| Buchstabe Me | ||
Ein Medium ist an sich ein leeres Übertragungsmittel, Träger einer Interaktion, für welche das Medium selbst ohne Sinn ist, sondern lediglich Stoff der Übertragung, der keinen Sinn hierin haben soll als den, den es überträgt. Von daher wäre das Medium Verkörperung eines bloßen Mittels, das selbst nichts bewirkt, für sich unwirklich sein will. Als Medien werden die Kulturmittel der Information, Darbietung und Unterhaltung bezeichnet, durch welche Kultur auf einer informationstechnischen Bühne dargeboten, vorgestellt, vermittelt und erläutert wird, also Presse, Rundfunk, Fernsehen und auch die Datenübertragungen mittels CD-Rom, DVD usw. Eine Bühne stellt Ereignisse aber notwendig anders heraus, als sie in Wirklichkeit sind. Sie führt sie in der Form einer Veranstaltung auf, verschafft ihnen besonderes Erleben. Von da her ist das Medium kein leeres Mittel, sondern ein Teil der Kultur, also auch Träger von Kulturereignissen, an denen es selbst Teil hat, oft sogar wesentlicher Teil desselben ist. Tatsächlich verdichten die Medien schon durch ihre Gegenwart in den gewohnten Wohngemächern das gewöhnliche Bewusstsein, das praktische Bewusstsein, das sich in der Dichte des Alltäglichen davon bestimmen lässt, was von den Medien hiervon und hierzu vorgestellt wird, was also die Vorstellungen der Medien ausmacht. Von daher ist das Medium das Mittel der Masse. Es dient der Vermassung einer Interaktion, die so einfach nicht sein kann, wie sie sein will, wie sie sich Wirklichkeit vorstellt als bloßer Inhalt einer Darstellungsform. Wie diese in der medialen Wirklichkeit vorgestellt und als Vorstellung dargestellt wird, so kann solcher Inhalt keine andere Wirkung haben als die der Darstellung selbst. Krieg und Frieden, Gewalt und Lust, alles was der Masse übertragen wird, kann jedem Menschen nur das bedeuten, was es zu seinen Vorstellungen beiträgt. Aber diese werden dabei selbst zu einem Massenereignis, zu einem bestimmen Erleben, zur Umgangsform - Kultur schlechthin. Aber dies ist eine Kultur der allgemeinen Vereinzelung von Vorstellungswelten. Und diese sind das in konzentrierter Form, was sie zum Ausgang hatten: Es sind massenhaft verdichtete Vorstellungen. Der mediale Stoff ist vorgestellt als purer Inhalt einer Darbietung und will vor allem nicht die Vermassung sein, welche das Medium betreibt. Sie will das Einfache zwar prominent machen, nicht aber selbst Prominenz sein, Persönlichkeiten aus Kultur, Sport und Politik promenieren lassen, aber nicht wirklich persönlich sein. Die Medien betreiben die einfache Prominenz des Alltäglichen, das zugleich Beispiel des Einfachen sein soll, lebendes Beispiel einfältiger Alltäglichkeit, welche die Alltagspraxis der Menschen zu einer Anschaulichkeit des Lebens im Erleben von Ideen und Vorstellungen abstrahiert und die Bemühungen des Denkens und Erkennens, die Arbeit des theoretischen Bewusstseins in der Suche nach Wahrheit, in eine virtuelle Praxis des informellen Dabeiseins wendet und aufzuheben sucht. Die Medien betreiben eine konkrete Visualisierung der Vorstellung durch Darstellung von Visionen. Durch die Nähe zu den Ereignissen, durch die Dichte ihrer Anwesenheit, erleichtern es die Medien den Mächten der Gewohnheiten außergewöhnliche Bedeutung zukommen zu lassen. Die Medien haben gerade ihre Macht darin, dass sie das Einfache prominent und das Prominente einfach machen. So verbuchen z.B. die Bemühungen der Politik, sich in den Medien einfach darzustellen, dann Erfolg, wenn sie hierbei populistisch werden, wenn sie also das Komplexe vereinfachen, um dem Einfachen den Anschein zu vermitteln, dass es im Komplexen gut aufgehoben ist, der Bürger sich im Staatsmann findet und empfindet. Hierdurch vollzieht und befördert das Medium de facto die abstrakte Beziehung einer Interaktion, die in Wirklichkeit höchst kompliziert, hier aber bloß virtuell einfach ist. Die "Partner" dieser Beziehung treten in einfacher Begegnung auf und stehen sich als Partner ihrer Vermassung gegenüber, um ihre Botschaften zu überbringen. Die gemeinsame Botschaft ist praktisch immer die, welche sie interessant sein lässt, Aufmerksamkeit erheischt und als Inhalt oder Unterton in das Leben der Menschen vorzudringen vermag. Das Medium erweist sich so als Brücke abstrakter kultureller Verhältnisse, als Verbundenheit gesellschaftlicher Abstraktion in der Vermassung des darin Verstehbaren, des Verstandes und seiner Vernunft. Es befördert eine vernünftige Einsichtigkeit in abstrakte Notwendigkeiten, also in Nöte, die es selbst praktisch von sich ausschließt und sich in ihrer Wirkung zwangsläufig hiervon ferne hält. Die Medien produzieren das entäußerte Verstehen und Einsehen, die Einsicht einer abstrakten Ferne als praktischen Verstand, als Entfernung der Wirklichkeit des Bewusstseins. von den Nöten des Komplexen. Dieser Verstand ist im Großen und Ganzen reaktionär, wenngleich das Nötige darin seine Bühne erfährt. Deshalb befördern die Medien vorwiegend das Gefühl in seiner Masse, das sich darin zu einem Willen entwickelt, der sich aus der Ästhetik seiner Prominenz ergibt: Ästhetischer Wille. Der unbedarfte Wille des Stammtischadvokaten wird auf diese Weise medial und kann der Abstraktion dienen, wie sie der Wahrnehmung entspricht, die in ihrer Erfahrung verharrt. Das alltägliche Gefühl findet die Masse, die sich im Medium erst wirklich gestaltet und zum Ausdruck bringt. Von da her sind die Medien immer eine Form der Propaganda, wwass immer die auch zum Zweck hat. Die offensichtiche ist die des Marktes, der auch als Werbung ein ökonomisch mächtiger Faktor der Medien ist und ihre Vermassung wirtschaftlich bestimmt. Die Medien dienen dem Darbieter wie dem Konsumenten, der die Ereignisse der Kultur über die Medien so wahrnimmt, wie sie wahrgehabt sein sollen (siehe Ereignisproduktion), - so, wie eine Welt visualisiert werden soll, die Befriedigungen bietet, für die es keine bestimmten Bedürfnisse mehr gibt, die Reize nur zu dem Zweck erzeugen, dass deren Erregung und die Auflösung solcher Erregung ein Gefühl der Befriedigung vermitteln. Medial werden solche Ereignisse durch die Anpassung an das Medium, also dadurch, dass sie zur Optimierung des Eindrucks dort aufbereitet werden, z.B. als Verkündung mit optimaler Eindringlichkeit in der Distanz des Mediums. Das Medium totalisiert die Wahrnehmung zu einem Urteil, das sich aus der Vermassung eines Gefühls ergibt, als Prominente Wahrnehmung, die über das Medium zur Selbstwahrnehmung wird, zur Empfindung seiner selbst als intimes Moment einer Masse. Die Basis des Urteils entsteht als Selbstgerechtigkeit des Fühlens und Denkens erst im Nachhinein. Aber das Medium wird so zum Träger der Bewertung, die hierdurch zur praktischen Bewältigungsform des Alltags wird. Auf der medialen Bühne findet der Alltag in seiner bewältigten Form statt, ohne dass hierfür irgendetwas hiervon wirklich sein muss. Es geht bei all den zum Beispiel geronnenen Darbietungen zum Alltag lediglich um die Aufhebung ihrer wirklichen Inhalte, die lediglich als Gefühl und Besorgnis wahrgenommen und bewältigt werden. Die Konstruktion darum herum (z.B. als Krimi, als Talk-Show, als Musik) stellt selbst schon ihre Lösung dar; eine andere wird hierdurch weggedrängt. Die Wahrnehmung wird darin heimisch, macht ihre Wahrheit zum Moment einer allseitigen Selbstverständlichkeit, die nichts ist, als die bewältigten Lebensumstände, die keine wirkliche Not mehr kennen, weil sie die Welt durch sich selbst schon aufgehoben haben. Die Medien bestätigen die Wahrnehmung daher auch nur noch umständehalber, durch Umgebung von Gefühlen durch ihr Design, das dem Wohngemach eine große Welt verleiht. So gehören die Medien zu einem Teil des Wohnens, gelten als Zugehörigkeit einer gut gepflegten Lebensburg. Darin gewöhnt man sich auf diese Weise an alles, was Welt ausmachen kann, hat seine Empfindungen von ihr in der Form schon bejaht, bevor sie inhaltich wird. So werden die Medien selbst zur gewöhnlichen Wahrnehmung und haben hierin auch ihren höheren Zweck: Die Befriedung der Wahrnehmung durch ein umfassendes