kann gar nicht nur Frage sein; sie ist zugleich Antwort: Erscheint das geäußerte Leben sinnlos, so haben die Menschen ihre Sinne nicht wirklich außer sich, haben nicht ihre Natur verwirklicht und keine Wirklichkeit ihrer Natur. Sie sind also selbst von Sinnen, wenn sie ihre Welt nicht als ihre Natur erleben. Ihr Leben ist wirkungslos, also unwirklich - ein Unding in sich. Doch Leben kann nicht sinnlos sein, es selbst ist der Sinn, der Unsinn von sich scheidet, ausscheidet und sich über die Ausscheidung bildet. In der Ausscheidung existiert die Asche vergangenen Lebens, der reine Stoff, der kein Leben mehr hat, kein Wesen und daher verwest und wirklich zu Unsinn geworden ist, nicht mehr waltet und keine Welt mehr hat, tote Natur geworden ist. Über das Leben nachdenken kann also nur heißen, über die Welt und ihre Natur nachzudenken.

Leben lässt sich in vielerlei Hinsicht beschreiben, je nach Einsicht in seine Bewegung und Bewegtheit, ohne dass dies widersprüchlich wäre. Einmal ist es vielleicht der Funke, der aus dem Wesen sprüht, das Sein, das sich die Finsternis gebahr (frei nach Goethes Faust S.47), ein andermal ist es der Sinn der Natur, die sich selbst hervorbringende, reproduzierende und aus sich schöpfende Kraft, die alles erfüllt, das sich als Ursprung seiner Wirklichkeit erkennt. Leben erhält sich selbst, pflanzt sich fort, dehnt sich aus, überwindet sich selbst als reine Stofflichkeit und treibt fortwährend zu einer sinnvollen Beziehung der Stoffe, welche sich in einem lebenden Subjekt vermitteln als sein Stoffwechsel und seine Sinnbildung als ein und daselbe. Diese ist daher seine notwendige und subjektive Beziehung auf andere Subjekte: Gesellschaftlich wirkliches Sein der menschlichen Natur im natürlichen Verhältnis der Menschen.

Leben ist die Natur der Geschichte und die Geschichte der Natur in einem, die als gesellschaftliche Naturgestalt Resultat ihrer Sinnbildung, subjektiv wie objektiv gesellschaftlich ist. Leben ist der Sinn, welchen der Stoff in seinem beständigen Wechsel bildet und den er hat, wenn er im Wechsel sich verändert und als anderes ist. Sinn ist die Revolutionierung, die sich selbst erneuernde Wiederkehr des Stoffes, indem er die Menschen zur Natur und die Natur zum Menschen, den Stoff selbst zum Menschensein treibt. Darin besteht die natürliche Identität jeder Gesellschaft, welche die Mittel ihres Geistes als sinnbildenden Stoffwechsel hat, als ihren wirklichen Reichtum, als Lebensbereicherung durch gesellschaftliche Sinnbildung.

Leben bildet sich daher nicht und entwickelt sich nicht in seiner Beschränkung und Ausrottung (vergl. Darwinismus), als ob es sich erst aus der Überwindung seines Überflusses ergäbe; es bildet sich immer wieder als neues Leben, wenn die Verbindung, die es eingeht, auch Neues erzeugt, dieses als sein eigenes Erzeugnis und als seine Erneuerung dadurch bildet, dass es ein altes Wesen bewährt und freisetzt, sich darauf gründet, um es in seiner Verwirklichung der Verwesung zu überlassen. Leben entsteht und bestärkt sich nicht als Überlebendes im Kampf der Sinne (es müsste reiner Un-Sinn sein!), es entsteht aus seiner eigenen Fortbestimmung in und durch anderes Leben (Fortpflanzung). Es ensteht in der Besinnung seines Werdens, Sinnfindung im Wechsel der Stoffe, worin es erst wirklich (weil praktisch) zum stofflichen Leben kommt. Leben ist nicht teleologisch; es ist prinzipiell unlogisch, fraglos, grundlos, folgenlos. Es ist prinzipienlos begründet; - aber es selbst erklärt sich aus seinem Gewordensein als ein durch sich selbst wie durch andere begeisterter Stoffwechsel. Das Leben hat Sinn, weil es sinnlich ist und weil sinnlich sein heißt, sinnbildend zu sein. Im Sinn hat der Stoff seinen Geist, wie er selbst anderer Stoff nur ist, durch seine Begeisterung, durch sein gesellschaftliches Sein, durch seine Beziehung auf andere. Der Stoff hat seinen Sinn im Leben erkoren, gesucht und gefunden, assimiliert und dissimiliert. Das Leben hat sich selbst als Sinn im Wechsel der Stoffe gebildet, sich Nahrung gegeben, Bewegung verschafft und fortgepflanzt. Es hat in seiner Ausdehnung seinen Sinn bestätigt und bestärkt, indem es sich darin verfeinert und beschränkt. Leben ist der sich selbst fortwährend bildende Sinn.

