Buchstabe V Im Kontext

Variables Kapital

Das variable Kapital stellt sich in der Geldmenge dar, die zur Reproduktion der Menschen zirkuliert, in den Reproduktionkosten des Lebens der Menschen, welche an einem Wirschaftskreislauf zwischen Arbeit und Konsum als arbeitende und konsumierende Mitglieder teilhaben (Arbeitslose sind darin einbezogen, also auch ihre Sozialkosten wie auch die Rente). Ökonomisch gesagt ist es die Reproduktionskost der Arbeitskraft. Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger gehören ökonomisch zum variablen Kapital, also zu den Kosten der Arbeitskraft, weil sie als einen wichtigen Anteileil bei der Preisbildung der Arbeitskraft haben (viele Arbeitslose = geringe Löhne; wenig Arbeitslose = hohe Löhne). Dem steht die Geldmenge gegenüber, welche die Reproduktionskosten der Produktionsmittel, Organisation, Infrastruktur und Verwaltung repräsentiert: Das konstante Kapital. Variables und Konstantes Kapital gehen in die Produktion ein und die Veräußerung der Produkte zeitigt das Gesamtkapital, welches der Mehrwert als Profit ergibt, so Produktion und Absatz hierfür gelingen (s.a. Profitrate).

Das variable Kapitral im Verhältnis zum Mehrwert genommen ergibt den relativen Mehrwert, aus der sich die Prosperität der Wirtschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt einer Produktionsphase entnehmen lässt (Rate des relativen Mehrwerts).

s.a.

=> Kapital

Infoup4b1b1a1b1c1a1a Konstantes und variables Kapital nach Marx (Marx-Forum)

Vampirismus

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virtuell

Virtuell ist etwas, das nicht real, aber doch wirksam ist, insofern es als Potenzial der Vorstellung oder Einbildung innere Gestaltungsprozesse vor aller Verwirklichung und jenseits der Wirklichkeit vorantreibt. Virtuell ist jenseits aller physikalischen Eigenschaftlichkeit eine Vorstellungswelt, die der Vorwegnahme dem Ersatz von Wirklichkeit durch Visionen dient, z.B. als "Probehandeln" oder als Computersimulation, um zu ihrer Interpretation oder Verarbeitung behilflich zu sein.

Soweit Virtuelles sich verselbständigt, sich völlig vom Potenzial des Wirklichen abtrennt, vom Interpretations- oder Verwirklichungsinteresse, wird es zum Inhalt einer inneren Vorstellungswelt der Erscheinung oder Phantasie, in welcher innere Erlebnisse, z.B. Träume, wahr werden. Als Flucht vor der Wirklichkeit kann sich dies zu einer inneren Scheinwelt entwickeln, also zu einer Welt, die als real wahrgenommen wird, ohne irgendeine reale Wirksamkeit zu haben. Aber durch die Ununterscheidbarkeit der Wahrnehmung, in der das Kritikvermögen aufgehoben ist, kann sie Tätigkeiten in Gang setzen, die rein seelische Absichten verwirklichen, die als Realität erlebt werden.

Dann ist das Virtuelle eine Vorstellung, die sich verkehrt, sich entäußert hat, als vorgestellte Wirklichkeit die Entwirklichung der Vorstellung betreibt, sie ihres Sinnes enthebt, und nicht Inneres veräußert, sondern Äußeres verinnerlicht, als eigenen Antrieb zum Grund der Tätigkeit macht (siehe z.B. Amok). Als dermaßen entleerte Vorstellung wird dies zur Grundlage eines nicht vorgestellten, sondern bloß gestelltes Leben. Die virtuelle Welt der Chatrooms ist voll davon. Es ereignet sich darin dann natürlich auch nur eine gestellte Gesellschaft, in der jede Verstellung gesellschaftsbildend empfunden wird. Das macht ihre Gefahr und führt zu allerlei Unfällen, wo diese sich auf wirkliche Gesellschaft bezieht, bzw. sich mit ihr vermengt.

s.a.

=> Mulimedia

=> visuell

Vision

Eine Vision ist ein "Gesichter erleben", das virtuelle Vergegenwärtigen von Sinnzusammenhängen durch innere Bilder und Vorstellungen, durch deren Visualisierung.

s.a.