Wissen von der Welt, die Vermittlung von Ohnmacht durch die Macht der Gewöhnung. Alles, was das Selbsterleben ausmacht, wird auf die Ebene dieser Wahrnehmung gehoben und integriert; der eigen Ausdruck wird auf diese Weise selbst zum Produzenten der MMendienwelt, die alles einsammelt, was auf andere Eindruck machen kann. Der versammelte Ausdruck als Eindruck auf eine Menschenmasse verschafft somit eine eigenartige gesellschaftliche Realität,die wie eine eigene in sich geschlossene Kultur nur noch in der Aufhäufung von Selbstwahrnehmung sich entfaltet. Was darin als Gesellxschaft erscheint, ist im Grunde die Aufhäufung von Gefühlen, die keinen anderen Sinn haben, als den, durch den sie eine Masse von Menschen beeindrucken können. Hierdurch wird eine Gemeinschaft von Menschen zu einer in sich geschlossenen Gesellschaft und schließlich von jeder Wirkung, die sie hat, von ihrer eigenen Wirklichkeit getrennt und selbst als Mittel des Wahrgehabten in den Status einer Bühne der Wahrnehmung versetzt. Die darin versammelten Gefühle verstehen sich von Selbst, und wer sich darin nicht einfindet, ist wirklich und ganz ausgeschlossen, noch bevor er sich in irgendeiner Weise äußern kann. Das hohe Gefühl des Gemeinen steht einer unsäglichen Vereinzelung gegenüber, die alles daran verstümmelt, was ihre Gemeinschaft sucht. Die Unterwerfung ist der tragende Inhalt des Massenmediums und bekommt von daher auch schon von selbst eine übermenschliche Dimension (siehe auch Fan-Kult). Niemand hat dies bisher perfekter zu nutzen verstanden, wie der "Medienpapst" Johannes Paul II, indem er sein Leiden zu einer grandiosen Vorstellung christlicher Demut in seine Auftritte vor den Kameras der Welt brachte. Die Folgen hiervon sind die unmittelbare Nähe des Allgemeinen in den Wohnzimmern der medial eroberten Menschen, ihre allgemeine Betroffenheit ohne irgendeinen wirklichen Bezug zu dem, was sich darbietet. Es war den meisten Menschen nicht wichtig, was der Papst mit seinen Auftritten wollte, sondern wie er dabei auf sie wirkte. Das Medium ist die Erzeugung einer sehr privaten Wirkung mit sehr allgemeinen Mitteln, die eine unmittelbare Vermittlung von völlig fremden Inhalten ermöglicht, soweit sie sich den Selbstwahrnehmungen der Menschen zutragen lassen. Solche Vemittlung ist die Reduktion von diesen Inhalten auf eine allgemeine Wahrnehmbarkeit als Stoff der Selbstwahrnehmung. Hierdurch wird der Stoff gegen seinen Inhalt gleichgültig und gilt in dieser Wirkung den Menschen gleich, wiewohl sie ihn völlig verschieden auf sich beziehen und in ihrer Selbstwahrnehmung fortragen. Medien sind die Mittel der Wahrnehmung, sich selbst zu vermitteln: Wahrnehmung hat sich darin selbst wahr, wirkt unmittelbar als Selbstwahrnehmung. Das als Stoff dieser Vermittlung Gebotene ist somit nur noch Beispiel der Selbstwahrnehmung. Jeder Zuschauer muss sich in jeder Darbietung lediglich identifizieren können, ohne hierbei Identität haben zu müssen. Jede Talkshow bringt ihn einfach nur deshalb weiter, weil er hierdurch eine soziale Anpassung erfährt, die in Wirklichkeit nicht möglich ist, die aber der Wirklichkeit als Möglichkeit der Begegnung dient. Niemand wird das Leben eines Stars haben, wenn er seinen Talk verfolgt – das wäre ihm sonst schlicht langeweilig. Aber in der Teilhabe an dem Dargebotenen kann er sich wie ein Star vermitteln, wird unterhaltsam und kommunikativ, ohne dass er etwas von sich zu kommunizieren hat. Solcher soziale Vorteil wird zu einer Form der Selbstentfremdung, die sich als das Vertraute darzubieten versteht, um Entfremdung tragbar und erträglich zu machen. Man kann sich ohne weiteres eine Gesellschaft vorstellen, die daraus besteht, dass Menschen sich gegenseitig unterhalten, nur um ihre Fremdheit füreinander nicht ertragen zu müssen und die zugleich Unterhaltung durch Medien nötig haben, um sich auf öffentlicher Bühne auch unterhalten zu können, ohne wirklichen Halt zu finden (siehe Tittytainment). Unterhaltung wird zu einem Halten unter jeglicher Haltung, Produktion von Kurzweil ohne Weile, Atemlosigkeit. Der Sinn der Medien ist nur technisch bestimmt, was immer auch ihr Zweck sein mag. Die Medien transportieren technisch, was in der Wahrnehmung Anwendung bekommt. Das einzige wirkliche Sein darin ist nicht Kultur, sondern die Absicht, der sie folgt und das Mittel, das sie hat. Medien transportieren Kultur im Format der großen Welt, machen sie medial, indem sie die Menschen in ihre Mitteilungen technisch einfügen, ihren Wohraum und ihre Gewohnheiten mit reflektieren und ihre Bedürfnisse (z.B. Neugier, Niedertracht, Selbstüberhöhung) befriedigen. Kultur wird somit populistisch, zu einer Politik der Kultur für die Selbstwahrnehmung der Menschen und findet in den Medien ihre rein politischen Organe. Darin wird Kultur organisierbar, selbst zu einem Organismus, der sich aufbereitet, regeneriert und reflektiert – sich produktiv erneuert, indem sie zur Bühne einer ausschließlichen und ausschließenden Selbstwahrnehmung wird. Auch wenn die Medien Kultur transportieren, sind sie selbst niemals Kultur, sondern nur eine Darbietungsform von Kultur mit Absichten, die ihnen nicht anzusehen sind: Form der politischen Kultur. So war es z.B. auch erklärtes Ziel der Propagandapolitik von Goebbels, "dass die Presse so fein organisiert ist, dass sie in der Hand der Regierung sozusagen ein Klavier ist, auf dem die Regierung spielen kann." Dies alles wäre offensichtlich und einfach, wenn die Medien nicht zugleich als eine Kulturformation einbezogen wären, die sich politisch unabhängig gibt. Sie übertragen, was gewollt wird, die Kulturereignisse von hohem Rang und sind erstmal und scheinbar nur in der organischen Form hiervon unterschieden: Der Bildschirm ist keine Bühne. Dies aber heißt umgekehrt, dass die Bühne der Raum ist, worin er steht: Das Medium kehrt Subjekt und Objekt dessen, was es vermittelt um. Der Empfänger wird zum Täter, zum Organisator, Inszenierer seines Programms; sein Wohnraum wird zum Ort des Weltgeschehens in der Folge, wie es verfügbar und gewählt ist. Und so ist es dann auch für den Erzeuger des Inhalts. Die Einschaltquoten werden bestimmend für das Medium und über dieses zur Ausbreitungsbestimmung von Kulturinhalten. Kultur wird so getragen durch den Lebensraum der Menschen, nicht nur in den Medien, sondern auch in den Ereignissen überhaupt, welche in die Öffentlichkeit gelangen: Die Events. Die Eventkultur aber hat ihren wesentlichen Träger, den Garanten kurltureller Vermittlung in den Medien. Dass auch die Ereignisse hiernach produziert werden und die Ereignisproduktion sich aus der Wahrnehmung isolierter Lebensräume ergibt, macht die Logik einer Kultur (siehe Teil 3) aus, die sich selbst zur Wahrnehmung geworden ist. Sie kann sich daher auch selbstz nur allgemein wahrhaben und wird so zum Sinn eines ganzen Kulturkreises: Volkskörper. Heute bestimmen die Medien die Wahrnehmung als soziales Erlebnispotenzial der Kulturanpassung. Darin werden Welten zusammengeführt, wie sie nur wahrgenommen werden können, soweit sie nicht wahrgehabt werden, in der Auflösung ihrer Gegensätze und Vereinigung ihrer idealen Momente (z.B. als Fernsehkommissare, welche die Nöte und Widersprüche eines extremen Lebensalltags fürsorglich wie Staatspädagogen in sich tragen und als mitfühlende Menschen dargestellt werden und agieren). Die Funktion solcher Selbstbestätigung ist ideologischer Natur, allerdings durchaus sinnlich, wenn sie in der konkreten Lebenswelt umgesetzt werden, Scheinwelten erträglich machen und Absurditäten mit Sinn füllen, absurde Sinnlichkeit bestärken und Widersprüchlichkeit in die Ideologie allgemeiner Menschlichkeit auflösen. |
s.a. | |