Die Sinnbildung ist die innerste Lebenstätigkeit, die in der pflanzlichen wie tierischen Natur bis hin zum Menschen tätig und leidend ist, Wachstum und Siechtum begründet und sich durch immer neue Gestaltungen bestätigt. "Die Entwicklung der fünf Sinne des Menschen ist das Resultat der bisherigen Weltgeschichte" (Marx, MEW EB 1).

Leben entwickelt sich auch in seinem Tod. Er ist notwendige Erneuerung, Entfaltung und Subjektwerdung des hieraus Geborenen. Von daher ist der Tod nur das verschwindende Moment des Lebens, die "Kränkung des Individuums" (Marx), welches ihm verfällt und verwest, sein individuelles Wesen verliert um sein allgemeines Wesen in der Naturgeschichte der Menschen zu gewinnen. Der Tod beweist nur die Endlichkeit seines Daseins, die Verletzlichkeit des Lebens. Leben ist ohne Tod undenkbar; es gestaltet sich darin, ihn als seine wesentliche Verletzung zu leiden. Jeder Schmerz, welcher im Leben auftritt, zeugt von seinem Leiden und erzeugt als Lebenstätigkeit, als Leidenschaft, in gleicher Weise sein Wachstum, seine Rückführung auf sich als Erneuerung seines Seins. Leben ist wirkliches, das heißt tätiges Leiden, den "Leiden heißt sinnlich sein" (Marx).

Dies ist ganz im Gegensatz zur Larmoyance der Lebensbergung, dem Räsonnieren der Beschädigung, welche Schmerzen auslösen. Diese wendet Leiden in die Reflexion des Beschädigtseins, eigentlich in die reflektierte Schmerzhaftigkeit, in den abgehobenen Schmerz, in die Grundlosigkeit von Verletzung. Die Beschreibung des beschädigten Lebens (siehe "Minima Moralia" von Adorno) erweckt somit auch eher die Hoffnung auf Erlösung, als dass sie Leben ergründet und Schmerz wendet.

Leben wird in der subjektiven Philosophie (Schopenhauer, Nietzsche) als Ausdruck des Willens angesehen. Wesentlich würde es sich daraus ergeben, dass mit Willen begabte Wesen Leben gestalten würden - eben weil sie es wollten. Dies zeige sich aus der ganzen Geschichte der Natur und der Menscheit. Bei solcher Lebensbetrachtung aber zeigen sich nur Resultate. Die konkreten Willensverhältnisse bestanden immer aus Kämpfen und Kriegen, die zum Niedergang eines "Willens" zugunsten der Macht eines anderen führten. Bleibt die triste altmütterliche Borniertheit: Leben heißt Kämpfen? Willensverhältnisse sind eher paralytisch, als dass sie Leben zeigen. Wille unmittelbar gibt es nicht ohne die Mittel seiner Realisation - und somit kann Wille selbst nicht wesentlich sein: Er besteht nur durch seine Mittel und ist zweckhafte Relation einer gegebenen Vermittlung. Für sich ist der Wille nichts ohne seine Voraussetzung und somit leblos. Nur durch seine Mittel wird ein Wille mächtig - nicht unbedingt gegen anderen Willen, sondern schon gegen jede Macht, die Mittel zur Willensentfaltung bietet. Wille will die Ohnmacht des anderen, kann sich nur mit Macht durchsetzen (siehe Logik der Kultur, Teil 3). Es ist solche subjektive Ideologie daher immer reaktionär, eine Legitimationsideologie von Willkür, die der Machterhaltung dient.

In der objektiven Philosophie (z.B. Kant, Hegel, Freud) wird eher das Bedürfnis als Lebensgrundlage angesehen, also das Verlangen des Menschen nach Objekten, die er sich für seine Bedürfnisse zurichten muss und denen er erliegt, wenn er ihrer nicht Herr wird. Es ist wesentlich der Standpunkt der Aufklärung, der sich zwischen Selbstentfaltung und Selbstbeschränkung zerreibt und der Geschichte die Idee der Erfüllung und Erlösung beigibt. Es ist eine mehr oder weniger deutlich formulierte Ideologie des Fortschrittglaubens. In den pragmatischen Theorien kommt Leben fast nur noch als Theorie der Lebenserfahrung und des Lernens zur Verwendung für Lebenshilfen vor.

