Buchstabe Wahrn Im Kontext

Wahrnehmen

Wahrnehmen ist das Nehmen einer Wahrheit, die Bildung von Wahrheit im Prozess der Wahrnehmung. Hierin bildet sich Erkenntnis durch das, was an und in ihrem Gegenstand gefunden und in der vollständigen Empfindung (= zu Ende finden) des wahrnehmenden Menschen identifiziert ist. Wahrnehmung ist also wesentlich ein Prozess der Identitätsbildung im Erkennen der Welt, die Identifizierung dessen, was wahrgenommen wird, mit dem, was Menschen für sich wahr machen können. Wahrnehmung ist zunächst also die unmittelbare Form der Erkenntnis, eine Beziehung auf das, was für wahr genommen wird.

Wahrheit setzt immer Wahrnehmung voraus. Aber Wahrheit kann man nicht wahrnehmen. Sie ist nicht unmittelbar gegenständlich, also nicht einfach objektiv. Sie ist auch nicht unmittelbar subjektiv; man muss sie erkennen. Wahrheit ist eine Notwendigkeit der Wahrnehmung und steht die Frage hiernach an, so zeigt das eine Not der Wahrnehmung gegen ihre Wahrheit. Jede Wahrheitsfrage hat ihren Sinn und Ursprung in der Wahrnehmung. Wo diese Frage aufkommt, ist diese im Zwiespalt. Und so zeigt hierin die Wahrnehmung, dass sie nicht erkennen kann, was sie als Wahrheit nimmt. Die Wahrheit ist ihr also noch äußerlich, ihre zweifältige Wahrheit. Es kann Wahrnehmung zwar nicht unwahr sein, aber ihre Wahrheit ist nicht durch sie. Wahrheit kann nicht genommen werden, unterscheidet sich daher wesentlich von den Gegebenheiten. Sie ist genauso in dem, was wahr gehabt wird. Wahrheit kann nur jeder Mensch für sich finden in der Beziehung von dem, was er wahr hat und dem, was er wahrnimmt. Es liegt weder am Verständnis, noch an der Vernunft, ob etwas wahr ist. Jeder Mensch ist im Grunde nicht verstehbar und unvernünftig . Was der andere Mensch wahrhat, lässt sich nicht in der Wahrnehmung erkennen. Wer Schmerzen hat, ist darin zweifellos anders als der, welcher Schmerzen wahrnimmt, auch wenn beide in derselben Wirklichkeit sich zu einander darin verhalten, der eine vielleicht als Arzt, der andere als Hilfsbedürftiger. Auch ein Blindgeborener ist in gewisser Weise unverstehbar für einen Sehenden und umgekehrt. Nicht nur, weil ihre Wahrnehmung sich unterscheidet, sondern auch, weil sie ihr Leben anders wahrhaben. In der Wahrheit ist jeder Mensch nur für sich wahr. Die Wahrnehmung ist das Element der Wahrheit. Sie ist also die Elementarform der Erkenntnis.

Allerdings ist Erkenntnis in einer Welt, worin die Beziehungen der Menschen nicht unmittelbar in ihrem Sein mit ihrem Sinn zusammenfallen, worin nicht alles so wesentlich ist, wie es erscheint (siehe Schein), nicht ganz einfach. Was mensch wahrnimmt und was er wahrhat, fallen darin auseinander, dass die Empfindung nicht vollständig wahr sein kann und das Wahrgehabte im Gefühl verbleibt. Wo deren Bezug nicht wirklich zu erkennen ist, sind auch die Beziehungen in der Wahrnehmung gespalten. Weil ich ihn wahrhabe, indem ich wahrnehme und nur wahrnehmen kann, was ich nicht wahrhabe, entwickeln sich die Empfindungen nicht von selbst zu Gefühlen, mit denen die Gegenstände der Wahrnehmung ungebrochen erkannt wären. Sie enthalten selbst eine Vermittlung, welche den Wahrnehmungen beständig andere Seiten ihrer Gegenstände eröffnen, je nachdem, was ein Mensch hiervon wahrhat.

Eine objektive Wahrnehmung gibt es nicht, weil und sofern sie subjektiv durch das bedingt ist, was ein Mensch wahrhat. Und indem sie bedingt ist, ist sie auch nicht subjektiv, einfaches Auffassen. Sie ist objektiv und subjektiv in einem. Damit enthält jede Wahrnehmung eine zwiespältige Wahrheit: Wahrnehmung setzt einen äußeren Gegenstand voraus, also einen Gegenstand, der ein anderes Sein hat als der wahrnehmende Mensch, und sie hat zugleich die Wahrheit, die ihm durch seine objektive Bestimmtheit gegeben, wie auch dem wahrnehmenden Menschen zu eigen ist. Ich nehme wahr, was mir eine äußere Wahrheit ist und bin dabei bestimmt von dem, was mir wahr ist. Was ich wahrhabe, kann ich nicht wahrnehmen und was ich wahrnehme, habe ich nicht wahr.