=> Virtuell

Visualisierung

Visuell ist die rein physische Ebene der Wahrnehmung, die Darstellung der Lichtreflexion, welche Gegenstände wahrnehmbar macht. Visualisieren lässt sich heute auch schon etwas, das nicht materiell existiert, durch geeeignete Geräte, die es durch gesteuerte Lichtimpulse zur Wahrnehmung bringen, die keinen anderen Gegenstand als die Lichtquelle oder deren Reflexion hat (z.B. Bildschirm oder Projektion). Eine solche Darstellung setzt keinerlei materielle Wahrnehmung mehr voraus - wie es z.B. ein Film zur Bedingung hat, wenn er zuvor aufgenommen werden muss. Durch Allgorithmen oder Zeichnungen erzeugte Computer-Befehle können schon vollständige Filme oder Teile davon produzierten, die keinerlei real umsetzbare Aufnahmesituation mehr verlangen und durch Rendern von Vektorgrafiken zu einer filmischen Bildfolge entstehen.

Hierdurch ist es möglich, rein intelligible Abläufe als Ausdruck einer Vorstellung umzusetzen, die nur virtuell bestehen, aber hierurch doch dargestellt werden können. In der Visualisation werden virtuelle Gedanken zu Gesicht gebracht, dargestellt, ohne dass ihre Gestalt jemals existiert hat oder auch materiell von jeder Existenz ausgeschlossen ist (z.B. Geister) und ohne wirklich physikalisch abbildbar zu sein. Solche Darstellung gibt es in der Kunst seit ihrem Bestehen und hat sich durch die Aussagemöglichkeit moderner Kunst noch verstäkrt (siehe z.B. Surrealismus). Im multimedialen Kulturkonsum wurden solche Darstellungsformen zum Surrogat der Lebenslust, zur Schaffung von Befriedigungen, denen kein bestimmtes Bedürfnis mehr vorausgeht, Konsumation, welche die Dürftigkeit eines abgetöteten Lebens kompensiert durch die Erzeugung von Reizen, deren Auflösung befriedigt. Diese wird in der Unterhaltungsindustrie immer weitgehender durch die Medien verbreitet, besonders im Fernsehen, Kino und durch Computerspiele. Hierdurch wird Wahrnehmung umgekehrt, eine Wahrnehmungswelt simuliert, die weder von den Bedürfnissen noch von ihren Befriedigungsmöglichkeiten her materiell ist, eine Scheinwelt innerer Erregungen, die keinerlei Beziehung zu wirklichen Ereignissen außerhalb der intellegiblen hat. Die Wahrnehmung wird hierfbei völlig willkürlich und auch selbst zu einem Teil der Wirklichkeitesbestimmung, so dass eine Welt vorstellbar ist, die sich vor aller Wahrnehmbarkeit schon aus der visuellen Wahrnehmung intelligibler Phänomene begründet. Diese wird vor allem von Menschen angestrebt, die ihr Leben auf dieser Welt hinter sich lassen wollen, z.B. weil sie es nicht ertragen oder keinen Sinn darin mehr verspüren. Die Beziehung auf die Wirklichkeit wird in dem Maß notwendig reaktionär, wie sie sich in der Pseudowelt visualisierter Ereignisse befriedigt fühlen.

s.a.

=> Vision

Volk

Ein Volk ist die Gemeinschaft gleicher Wesens- und Lebensart verschiedener Individuen (vergl. z.B. Bienenvolk), - bei den Menschen die Kulturgemeinschaft, wie sie im Lauf der Geschichte durch Lebenszusammenhänge (z.B. biologische Gemeinsamkeiten, Sprache, Natur- und Arbeitsbeziehungen, Werkzeug und sonstigem gemeinschaftlichem Lebensausdruck) entstanden ist und sich in gemeinschaftlichen Kulturgewohnheiten (Religion, Kult, Sitte, Brauchtum) und oft auch in geografischen und anderen natürlichen Merkmalen ihrer Herkunft (nicht zu verwechseln mit Rasse) ausgeprägt hat. Die Lebensart eines Volkes stand zunächst nur im Unterschied zu der eines anderen und war - sofern sich keine Überschneidung von wirtschaftlichen Lebensräumen (z.B. Jagdgrund) ergeben hatten, in freier Vermittlung, zunächst meist über den Austausch von Lebensmitteln. Auch ihre Kulte und Religionen dienten vor allem ihrem inneren Zusammenahng und Zusammehalt und hatten keine notwendig feindliche Beziehung zueinander. Weder bei den Menschen, noch bei den Tieren gibt es eine Ontologie der Feindschaft. Nur durch die Not der Ausbreitung, durch Beengung (Angst) und aus Ermangelung an Lebensmitteln haben sich Völker bekämpft. Aus dem Schutzbedürfnis von Art und Lebensraum sind hieraus politische Formen als Grenzziehung und Befestigung der verschiednen Völker, Staatsformen (z.B. Stammesgebiete, Fürstentümer, Königreiche, Republiken), Herrschaftsbereich ihrer Macht durch Waffengewalt entstanden.