Jeder Lebensbegriff setzt das Begreifen und das Begriffene dem Leben voraus und widerlegt sich somit selbst, wie er auch jede theoretische Philosophie als Theologie, als Spekulation auf einen Lebensspender, auf einen vorausgesetzten, unerfüllten Lebenssinn beweist. Leben kann keinen Begriff haben. Es ist Sein von Geist und Sinn in seiner Unmittelbarkeit, Rückhaltlosigkeit und Liebe als Tätigkeit des Lebensmuts. Es besteht aus der beständigen Entfaltung und Rückkehr des Lebenskerns durch die Bewegung und Ausbreitung seines Sinns (im weitesten Sinne des Wortes). Leben besteht aus dem Übergang von Stoff und Geist in der Assimilation und Reproduktion als pulsierendes Wesen, das seiner selbst genug ist, und seinen Sinn in seiner Ausbreitung dadurch bestärkt, dass er nichts nötig hat, außer seiner Entfaltung, Bereicherung seines Verhältnisses zu sich selbst. Es selbst ist unlogisch und undialektisch (dies im Gegensatz zu Engels "Dialektik der Natur", siehe auch Logik) und nur durch seine Endlichkeit unendlich. Die Verwirklichung von Leben ist die Entwirklichung von Tod, der darin zu einem verschwindenden Moment des Lebens wird. Leben besteht nur in dieser Wirklichkeit und kann daher weder richtig noch falsch, weder Wahrheit noch Täuschung sein. Sie ist menschliche Geschichte, auch wenn sie in Zuständen des Todes und der Barabarei in ihrem Entschluss verharrt, solange deren Logik nicht begriffen ist und Lebenswerte das Leben ersetzen.

"Das Leben mag sterben, aber der Tod darf nicht Leben!" hat Marx gegen Hegel gesagt, um ihm die Unendlichkeit des Werdens in göttlichen Prinzipien zu nehmen und ihm das Leben als Lebensmacht des wirklichen Menschen entgegenzuhalten. Es ist eine grundlegende Erkenntnis des Marxismus, der sich aus der Erklärung der Welt, aus der Aufklärung gelöst hat (siehe Philosophie) und den Menschen in seiner Praxis als sich selbst äußerndes, aber auch entäußertes Wesen begreift (siehe Arbeit). Er setzt sich wesentlich praktisch gegen die Entfremdung des menschlichen Wesens in der Versteinerung seiner Lebensprozesse, in denen sich in der bürgerlichen Gesellschaft die fremden Kräften der Verwertung des Lebens (siehe auch Ökonomie, Entfremdung) als gesellschaftliche Macht im Kapital etabliert haben (siehe auch tote Arbeit).

Die Lebenszeit ist nicht unabhängig von der Lebenswelt und nicht einfach natürlich, weder in der Empfindung für sich, noch in der Anzahl der Jahre. Überhaupt ist Zeit nur in Beziehung auf Geschichte und deren Umstände zu begreifen und hat mit dem Leben selbst nur hierdurch zu tun.

Das entäußerte Leben ist das Erleben, das vom Leben herausgesetzte Lebensergeignis, dessen Sinn alleine im Moment wahr ist, ohne Grund und Folge, ohne Geschichte und Erkenntnis, ganz für sich noch als Moment der Wahrnehmung. Im Erlebnis fließen Ereignisse zusammen, die aus ihrer Geschichte herausgenommen sind, noch ganz in der Erlebensweise das Leben nur reflektieren, das sie vorgeben können, weil es vorgegeben ist: Affirmation der Lebensform (siehe Lebensraum).

s.a.

=> Anima

=> Tod

=> Lebensangst

=> Lebenswerte

zitatup1c1a1a Leben
Systemup45a1a
Lebenspflicht
Systemup46a1 Lebenswelten
Systemup47a2 Lebenswerte

Lebensangst

Lebensangst ist eine Angst um das Leben, nicht Angst vor dem Tod. Es ist die Angst, dass alles Leben mit einem Mal ein ungeheuerliches Nichts sein könnte, ein tiefes Loch, ein unendlicher Abgrund, dass also Leben im Grunde abwesend ist. Bei all den vielen Anwesenheiten lebendiger Menschen, Tiere usw., die wahrgenommen werden, wird darin nur eins verspürt, nur eins wahrgehabt: Nichts von alledem ist als Leben erkennbar. Lebensangst ist die Angst um die eigene Erkenntnistätigkeit. Es ist die innerste Angst der Selbstwahrnehmung, ohne Boden, grundlos, also ohne Erkenntnis zu sein, weil alles getragen ist von leerer Anwesenheit lebendiger Körper und Sinne, also von Körpern, die nichts verkörpern, Sinne, die nur abstrakten Sinn haben. Lebensangst ist somit also nicht einfach die Beziehung eines Menschen auf sich, sondern auf das, was im Selbstbezug zugleich Beziehung auf andere ist, was andere durch ihre Selbstbezogenheit hierfür auch wirklich sind. Lebensangst ist also eine doppelte Negation: Die Negation seiner Selbstbezogenheit als negative Beziehung auf die Selbstbezogenheiten anderer. Sie hebt sich auf in der Bejahung des Selbstbezugs als Bezug auf andere, als Wiedererkennen der eigenen Wahrnehmungsform in anderen, als Formbestimmung des Lebens. Diese Erkenntnis muss zur Basis der Selbsterkenntnis werden, um lben zu können. Sie ist die Rückkunft des Menschen auf sich als Lebewesen, was sowohl Grund wie auch Tätigkeit jeder Erkenntnis ist (siehe auch Revolution).