"Warum wird der Mensch erst dem Arzte unterworfen, wenn er erkrankt, und nicht, wenn er gesund ist? Weil nicht nur die Krankheit, weil schon der Arzt ein Übel ist. Durch eine ärztliche Kuratel wäre das Leben als ein Übel und der menschliche Leib als Objekt der Behandlung für Medizinalkollegien anerkannt. Ist der Tod nicht wünschenswerter als ein Leben, das bloße Präventivmaßregel gegen den Tod? Gehört freie Bewegung nicht auch zum Leben? Was ist jede Krankheit als in seiner Freiheit gehemmtes Leben? Ein perpetuierlicher Arzt wäre eine Krankheit, an der man nicht einmal die Aussicht hätte, zu sterben, sondern zu leben. Mag das Leben sterben: der Tod darf nicht leben. Hat der Geist nicht mehr Recht als der Körper? Allerdings hat man dies oft dahin interpretiert, daß den Geistern von freier Motion die körperliche Motion sogar schädlich und daher zu entziehen sei. " (MEW 1, S. 59) Medizin ist allgemein die Pflege der Gesundheit durch Achtsamkeit auf gesundes Leben und bei Erkrankung durch Herbeiführung von Heilmitteln oder Heilkuren, durch welche sie wieder hergestellt wird. Als Wissenschaft versteht sie sich als Lehre von der Gesunderhaltung des Lebens und hat von daher auch einen gewichtigen Anteil am Gesundheitsverständnis unserer Kultur. Dieses beruht auf der Vorstellung von einer an und für sich heilen Welt, die durch Krankheit und Krisen lediglich an ihrem eigentlichen Sein behindert oder darin beschädigt wird. Nicht die Probleme der Selbsterhaltung der Menschen, sondern ihre Wiederherstellung im Falle einer evident gewordenen Störung ist daher auch das grundlegende Selbstverständnis der Medizin. Ihr Ziel und Betreiben ist die Regeneration der Menschen, welche für sie gleichbedeutend ist wie die "Gesunderhaltung" der Reproduktion einer Gesellschaft. Denn der Arzt will vor allem "Wiederherstellen", das in der Krankheit gebrochene Leben Heilen, wieder ganz machen. Der Medizin geht es vor allem um das Ganze, das sie dem Gebrochenen gegenüberstellt und wonach der Heilungsprozess streben soll. Damit stellt sie dem Kranken allerding auch das Gesunde entgegen. Wiewohl sie an der Seite des Kranken steht, interessiert sie vor allem nur die Aufhebung des Krankenstands, nicht die Beziehung des Kranken auf sein gesellschaftliches Sein, Krankheit als bestimmtes Lebensereignis unter bestimmten Lebensumständen, nicht um eine Gesundung als gesellschaftlicher Prozess in gesellschaftlichen Krisen, die ihr in privater Form begegnen. Ihr geht es um das Heile im Unheil, eben um die Gesundheit als Inbegriff des Ziels ihrer Tätigkeit, um eine Gesundheit, die sich nicht nach einer Krankheit in einem entsprechenden Lebensprozess einstellt, sondern die erzeugt werden muss durch (meist chemische, chirurgische oder radiologische) Mittel. Medizin ist eine weitreichende Hilfreichung, die sich meist auf den Körper für sich bezieht und durch seine Heilung die Not eines geschundenen Leben wendet, ohne sich auf die Schindung von Leben zu beziehen. Ihr selbstverständliches Prinzip ist das Überleben, das gleichgültig gegen das wirkliche Leben ist. Das kommt nicht von ungefähr, weist doch diese Kultur viele Absonderlichkeiten auf, die in ärmeren Ländern fast nicht vorkommen und die sich weniger in der menschlichen Wirklichkeit ereignen, als vielmehr im Körper der Menschen selbst: Wir leiden im allgemeinen an Bewegungsarmut, an Bluthochdruck und anderen Stressfolgen (Nervosität, Kopfschmerzen, Migräne usw.), an einem hohen Allergie- und Krebsrisiko, an überschüssiger Zucker- und Fetternährung, an psychischen Störungen, Süchten und wir haben viele Hormon- und Stoffwechselstörungen (Gicht, Zucker). Das Wohlstandssiechtum einer hochentwickelten Verwertungskultur hat so seine Eigenheiten. Aber die Medizin kümmert sich dessen unbeschadet - zusammen mit einer ganzen Gesundheits- und Freizeitindustrie - weniger um Kulturprobleme, dafür aber sehr stark um die Arterhaltung des Körpers als solchen. Ihm scheinen wesentliche Grundlagen seiner Arterhaltung zu fehlen. Er ist sich selbst ungewiss geworden und diffus untüchtig, ohne Identität, kurz: Ungesund. Das verlangt einen ganzen Katalog von Anforderungen an die körperliche Tüchtigkeit, die sich nicht mehr aus Arbeits- und anderen Bewegungsabläufen ergeben, sondern aus der deutlich meßbaren Minderfunktion biologischer und physiologischer Abläufe. Hier kann die Medizin gut beitragen, weil sie sich mit dem Körper auskennt - und auch damit, was man für ihn Gutes tun kann. Da geht es erst mal darum, zu wissen, was ihm schadet. Die Idee einer allgemeinen Gesundheit treibt zu Alternativen, vor allem zu allen möglichen Variationen von Sport und Bewegung. Das Ungesunde wird zum Gegner des Gesundheitshelfers, nicht weil es ihm um den Körper ginge, sondern weil er damit Kultur errichtet und restauriert, wo sie ihre Wunden zeigt. Deren Heilung wird durch körperliches Wohlergehen erreicht, durch eine heile Welt körperlicher Funktionalität und Kraft. Nötig ist hierzu vor allem Aufklärung über die Schädlichkeiten des Lebens. Und da ist Medizin eben außen vor. Und wie jeder anständige Aufklärer, der genau und objektiv sein will, trennt sie den ab und entzieht ihn seiner Lebenszusammenhänge, um festzustellen was ihm fehlt und was ihn weiterbringt, um also Mangelfunktion durch Mangelersatz aufzuheben. So versucht sie, dem Leben dazu zu verhelfen, einen tüchtigen Körper erhalten zu können, weil es den auch nötig hat. Doch die Ertüchtigung ist sublim, fast unmerklich durch körperliche Stützen, Blockaden oder Stachel, die ihn "in die Bahn werfen", indem sie z.B. schlechten Werten entgegenarbeiten. In der Abtrennung von seinem Leben führt dies den Körper in das Reich des Körpers, dem Stoff als Organ gegen seinen Mangel, den er akzeptieren lernt, um sich an ihm nicht zu stoßen - oft so sehr, dass er von den Heilmitteln nicht mehr wegkommt. Die Medizin ist hierbei durchaus umsichtig und kennt die Probleme des Stofflichen. Sicher ist ja, dass jeder Mensch zwar einen Körper hat - aber auch, dass er deshalb dennoch nicht nur Körper ist. Das "Andere" muss sich dann eben selbst finden, ist sowas wie Privatsache, Überzeugung, Lebensanschauung usw. Der Körper wird auf diese Weise umgekehrt zu einem sehr gesellschaftlichen Gegenstand, zur Sache einer Gesundheitskultur. Aber auch die Medizin hat eigentlich nicht nur mit Körper, sondern mit dem Leben von Menschen zu tun, - das zeigen ihre Disziplinen und ihre Praxis. Tag für Tag urteilt sie über das Leben vieler Menschen und relativiert und befördert es, wie es ihrem Urteilsvermögen gerade zukommt. In der Praxis behandelt sie Krankheiten, die als Störungen des gesunden Lebensverlaufs aufgefasst werden; d.h. sie spürt Störungen auf, die sie als solche behandelt, also modifiziert oder behebt oder bekämpft. Der Kranke ist hierbei in der Rolle des Patienten, des Geduldigen, als Objekt medizinischer Behandlung, die an ihm Ergebnisse zu erzielen versucht, die aus dem Wissen der Medizin mit den daraus abegleiteten Manipulationen seines Körpers erwartet werden. Um ihren Erfolg zu messen und ihre Urteile (Diagnosen) zu bestätigen, ihre Wahrheit als Selbstgewissheit zu beschließen, hat sie subjektive Kriterien, die Befindlichkeit ihrer Patienten, und objektive, nämlich die Messwerte dessen,was als gesund gilt und sich als analytische, meist biochemische Daten aus dem Blut, dem Urin, dem Stuhl ergeben oder aus akustischen oder elektronischen oder manuellen Abtastungen gewonnen werden. Die Beziehung der Messwerte und ihre Ausdeutung beruht auf reiner Naturwissenschaft. Die subjektiven Befindlichkeiten lassen sich aus Selbstwahrnehmungen ermitteln, die der Patient vorträgt, so weit er das kann. Die "objektiven Daten" werden auf statistische Durschnittswerte bezogen und unterstellen eine durchschnittliche Gesundheit, die sich statistisch formulieren lässt. Am Gegenstand der Medizin, dem Leben, soll sich also Gesundheit durch Messwerte definieren lassen, und bestimmt Krankheit also zur reine Störung derselben, deren Faktoren sich benennen und bekämpfen lassen. Vor allem dies führt zu dem Schluss, dass Gesundheit durch gesundes Leben zu erreichen ist und demzufolge das große Augenmerkt auf eine gesunde Lebensführung zu richten sei. Inzwischen trägt Medizin mit einem gewaltigen Anteil zu solchem Lebensverständnis der Westkulturen bei, das inzwischen eine lukrative Gesundheitsindustrie ausgebreitet hat. Gesundheit für sich wird damit etwas anderes als eine Befindlichkeit, zu einem Ideal aufgekläerter