Der Staat hat mit dem Volk nur ein historisch entwickeltes Schutzbedürfnis gemein, welches sich auf das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen in solchen Gemeinschaften bezieht und dessen Lebensraum und Reproduktion sichert (als abgrenzende, also negative Formbestimmung des Volkes, welches auch seinen formellen Selbsterhalt bewahren muss). Der Staat ist nicht die politische Form eines Volkes, sondern eines Wirtschaftsraumes, in welchem es sich reproduziert und entwickelt. Als Reflex gesellschaftlicher Notwendigkeiten bildeten sich Nationen, in welchem sich der Schutz des Selbsterhalts als Hoheitsbereich einer Staatsgewalt mächtig machte. Kultur und Wirtschaftsraum standen zunächst in einer relativ willkürlichen Beziehung. Die frühen Staatsformen waren mehr von kriegerischen Eroberungs- und Aneignungsinteressen bestimmmt, denn von Notwendigkeiten der Reproduktion. Die Besetzung fremder Völker bestanden aus dem Raub und dessem Resultat, dem Besitz, war deren Aneignungsform als Privatisierung des Eroberten (privat kommt im Lateinischen von Raub). Erst mit der vollkommenen Ausbreitung von Befestigungen, mit gesicherten Besitzverhältnissen entstand die bürgerliche Gesellschaft und deren Staat, der Nationalstaat. Dieser hatte mit dem Volk als solches eigentlich nichts gemein.

Von der Seite der Nationalisten wird solche objektive Bestimmtheit des Besitzes durch einen Begriff von Volk zu einem Kulturbegriff subjektiviert. Die Nation als eine Fürsorgeeinrichtung der Absicherung einer Bevölkerung wird hierdurch als Subjekt einer Allgemeinheit angesehen, das sich zu "seinem Volk" als Gesamtheit seines kulturellen Interesses verhalte. Hierdurch wird eine Gleichsetzung der Nation mit Volk, Gesinnung und "Vaterland" (siehe Patriotismus) bewirkt, die das Volk zum Adressaten des Staates herabsetzt und ihn zum "Vater" des gesellschaftlichen Zusammenhangs kührt. Diese Gleichsetzung wird in Krisenzeiten mit kulturpolitischer Zielsetzung zur Vorstellung einer Volksseele mit einem Volkskörper in einer Volksgemeinschaft entwickelt. Eine solche Vorstellung wurde zur Grundlage des Nationalsozialismus (s.a. Faschismus).

Volk ist von dieser Seite besonders dadurch zu einem rassistischen Begriff geworden, dass er für kulturkämpferische Zwecke zu einem Einheitsbegriff von völlig unterschiedlichen Begriffen gemacht wurde: Kulturkreis, Nation, Religion (Glaube), Vaterland, Heimat, Kult, Rasse, Wirtschaftseinheit, Lebensraum usw.

s.a.

=> Volkskörper

=> Volksseele

Systemup38a1a Volk

Volkseinkommen

statist2up7d2 Schrumpfung des Volkseinkommens
statist2up7d2a
Brutto-Sozialprodukt weltweit

Volksgemeinschaft

Wirkliche Volksgemeinschaft setzt die Entäußerung von Menschen in einer abstrakten Allgemeinheit (siehe Volk) voraus, Selbstreduktion auf abstrakte Kultur. In einer Volksgemeinschaft erfahren sich die Menschen selbst nur noch als Masse einer Kultur, als ihr Menschenmaterial, als Massenmensch, der sich kultiviert gilt(siehe Logik der Kultur Teil 3).

Politisch ist dies ein Begriff für kulturkämpferischen Zusammenhalt, der meist zur Grundlage einer rassistische Einstellung gegen andere Völker genommen wird. Dies ist implizit immer eine Kriegsvorbereitung und wird entsprechend zielgerichtet auch von kriegstreibender Politik verwendet (siehe z.B. Huntington).

s.a.