Lebensangst kann vielleicht als eine Angst vor dem Leben erscheinen, soweit sie sich in einer Depression verschlossen hat. Die Depression ist gelähmte Lebensangst, Leben ohne die Angst, die es enhält, unerkannte Lebensangst, von der Wahrnehmung ausgeschlossene Angst. Diese selbst ist zwar beengend, aber wahr in ihrem Widerspruch: Beengung weiß auch von Beengendem, und kennt das Weite. Und weil Lebensangst widersinnig ist, ist solche Angst doch äußerst lebendig, damit äußerste Lebensbejahung, wenn auch im Zweifel. Jedenfalls ist sie keine Angst um den Tod oder vor dem Tod, eher eine Angst, dass man dem Leben entschwindet, dass man darin abwesend wird. Dies ist höchst abstrakt und die Angst geht auch um diese Abstraktion, ist ein konkreter Widerstand hiergegen. Denn es ist tatsächlich absurd, dass lebende Menschen sich darum ängstigen, dass kein Leben mehr in ihnen sein könnte, dass ihnen die Beziehungen zum Leben, zu Menschen und Kultur entschwinden könnten. Aber in solcher Absurdität werden Abstraktionen erfahren, und es ist die höchste Abstraktion der bürgerlichen Kultur, dass darin Leben letztlich überhaupt nur durch die Anwesenheit von Menschen gegeben erscheint, Leben so etwas wie ein Anwesen ist.

Lebensangst ist der lebende Widerspruch hiervon, der Kern der Lebenswirklichkeit der bürgerlichen Kultur, worauf das Leben nur noch befestigt werden kann, zur Lebensburg gemacht wird, und Menschen an die Grenzen ihrer Befestigungen verwiesen werden - nicht in ihnen, sondern im Streit mit anderen. Der kann vernichtend sein, so widersinnig dies auch ist. In der Lebensbergung wird er aufgehoben und schafft Lebensräume, die ihre Grenzen nach Maßgabe des Geborgenen bestimmen und verteidigen (siehe hierzu Logik der Kultur Teil2).

In der Lebensangst äußert sich also auch begründete Angst, sich nicht verteidigen und daher nicht mehr leben zu können. Da Menschen nicht durch Grenzen leben, sondern bestenfalls mit ihnen, also begrenzt, ist ihre menschliche Identität dadurch auch bedroht. Was hinter den Grenzen lebt, bedroht, was vor ihnen lebt. Im Grunde ist Lebensangst eine Identitätsangst. Die Angst entspringt einem Lebensgrund, Lebensbedingungen, die sich gegeneinander bestimmen und in den Seelen der Menschen Lebensabsichten erzeugen, die nicht unbedingt selbst lebendig werden können, wenn sie nicht wahrmachen können, was ihre Absicht ist. Das macht ihre Seele bodenlos. Sie ist erfüllt mit Wahrnehmungen, mit Empfindungen und Gefühlen, die sie nicht in sich vereinen kann, wiewohl doch ihr Selbstgefühl nur hieraus sich bildet. In der Seele ist der Widerspruch der Wahrnehmungen aufgehoben und lebt in der Aufhebung fort, indem die wirklichen Wahrnehmungen von den seelischen getrennt werden.

In der seelischen Entwicklung eines Menschen macht sich die Abtrennung seelischer Wahrnehmung von wirklicher darin geltend, dass er Wirklichkeit als Gegebenheit zur Kenntnis nimmt, an der er sich nur seelisch bilden kann. Er erscheint sich als Wunderwerk seiner Seele, die nicht wirklich leben muss, sondern in der Entwirklichung des Lebens ihre Kraft sammelt (Freud nannte dies die Libido und machte sie flugs zu einer ontologischen Kategorie). In der Äußerlichkeit von wirklicher Wahrnehmung ist die dem Leben äußerliche Bedingung nicht erkennbar und stellt sich daher gegen die Identitätsbestrebung der Erkenntnis. Es ist das Wahrhaben entäußerter Erkenntnis; Selbstentfremdung.

Die Lebensangst ist die Grundlage aller Verselbständigungen der Wahrnehmung zu Wahrnehmungszuständen, also Angstzustände, Zwangsverhalten, Depressionen und Sucht. Erst im Wahnsinn ist sie wirklich aufgehoben, indem dort die Wirklichkeit seelisch aufgehoben ist.

Als Bedingung kann Leben niemals sein, weil kein Ding lebt, auch wenn viele Dinge zum Leben gehören. Die Unterscheidung der Dingwelt vom eigenen Leben ist Grundlage jeglicher Erkenntnis und also notwendig, um die Lebensnöte zu erkennen. Werden Lebensbedingungen unmittelbar gelebt, so müssen sie unendlich viel Angst machen, weil sie zugleich den Tod bedeuten. Leben kann nur in der Gewissheit um seine Bedingungen frei sein, frei, dass es diese von seinem Tod unterscheiden kann. Wo tote Bedingungen herrschen (siehe tote Arbeit), ist die Erkenntnis dieser Herrschaft unmittelbare Lebenstätigkeit. Sie schließt ein, den Tod als dem Leben immanentes Moment anzuerkennen. Was sonst kann im Leben Angst machen, wenn es von seinem Tod weiß? Leben hat den Tod als sein verschwindendes Moment. Es kann hiervon nur gekränkt werden, wenn es sich als Überleben in Isolation vom Leben, als vom gesellschaftlichen Leben getrenntes Leben erkennen muss.

