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Die bürgerliche Kultur - Zur Kritik der politischen Kultur 

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Einleitung in die Kritik der politischen Kultur

Das gesellschaftliche Leben der Menschen ist in den reicheren Ländern in einen eigenartigen Widerspruch geraten: Es besteht aus einer ungeheueren Vielfalt von Ereignissen, die geradezu explosionsartig expandieren, während es in der Entwicklung geselschaftlicher Wirklichkeit einer schier endlosen Gleichförmigkeit folgt. Obwohl die wissenschaftliche und technologische Entwicklung der Menschen große Sprünge macht, erscheint deren wirkliche Geschichte wesentlich unveränderlich, von einer Form des Gegebenen gebannt, in der sie beschränkt und auf diese selbst reduziert, zur Lebensform der Begebenheiten geworden ist. Ihre Vielfalt besteht nicht mehr aus der Reichhaltigkeit menschlicher Verhälnisse und Beziehungen, sondern aus Redundanzen des gesellschaftlichen Lebens, nicht aus wirklichen Beziehungen, sondern eher aus Wechselfällen, aus Abwechslungen in einem Prozess der Sinnentleerung, der insgesamt zur Einfalt aller Lebensäußerungen - der Arbeit und der Bedürfnissen der Menschen - treibt. Tragende Lebensereignisse entstehen nicht mehr durch Entwicklung, durch Bildung, Fähigkeit, Arbeit und Vermögen der Menschen selbst, sondern ereignen sich eher wie Zufälle, die unmittelbar wie bloße Begebenheiten wahrgenommen werden, die dem zufallen, der eben mal Glück und Erfolg hat oder auch nicht.

So erscheinen sich auch die Menschen selbst in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen ereignishaft, wie zufällige Begebenheiten, die sich treffen und für ihr Leben dadurch bedeutend werden, dass sich in ihren Beziehungen reizvolle Ereignisse entwickeln, Reize, welche die Einöde unendlicher Gegebenheiten und Gewohnheiten durch besonderes Erleben auflösen. Geschichte wird durch Momente ersetzt, zum Fragment eines Ganzen, das es nirgendwo wirklich gibt. Dies zeigt sich auch in den Individualgeschichten, in denen unrealisierbare Bedürfnisse aufblühen und verwelken, deren Sinn sich in einem universellen Verlangen auflöst, das kein Anfang und kein Ende kennt, weil er selbst ohne Grund, also bodenlos ist. Solche Fragmentierung vollzieht sich in Flüchtigkeiten, weil sie eine Flucht vor Bindungen jedweder Art nötig haben, denn ohne Sinn kann nichts wirklich sein. Solche Beziehungen scheinen zu einer allgemeinen Lebensform geworden zu sein, notwendige Lebensbedingung für Menschen, welche keine andere gesellschaftliche Wirklichkeit mehr haben, als die der Zwischenmenschlichkeit, dem zwischen allem Menschlichen sein.

"In seinem viel beachteten Buch Der flexible Mensch liefert Richard Sentlett (1998) eine wenig positiv gestimmte Analyse der gegenwärtigen Veränderungen in der Arbeitswelt (Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus) Der "Neue Kapitalismus" überschreitet alle Grenzen, demontiert institutionelle Strukturen, in denen sich für die Beschäftigten Berechenbarkeit, Arbeitsplatzsicherheit und Berufserfahrung sedimentieren konnten. An ihre Stelle ist die Erfahrung einer "Drift" getreten: Von einer "langfristigen Ordnung" zu einem "neuen Regime kurzfristiger Zeit" (S. 26). Und die Frage stellt sich in diesem Zusammenhang, wie dann überhaupt noch Identifikationen, Loyalitäten und Verpflichtungen auf bestimmte Ziele entstehen sollen. Die fortschreitende Deregulierung: Anstelle fester institutioneller Muster treten netzwerkartige Strukturen. Der flexible Kapitalismus baut Strukturen ab, die auf Langfristigkeit und Dauer angelegt sind. "Netzwerkartige Strukturen sind weniger schwerfällig." An Bedeutung gewinnt die "Stärke schwacher Bindungen", womit zum einen gemeint ist, "dass flüchtige Formen von Gemeinsamkeit den Menschen nützlicher seien als langfristige Verbindungen, und zum anderen, dass starke soziale Bindungen wie Loyalität ihre Bedeutung verloren hätten" (S. 28). Die permanent geforderte Flexibilität entzieht "festen Charaktereigenschaften" den Boden und erfordert von den Subjekten die Bereitschaft zum "Vermeiden langfristiger Bindungen" und zur "Hinnahme von Fragmentierung". Diesem Prozess geht nach Sennett immer mehr ein begreifbarer Zusammenhang verloren. Die Subjekte erfahren das als Deutungsverlust: jm flexiblen Regime ist das, was zu tun ist, unlesbar geworden" (S. 81). So, entsteht der Menschentyp des flexiblen Menschen: ein "nachgiebiges Ich, eine Collage von Fragmenten, die sich ständig wandelt, sich immer neuen Erfahrungen öffnet - das sind die psychologischen Bedingungen, die der kurzfristigen, ungesicherten Arbeitserfahrung, flexiblen Institutionen.“ (Heiner Keupp in "Niemand kann seinem Schicksal entgehen .." (Alibri-Verlag 2004, S.32 f)