Die Wahrnehmung ist somit die Form von Erkenntnis, die nicht ohne das fortbestehen kann, was ich zugleich wahrhabe, die mich an dessen Anwesenheit bindet. Sie ist gegenständliche Beziehung meiner Sinne in ihrem ganzen Sein, das darin wahr ist, dass ich sie wahrhabe, indem ich etwas wahrnehme, was notwendig anwesend sein muss. Sinn und Sein sind sowohl mein wie anderes, Subjekt und Objekt der Wahrnehmung, gegenständlicher Sinn in subjektivem Sein wie gegenständliches Sein in subjektivem Sinn. Meine Wahrheit, die Identität meines Sinnlichseins ist die Erkenntnis meiner Wahrnehmung, wie ich sie wahrhabe, also nicht Erkenntnis, die aus der Wahrnehmung resultiert, ihr freigelassenes Resultat ist.

Ich kann einen Gegenstand (Sache oder Mensch) zunächst einmal nicht beurteilen. Ich kann ihn also nur wahrnehmen, weil ich ihn wahrhabe, also weil er da ist, und ich ihn für wahr halten muss. Sein Dasein und meine Wahrnehmung sind in dem Sinn identisch, in welchem sie da sind. Noch selbst die äußerlichste Wahrnehmung, die Empfindung des Konsums, ist sich mit dem Gegenstand eins im Glanz der Begierde oder der Lebhaftigkeit des Scheinbaren, der geronnenen Leblosigkeit. In der Wahrnehmung habe ich den Sinn wahr, in welchem ich die Wahrheit eines Gegenstands aufnehme, in welchem ich ihn empfinde. Die Empfindung ist die erste und einfachste Form der Wahrnehmung, worin ich zugleich meinen Sinn wahrhabe. Darin finde ich den Gegenstand so, wie ich ihn wahr finde, wie ich ihn befinde, wie ich ihn fühle. Und wenn mein Befinden sich hiermit begnügt, wenn ich ihn also wahrhaben kann, so mag dies auch die einfache Wahrheit bleiben, gleich, wie bescheiden oder wie tiefsinnig sie ist. Erst wo mein Befinden mir sagt, dass die Empfindung als solche täuscht, nicht als bestimmte Empfindung, wohl aber als gefühlte, wo also mein Gefühl sich gegen die Empfindung regt, da regt sich auch der Zweifel meiner Wahrnehmung: Sie kann so nicht wahr sein, wie sie ist. Was ich wahrhabe, muss ich erkennen, um es anders wahrzunehmen, um also eine andere Wahrheit von meinem Gegenstand zu nehmen oder ein anderes Gefühl für ihn zu haben. Der Zweifel erweist einen doppelten Gehalt der Wahrnehmung, in welcher eine doppelte Beziehung zum Gegenstand sich formuliert. Wäre der Gegenstand selbst doppelt, so ließe er sich darin auch erkennen. In doppelter Beziehung aber ist der Gegenstand zweifelsfrei, wiewohl er zweierlei Bezug zulässt.

Die Wahrnehmung erweist sich so als Form der Erkenntniss, als notwendige Form, die sich dann als Form erkennbar macht, wo sich Empfinden und Befinden widerstreitet. Die Entwicklung der Wahrnehmung als Form für sich hängt davon ab, wie sie sich zu anderen Wahrnehmungen verhält, wie sie zum Inhalt zwischenmenschlicher Verhältnisse wird. Deren Lebensraum bewährt die Wahrnehmung als wechselseitige Wahrheit, als Wahrheit eines Raums, in welchem sie sich selbst Gegenstand ist. Alle Empfindungsurteile darin sind Beurteilung der Gefühle und ihre Wirklichkeit ist so wahr wie ihre Gefühle wirksam sind.