Lebensangst als Lebenszustand (siehe Angstzustand) rührt aus dem Sinn, den ein Leben unter der Bestimmung eines übersinnlichen Lebens erfährt, meist aus dem Familiensinn, der auf dem Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben gründet und Selbstunterwerfung verlangt (siehe Lebensangst).

In dieser Selbstunterwerfung wird jede Erkenntnis durch negierte Selbsterkenntnis bedrängt. Die Angst als Gefühl dieser Bedrängung wird hierdurch zu einer Selbstverständlichkeit der Wahrnehmung, welche entweder verrückt macht (siehe auch Wahrnehmungszustand) oder durch kultivierte Ästhetik aufgehoben wird.

s.a.

=> Angst

siehe hierzu auch den Themenabend
"Lebensangst und politische Kultur"

siehe hierzu auch das Papier
"Lebensangst und politische Kultur"

Systemup47a2 Lebensangst

Lebensauffassung

Lebensauffassung ist die Fassung des Lebens, die ein Mensch für sich gültig hat, die also seiner Lebenswahrheit entspricht und seine Absichten zusammenfasst, in welcher er seine Lebensangst aufgelöst wissen will. Lebensauffassungen können gut oder schlecht sein, je nach dem Leben, das sie fasen wollen. Sie stehen solange im freien Ermessen der Menschen, bis sie Weltanschauung werden oder Ideologie, welche den Menschen objektiv und allgemein vorgehalten wird. Hier bedarf es der Erkenntnis, um eigenes Leben von solchen Auffassungen zu unterscheiden. Ideologiekritik ist ein wesentlicher Akt hierbei.

s.a.

=> Anschauung

Lebensbedingung

Die Lebensbedingung des Menschen ist seine Beziehung auf die Natur, die in seinem Stoffwechsel mit der Natur sein natürliches Wesen als sein gesellschaftliches Wesen verwirklicht. Als natürliches Wesen hat er Teil am Wesen der Natur und als gesellschaftliches Wesen verwirklicht er seine Natur, die durch seine Arbeit zu seiner Geschichte wird. Diese ist in der bürgerlichen Gesellschaft in einem Zustand, worin dem Menschen als gesellschaftliches Wesen seine Lebensbedingung zur äußeren Bedingung des individuellen Menschen geraten ist, zur Grundlage eines privaten Daseins: Existenz. Aus dem Widerspruch, den solche Lebensbedingung als Widerspruch von Individuum und Gesellschaft hat, leiten sich alle Entwicklungen und Krisen der bürgerlichen Gesellschaft ab. Wo sich Existenzen gesellschaftlich absondern, weil sie auf reinen Geldverhältnissen beruhen, werden sie zu einer eigenen Kultur der Zwischenmenschlichkeit, in welcher der gesellschaftliche Widerspruch zunächst aufgehoben erscheint.

s.a.

=> Bedingung

=> Lebensburg

Lebensbergung

Als Reaktion auf Lebensgefahren kann Leben geborgen (siehe Bergung) und verborgen werden, sofern es hierzu Lebensraum gibt. In der Geborgenheit ist Leben sicherer, aber auch durch diesem Raum in seiner Freiheit (bzw. Unfreiheit) bestimmt: Er wird lebensnotwendig, weil darin das Leben in einer beständigen Not ist, die in diesem Raum geborgen ist. Hierdurch wiird er zu einer Formbestimmung. Das Leben ist darin Form für sich, nur durch den Bezug auf sich selbst bestimmt, also negativ zu anderen Lebenswelten. Es ist also darin negativ bestimmt, in der Selbstbezogenheit dieses Lebensraumes zu sein, was es nicht sein kann: Ausgeschlossenes Leben im Einschluss seiner Liebe, Leben in der Lebensburg, das in seiner Wahrheit gegen anderes Lebens steht und sich auch hiergegen behaupten muss (siehe Selbstbehauptung). Die Liebe wird darin ausschließlich und schließt sich in die Selbstwahrnehmung ein, die sie darin wahrhat.

s.a.

=> Bergung

siehe hierzu auch

"Lebensangst und politische Kultur"

Lebensburg

"My Home is my Castle" (Englisches Selfunderstatement)

Eine Lebensburg ist ein Lebensraum, worin sich Leben birgt und verbirgt (siehe Lebensbergung) vor den Gefahren einer Welt, die ihm tödlich erscheint, weil Leben dort nicht verbürgt ist, weil ihm also das Wohnen im Gewohnten Sicherheit für seine Identität verschafft: Eine heile Welt, in der Identität unnötig zu sein scheint. In der Geborgenheit der Lebensburg bestimmt sich alles Leben durch die Befestigung, durch den Schutz, den dieser Lebensraum bereitet und auch dessen Bewohner abverlangt. Sie müssen sich an diesem Schutz beteiligen, wie auch sich darin bergen, Schutz durch Bergung und Verbergung des eigenen Lebens errichten. Das ist ein Widersinn, der sich darin geltend macht, dass ihnen diese Lebensburg ein Heim bietet, das zugleich Scheinwelt, ihnen selbst unheimlich ist. Es ist die Formbestimmung eines Lebens, das sich geborgen hat (siehe Bergung), um sich nicht zu entbergen, zu äußern.