Lebensinteressen, zu einem kategorischen Imperativ des Körpers: Lebe so, dass alles, was du tust der Gesundheit dient. Damit wird Gesundheit zum Maßstab der Lebenserfüllung, als das höchste zu erstrebende Glück angesehen, das alleine durch Lebensführung, also durch Selbstbeherrschung, in einem subjektiven Herrschaftsverhältnis zu erzielen sei. Natürlich ist es vom Standpunkt der Krankheit richtig, alles zu tun, um gesund zu werden; aber hier wird der Standpunkt umgekehrt: Gesundheit ist unentwegtes Lebensziel und also muss alles getan werden, um nicht in eine potentiell immer mögliche Krankheit zu verfallen. Für das Leben insgesamt ist dies ein Zirkelschluss, wie er dem Idealismus zu eigen ist: Es dient im Prinzip der Verhinderung des Todes. Gesundheit steht somit in der Negation eines wirklichen Seins, wird zu einem Ideal, das durch das Leben erst substanzialisiert wird und somit auf die Feststellung reduziert "Wer gesund lebt, der ist gesund". Umgekehrt wird Krankheit damit zu einem dem Ideal entgegengesetztem Leben, zu einem Leben, das es nicht versteht, gesund zu leben. Für sie kann es nur bedeuten, Heilung durch ein heiles Leben zu erzielen, also eine heile Welt zu finden, in der sich gesund Leben lässt und dazu beizutragen, dass die Welt heil werde. Das geht vor allem in den Schichten und Klassen, die ihr Leben als Verwirklichung solcher Idee betreiben können - und dort hat sich bereits längst eine Kultur der Regeneration ausgebreitet, in welcher Gesundheit fraglos definiert ist: Fitnes in allen Lebenslagen. Sie ist zum wesentlichen Merkmal der flexiblen Persönlichkeit geworden: Gesundheit ist Lebensbewältigung und oft auch Lebensüberwältigung durch Fitnes. Krankheit ist dessen Beleidigung. Wiewohl solches Glücksverständnis eigentlich aus dem Standpunkt der Krankheit enstanden ist, ist es zugleich deren vollständige Entwertung. Sie wird vielleicht theoretisch von fortschrittlichen Leuten durchaus als Lebensausdruck noch mitreflektiert, praktisch aber wird sie lebensunwert, wie immer man das auch nennen mag. Mit ihr kann man nach medizinischem Verständnis nicht wirklich leben. Und damit gilt die Wirklichkeit in jedem Fall als gesund. Medizin kann schon von ihrem Ansatz her im Grunde nichts anderes über Gesundheit sagen, als das, was sie im Gegensatz zur Krankheit für gesund hält, für etwas hält, das nicht krank ist und nicht krank macht. Das ist reichlich willkürlich. Solche Dafürhaltung macht sich an dem fest, was unter Krankheit verstanden wird und was als Grund für eine Krankheit angesehen wird. Es können dies Stoffe sein, die krank machen, oder fremde Kräfte als fremde Naturgewalten (z.B. Viren) oder ungute Abläufe (z.B. ungesunde Lebenshaltung oder schlechte Arbeitshaltung) oder das funktionelle Versagen als solches (z.B. sogenannte Alterskrankheiten) usw. Von da her stellt Medizin die Grundbefindlichkeiten des gesunden Menschen als Norm von Werten zusammen (siehe Normalität), von Blutdruck, Blutanteile, Leberfunktion usw., und relativiert diese am Durchschnitt der Werte einer bestimmten Bevölkerung in einer bestimmten Kultur - ansonsten würde sie zu keinem überhaupt praktikablen Ergebnis kommen, ist doch schon der Blutdruck sehr kulturabhängig (zwischen dem deutschen Durchschnitt und dem der Inder oder der Kreter klaffen Welten), wie auch die Fettwerte des Bluts, die Leberwerte (in China völlig anders) usw. Auch die Verteilung der Krankheiten gibt Rätsel auf, welche die Medizin mit einem kulturspezifischen Krankheitsbegriff umgegehen muss (z.B. kommt der Herzinfarkt prozentual zur Bevölkerung um ein Vielfaches häufiger in Finnland vor, als auf Kreta). Und selbst in der Geschichte einer Kultur treten mit entsprechenden Änderungen der Lebensbedingungen eklatante Veränderung im Grundbefinden der Menschen auf. So haben z.B. die Nordamerikaner im Zeitverlauf der Globalisierung seit 1985 ein Viertel an durchschnittlichem Körpergewicht zugenommen. Im Bezug auf solche Veränderungen und Relativitäten im praktischen Lebensprozess der Menschen ist die Medizin sehr tolerant und nimmt sie als selbstverständliche "Schwankungen" hin. Nur bei der Beziehung auf Gesundheit, da ist sie bemerkenswert einseitig. Da nämlich hat sie nur den individualisierten Menschen und dessen Schlechtbefinden und Wohlergehen vor Augen und versteht sich vor allem regenerativ; da passt sie gut in die Welt einer Dienstleistungsgesellschaft. Die Kulturabhängigkeit der Gesundheitsmaßstäbe und die absolute Beziehung auf Befindlichkeiten des Menschen stehen in einem krassen Gegensatz, der - wie bei allen Aufklärern - durch Vernunft verschmolzen wird. Der Kategorische Imperativ der Medizin steckt in der Forderung, im einzelnen so zu leben, dass alle Organe im Gleichgewicht ihrer normalen Werte funktionieren. Die derzeit allgemein angewandte Medizin geht demzufolge von einer Rationalität der Krankheit aus, die sich aus der Funktionalität der Natur ergibt und in der diese normativ begriffen wird als Gegebenheit einer gewöhnlichen Funktionsfolge. Gesundheit sei demnach gewährleistet durch eine "gesunde Lebenshaltung", welche das Naturmaß beherrscht. Es besteht aus einer durchnittlichen Menge an Naturstoff (Vitamine, Fette, Kohlenhydrate usw.), also durch ein stoffliches Quantum, das den Meßwerten entspricht, die dem durchschnittlichen Funktionieren der Organe und des Organismus als "natürliche Grundlage" seines Stoffwechsels zugeordnet wird. Also gilt als Ursache der Krankheit die Abweichung von diesen Werten. Schon einfache Kulturvergleiche beweisen, das dies nicht richtig sein kann: So gelten z.B. hohe Blutfettwerte (Cholesterinspiegel) für sich schon als Ursache der wichtigsten Zivilisationskrankheit, der Arterienverkalkung und ihrer Folgen (Herzinfarkt, Schlaganfall). Dadurch, dass zu viel und zu fett, "zu gut" gegessen würde, wären solche Erkrankungen die Folge. Die Anwesenheit von zu viel Fett in der Nahrung sei schon Grund genug, dass der Körper auch dieses Fett aufnehme und an falscher Stelle ablagere. Dagegen ist bekannt, dass in den Kulturen, wo diese Krankheiten nicht entstehen, weit größere Fettmengen eingenommen werden, wie hier (z.B. trinken Beduinen durchschnittlich ca. 10 l Kamelmilch pro Tag und nehmen viel Tierfett auf, ohne dass sie später an Gefäßverkalkung leiden). Außerdem ist der Genuß dieser Fette schon Jahrtausende alt und hat erst im letzten Jahrhundert begonnen, Verkalkung hervorzurufen. Autoren, die von der Schulmedizin verpönt sind, weisen darauf hin, dass nicht die Menge, sondern der Suchtcharakter der Ernährung der Grund einer Störung des Fettstoffwechsels sei, die Saccharidose, die Überfütterung mit Zucker im Unverhältnis seines natürlichen Vorkommens (z.B. entspricht die durchschnittliche Tagesration von 150 g Zucker bei der deutschen Bevölkerung der Nahrungsaufnahme von 1,1 kg Zuckerrübe, die niemand freiwillig aufnehmen würde, wenn sie nicht als industrielles Konzentrat angeboten würde). Überhaupt wird in der Medizin zwischen Anlass, Ursache und Grund nicht genau unterschieden. Schon die Diagnostik weist meist nur Phänomenbeschreibungen auf: Kreislauferkrankungen, Blutdruckstörungen, Insuffizienzen, Infektionen, Schizophrenie, Depressionen usw. Die Beschreibung selbst, die eigentlich nur Abweichung vom Gewöhnlichern erfasst, wird im Begriff selbst zu etwas Wesentlichem, zu einer scheinbaren Erkärung: Schizophren ist, wer in seiner Identität gespalten ist, Depressiv ist, wer sich von seinen Gefühlen erdrücken lässt, infiziert ist, wer einen Infekt hat, wer also von einem Bakterium oder einem Virus "befallen" wurde. Mit dieser nominalistischen Tautologie ist nichts anderes gesagt, als was man vorfindet: Fremdwesen erzeugen Krankheitssymptome. Nicht erklärt ist, was Wissenschaft eigentlich im Wesentlichen klären sollte, warum der eine Mensch davon krank wird, der andere nicht. So gerät die Erscheinung selbst zum Wesen, ein hoher oder niederer Blutdruck wird zur "Blutdruckstörung", ein hoher Blutfettgehalt zur Gefäßverkalkung usw. Insgesamt wird das Störende bekämpft, damit die Krankheit als Störung überwunden