Die Gefühle sind somit selbst Gegenstand der Empfindungen und bewähren sich durch deren Wirklichkeit. Als Empfindung eines Gefühlsverhältnisses wird das Gefühl zu einem Verhältnis zu sich selbst: Selbstgefühl. Darin bewährt sich jedes Gefühl durch Empfindung, wie sich die Empfindung im Gefühl verwirklicht findet. So entspricht das Wahrnehmen ganz seinem Gegenstand, seiner Selbstvergegenständlichung und hat seine Gegenständlichkeit als eigene Wirklichkeit wahr. Sie hat von sich wahr, was sie durch sich wirklich wahrnimmt und nimmt ungebrochen auf, was sie ist. Selbst wenn dieser Raum des Wahrnehmens sich mit allen anderen Räumen dieser Welt total brechen würde, sie blieb für sich wahr, weil sie sich im Gefühl wahr hat. Aber ihre Wahrheit kann nicht sein, weil sich kein Urteil daraus folgern lässt, weil ihre Selbstverwirklichung keine Wirklichkeit sein kann. In Scheinwelten wird Wahrnehmung absolut, weil darin wahrgehabt wird, was Empfindung ist. Daran würde Wahrnehmung zerbrechen, sich selbst auflösen, wenn sie nicht den Gegensatz ihres Empfindens und Fühlens selbst vergegenständlichen würde. Die Wahrnehmungsidentität verändert das Wahrnehmen selbst: Es erhält eine Absicht.

Die Lebensräume der Wahrnehmung, in denen sie sich gegen ihre Wahrheit, gegen die Welt, die sie wahrhat, absichert und entwickelt, sind die Welten, in denen sie ihre Wahrnehmung wahrmacht: Die Welten der Selbstgefühle, in denen das Befinden zum Raum der Empfindung wird: Seele.

s.a.

=> Wahrhaben

=> Empfindung

siehe hierzu auch den Themenabend
"Lebensangst und Kapitalismus"

siehe hierzu auch das Papier
"Lebensangst und politische Kultur"

Infoup4b1b1a1b1b1a1b1a1 Wahrnehmen im Philosophischen Lexikon

Systemup39b2 Einleitung in eine Wahrnehmungstheorie
Systemup39b2 Wahrnehmung
Systemup40a1b Wahrnehmung als Prozess abstrakter Kultivierung

Wahrnehmung

Die Wahrnehmung ist ein Verhältnis, worin Menschen ihre Welt auffassen und für sich erfassen, d.h. gültig machen, wahr machen. So wie die Weltwahrnehmung ist, so sind auch die Handlungen, Gefühle und Erwartungen hierzu. Wahrnehmung kann irren und Menschen können daran irre werden, weil Wahrnehmung getäuscht werden kann und hierdurch für Menschen gültig werden kann, was nicht wahr ist. Was sie für sich wahr gemacht haben ist nicht immer das, was auch wahr ist, kann also anders sein. Wahrnehmung ist weder objektiv noch subjektiv, sie ist beides in einem. Ich nehme wahr, was ich auch auffassen kann. Dennoch habe ich auch das wahr, was ich nicht fassen kann. An der Wahrheit seiner Zeit und Geschichte kommt niemand vorbei, aber wahrnehmen muss er sie nicht unbedingt.

Wahrnehmung ist der Prozess des Wahrnehmens, des Auffassens einer Wahrheit, der in ihrer Erkenntnis endet. Innerhalb der Philosophie wird er je nach philosophischer Ausrichtung entweder als ausschließlicher Prozess des Wahrheit-Suchens genommen (siehe Phänomenologie) oder als notwendige Hürde der Wahrheitsfindung (siehe Idealismus) oder auch nur als Erkenntnisproblem mit der Gewissheit (siehe Positivismus) das mit dem empirischen Verifizieren, mit einem objektiv begründeten Ausschluss von Zweifel überwunden sein soll (siehe auch Nominalismus). Für die Lebenspraxis der Menschen ist Wahrnehmung meist nur die Gewohnheit des Auffassens und wird ihnen erst dann zu einem Thema, wenn sie ihre Wahrnehmungszustände oder ihnen völlig fremde Wahrnehmungen anderer Kulturen zu begreifen versuchen. In der Psychologie gilt Wahrnehmung als Erfahrungsgrundlage des psychischen Erlebens. Hier wird der Begriff Wahrnehmung praktisch meist nur wie der Begriff Kognition (siehe auch Verstand) verwendet.

Damit hat Wahrnehmung aber nur insoweit zu tun, wie sie natürlich auf der Tätigkeit von Sinnesorganen beruht. Diese scheinbar natürliche Seite ist nichts ohne ihre menschliche Subjektivität. Wahrnehmung auf Kognition zu reduzieren kommt dem gleich, Arbeit nur als Anwendung von Arbeitskraft zu begreifen. Wahrnehmung unterstellt natürlich Sinn - auch in seiner einfachsten Form z.B. als Reiz oder auch als Gewissheit des Greifens und Fassens. Zu einer selbständigen Sinnesform jedoch wird sie erst, wo sie gerade dies nicht begreifen kann, wo also ihr Gegenstand nicht wirklich greifbar ist.