Die Lebensburg ist eine Lebensform mit einer mächtigen und defensivern Bestimmung, die sich aus dem Besitz an Lebensmittel ergibt und worin die Lebensgewohnheiten der hierin privatisierten Menschen ihren Raum haben. Dieser Lebenswelt entsprechen optimal jene Verhältnisse, die sich als prothetische Beziehungen gestalten, in welchen die Menschen sich wechselseitig ihre Lebensmomente als Stoffe ihres Lebens einverleiben.. Eine der wichtigsten Lebensburgen ist die Familie, die sich im Rückzug aus der Gesellschaft bestimmt. Die Burg entspricht der Bewehrung des Privatlebens der Bürger in der bürgerlichen Gesellschaft, durch welche sie der Konkurrenz ihrer Wirtschaftsverhältnisse einen aparten Sinn verleihen, der sich nur dort erfüllt, wo Konkurrenz nicht sein darf. Darauf gründen die seelischen Beziehungen und von daher bewegen sich in den Mauern dieses Heims allerhand Unheimlichkeiten, die Angst machen, wenn sie als Subjekte dieser Scheinwelt hervorbrechen (siehe auch Lebensangst) und die leicht zu Wahrnehmungszuständen führen, wenn sie ohnmächtig erlebt werden, wenn also die in einer Lebensburg bestehenden Machtverhältnisse nicht erkannt werden.

s.a.

=> Familie

=> heile Welt

Lebenserfahrung

Lebenserfahrung ist das Gedächtnis der Momente des Lebens, wie Menschen es führen und geführt haben. Wie diese Momente verbunden sind, so auch die Erfahrung. Von ihrer Partialisierung hängt sie ab und ist im Unterschied zur Erkenntnis daran gebunden, was das Leben an Spuren im Menschen hinterlassen hat.

Von daher reduziert sich Lebenserfahrung auch auf die Lebensräume und Lebensbedingungen, in welchen Leben stattfindet, im Maß ihrer Getrenntheit und Isolation. Die Zerstörung von Lebenszusammenhängen stellt sich somit auch als zerstörte Lebenserfahrung dar, als Minderung der Erfahrungen, die ein Leben macht (z.B. als Partialisierung des beruflichen oder menschlichens Wissens). Erkenntnisse bleiben in diesem Maß mehr oder weniger abstrakt, je nach geistiger Tiefe des Erkennens.

s.a.

=> Erfahrung

Lebensform

Unter Lebensform fassen sich die Gewohnheiten des Lebens zusammen, Umgang mit dem Leben. Es sind die in ihrer Stetigkeit dominierenden Lebensäußerungen, die oft selbst zur Lebensbedingung für andere Menschen werden können (z.B. in der Familie). In solcher Form hat Leben ein Dasein, worin es nicht ist (siehe Sein), ist da, gerät aber durch Formbestimmung zugleich zu seiner Aufhebung (siehe Negation). Darin ist aber nicht nur seine Nichtigkeit gesetzt, sondern auch sein nicht sein können. Leben kann nicht formbestimmt sein, auch wenn die Formbestimmung Leben enthält. Sie ist eine Abstraktion vom Leben - und zwar dort, wo Leben in Not und zugleich nötig ist: Notwendig.

s.a.

=> Lebensbedingung

Lebenshaltung

Lebenshaltung ist eine Stellung zum praktischen Leben, eine Position, die ideller Natur ist, aber reell vollzogen und umgesetzt wird. Das kann in der Form einer Lebensäußerung oder Ästhetik sein, z.B. als Mode, oder als Beurteilungsgrundlage eines Verhalts z.B. als Ethik, oder als Haltung einer politischen Partei, als Begründung ihres politischen Willens. Eine Lebenshaltung entspricht einer praktischen Kontinuität, die sich über die Momente des Lebens herausgestellt hat und oft in einer Ideologie zusammengefasst ist. Es ist eine bewährte Form von Ideologie, in der alle ihre praktischen Anteile als praktisches Bewusstsein zusammengehen, ohne dass sie damit für den Menschen einen anderen Sinn bekommen, als über möglichst viele Lebensmomente damit hinwegzukommen. Dies lässt aus der Lebenshaltung Lebenswerte entstehen, in welchen diese Haltung auf sich stetig zurückkommt, also ihr Kontinuum hat und worein sich dann das Leben verdichtet (siehe Dichte) und gewöhnt. In den Lebensgewohnheiten formulieren sich Lebenshaltungen, die auch epochal sein können und damit als Zeitgeist verstanden werden.

s.a.