wird, als Störung enerkannt ist und als Störung die Unversehrtheit und Unbenommenheit der Lebensumstände, der allgemeinen Ernährung, Arbeit und der sozialen Beziehungen belassen bleibt. Es ist im Grunde reaktionär, was Medizin hiernach betreibt: Die Ausrottung eines Störenfrieds, der aufzeigt, dass etwas Wesentliches an den Lebensverhältnissen nicht stimmt. Dabei wird die Normierung zum Prinzip des Ungestörten, das sowohl jede Ursachenforschung unnötig macht und die Therapie zu einem Marathon der Normvermittlung werden lässt. Das Abweichende wird krank, auch wenn es keine wirklichen Krankheitssymptome hevorruft (vergl. z.B. die völlig beliebigen Blutdruckdefinitionen) und das Normale wird gesund, auch wenn es aus zerstörter Natur (siehe Genmanipulation), Konsumsucht, Leistungszwang (siehe Lohnarbeit) und Gewalt (z.B. Krieg) besteht. Indem Störenfriede ausgerottet werden, werden Gründe für die Störungen und Konflikte vedeckt. In der Medizin würde sich sonst sehr schnell die Trennung von Tätigkeit und Leiden der Menschen unter bürgerlichen Lebensbedingungen zeigen lassen, weil sie als Grundlage aller Kulturschmerzen auch in die Krankheit eingeht, als die Unvermitteltheit und Fremdvermittlung von Lebensaktivität und Lebenserfahrung, von Subjektivität und objektiven Gewalten, von Ausdrücklichkeit des Lebens und der Beeindruckung des Einzelwesens durch die Kulturgewalten. Die "Krankheitsgeschichte" würde so zu einer Geschichte der Ausbruchversuche, der Fluchten und Bindungen, der Notwendigkeiten, die Überlebensgröße haben. Das Siechtum des Lebens zeigt sich hier als Fremdwahrnehmung, als Sucht im Anderssein, als Aufreizung der Selbstwahrnehmung, die krank macht, die also das bedrängte Leben nicht nur bewahrt, sondern zudem kränkt, also seine Selbsterkenntnis bestreitet und überwältigt. Besonders die neuere Statistik belegt, dass eine Art Sucht, die Einverleibung übermäßig konzentrierter Reiz- und Dämpfungsstoffe (Zucker, Fette, Alkohol, Nikotin, Fernseh-Snaks usw.) sich beständig zunehmend als Grundlage der modernen Ernährungskrankheiten, aber auch als Grund für Tumore und Infarkte nachweisen lässt. In der Entwicklungszeit seit Beginn der Globalisierung (etwa seit 1985) hat sich dies enorm gesteigert (Entwicklung der Fettsucht und Magersucht hat sowohl in den USA wie auch in Europa rasant zugenommen, sich mehr als vervierfacht – vergl. Studie von Dr. Hildebrandt u.a.). Die Stoffwechselkrankheiten und deren Folgen, die Gefäßkrankheiten, Kreislaufstörungen, Herzkrankheiten und –infarkte machen heute den weitaus größten Anteil aller Todesursachen aus und nehmen kontinuierlich zu. Der Konsum ablenkender und sedierende Kultureignisse stimmt hierbei regelmäßig mit dem Konsum analoger Nährstoffe überein und ihre Analogie zu seelischen Problemen ist unübersehbar (vergl. z.B. die analoge Zunahme von Herzinfarkten und Deppressionen). Allein durch "gesunde Ernährnungsvorschriften" hat sich das nicht wesentlich geändert und wird sich auch nicht ändern, solange die Nährstoffabsurditäten abgehobener Konsumwelten die Widerwärtigkeiten sinnentleerter Arbeits- und Kulturwelten zu kompensieren haben. Aber dies kann Medizin nicht wissenschaftlich in ihr Wissen aufnehmen und diskutieren, weil sie dessen Basis in natürlich scheinender Stofflichkeit hat und darin auch bestätigt sein will.. Zwar nimmt sie psychologische Erklärungen durchaus hinzu, etwa als Symtomatik einer Somatisierung (Herzinfarkt als somatisierte Depression), aber als Fremdanleihe einer anderen Disziplin, die sich hier nicht verifizieren muss oder kann - als Ergänzungswissen aus der Psychologie, das als Wissen hier nicht mehr zur Disposition gestellt ist. Gesellschaftlich verstanden ist das Einzelphänomen Krankheit lediglich die Gegenwärtigkeit einer Lebensgeschichte, in welcher die Tätigkeit, Ernährung und Gebundenheit des Lebens in einer bestimmten Kultur aufscheint und die Therapie ist die Praxis, mit der ein gesellschaftlich bestätigtes und also anerkanntes "Wissen" dies beantwortet. Es wäre auch von da her für diese Gesellschaft zwingend, an der Krankheit ihre "Probleme" zumindest zu erfassen. Ihr allgemeiner Stoffwechsel stünde zur Disposition, ihre Lebenshaushaltung (siehe Wirtschaft) und ihre soziale Lebensfeindlichkeit, die Zulieferung von Blendstoffen und Suchtmittel zur Erhaltung absurder Lebensverhältnisse, die sich vor den Menschen und ihren lebensnotwendigen Bedürfnissen nicht mehr rechtfertigen lassen. Stattdessen steht deren "Normalität" als Definitionsmacht ihrer "Gesundheit" an, entgegen welchem eben nur die einzelnen, die "schwachen" Menschen krank werden. Eine normative Gesundheit gibt es aber auch schon deshalb nicht, weil es keine quantifizierte Rationalität gibt. Kranke Ernährung besteht ja auch nicht aus "kranken" Stoffquanten, sondern aus dem Grund der Einnahme von Suchtmittteln, die den Körper entwirklichen. Nicht weil seine Funktionalität belastet wird, entsteht eine Erkrankung, sondern weil seine Sinne entwirklicht werden, dissozieren sie sich in ihrer Bezogenheit zwischen Stoff und Kraft, zwischen Stoffwechsel und Lebensenergie. Der Stoff wird zum Surrogat der Kraft, die den Menschen entzogen wird; er macht süchtig nach mehr Stoff, um eine ihm unerreichbare Kraft sich zumindest dem Sinn nach einzuverleiben. Die Medizin setzt dies mit ihrem Angebot an Pharmakologie unvermindert fort und treibt es zur Versorgungsspitze:Für jedes Problem gibt es eine Pille. Indem sich der Stoffwechsel darin eigenständig macht, entzieht er sich seinem eigentlichen Sinn, nämlich Kraft zu verleihen und die Kräfte der Natur zu vermitteln: Energie zu binden und zu spenden. Durch die Verstofflichung der darin gebundenen Lebensnot wird Kraft und Energie entgegengesetzt und zu einer Selbstverzehrung getrieben. Krankheit als dies zu ent-decken würde sich in einer notwendigen Befragung und Hinterfragung der ganzen Kultur herausarbeiten müssen. Dies zeigt sich auch interkulturell nötig. Im Gegensatz zur klassischen Schulmedizin des Abendlandes beschäftigt sich die chinesische Medizin im Land der aufgehenden Sonne vor allem mit dieser Energie: Was hierzulande als rein stoffliches "Problem" behandelt und mit Stoffen beseitigt wird, ist dort ein energetisches Problem der Körperströmungen. Dort hilft Besinnung auf den Regelfluß des Lebens und die Einbringung gezielter Dissonanzen (z.B. Akupunktur), hier hilft hauptsächlich der Heilstoff des Pharmakons, Brücken zu einem "gesunden Leben" zu bauen. Aber auch die Zusammenführung dieses Verständnisses mit dem der abendländischen Schulmedizin ändert nichts an den kulturellen Ursprüngen der Krankheit. Alleine die der Lebensablauf in den Wirtschaftsgewalten befördert natürlich den Zutrag an "Gesundheitsstoffen" (sprich: Pillen), und so wird in der Abtrennung als stoffliches Maß für Gesundheit Krankheit schlicht pervertiert: Die Überfütterung des Körpers, welche Krankheit erzeugt, wird zum Maßstab seiner Heilung. So muss Medizin schließlich mit Mengen hantieren, mit denen sie sowohl in der Ernährung, als auch in der therapeutischen Beigabe von konzentrierten Stoffen (Medikamente) als Gegenmenge haushaltet. Therapie wird so zu einem von seinen Grundlagen enthobener Stoffwechsel entwirklichter Sinnesorgane, die dadurch gesund gelten, dass sie keine Krankheit mehr zeigen können. Es ist die Fortsetzung ihrer Sucht mit anderen Mitteln - nicht mit Lebensmitteln, die als Drogen genutzt werden, sondern mit Drogen, die wirklich auch Drogen sind. Medizin ist hierzulande also vor allem die Wissenschaft von der Krankheit als dem Abnormalen einer bestimmten Kultur, die mit abnormen Gegenmitteln beherrscht werden muss. Und so zweifelhaft die Anwendung solcher Wisssenschaft im Dafür- und Dagegenhalten von abnormaler Stoffvermittlung ist, so zwiespältig ist auch ihr Wissen. Weil Krankheit eine normative Bestimmung enthält, ist darin eine wirkliche Vermittlung in der Sache unmöglich. Daher besteht Medizin selbst schon als doppeltes "Wissen": Einmal als Wissen über das Leben, wie es sich ihr mitteilt, und zum anderen und hiervon getrennt als Wissen