Wahrnehmung setzt also immer einen Gegenstand voraus, eine Sache, auf die sich Menschen beziehen. Den wahrnehmenden Menschen an sich oder die Wahrnehmung als Tätigkeit eines Subjekts an sich, als schlichte Subjektivität, als Identität des sogenannten Subjekts gibt es nicht (siehe identitäres Denken). Wahrheit für sich kann Wahrnehmung nicht sein, weil sie sich täuschen kann - nicht als Wahrnehmung, jedoch als Aufspaltung ihrer Inhalte. Wahrnehmung täuscht sich, indem sie ihre eigene Form bestimmt und durch diese Bestimmung Inhalte vertauscht, wie sie es nötig hat, um sich als Identität, wenn auch als verkehrte, zu erhalten.

Die vielfältigen Formen der Wahrnehmung machen ihr Dasein im Menschen aus als Dasein der Beziehung, welche die Menschen zu den Gegenständen ihrer Wahrnehmung haben. Diese Beziehung ist zunächst nur da in den Empfindungen, die Menschen darin haben, in dem Sinn, in welchem sie dies auffassen, finden und befinden, ihre Wahrheit nehmen, wie sie da ist, ohne dass sie hierin schon unbedingte Wahrheit haben müssen (siehe Bedingung). Zugleich haben Menschen in der Wahrnehmung ein Gefühl für den Gegenstand ihrer Wahrnehmung. Sie fühlen, was er ihnen ist, was sie jenseits aller Auffassung schon in ihm von sich wahr haben, bevor sie ihm gegenübertreten, den Sinn, den sie für ihn entwickelt haben, wie er sich in ihrem Sinn gebildet hat - in seinem Entstehen, seiner Natur und seiner Erzeugung.

Wahrnehmung ist beides: Auffassen, Empfinden und Fühlen, Durchdringen, aber nicht beides unmittelbar in einem. Soweit eben Wahrnehmung nicht zur Erkenntnis kommt, bestehen diese Momente unvermittelt: Auffassung und Durchdringung bleiben so getrennt wie Erscheinung und Wesen ihres Gegenstands. Die Wahrnehmung verbleibt als Wahrnehmen, als Tätigkeit der Erkenntnis, die noch Form für sich, also Formbestimmung ist.

Als für sich wahr seiendes und zugleich nur durch Menschen Gewordenes reflektiert sich in der Wahrnehmung das Dasein ihres Gegenstands nicht so einfach, wie es scheint. Er hat seine Tücken, die er in die Wahrnehmung treibt als zweierlei Sinn, die sie durch ihn hat: als Sinn des Leidens, den leidenschaftliche Wahrnehmung hat, und als Sinn ihrer Tätigkeit und Aufmerksamkeit, durch den sie sich auf ihn bezieht. Die Wahrheit scheint in der Wahrnehmung eine aktive und eine passive Seite zu haben, die nicht unmittelbar sein kann, nicht unvermittelt da ist. In der Wahrnehmung ist das Wahrheit finden und das Wahrheit haben also auch nicht unbedingt identisch, sondern nur bedingt. Empfindung und Gefühl sind zweierlei Formen, in welchen der Sinn menschlicher Vergegenständlichung wahr ist und sich vermittelt. Die Menschen sind sich darin zwar gleich, wenn sie sich aufeinander beziehen, aber nur dadurch, dass sie sich darin selbst bewegen, ihre Gefühle durch ihre Wahrnehmungen gewinnen und aus ihren Empfindungen bilden. In der wahrnehmenden Beziehung aufeinander beziehen sich die Menschen in Wahrheit auf sich selbst, auf sich als Bildungsgeschichte und Gegenwart ihrer Sinnlichkeit, auf die gewordene Formen ihrer Sinnestätigkeit, die solange Form für sich ist, wie die Wahrnehmung ihren Gegenstand nicht als Gegenstand ihrer Empfindung durchdringt, ihn nicht vollständig als menschlichen Gegenstand erkennt, ihm entfremdet verbleibt.