=> bürgerliche Kultur

quelleup5a27g Nationaldenmokratische Thesen (2003)
Systemup38a1 Volk

Volkskörper

Der Volkskörper ist zunächst die Ideologie einer völkischen Kultivation von Körper, das als Körpergemeinschaft gedachte Volk, wie es dem gemeinen ästhetischen Willen der Selbstbehauptung im Gemeinsinn entspricht. In diesem Sinne ist sie die Grundlage der Rassentheorien, die eine Volksgesundheit dieses "Körpers" anstreben und zum Teil auch durch beispiellose Vernichtungsaktion des "lebensunwerten Lebens" (siehe Euthanasie) und mit Zwangssterilisation betrieben hat.

Die Möglichkeit solcher Ideologie resultiert zum einen aus der Verelendung und dem Zusammenbruch organischer Zusammenhänge in Krisenzeiten des Gesellschaftssystems, die immer auch Krisenzeiten des Sozialsystems und der Gesundheitsfürsorge sind. Hiergegen entzieht sich der Staat und seine Funktionäre der zunehmenden Anfälligkeiten durch Krankheit und Verwahrlosung und ihrer "wirtschaftliche Belastung" mit solcher Ideologie als Apell an die eigene Gesunderhaltung zum Wohle des Volksganzen und der Überantwortung der Fürsorge an Eigenleistung und Disziplinierung (z.B. Volkssport, Hygienediktatur). Von daher ist die Ideologie vom Volkskörper eine Reaktionsbildung aus sozialen und wirtschaftlichen Interessen, die in der Behauptung eines heilen "Volksorganismus" sich darstellt als allgemeinmenschliche Notwendigkeit, um daraus entsprechenden Zwang gegen die Krankheiten und ihre "Verursacher" abzuleiten. Meist wird hierin schon definiert, was gut und was schlecht und auch was artig und abartig für diesen Volkskörper sei. Solcher Körperkult ist somit durch einen überindividuellen Körper, durch den verstaatlichten Körper zum allgemeinmenschlicher Körper begründet, der den Rationalitäten einer entsprechenden Volkswirtschaft, den Notwendigkeiten der Ersparnis, der Vernunft des Wirtschaftsfunktionalismus gehorcht und sich den Menschen überstellt.

Zum anderen veräußert diese Ideologie individuelle Subjektivität, wie sie auch in der Idolbildung anzutreffen ist als Idealisierung körperlicher Allgemeinheit, als Kulthandlung einer gemeinschaftlichen Masse (z.B. in der Fanatisierung von Volkssport). Darin versammelt sich eine Übereinkunft körperlicher Gemeinschaftlichkeit, wie sie sich aus allgemein gewordener zwischenmenschlicher Bezogenheit zu einer Ganzheit entwickelt, die sich darin gegen sinnliche Isolation wendet und deren implizite Lebensangst aufhebt. In der Form einer solchen Gemeinschaftlichkeit wird eine Befriedigung untergegangener Individualität gesucht, die sich hiergegen wendet und diese auch zugunsten dieser Allgemeinform aufgibt und vergisst (siehe auch Selbstverleugnung). So wird eine Ansammlung von sich selbst relativ gleichgültigen Menschen, eine Menschenmasse, als Hintergrund der Selbstbehauptung, zur entäußerten Selbstbehauptung notwendig, durch welche Angst aufgehoben ist. In diesem Sinne dient der Volkskörper ihrer Genesung, ihres Heils, welchem das Selbstverständnis unterworfen wird. In solchem allgemeinen Körperkult wird der Sinn aller Beziehungen zum Gemeinsinn kultiviert, der als praktische wie auch unmittelbar politische Notwendigkeit für jedes Individuum der hierin definierten Gemeinschaft zu gelten hat, als Gesinnung schlechthin. Hierdurch wird Selbstbezogenheit zur Selbstaufhebung, Egoismus zu Altruismus, der Mensch zur genesenden Körpermasse. Jede individuelle Subjektivität wird - wo es nötig erscheint - durch das behauptete Wohlergehen der Masse gebrochen, Selbstbezogenheit in und durch Masse, welche im Körper ihren Willen wie eine allgemeine Körperseele haben soll.