über das Ableben, wie sie es fürchtet. Medizin bewegt sich zwischen beidem als Entgegnung des Lebens auf das Wissen vom Tod und als Entgegenhaltung des Todes im Leben. In dieser Entgegnung kann sie nicht schlüssig sein. Sie ist sowohl Wissenschaft des verhinderten Sterbens, wie auch Wissenschaft des behinderten Lebens, beides aber in absoluter Gespaltenheit: Als Interesse an der Aufrechterhaltung des Stoffwechsels und als Kritik einer Lebensreduktion, welches beides aus der Krankheit hervorgeht. Aber Reduktion ergeht aus der Abstraktion vom wirklichen Leben, Aufrechterhaltung ist deren vollständige Affirmation. Eine Wissenschaft von der Krankheit kann sich von der Beengung ihres Ausgangspunkts nicht befreien, solange sie nicht den Krankheitsbegriff aufgibt, solange sie nicht mitten im wirklichen Leben sein Sterben, seine Natur und seine Abstraktion begreift (s.a. Realabstraktion). Medizin kann die Kluft zwischen Krankheit und Gesundheit nicht auflösen, ohne sich als Naturwissenschaft aufzuheben zur Wissenschaft der gesellschaftlichen Natur des Menschen. Sie enthält den Brennpunkt des sozialen Lebens der Menschen in den Körpern der Individuen, ist natürliche Kulturwissenschaft, die in der Kultivierung der Natur ebenso beschränkt ist, wie die Geisteswissenschaft in der Natur der Kultur sich nicht zu begreifen vermag. Im Krankheitsbegriff der Medizin, der Gesundheit als Natürlichkeit des Lebens in seiner Geistlosigkeit impliziert, ist Krankheit unnötig, ein Unglück aus bestimmten Umständen und Anlässen, Fremdeinwirkung (z.B. Infektion). Krankheit tritt demnach nur als selbständige und einzelne Not auf und damit ist die Scheidung des Nötigen vom Lebendigen vollzogen und die Medizin dem Tod verfallen. Sie widersetzt sich ihm mit den Notwendigkeiten des Lebens, mit den Bedürfnissen des Stoffwechsels und entspricht ihm durch die Einvernahme des reinen Stoffes in Form von Chemie, Prothesen und Reizen. Dies mag im Notfall die einzige Überlebensmöglichkeit für das Individuum bieten, doch über diese hinaus muss der Tod die aparte Bedrohlichkeit schlechthin bleiben, schlichte Gewissheit des größtmöglichen Unglücks, welche das Leben erfahren kann. Aber weil das Wissen des Todes selbst auch lebendig, wissendes Leben, Lebensenergie, ist, kann Medizin nicht nur dessen Behinderung sein, nicht einfach Heilung von Krankheiten, wie immer dies auch gelingen mag, sondern unmittelbarer Lebensausdruck, Sorge und Gewissheit um das Leben und seiner Bedrohung. Es steckt in der Medizin eine ungeheuere Lebensbejahung, wenn ihr die Einbeziehung des Todes in das Leben durch die Überwindung der Lebensnotdurft, die sich aus der Entzweiung von Stoff und Kraft und der darauf gründenden Sucht ergibt, durch die Kritik der Lebensformen gelingt (siehe Formbestimmung). Von da her treibt Medizin die Menschen potenziell zur Emanzipation aus den bloßen Naturschranken des Körpers, aus seiner Kränkung heraus, die darin besteht, dass die Individuen in der Endlichkeit ihrer einzelnen Existenz ihre gesellschaftliche Geschichte nicht erkennen können und daran zugrunde gehen. Letztlich ist Krankheit die Unvereinbarkeit des individualisierten Lebens mit der Gesellschaftlichkeit des Toten (siehe abstrakte Arbeit). Soweit Medizin in der reinen Naturwissenschaft ihre Grundlagen begreifen will, gerät sie zwangsläufig in den Zirkel der natürlichen Vernunft der Aufklärung, in welcher sich Leben und Sterben aus dem Kreislauf der Natur von selbst erklärt (siehe Naturfetischismus). Hierdurch wird der Körper nur darin begriffen, was aus seiner Einzelheit davon hervorzukehren ist: Sein Kreislauf, sein Stoffwechsel, seine Assimilation, seine Regeneration und Selbsterzeugung. Wird natürliche Gesundheit zu einem Lebenswert für sich, so ist das Heilsprinzip zwangsläufig involviert. So kann Medizin selbst mörderisch werden, wenn sie diese aufsummierten Einzelheiten aus dem natürlichen Schein des Körpers erst zum Allgemeinwissen als Herrschaft über den Tod und schließlich zum Wissen eines toten Lebens wendet, zum Wissen des Reinen, des Heilen, der Gesundheit schlechthin: Dem Gesundsein sollen, dem Willen des Heils (siehe Rassentheorie). Da wundert auch nicht, dass viele Mediziner sich dem Faschismus der Nationalsozialisten in freudiger Erregung zugewandt hatten und bruchlos von ihrer naturhaften Lebensideologie in die Todesfakriken des Dritten Reichs gezogen sind, um am "unwerten Leben" die Erkenntnisse für das Lebenswertige zu gewinnen. Der Naturfetischismus der Medizin ist der Totengräber der Menschen, ihre "Blüten" sind das überwertige Leben, der blanke Zynismus gegen das Leben, dessen Wert sie dann herauszustellen und zu befördern hat (siehe Euthanasie). | s.a. siehe hierzu auch den Themenabend | |
|
Jede Gesellschaft erzeugt in ihrem Arbeitsprozess ein Mehrprodukt, d.h. ein Mehr an Gütern, als die, welche zur Produktion benötigt worden waren, in sie eingegangen sind und auch aus ihr wieder hervorgehen (siehe Reproduktion). Das ist das Mehr an Gütern, das über den bestehenden Lebenstandard und seine Reproduktion hinausgeht. Das Ausmaß der Wehrproduktion hängt weitgehend von der Produktivität der Arbeit ab. Da mit der Entwicklung der Technologie bis hin zur Automation und Vollautomation diese Produktivität stetig wächst, müsste sich das Mehrprodukt auch stetig vergrößern und/oder der Arbeitsaufwand verkleinern. In der kapitalistischen Gesellschaft aber stellt sich das Mehrprodukt nur in der Wertform, also im Mehrwert dar, den die Produkte über den Reproduktionswert der Arbeit hinaus haben (wie sich diese an den Kosten, am erforderlichen Kapitalvorschuss darstellt als Reproduktionskosten der arbeitenden Menschen, Maschinen-, Materialkosten, Energie- und Verwaltungskosten). Der Aufwand an Arbeitszeit geht dabei als Produktionskosten ebenso in den Arbeitsprozess ein, wie Maschinenverschleiß, Material und Energie. Vom Standpunkt der Aufwendungen an Kosten ist der Mehrwert das Vermögen, das nach Verkauf der Produkte hierüber wächst (vergl. Wertwachstum). Die Kosten der Reproduktion der Arbeit und ihrer Materialien gelten hierbei als Kosten des Selbsterhalts der Produktion, und stellt sich im Produkt als Wertanteil (variables und konstantes Kapital) dar. Beim Verkauf der Produkte wird dies so realisiert, wie deren Wertlage auf dem Markt ist. Die Realisierung des Mehrwerts erfolgt im Abverkauf und regelt sich im Preis der Produkte. In aller Regel erzielen sie einen Profit, also eine Geldmenge, welche das Mehrprodukt darstellt, welche sich also wirklich und unmittelbar als Erweiterung des Warenangebots materiell ausdrückt und durch sie gedecktes Geld einbringt. Der Profit in der privaten Hand des Kapitals bedeutet auf gesellschaftlicher Ebene Mehrwert, bevor er andere Formen einnimmt (z.B. Rente, Grundeigentum, Akkumulation). Aber er ist vollständig von der Realisation auf dem Markt abhängig. Gleich, in welchem Umfang das Mehrprodukt aus der Produktion hervorgeht, so bestimmt sich der Mehrwert doch nur aus der Realisation vom Standpunkt des wertmäßigen Gelingens eines ganzen Kapitalumschlags: Vom Standpunkt der Kapitalverwertung. Und dies ist ein Standpunkt der Reproduktion des Kapitals im Gesamtumschlag der Produkte als Waren. So kann es auch vorkommen, dass das Mehrprodukt enorm ist, dass sich aber die Profite und Verluste aufgrund der Marktlage aufheben. Das Mehrprodukt kann auch dazu führen, die Produkte zu entwerten, indem ein Überangebot - das heißt: eine für die bestehenden Löhne unerschwingliche und daher unverkäufliche Produktmasse - die Preise unter Wert bringen. Dann sind sie für eine Zeit lang für den einzelnen Kapitalbesitzer zwar noch durchaus profitabel, weil sie Arbeitskräfte auch billig ernähren, reduzieren aber insgesamt die Werte, also das Quantum an Arbeit, das auf dem Markt allgemein zu gering dargestellt ist. Das Mehrprodukt entsteht im Arbeitsprozess, der Mehrwert im Verkauf der Produkte als Waren auf dem Markt, wo sie entweder einen Preis haben können der über ihrem Erstehungswert liegt oder einen, der darunter liegen muss, weil z.B. ihre einzelne