Was die Menschen wahrnehmen und wahrhaben, ihre Empfindungen und Gefühle, sind Seinsweisen ihrer Selbstbeziehungen. Was sie hierin an Sinn finden und fühlen ist das, was sie an Sinn geben und nehmen und also wahr haben, gleich, in welcher Form ihre Wahrnehmung bestimmt ist. Das Befinden kann deshalb nicht einfach wahr sein, ist es doch immer dem geschuldet, was man wahrhat, dem Sein, das in den Gefühlen empfunden wird. Die Selbstbezoiehung der Menschen hat daher einen Zwiespalt, welcher die Wahrnehmung nicht unmittelbare Erkenntnistätigkeit sein lässt. Sie verrät in ihrer doppelten Bezogenheit auf sich als Bezug auf anderes die Formbestimmung ihrer Sinnlichkeit: Als Gefühl kann Empfindung nicht sein, aber im Gefühl findet sie ihren Sinn, ihren Inhalt, ihre Subjektivität. Die doppelte Bestimmung der Wahrnehmung wird zwischen Gefühl und Empfindung damit zu einer einfachen: zu einem Sinn, den die Wahrnehmung für sich hat, weil sie zugleich Selbstbeziehung ist, also eine Beziehung, die sich selbst zum Gegenstand hat. Dieser Sinn bleibt sich in der Wahrnehmung gleich, weil er Sinn von und für Menschen ist, der zugleich menschlichen Sinn hat. Indem er sich zu sich selbst verhält ist er zwar menschlich da, sieht aber zugleich vom Dasein menschlicher Sinnlichkeit ab, indem er sich selbst gleich bleibt. Er ist ein für das menschliche Dasein gleichgültiger Sinn, abstrakt menschlicher Sinn.

Darin wird die Beziehung auf einen Gegenstand der Erkenntnis nicht gelebt, sondern erlebt, - in der Trennung erwogen und genommen, wie er da ist. Das Doppelte ist darin einfach unvermittelbar: Indem ich ihn empfinde, muss ich von meinen Gefühlen absehen; indem ich fühle, kann ich ihn nicht empfinden. Die Wahrnehmung wird darin selbst ungegenständlich, dass sie ihren Gegenstand nicht erkennen muss, weil sie ihn für sich erleben kann, seine Gegebenheit also nicht mehr bezweifeln, hinterfragen oder befremden muss, weil sie diese schon als unbezweifelbar nimmt, um zjumindest mit sich einig zu werden, im Wahrnehmen und Wahrhaben eins zu sein. Damit hat sie sich ihm ergeben und hat in dieser Ergebenheit eine abstrakte Identität im Erleben der Welt, auch wenn dieses sehr übersinnlich ist. Wahrnehmung wird zu einer Mythologie, zu einem Erlebniswert, der die ganze zwischenmenschliche Beziehungswelt antreibt, ihre Kultur in eine Szene versetzt, die sich als Zelle eigener Kulte aushalten lässt, Lebensräume schafft und heile Welten, Lebensburgen bildet. Die Selbstwahrnehmungen, die darin entstehen entwickeln Absichten, hinter denen sich Erlebniswerte verbergen und die das Unbewusste dieser Welten ausmachen. In der Entwicklung der Selbstgefühle bildet sich die private Kultur der zwischenmenschliche Beziehungen und ihrer Lebenswerte.

Dass Wahrnehmung zum Gegenstand einer Reflexion werden kann, zeigt schon selbst, dass sie reflektiert ist, dass sie etwas enthält, das sie nicht als einfaches Fortschreiten der Erkenntnis wahr sein lässt, dass wir eben darüber nachdenken müssen, weil wir mit ihr "Probleme" haben (z.B. die Verrücktheit der Wahrnehmung oder ihre Täuschbarkeit). Wenn das Wahrnehmen nicht einfacher Bestand unseres Lebens und Erkennens sein kann, so beweist schon dies, dass sie selbst auch eine Vermittlung enthält, die nicht unsere Erkenntnis ist: Eine Bestimmung des Lebens, die unser Leben unmittelbar bedrängt, die also selbst unser Vermitteltsein erfährt. In der Wahrnehmung erweist sich unser eigenes Sein auch als Sein eines Lebensmittels. Das offenbahrt, dass wir als lebende, als erkennende Menschen zugleich Lebensmittel füreinander sind. Wir leben in und durch unsere Selbstvermittlung als Mensch. Als Lebensmittel kann ich nicht einfach wahr sein. Ich kann nicht vermitteln, was ich bin, ohne darüber zu täuschen, was ich bin: Ich kann mich nicht als Mittel mitteilen. Wahrnehmung ist zugleich Form meiner Erkenntnis von mir. Sie ist als einzelne, bestimmte Wahrnehmung zugleich die Elementarform menschlicher Erkenntnis, also einer Erkenntnis, die auch Form für sich hat. Ihre Momente sind ihr gegenständlicher und ihr subjektiver Stoff (Sache und Sinn), die sich nicht in einer Erkenntnis fassen können, die also in sich einen Begriff bergen, der die Wahrnehmung zu eigener Form bestimmt.