Der Volkskörper ist die politische Subjektivierung einer Kulturmasse, ein absurdes Sinnbild einer abstrakten Allgemeinheit von Menschen als Gesamtmasse eines Kulturkreises genommen. Der Begriff wird von faschistoiden Politikern und Wissenschaftlern verwendet, die in den Menschen nur das Material ihrer politischen Vorstellungen sehen. Wo die Selbstentleibung der Menschen fortgeschritten ist, können sie sich auch selbst unter einem solchen Begriff subsummieren und hierauf ihre Meinung von sich bilden und entsprechend reaktionäre Sympathien entwickeln. Populistische Politiker nutzen dies zu ihrer Wahlpropaganda und sind bei entsprechender Korelation in der Lage, aus einer bürgerlichen Demokratie einen faschistischen Staat zu errichten (siehe Logik der Kultur Teil 3).

Solch scheinbarer Interessensgleichheit von Bürger und Staat geht eine Phase der Selbsttäuschung auf der Basis einer Krise der ökonomischen Lage vorraus, die Lebensgemeinschaften als Krisenreaktionen hervorbringt, Scheinwelten unabhängiger Natürlichkeiten, welche Ursprungssehnsüchte befriedigen und seelische und körperliche Isolation überwinden (siehe Volksseele). Der Sport hat hierbei oft eine tragende Funktion, sowohl für solche Verbundenheiten wie auch für ihre Propaganda.

s.a.

=> Faschismus

=> Körperkult

Systemup38a Volk

Volksseele

In jeder Gemeinde gibt es so etwas wie ein Gemeingefühl, das für alle im Zusammensein beabsichtigt ist. Im harmlosen Geschunkel der ansonsten vereinzelten Seelen steckt meist nichts anderes als die Sehnsucht nach einem wirklichen Gemeinwesen, nach einer Gesellschaft, in welcher jeder Mensch auch wirklich vorkommt. Erst im Glauben an ein gemeinschaftliches Subjekt wird die Sehnsucht süchtig und verpflichtet sich der Erlösung von dieser Welt, ohne etwas an ihr ändern zu wollen. Es ermöglicht vor allem eins: Die Erhebung des isolierten Selbst zu einer gemeinen Selbstbehauptung der Gemeinschaft, die Vergemeinschaftung seiner Selbst zu einem Gemeinschaftswesen, der gemeinen Gesinnung eines Volkskörpers..

Hierdurch wird die verbunkerte Seele zu einem mächtigen Gesellschaftswesen, das stärker erscheinen darf als jene Welt, die hierin verschwunden ist und ob der gemeinen Masse von Nähe und Anwesenheiten bedeutungslos wird, weil sie sich wie ein ästhetischer Wille in der Gemeinschaft, wie eine gemeine Seele ihrer Ästhetik verwirklicht (siehe auch Patriotismus). Der bisher privat verbunkerte Lebensraum (siehe auch Familie) verliert sich in dem Maße, wie dieses Wesen erstarkt, zu einer eigenen Gemeinschaftswelt wird, die schließlich gegen alle andere Welten wie ein Gemeinschaftsbunker taugt. Die Abstumpfung gegen sie wird zur Schafsnatur der Schutzbefohlenen; der Schutz zur Eigenschaft des Gemeinschaftssubjekts, sei dieses der gute Hirte der Christenmenschen oder ein Guru der Selbstgefühle oder ein Weltmeister wie George W. Bush oder einfach auch nur ein Superstar wie Daniel Kübelböck (siehe Fan-Kult). Alle Gemeinschaftssubjekte schützen nicht, weil sie hierzu Möglichkeiten und Mittel hätten. Sie schützen auch nicht wirklich vor Feinden. Sie bewahren lediglich vor Selbstverlust, indem sie Gleichnisse setzen - und sei es auch nur die Kultivierung des eigenen Unvermögens. Die verlorene Seele findet in solchem Subjekt ihre Allgemeinheit an Selbstgefühlen mit einem großen oder kleinen Volk: Volksseele. Es ist die Hochform, wohin sich die zwischenmenschlichen Beziehungen treiben: Allgemeines subjektiv sein durch ein Gemeinschaftssubjekt (siehe Logik der Kultur Teil 3).

Doch dieses lebt nicht wirklich. Die Wirklichkeit, in der es lebt ist profan im Verhältnis zu seiner Wirkung, die es hat. Sie besteht aus dem Leben nicht eines, sondern vieler Menschen in einer Kultur, in welcher jeder Sinn für sich aufgehoben ist, alles sinnlos erscheint, was nicht Sinn für zwischenmenschliches Erleben stiftet. Die Identitätsfindung im Zwischenmenschlichen selbst macht jeden zu einem Moment dieses Subjekts, indem er sich selbst als dieses erlebt, und macht es so erst zu einem Ganzen, an dem er teilhat und zugleich ganz Mensch ist, zum wirklichen Zwischenmenschen, also einem Menschen, der zwischen allem ist und alles sein können muss, um zwischen sich und den anderen sich zu vermitteln.