Produktionszeit gesellschaftlich überholt ist oder weil die Löhne gesellschaftlich nicht ausreichen, die Lager der Einzelunternehmer abzukaufen oder weil das Mehrprodukt aus Produkten besteht, die einfach nicht gebraucht, also nicht gekauft werden. Es ist in jedem Fall der Mehrwert der Wert der Produkte, die in der Arbeitszeit produziert werden, die über die Reproduktionszeit der Arbeit hinausgeht. Da sich das Mehrprodukt wertmäßig erst nach dem ganzen Kapitalumschlag der Ware, also nach ihrem Verkauf als Profit der Produktion verwirklicht, kommt es zunächst mal nicht zu direkten Veränderungen der Produktion, sondern zu Differenzen zwischen Mehrwert und Profit, die dadurch systematisch werden, dass die Masse der angewandten Produktionsmittel, die zur Erzielung von profitablen Mehrwert bei immer geringerer Spanne zwischen Löhnen und Profiten übergroß wird. Die Realisierung des Mehrprodukts als Mehrwert gerät dadurch zur Störung des Verhältnisses von Mehrwertrate und Profitrate, welche die Verwertungsprobleme ausmachen, die in der kapitalistischen Krise auftreten. Die Wertform stellt sich im Gesamtprozess des Kapitals selbständig gegen ihren Ursprung, das Mehrprodukt, indem das Kapital Profite, die es aus seiner wertbestimmenden Funktion in den Preisbewegungen der Waren entnimmt (siehe Surplusprofit), in Besitz anlegt, der sich unmittelbar als reine Form des Besitzes rentiert (siehe Grundeigentum). Der Mehrwert tritt dann als reine Macht der Entwicklung des Kapitals und vollkommen losgelöst vom Mehrprodukt auf, wird also zu einer Kapitalmacht, die nicht in den Lebens- und Produktionserhalt oder die Erweiterung des Lebensstandards zurückkommt, sondern den Wert des Grundvermögens ausmacht und die Verhältnisse von Kapital und Arbeit bestimmt. Dann erst wird Geld wirklich zu selbständigem Kapital, weil es seine Geldform als Bestimmung des Geldes hat und den Geldverkehr im Wertmaß wirklich regelt. Erst hierin wird es wirklich frei von seiner Kapitaldeckung durch den Erstehungswert von Produkten. Hier wird es gesellschaftlich mächtig, weil es über die Verhältnisse des Geldes, welches sich in privater Hand als Potenz des Geldverkehrs über die Nutzung des ganzen Produktionszusammenhangs hermachen kann. | s.a. Themenabend: Themenabend zur Grenze des Wertwachstums siehe auch Themenabend | |
Der Mehrwert ist zunächst die Wertform des Mehrprodukts, also der Wert von Produkten, die in der Zeit produziert wurden, welche über die Reproduktionszeit der Arbeit (Arbeitskraft, Entwicklungszeit) hinausgeht, welche also den Teil des Arbeitstags verwerten, der nicht zur Reproduktion der Arbeitsverhältnisse nötig ist. Er stellt sich in einem Wert dar, der sich selbst aus dem Wert erwirtschaftet, der die Verfügung über den Arbeitsprozess erbringt (als Geld, welches dadurch mehr Wert hat, dass es als Anlagevermögen sich selbst verwerten kann: Kapital). Mehrwert ist daher zunächst auch nur durch die Waren existent, welche das Mehrprodukt so repräsentieren, wie es "der Markt akzeptiert". Aber auch auf dem Markt gibt es Unterschiede, in denen sich der Unterschied von der Reproduktion einer Gesellschaft und dem Mehrprodukten zeigt: Es ist meist nicht derselbe Markt, auf welchem die Lebensmittel, also die Mittel der Reproduktion, angeboten werden, auch der Markt für Maschinen, Luxusartikel, Waffen usw. Auf jenem werden die Mittel des Lebens (als Formen des variablen Kapitals) gehandelt, auf diesem die organischen Mittel des Kapitals (als Formen des konstanten Kapitals). Und diese werden nicht nur nach ihrem Wert aus ihrer Herstellung (ihrer Produktionszeit), sondern in ihrem Wert für die Produktion berechnet, also dafür, was sie als Zeitersparnis, als Verringerung menschlicher Arbeitszeit pro Kapitalumschlag dort erbringen. Von dieser organischen Seite amortisieren sich die realen Bestandteile des Kapitals relativ schnell; von der Seite der Aufhäufung der Verfügungspotenzen durch die Akkumalion des Kapitals wird der Mehrwert durch die angewandten Produktionsmittel, also die darin durch Arbeitszeit gewonnene und zugleich durch Arbeitszeitersparnis geschaffene Wertmasse pro Kapitalumschlag immer größer. Der Mehrwert war zuerst der Wert jener Herstellungszeit, die über den notwendigen Arbeitstag hinausgeht; jetzt wird er zudem zu einem Wert der Reproduktionszeit seiner Produkte, welche den Fortschritt der kapitalistischen Produktion erheischen und worin sich das Kapital akkumuliert, Zinsen abwirft und Unternehmensgewinne macht. Es ist der Wert einer Spekulation, die erst Wert ist, wenn sie Wert realisiert hat. Aber er existiert in Gütern, welche produzieren und zirkulieren und sich in Geldwerten ausdrücken. Wo sie schließlich wirkliche Profite erbringen, realisieren sie die politische Macht, die in der Verfügung über die Produktionsmittel steckt, als reines Geld, als ein Geldquantum, das aus dem unbezahlten Teil des Arbeitstages erbeutet und über das Mehrprodukt in die private Tasche der Kapitalbesitzer gerät. Auch dieses Geld repräsentiert wirklichen Reichtum, da es den Wert eines realen Mehrprodukts verkörpert und sich mit dem Verzehr oder Verschleiß dieses Produkts auch selbst verbraucht. Dass Geld etwas repräsentieren kann, das es garnicht wirklich gibt, ergibt sich erst aus der Zirkulation des Kapitals, also aus dem Handel mit Kapital. Erst durch den Surplusprofit, den das Kapital in der Grundrente anlegt, verselbständigt sich der Mehrwert zu einem Kapital, das frei vom Erstehungswert von Lebensmitteln und Arbeitsmitteln (Maschinen, Technologie) alleine den Wert verkörpert, der sich nicht mehr stofflich darstellt, sondern als reine Macht des Besitzes (siehe Grundbesitz) umsetzt, als Potenz der Produktivität. In dieser verschafft sich der Mehrwert die politische Macht über den ganzen Produktionsprozess, macht ihn zum Verfügungsmittel des gesellschaftlichen Zusammenhangs (Produktionsvermögen), wie er sich nicht aus den stofflichen Potenzen der Arbeit ergibt, sondern als Bestimmung der produktiven Potenzen: Arbeitszeit und Arbeitsvermögen. Der Streit um die Länge des Arbeitstags ist der substanzielle Kampf zwischen Kapital und Arbeit um Erweiterung oder Beschränkung dieser Kapitalbestimmung. Geldmäßig realisiert sich der Mehrwert in der Kapitalmenge, die nach der Produktion sich im Produkt als ein Mehr an Wert über den eingebrachten Werten (variables Kapital und konstantes Kapital) darstellt. Ursprünglich Wertform des Mehrprodukts wird Mehrwert im Gesamtprozess des Kapitalverhältnisses zu Geld, das dem produktiven Kapitalkreislauf entnommen und dem Finanzkapital überlassen wird, sofern das Geld der Reproduktion ein Mehr an Wert (spekulativen Wert) durch die Masse seiner Zirkulationspotenzen erfahren hat. Aller Geldwert, den die Waren selbst in einfacher Wertform darstellen, wird mit dem Kauf der Waren zurückgegegeben, (z.B. im Verhältnis Lohn zu Lebensmittel). Nur durch den Wert, den Geld für sich dadurch mehr hat, dass es zum Vorschuß in die Wertbildung taugt, steigert sich sein Wert zu einem Mehrwert nach der Produktion - nicht weil sich hieraus ein wirkliches Mehrprodukt ergibt, sondern weil der Wert die Potenz des Besitzes an Produktivvermögen erhöht als eine Spekulation auf Geldwert, auf den Nutzen, den Geld überhaupt für Mehrproduktion hat. Diese regelt die Konkurrenz der Preise sowohl der Lebensmittel wie auch der Arbeitskraft. unter der Bestimmung der Besitzverhältnisse. Die Mehrwertproduktion vollzieht sich erst in der Realisierung der Warenwerte, die zu dem Wert verkauft werden, den sie repräsentieren mit Aufschlag des Werts, den die Geldzirkulation durch sie an Zugewinn von Geldwert haben kann, - so sie sich im Warentausch einbringen lässt. Der Mehrwert hat daher keine andere Zirkulation als die des Finanzkapitals (Handelskapital), die allerdings nicht durch reale Güter gedeckt ist, aber die ganze Potenz des Kapitals zur Bestimmung der Lebensverhältnisse der Menschen ausmacht, besonders in der Bestimmung des Arbeitstags und der Arbeitslosigkeit. Im Wertverhältnis des Finanzkapitals regelt sich, was an Lohn zur Bewirtschaftung der einfachen Warenzirkulation (variables Kapital) und was an Ausbeutungsmacht durch die Potenzen des konstanten Kapitals und ihren Konsequenzen (Kündigungen, Massenentlassung, Nutzung der Automation zur Verschärfung der Konkurrenz der Arbeitskräfte usw.) entwickelt wird (siehe Arbeitslosigkeit). Es macht auf dem Aktienmarkt als reine Spekulationsmasse, also als Geld, das nicht wirklich in eine Produktion eingeht, im Jahre 2001 ca. 95% aller zirkulierenden Geldwerte aus. Zusammen mit der Grundrente bestimmt es die gesamte Reproduktion und Produktion einer Gesellschaft, und das heißt: Die Lebensgrundlage der sie bildenden Menschen. |