Wahrnehmung ist zunächst eine Empfindung, in welcher zugleich gefühlt wird, was ihren Gegenstand ausmacht, wie er geschaffen und beschaffen, was er für den Menschen, was seine menschliche Substanz ist. In der bürgerlichen Gesellschaft steht er wie sie im Zweifel. Die Erkenntnis ist darin befangen, ob er so ist, wie er erscheint. So ist auch die Wahrnehmung gespalten. Was für sie ist, ist zugleich unbestimmt, etwas, was wahrgehabt wird, ohne wahrnehmbar zu sein. Empfindungen und Gefühle können sich darin nicht unmittelbar einig werden. Was empfunden und befunden wird entspricht nicht unmittelbar dem, was gefühlt wird. In der Empfindung besteht eine Gewissheit, die in der Einfühlung nicht fortbesteht. Im Gefühl hat der Gegenstand eine Beschaffenheit, die für die Empfindung nicht gewiss werden kann. Indem sich das Gefühl in seinem Gegenstand vergewissert, ohne ihn zu empfinden, bezweifelt sich jede Empfindung früher oder später durch ihren Gegenstand, der sich darin verliert.

Wahrnehmung ist in Wahrheit also nicht in sich selbst bestimmt. Sie setzt einen Gegenstand voraus, der für sich keine Wahrheit hat. Sie besteht daraus, seine Wahrheit zu nehmen und sich hierin zu vergewissern, also gegenständliche Erkenntnis als ihre Identität zu haben, die nur dadurch zu einer eigenen Form gerät, dass sich Wahrnehmung und Gegenstand nicht identifizieren können (siehe auch Entfremdung), dass sich Wahrnehmung in der Beziehung auf ihren Gegenstand nicht einafch wahrhat, sondern dass sie ihn nur wahr haben kann, um sich in ihm so wahr zu machen, wie auch der Gegenstand der Wahrnehmung ihre Welt als ihren Lebensraum reflektiert. Wahrnehmen und Wahrhaben sind die Momente der Erkenntnis als Form, die subjektiv als Empfindung und Gefühl im Menschen, als Formbestimmung seiner Lebenswahrheit, äußeres wie inneres Sein in der Wahrheit seiner Form ist. Sofern beides, das außer sich sein der Wahrnehmung wie das Beisichsein des Wahrgehabten, in seiner Form ununterschieden ist, ist die Wahrnehmung als Tätigkeit der Erkenntnis unmittelbar: Empfindung geht in Gefühl auf, bewährt sich in der Erfahrung, besteht als Gewissheit fort und bewahrheitet sich im Wissen mit Gewissen - ungebrochene Gewissheit der Form als Selbstgewissheit des Menschen.

Diese Bewahrheitung kann nur sein, wo das Wahrgenommene mit dem Wahrgehabten eins wird, wo sich also die einzelne Gewissheit im Zusammenhang ihrer Allgemeinheit an ihrem Gegenstand wahr macht, Empfindung und Gefühl ineinander übergehen, ohne in der Wahrnehmung zu verharren oder sich zu widersprechen oder sich auszuschließen. Erst wo zwischenmenschliche Verhältnisse Wahrnehmung selbst vermitteln, Selbstwahrnehumg als eigene Wahrheit begründem, kann sich Wahrnehmung von dem unterscheiden, was wahrgehabt wird und die eigene Wahrheit spalten (siehe Identität)

Zunächst liegt es am Gegenstand der Wahrnehmung, d.h. am gegenständlichen Verhältnis der Wahrnehmenden selbst, wieweit sie sich einig werden können. Wo dieses Verhältnis jenseits des menschlichen Stoffwechsels besteht, kann es sich auch nur in dieser Abstraktion wahrmachen. So bleiben die Gefühle von den Empfindungen getrennt und leben die eine oder die andere Seite des Subjektiven wie Objektiven als konkrete Wahrheit von Empfindungen, die sich in den Gefühlen der Menschen nur gebrochen einfinden können. Was dem einen besonders, ist dem anderen allgemein. Und wie in ihrer Wahrnehmung, so nehmen sie ihre eigene Wahrheit und erleben den Bruch mit sich als eine Form des Überlebens ihrer Menschlichkeit. Diesen zu kitten ist der wichtigste Job der Philosophie und Psychologie.

In der Wahrnehmung können sich Menschen in ihrer Wahrheit (Identität) nicht nur vermöge ihrer eigenen Gegenständlichkeit, sondern auch im Prozess ihrer Wahrnehmung selbst gegenseitig aufheben. Indem sie einander wahrnehmen und ihr Leben auch durch einander Wahrhaben, in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen sind sie sich selbst Objekte wie Subjekte ihres Lebens (siehe Kulturarbeit). Dies erscheint ihnen in dieser Form als menschliche Zuwendung und Abwendung, die sie als Absicht ihrer Wahrnehmung wie aus sich selbst heraus erfahren, wie Gefühle, die ihnen ihr Leben zeigen und beweisen: Seele.