Er bliebe lediglich ein zweifelnder Geist, könnte er nicht auch wirklich in solcher zwiespältigen Gemeinschaft eine Seele finden, die wirkliche Gemeinschaft mit anderen zu bilden vermöchte. Solche Gemeinschaftsseele ergibt sich vorwiegend praktisch durch allgemein mögliche praktische oder theoretische Tätigkeiten, wodurch Gemeinschaften leben können (z.B. Musik, Gartenbau, Sport, Politik usw.). Diese Tätigkeiten mag es auch ohne seelische Beteiligung geben; hier werden sie aber erst wirklich zum Mittel einer allgemeinen Selbstverwirklichung (siehe Massenpsyche).

Wesentlich für solche Selbstverwirklichung in einer volksseligen Gemeinschaft ist die Aufgehobenheit eigener Identität. Die einzelnen Menschen schwimmen in getragenen Gefühlen, verzichten von da her auf eigene Empfindungen, die darin nicht aufgehen können. Aber gemeinschaftliche Empfindungen gibt es nicht ohne gemeinschaftliche Vergegenständlichung. So müsssen allerlei Tätigkeiten und Gegenstände in das seelische Gemeinschaftswesen eingebracht und gemeinschaftlich genutzt werden - nicht weil es gesellschaftliche Gegenstände oder Tätigkeiten wären, sondern weil es vergemeinschaftete Privatheiten sind, die sich ob ihrer gemeinschaftlichen Empfindung gesellschaftlich vorkommen können: Was darin aus dem privaten Leben eingebracht wird (z.B. als Fähigkeiten wie Musizieren, Wissen, Fertigkeiten), wird zu einem gemeinschaftlichen Gegenstand der Empfindung und die Menschen darin zu einer Empfindungsgemeinschaft. Gesellschaft wird als Gemeinschaft wahrgemacht, indem sich die Menschen tatsächlich gesellschaftlich wahrhaben, also Wahrheit darin haben, dass alles, was die Menschen natürlicherweise gesellschaftlich sein lässt, ihnen jetzt auch als Natur der Gemeinschaft gelten kann. Erst durch diese praktische Gemeinschaft vergegenständlicht sich eine gemeinschaftliche Seele, weil sie sich nur als praktische Verkörperung der Gemeinschaft bestätigen und bewähren kann. Vollständig und absolut ist eine Volksseele also erst, wenn sie alle Körperlichkeit einer Gemeinschaft erfüllt und ausfüllt.

Die bisher nur passiv entwickelten Bestimmungen würden für ein selbstgenügsames Gemeinwesen ausreichen, wäre da nicht die andere Welt: Das Negativ der so erfolgreich gewordenen Vertrautheiten des Volkes. Gegen sie entzündet die Volksseele erst ihr wirkliches Interesse, wenn sie von dieser Welt bedrängt wird (siehe z.B. Krise). Dazu kann in Bayern schon die Erhöhung der Bierpreise genügen oder anderswo die Angst vor Chaos oder Terror: Die Volksseele wird als "gesunder Menschenverstand" aktiv in der Appelation an das gemeine, sprich: völkische Lebensinteresse, wie es als körperliche Gewohnheit gegeben ist. Volksseele ist die sich gemeinschaftlich äußernde Absicht eines beseelten Volkskörpers. Naive Formen solcher Beseelungen finden sich bei jeder Volkskundgebung oder bei den Fußballfans auf dem Sportplatz, die auf den Tribünenplätzen sowieso besser wissen müssen, was richtig zu laufen hat. Tatsächlich hat die Volksseele aber ihre Funktion erst, wo sie sich objektiv zwingend geben kann, wo sie also anerkannte Objektivität des "richtigen Lebens" in der bürgerlichen Kultur ist: als Sitte einer Volksgemeinschaft, die sich als Gesinnung ausbildet. Die Fähigkeit, solche Sitte allgemein verbindlich zu machen und durchzusetzen, verlangt das ganze Verhältnis der Kultur und auch deren Ideologen, die in theoretischer Form den kultivierten Übermenschen in jeder Hinsicht ausmalen und darin jene Identität zusammenbasteln, die sie dem Volk vor die Nase halten oder aufs Brot schmieren wollen. Der Übermensch ist die höchste Fremdidentität, wohin es die Identitätsmaschinerie der bürgerlichen Kultur bringen kann - nicht, weil er die Abartigkeit der Ideologie als artige Formulierung der Art - und darin als absolute Formulierung der Abart - bringt, sondern weil er praktisch für die Kultur als ihre äußerste Notdurft (im vielfältigen Sinne des Wortes) fällig ist: Die Verkörperte Aufhebung jeglicher Zwischenmenschlichkeit als notwendige Übermenschlichkeit, als äußerste Verbindlichkeit der Selbstentfremdung.