=> Mode

=> Lebenswerte

=> Ideologie

Lebenskampf

Lebenskampf behauptet die Notwendigkeit von Existenzkämpfen vor aller gesellschaftlichen Existenz, etwa als Überlebenskampf fer Arten, wie ihn Darwin als Grundlage seiner Theorie nimmt. "Leben heißt kämpfen" meinen die Parolen altersmüder Männer und Frauen ebenso, wie dieser Spruch eine "Weisheit" lebensmüder Politiker sein will - von A. Hitler bis hin zu den Neocons in den USA.

Vor allem im "Kampf der Kulturen" wird dies als Begründung für notwendige Schlagkraft im Weltordnungkrieg genommen. Angst vor solchen Sprüchen muss der nicht haben, der seinen Waffen unendliche "lebenkämpferische" Potenz beigibt. Aber da haben sich viele schon geirrt.

s.a.

=> Darwin

Lebensmittel

Lebensmittel sind alle Mittel, durch welche sich Leben vermittelt, worin also Leben auf- und untergeht. Allgemein sind das die Güter, durch welche sich der menschliche Stoffwechsel umsetzt, die also für das Leben stofflich bereitet, durch Arbeit hergestellt werden und die in der Lage sind, lebendige Bedürfnisse zu befriedigen. Lebensmittel dienen also nicht nur dem Gebrauch, sondern auch der Kultur, in alledem aber auch nur verschwindend, also im Kreislauf der Erzeugung und Aneignung und Reproduktion. Kulturgüter im eigentlichen Sinne, also jene Güter, die über solche Kreisläufe hinaus bestehen (z.B. Kunst), können nicht mehr als Lebensmittel angesehen werden, weil sie keinen Stoffwechsel erfüllen.

s.a.

=> Lebensbedingung

Lebensraum

Lebensraum ist zunächst ein biologisch bestimmter Raum für Leben, wie er in der Biologie bestimmten Tierarten (siehe Rassen) zugesprochen wird, welche der Eigentümlichkeit verschiedener Tierarten entspricht (z.B. Eisbären, Känguruh, Fische, Vögel usw.). Auf den Menschen bezogen macht dies keinen Sinn, da ihn wesentlich ausmacht, sich aus natürlicher Beschränkung heraus entwickelt zu haben und weder durch besondere Eigenart oder Rasse biologisch oder geografisch unterschieden zu sein. Er hat sich aus den natürlichen Bestimmungen weitgehend durch die Gesellschaftlichkeit seiner Lebensproduktion herausgesetzt. Diese ist grenzenlos und ohne einen bestimmbaren Lebensraum. Von daher ist dieser Begriff auf ihn angewandt im Grunde rassistisch.

Aber in der bürgerlichen Kultur macht Lebensraum das Maß und die Ausdehnung, den Raum, worin Kultur abgegrenzt und in ihrer Grenze auch politisch bestimmt ist (siehe Nation). Tatsächlich ist der Lebensraum der Raum eines kulturell abgegrenzten und in der Grenzziehung, also in ihrem Einschluß und Ausschluß bestimmten Lebens schlechthin, das darin für sich unbestimmt sein kann, also die Form, worin sich alle Ereignisse darin in ihrem bloßen Dasein ermessen, die Anwesenheit von kulturell bestimmten Menschen quantitativ umfassen. Dies bezieht sich nicht nur auf Länder, sondern auch auf Gruppen und Untergruppen, soweit diese kulturell bestimmt sind und hiernach auch eine politische Form bekommen haben (z.B. Gemeinde, Familie). Der Lebensraum ist die Größe und der Umfang, worin sich die Anwesenheiten von bestimmter Kultur bestimmen, das Quantum, worin ihre Körper ihre abstrakte Identität haben, die Größe abstrakter Sinnlichkeit als die Umfänglichkeit ihrer bestimmten Anwesenheiten, worin diese ohne Selbstbestimmung sind.

Obwohl Lebensraum ein politischer Begriff ist, besteht er nur aus kultureller Abgrenzung, ist das kulturelle Diskrimationsmittel, worin die Menschern nach kulturellen Eigensarten unterschieden werden, diese und jene Art Formbestimmtheit erhält, um darin ein bestimmtes Leben zu führen. Durch solche Abstraktion wirkt der Begriff Lebensraum zugleich weitgehend naturalisierend und konkret. Er bezieht sich eigentlich auf einen kulturell bestimmten Raum, wie er sich vor allem aus den kulturellen Abgrenzungen von Leben in der bürgerlichen Kultur aus bestimmten Lebensgewohnheiten ergibt (siehe Lebensburg). Von da her wird der Begriff gerne von reaktionären Theorien verwendet, die aus Lebensräumen Ansprüche (siehe Leitkultur) und auch Expansionsinteressen ableiten. Mit der Notwendigkeit von "Lebensraum für das deutsche Volk" begründete z.B. Adolf Hitler die Besetzung von angeblich menschenleeren Ostgebieten. Aber in der Tat ist solche Naturalisierung schon in der Grundlegung bürgerlicher Kultur angelegt und wird von staatlicher Seite lediglich zu seinem Zweck gewendet und in staatspolitischen Gebrauch genommen. Die Staatskultur eines Kulturstaates ist dadurch vollständig von diesem Quantum ergriffen und darin zugleich mit ökonomischen Entfaltungsinteressen, mit den Interessen des Wertwachstums identisch.

s.a.