So erscheinen die zwischenmenschlichen Beziehungen wesentlich seelisch, und die Menschen bedürfen einander aus dem Grund, dass unter diesen Bedingungen nur noch die Seele ihre Wahrnehmungsidentität ausmacht. Dies versetzt die Menschen in gegensinnige Beziehungen zu ihren Seelen, deren Tätigkeit als Absicht erscheint, sich ausschließlich für sich wahrzumachen, und andere Menschen hierfür zu brauchen. Die Gefühle sind für die Seele wie Gebrauchsgegenstände, die sie nutzt, um ihre Beziehung auf sich zu bereichern. Jede Empfindung verschwindet so in Gefühlen, die nicht mehr zwischen den Menschen leben können, weil sie durch ihre Seele leben. Sie schließen ihre Identität als seelische Identität ab, um ihre Gefühle nicht zu verlieren. In diesem Sinn müssen sie sich in ihren seelischen Absichten bestreiten. Der Streit geht um ihre Wahrnehmungen und Selbstwahrnehmungen und kann sich unter bestimmten Bedingungen als existentielles Bedrängnis zu einem Wahrnehmungszustand der Verrücktheit entwickeln.

Die bürgerliche Kultur ist die allgemeine Selbstwahrnehmung der Bürger und somit Medium ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen, die zu seelischer Wirklichkeit streben. Daher gründet sie auf der zwischenmenschlichen Wahrnehmung. Sie ist die Form der Selbsterkenntnis des Bürgers, in welcher seine Wahrnehmungen zusammenfinden, ohne Erkenntnis zu sein. In dieser Kultur verbleibt die Erkenntnis außer sich. Ihr Schmerz ist aufgelöst im Zwiespalt zwischen Wahrnehmen und Wahrhaben, das als Identitätsproblem zwischen Empfindungen und Gefühlen besteht. Dieses ist der bürgerlichen Lebensform, dem Besitz, geschuldet, besonders dort, wo er selbst allgemein und unstofflich als Geldbesitz besteht (siehe Warenfetischismus).

s.a.

=> Wahrnehmen

=> Wahrnehmungszustand

siehe auch Empfindung und Gefühl

Systemup39b2 Einleitung in eine Wahrnehmungstheorie
Systemup39b1a Wahrnehmung
Systemup40a1a1 Wahrnehmung als Prozess abstrakter Kultivierung

Wahrnehmungszustand

Ein Wahrnehmungszustand ist ein Zustand der Wahrnehmung, in welcher die Empfindung durch die Kraft eines Gefühls formbestimmt wird und hierdurch das entsprechende Gefühl als bloße, unendlich gewordene Empfindung, als Zustand für sich erscheint, in welchem sich Gefühle einfinden, die erst dann erkennbar werden, wenn man ihre Umkehrung zu denken versteht. So erweist sich z.B. der Angstzustand einer Platzangst erst dann erkennbar, wenn man ihn von seiner gegenständlichen Beziehung her umkehrt, nicht auf Platz sondern auf unendlichen Platzbedarf bezieht, der dadurch entsteht, dass man Angst hat, zu platzen, dass man also aus seiner Lebenssituation heraus so aufgestaut ist, dass jede gefühlte Einengung zum ausschließlichen Lebensproblem in der Wahrnehmung wird. Ähnlich verhält es sich bei allen Ängsten: Z.B. Angst vor öffenlichen Plätzen aus einem durch Vereinsamung unendlich gewordenen Bedürfnis der Selbveröffentlichung; Höhenangst aus einem durch absolute Bindung unendlich gewordenen Bedürfnis nach Bodenflucht usw. Auch in den Gefühlen selbst kann ihre Beziehung zu einander zu einer ausschließlichen Negation, zu einer Paralyse des Gefühlslebens führen, wenn sich ihre einfachen Entgegensetzungen nicht wirklich leben lassen (siehe z.B. Depression). Selbst in dem gegen Nichtigkeit und Vernichtung gerichteten reflexhaften Zwangsverhalten ist die Umkehrung der Wahrnehmungsidentität noch erkennbar. Erst in der Sucht erscheint die Selbstaufhebung vollkommen und diese nicht mehr als Wahrnehmungszustand, sondern als wirklich anderer Zustand des Wahrnehmens, als Zustand des Andersseins.

In jedem Wahrnehmungszustand ist die Wahrnehmung umgekippt in ein bestimmungsloses, also unendlich aufgehobenes Gefühl (Bestimmung) ohnmächtiger Wahrheit. Er setzt also eine Machtfrage voraus, welche die Gewohnheiten eines Verhältnisses der Erkenntnis entzogen haben, z.B. durch einfache Überlastung oder durch systematische Beherrschung mit einer mächtigen Identifizierung in einem eingebürgerten Lebensraum (siehe auch Lebensburg). Ein Wahrnehmungszustand entsteht also meist nicht durch einen bestimmten Anlass; oft ist es die reine Anwesenheit eines unbegründeten Gefühls, eines grundlosen, also unendlichen Gefühls, das Lebensangst macht und das die Selbstwahrnehmung nicht erträgt, weil es ihre Identität streitig macht. Die Empfindungen werden durch solche abstrakten Gefühle, die sich aus ihren Umständen ergeben, schlagartig zu einer Fremdidentität, die sie vollständig beherrschen.