s.a. Themenabend: Themenabend zur Grenze des Wertwachstums siehe auch Themenabend
| |
Die Mehrwertrate ist das Verhältnis der sich im Arbeitsprozess bewegenden Wertgrößen von Mehrwert zum Wert der Arbeitskraft (m / v), also von Mehrarbeit zur lebensnotwendigen Arbeit, das Verhältnis der Arbeitszeit, welche zur Reproduktion eines arbeitenden Menschen aufgebracht werden muss (variables Kapital) und dem Mehrwert., der aus der Anwendung von Arbeitskraft resultiert, gleichgültig, welchen Wert hierbei die Produktionsmittel haben. Hierin wird die Ausbeutungsrate des Kapitals dargestellt, also das, was an Geld nicht in das Leben der Menschen, ihre Lebensmittel oder dem Wachstum von Lebensstandard nach der Produktion auf sie zurückkommt. Die Mehrwertrate aller Produktion einer Volkswirtschaft entspricht dem Wert, den Mehrwertproduktion abwirft, und worin sie in Geld darstellbar ist. Der Wert der Produktionsmittel ist hierbei gleichgültig, weil er in die Produkte "pro rata" eingeht, also als eingebene Wertmasse in ausgegebener Wertmasse verschwindet. Es ist nach Abzug aller Kosten, die das Kapital hat (Unternehmerlohn, Produktionsmaterial, Erfindungen, Technologie, Zinsen usw) der Betrag, der alleine zur Machtverstärkung des Geldbesitzes dient (als Rendite, welche als Bedingung für den Zinsfuß oder als Anlagewert auf dem Aktienmarkt existiert). In der Profitrate stellt sich der gesamte Kapitalwert in seiner Anwendung dar, also auch der Wert der in Gang gesetzten Gesamtanlage des Kapitals pro Arbeitskräfte. Solange die Werte der Produktionsmittel kontinuierlich in die Produktwerte einfließen, verhalten sich Mehrwertrate und Profitrate analog. Es liegt aber in der Natur der kapitalistischen Produktion, dass immer größere Wertmasse in die Produktionsmittel eingeht und immer geringere in die Löhne für die Arbeitskräfte (das variable Kapital). Von daher setzt sich die Entwicklung der Mehrwertrate der Entwicklung der Profitrate entgegen und bedrängt die Wertrealistion. Die kapitalistische Krise entsteht, wenn die Realisation der Mehrwertrate die Realisierung der Profitrate auf dem Markt bestimmt, wenn also sich die Ausbeutungsrate in einer Weise durchsetzt, dass die Produktwerte nicht in hinreichendem Ausmaß die Werte der Produktionsmittel übertragen können und diese hierdurch entwertet werden. Sie realisieren sich so wertlos, dass sich das darin verausgabte Geld entwertet, dass also der Fall der Profitrate auch die Geldzirkulation entwertet. Dann besteht Kapital, das sein Geld nicht wert ist und also vernichtet wird. Dies hebt die Rendite in gleicher Weise auf und führt zu einer Abwärtsspirale der Verwertung. Das vernichtete Kapital zwingt zur Erhöhung der Ausbeutung (Verlängerung der Arbeitszeit, Verteuerung der Produkte), um seinen Wertverlust auszugleichen. Dies steht im Widerspuch zu den Notwendigkeiten des produktiven Kapitals, das seine Produktionsmittel nicht produktiv rentieren kann (teure Maschinerie verwertet sich durch effektiv reduzierte Arbeitszeit). So gerät das zirkulierende Kapital auf Dauer in einen Widerspruch zum produktiven Kapital, das weiterhin als Vorschuss in die Produktion eingesetzt werden muss, um die organischen Voraussetzungen des Mehrwerts, die Erzeugung des Mehrprodukts, zu schaffen. Dieser Widerspruch läst sich innerhalb des kapitalistischen Systems nicht mehr prinzipiell auflösen - es sei denn durch Vernichtung der bestehenden Produktionszusammenhänge (kulturelle Ausbeutung, Krieg, Faschismus) und Rückführung auf ihre Anfänge. |
s.a. | |
Meine Meinung ist die Formulierung des Meinen, meiner Beziehung zu bestimmten Lebensbedingungen, Ereignissen oder Sachen, meine Position hierzu, die ich vom Standpunkt des Besitzes aus habe. Ich meine immer etwas zu etwas, zu diesem oder jenem das eine oder das andere, je nachdem, wie ich davon durch das Meine, durch meinen Besitz betroffen oder selbst besessen bin. Was ich weiß, kann ich nicht meinen, auch nicht, was ich glaube, fühle oder empfinde. Die Meinung hat ihre Begründung im Erleiden von Gegebenheiten, in den Gewohnheiten der Erfahrung und ist ein Dafür-oder Dagegenhalten gegen einen Sachverhalt. Sie kann hierbei fiktiv oder real sein; aber sie hat nicht unbedingt im Sein der Sache ihre Bezogenheit, ist damit auch nicht Bewusstsein, also Wissen und Gewissheit, nicht Erkenntnis und auch nicht Theorie. Meist ist sie eine Art von Bewertung der eigenen Verhältnisse. Es sind daher auch keine Gedanken, sondern Meinungen, woraus sich das politische Verhalten ergibt. Das Meine ist so frei und gleich und wechselseitig, wie es die Meinung dann auch zu artikulieren vermag. Die Meinungsbildung ist entsprechenende Reflexion der unterschiedlichen Sachnotwendigkeiten, die keiner Erkenntnis des menschlichen Zusammenhangs mehr bedürfen, weil der Lebenszusammenhang der Personen in der bürgerlichen Gesellschaft allein im Verhalten zu ihren Sachen und vermittelst ihrer Sachen gesellschaftlich besteht (siehe Warenfetischismus). Entsprechend gründet die bürgerliche Demokratie daher auch auf der sogenannten freien Meinung, die jedem Menschen per se und voraussetzunglos zugestanden wird, damitt er artikulieren kann, was ihm sachlich nötig erscheint. Er ist damit zwar frei, also nicht mehr "in Ketten geboren", aber politisch artikuliert er in seiner Meinung zugleich auch nur, was ihm nötig ist im Unterschied und Gegensatz zu anderem, im Widerspruch von Eigenem und Fremden. Die bürgerliche Demokratie ist die Vertragsform aller Meinungen, worin sich die gesellschaftlichen Notwendigkeiten der Sachverhältnisse repräsentieren und sich durch politische Entscheidungen und Entschlüsse vertragsgemäß einigen müssen, das Bestehende also immer wieder und im Nachhinein der Entzweiuung in eine verträgliche Form zu bringen haben (z.B. im Unterschied zu einer Beschlussfassung, die aus einem bestimmten gesellschaftlichen Ort heraus sich zu einem gesellschaftlichen Anliegen als Bedürfnis erzeugt und in der Produktion der Mittel hierfür vereinen will - siehe etwa Rätedemokratie). Der Wille ist darin das Meinen in der Verträglichkeit mit allem anderen, welches die Allgemeinform dessen ist, was das Meine für sich nicht sein kann (siehe hierzu Kapitalkurs Textstelle 44). Eine Meinung reflektiert unmittelbar praktisches Dasein in der Form individueller Selbstbestimmung. Sie ist keine Selbstbestimmung, sondern eine Reflektion, ein Dafür- und Dagegenhalten zu etwas Bestimmtem an Gewohnheiten und Gefühlen, ist eine Position zu eineere gefühlten Objektivität (siehe auch objektive Gefühle). In diesem Sich-Halten bestimmt sich die Meinung nicht als Gedanke, sondern als Beharren, sich Sein-Lassen gegen anderes. Und dies im doppelten Sinne: Sich Seinlassen als Bestätigung und Bewahrung des eigenen Daseins und sich Seinlassen als unergründliches sich Gehenlassen, eigene Grundlosigkeit. Meinung hat ihre Wahrheit also immer nur als Gegenmeinung, nicht als Grund, so begründet sie erscheinen mag. Von da her ist sie auch nur ein Moment der bürgerlichen Politik, Thesis des Daseins, welche in der Antithesis der Formulierung besteht. Als solches bestätigt sie vor allem und allgemein die scheinbare Grundlosigkeit dieses Daseins, den Schein des Bestehenden und arbeitet die Gegensätze der Gegebenheiten ab. |
s.a. | |
Mensch >> Weiterleiten zu MEN | ||
Menschenbild >> Weiterleiten zu MEN | ||
Menschenliebe >> Weiterleiten zu MEN | ||
Menschenwürde >> Weiterleiten zu MEN | ||
|
| ||
s.a. |
||