=> Raum

Lebensstandard

Lebensstandard ist die allgemeine und durchschnittliche Reichhaltigkeit der Lebensmöglichkeiten in einer bestimmten Gesellschaft (siehe Reichtum), also das, was ihre Mitglieder allgemein und durchschnittlich von ihrem Leben haben, was ihnen an Entfaltungsmöglichkeiten geläufig ist. Der Lebensstandard ist in der bürgerlichen Gesellschaft sehr davon abhängig, was die Wertlage ihres Landes ausmacht (Bruttosozialprodukt), was hiervon an Kapital einvernommen wird (z.B. Miete, Mehrwert) und was ihnen Technologie (z.B. Produktionsmittel, Gesundheitssicherung usw.) ermöglichen kann.

s.a.

=> Reproduktion

=> Brotkorbsozialismus

Lebensträger

Menschen werden zu Lebensträger, wenn sie durch ihre Liebe in eine Rolle geraten, die sie erfüllen müssen, um ihre Liebe, wenn schon nicht zu leben, so doch am Leben zu halten. Man mag darüber streiten, was Liebe ist, sie selbst zeigt sich in den Bedingungen und Resultaten des Liebesverhältnisses: Was in zwischenmenschlichen Verhältnissen an Sinn entsteht und was an Sinn vernutzt wird, was darin wahr ist, und was an Täuschung nötig wird, um die Verhältnisse zu bewahren (siehe auch Scheinwelt).

s.a.

=> Selbstentleibung

=> Selbstverwirklichung

Lebenswerte

Lebenswerte sind Werte, die sich aus der Güte des Leben ergeben und die Bewertungen von kulturellenen Zusammenhängen (z.B.als Ethik, Sitte, Moral

usw.) ausmachen. Es sind Lebensabstraktionen, die sich als abstrakter Sinn aus der Notwendigkeit einer Kultur, aus ihrer Kulturerhaltung und Kulturentwicklung nötig machen, damit sie für die Menschen dadurch gut scheinen kann, weil sie Identität stiften, wo keine Zusammenhänge wirklich sind. In den zwischenmenschlichen Verhältnissen gründen Empfindungen und Gefühle auf Lebenswerten, welche eine Welt voller Selbstbezogenheit möglich machen, welche existenziell nicht möglich ist. Hierdurch werden in diesen Beziehungen durch Lebenswerte Realabstraktionen möglich, nötig werden sie in der seelischen Entwicklung der Menschen.

Sie entsteht zwischen Empfindung und Gefühl als etwas, das die Wahrnehmung zu Erkenntnissen bewegt, die sie wahrmachen soll, die nicht wirklich sind, aber Wert des Lebens darstellen, die kein Leben haben, aber aus dem gewonnen werden, was in der Empfindung an Leben gefühlt wird. Lebenswerte sind darin Realabstraktionen der Sinne, welche Empfindungen als Gefühl in einem abstrakt menschlichen Sinn leben. Das Allgemeine des Gefühls ist ein Sinn, den das Leben der Menshcen hat, die keinen Sinn für ihr Leben haben können, weil und sofern er ihnen in ihrer Existenz verwehrt ist und sie nur in einem Lebenswert ausfüllt. Dies ist der Grund aller seelischen Verselbständigungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen, der Scheinwelten in ihnen bildet und sich an dem prothetischen Charakter ihrer Beziehungen weidet.

s.a.

=> Ethik

Systemup45a2 Lebenspflicht
Systemup47a1a Lebenswerte
 

Lebenszeit

Die Lebenszeit ist nicht unabhängig von der Lebenswelt und nicht einfach natürlich, weder in der Empfindung für sich, noch in der Anzahl der Jahre. Überhaupt ist Zeit nur in Beziehung auf Geschichte und deren Umstände zu begreifen. In der bürgerlichen Gesellschaft verläuft Zeit vor allem im Quantum des Werts, in welchem sie sich zusammenfasst. Letztlich ist das Wertquantum selbst überhaupt nur Zeit und der Wertzuwachs der Sachen ist die Zeitverkürzung für die Menschen. Was das Kapital an Wert gewinnt durch Ausbeutung des Arbeitstags und Steigerung der Umlaufgeschwindigkeit seiner Selbsterneuerung, das verlieren die Menschen an Leben: Es wird kurzlebig. Die Medizin mag es verlängern, aber diese Verlängerung wird zu einem Kunstprodukt, wenn die Kurzlebigkeit in ihrer Atemlosigkeit die Menschen immer kränker macht.

s.a.

=> Zeit

=> Leben