Dies gründet auf einer die Wahrnehmung beherrschende Konfliktlage der Empfindungen und Gefühle, die sich in einer Selbstwahrnemung aufgehoben hatte, weil sich ihre seelischen Grundlagen und Absichten ausgeschlossen haben. Dies setzt Konflikte von Menschen voraus, die sich in ihrem Lebensraum ihre Wahrheit betritten haben oder noch bestreiten, indem sie sich in der Form ihrer Gefühle Wahrheit nehmen (Formbestimmung) und sich darin entleiben. Die entwirklichte Wahrheit tritt als fremde Kraft in einem Menschen in Erscheinung, die seine Wahrnehmung in der selben Weise beherrscht, wie sie den Lebensraum bestimmt hat (z.B. als Eltern-Kind-Beziehung in der Familie). Der eigentliche Grund für den Wahrnehmungszustand ist die durch diese seelische Kraft permanent ausgeschlossene Bildung eines bestimmten Erkenntnisvermögens. Durch die Formbestimmung des Verhältnisses bleiben die Inhalte der Erkenntnis dem betroffenen Menschen und seinem Gedächtnis unzugänglich, weil sie in den Gewohnheiten dieses Lebensraums ausgeschlossen bleiben müssen, um ihn zu bewahren - solange, bis er sich hierdurch zerstört oder verlassen wird. Ein Wahrnehmungszustand gründet also auf einen Selbstverlust, der in einer Entwicklung stattgefunden hat, die zugleich ein Gewinn für die Lebensform und Selbstgewinn der darin Bestimmenden war.

Zwei Momente der Selbstwahrnehmung wirken darin zugleich: Eine seelische Absicht, welche die Selbstwahrnehmung bedrängt (z.B. Gewohnheiten ursprünglicher Lebensräume und des dort entwickelten Sinns für sich - Familiensinn, elterliche Implikationen für die Selbstwahrnehmung wie z.B. abstrakte Selbstbedrohung, welche die Verarbeitung von Wahrnehmungen bestimmt) und eine Fremdbestimmung (Form), welche die Selbstwahrnehmung abweist (z.B. Urteile, Vorurteile, abgewiesene Selbstbestätigung). Hierdurch wird seelische Absicht Form für sich in der gesellschaftlichen Negation. Ein Mensch erfährt dann also seine Wahrnehmung als seine eigene Form. Er empfindet sich, wo er sein Leben nach seinen Gefühlen gestaltet - und kann genau dies nicht ertragen. Die Seele ist in der Klemme und hat Angst. In Angstverhältnissen erdrückt sie sich (Depression), wo sie sich dem entgegenstellt und als Überlebensmacht begründet. In depressiven Verhältnissen flieht sie ihren Sinn (Sucht), um sich gegen ihre Wirkungen zu setzen. Und in süchtigen Verhältnissen bezwingt sie ihren Selbstverlust (Zwang). Unter zwanghaften Bedingungen kann sie nur als selbständige Seele, als rein fühlendes Selbstgefühl im Wahnsinn hervortreten.

So wie die Seele als Absicht der Wahrnehmung zwischen menschliche Beziehungen tritt, nehmen sich die Menschen in der Wahrnehmung ihre Wahrheit (Identität): Als Selbstauflösung (Angst, Depression, Sucht) oder Selbstbehauptung (Zwang) oder Selbstzbezwingung (Verfolgungsangst, Wahnsinn). Es entstehen hierdurch Verrücktheiten, die solange anhalten, wie die Lebensverhältnisse seelische Kräfte abverlangen und als objektive Macht vermittels subjektiver Bedrängung (als objektive Gefühle) wirksam sind. Objektive Macht ist prinzipiell unpersönlich und unerreichbar und verschafft dem Vorteile, der sie zu nutzen versteht. Solange solche Macht bestritten wird, besteht ein Streit um die Macht, besteht also ein Interesse an Macht, ein Interesse an der Machterhaltung durch Besitzwechsel. Erst durch die Erkenntnis ihrer Objektivität kann Macht wirklich aufgehoben und die verschlossene Erkenntnis frei für ihre Wahrnehmungstätigkeit werden.

s.a.

=> Zustand

=> Geschichte