Dem vorausgesetzt ist die Aufhebung der individuellen Sinnlichkeit und Seeligkeit von Empfindungen und Gefühlen. Der Entstehungsprozess der Volksseele beginnt daher im Brauchtum, worin Gefühle als objektive Form des Geschicks und der Geschicklichkeit zur Schicklichkeit aufgehoben sind. Das Brauchtum selbst muss keine Aufhebung betreiben; es wird zur Aufhebung genutzt, wo Identitätslosigkeit herrscht, wo also herrschende Gefühle selbst allgemeines Verlangen nach Sinn, herrschende Bedürftigkeit nach Kultur darstellen.

Es sind nicht mehr nur die Amerikaner und Amerikanerinnen, die auf dem Münchener Oktoberfest mit teuren Lederhosen und Dirndln rumlaufen. Inzwischen sind es auch wieder die Münchner selbst: Die Münchner Oberschicht, die Schickeria. Und selbstverständlich und vor allem auch die vielen Preußen und Italiener ... und, was für die Bayern am Schlimmsten ist: Die Österreicher.

Die Schicklichkeit ist das Schicksal der bürgerlichen Kultur; darin geht sie auf und unter zugleich, sortiert Menschen zu Unmenschen und betreibt unmenschliche Natur. Gewohntes wird mächtig und Ungewohntes verbannt. Die Sortierung lässt leben oder untergehen, erzeugt lebende Sorten und tote, Art und Unart. Das machen nicht nur populistische Politiker zur Wendung der Wählermeinungen in Hinblick auf die Bedürfnisse nach völkischer Körperlichkeit; es machen vor allem die Menschen selbst. Der Übermensch gewinnt sich aus dem Siechtum, aus dem Gefühl eines allgemeinen Lebensschicksals, das unverdient ist: Ein ganz großes Scheitern, das nur durch einen ganz großen Gegner erklärlich ist: Das sind die niederträchtige Machenschaften und Interessen, die - real oder fiktiv - Leben, Volk und Land beherrschen (siehe auch Rassismus). Es ist das Gewerke eines realen Minderwertigkeitsgefühls, das zum Kult wird - nicht weil es seelisch ist, sondern weil es die Seele verlassen muss, weil es Realität erzwingen muss, um seine Leidensform an einer Stelle zu verlassen, wo Leiden nur noch als abstraktes Walten, also gewalttätig werden kann. Der Kult mit der Volksseele ist keine Religion, kein Glaube; er ist die vollständige Umkehr der Realität zu einer Realisierung des seelisch notwendigen Übermenschen mit allen Mitteln, die verfügbar sind (siehe Nationalsozialismus).

s.a.

=> Massenpsyche

=> bürgerliche Kultur

Vorsehung

s.a.

Esoterik

Vorstellung

Nicht von ungefähr hat der Begriff Vorstellung eine doppelte Bedeutung: das sich etwas Vorstellen, eine Idee haben, und das Ereignis, worin etwas vorgestellt wird....

s.a.

=> Ideologie

=> Vision

Vorurteil

Ein Vorteil ist ein Urteil im Vorhinein, also ein Urteil vor aller Erhebung von Beweisen und der Ermittlung von Zusammenhängen (siehe Analyse). Es bedient sich in der Regel eines Klischees, das als Beweismittel einer Moral verwendet wird und eine Person, eine Sache oder einen Verhalt (siehe Fakt) nicht beurteilen will, sondern bewertet. Als soziale Bewertungen führen Vorurteile auch zu Fremdenfreindlichkeit und Rassismus.

s.a.

=> Urteil

=> Klischee

=> Bewertung