Doch so bedingungslos, wie den Menschen solche Beziehungen jenseits wirklich erkennbarer gesellschaftlicher Bedingtheit erscheinen, so unbedingt sind sie auch. Zum Ereignis ist man gezwungen, zur Selbstdarstellung genötigt. Leben selbst ist zu einer Veranstaltung geworden und wird erzeugt von denen, die damit auskommmen, dass sie sich in ihrem Leben heimlich entwickeln, damit sie es öffentlich machen können. So erlebt man es durch Ereignisse, die aus einem Jenseits der gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen, aus der Privatwelt von eventbegabten Individuen eingebracht werden und sich jeweils als besonderes Kulturereignis aufrichten. Im Event erscheinen sich die Menschen gesellschaftlich, denn darin werden sie gesellschaftlich anerkannt und sind darin auch gesellschaftlich wirksam - im Großen wie im Kleinen. Die Geschichte selbst gilt als eine Ereignis-Konstruktion, auf welche sich die Entwicklung der Kultur der Menschen, die Geschichte ihrer Sinbildung reduzieren lassen solle.

Die Ereignis-Kultur oder Eventkultur ist aber nicht nur eine Plattitüde der Erlebnismanager für gehobene Kulturregsamkeiten, sondern ein eigenes gesellschaftliches Gebilde, das sich innerhalb der einstigen Industrienationen in dem Maße herausgebildet hatte, wie gegenständliche Arbeit, also die Arbeit zur Erzeugung wirklicher Gegenstände, die gesellschaftlich produktive Arbeit, ausgelagert beziehungsweise minimiert wurde, ohne dass diesbezügliches Kapital in eine entsprechende Geldentwertung geraten sollte. Um es wertmäßig zu erhalten, wurde Industriearbeit auf Maschinenproduktion konzentriert und ihr Wert zur Bestimmung für ärmere Länder auf allen Ebenen des Finanzkapitals entwickelt, besonders in den Devisen- und der Rohstoffmärkten. Oder es wurde in rein politisches Kapital, also in Rechte auf Wertaneignung durch Mieten, Lizenzen, Verkehrsmittel, Kulturgüter usw. gewandelt. Gegenständliche Arbeit ist für die gesellschaftliche Beteiligung der Bevölkerung in den reichen Ländern immer bedeutungsloser geworden, während der Geldverkehr an Bedeutung zunahm und mit ihm die Beschäftigung durch ungegenständliche Arbeit, durch Verwaltung, Werbung, Dienste und Verkehr. Die hierin begründeten Beziehungen der Menschen wurden zunehmend und immer auschließlicher zur wesentlichen Wirklichkeit in diesen Ländern, weil nur darin noch gesellschaftliche Existenz erworben werden konnte. Ein großer Anteil der Erzeugung von Lebensmittel wurde durch Importe aus ärmeren Ländern ersetzt; Landwirtschaft, Fischfang, Forstwirtschaft, Manufaktur und einfache Industrie wurden zunehmend unrentabel bzw. in eine Wirtschaft der Kulturpflege gewandelt. Der sogenannte Mittelstand befindet sich in der Schwebe zwischen Zuarbeit und Selbsterhalt. Was zählt ist der Export und also die wirtschaftliche Bestimmtheit durch den Weltmarkt.

Die Eventkultur ist die Kultur des Geldverkehrs, die Kultur von Dienstleitungsgesellschaften, in welchen die Menschen einander zum Selbsterhalt, zu ihrer Regeneration dienstbar sind, ohne wirklich selbst an der Lebensproduktion beteiligt zu sein. Hier wird nicht wirklich gelebt, sondern Leben seiner Wirklung nach erzeugt, um zu Erleben, was das Leben aus sich heraus nicht mehr zu bilden vermag, weil dessen Bildungen nurmehr als Nutzen für die eigene Existenz angeeignet, bloßer Gegenstand des Konsums ist.

Die Entfremdung des Menschen von seiner Sache und die Kultur des Erlebens

Solche Kultur ist Resultat einer Geschichte, in der sich die Kultur des Konsums und die der Lebenserzeugung, Bedarf und Sinnbildung, zunehmend unterschieden und gegeneinander gestellt haben. War in der Zeit der Industrieentwicklung, in der sogenannten Modernen, noch der Glaube an Fortschritt und Naturmacht der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschen vorherrschend, so stehen jetzt die Menschen eher vor den Problemen mit solcher Macht, vor Naturzerstörung, Krieg und Selbstvernichtung. Die menschliche Geschichte hat sich in der Geschichte des Kapitalismus nicht nur zunehmend anachronistisch gestaltet, sondern sich zudem in Lebensgefahr gebracht. Durch diese ist das Ansinnen der Menschen selbst in Frage gestellt. Inwieweit stellt diese Geschichte überhaupt noch menschliches Leben, den Prozess menschlicher Identitätsbildung, Wahrheit und Wirklichkeit des Menschseins dar?

Die Zeitgeistideologen wollen einen "Geburtsfehler" der Menschheit ausgemacht haben (Peter Sloterdijk), eine angeborene Unfähigkeit zur Selbsterhaltung, ein Hang zur Traumatisierung des Lebens, zu absolutem Eigennutz, zur Zerstörung und Selbstentleibung. Das ist in Krisenzeiten für bürgerliche Intellektuelle kein sonderlich neuer oder origineller Begriff zur Beschreibung der eigenen Lebenszeit. Er wurde seinerzeit zum Beispiel auch schon von Sigmund Freud entwickelt, der in seinem "Unbehagen der Kultur" einen Todestrieb als Wesenstrieb der Menschen einführte, der sie zu einem inneren Widerstreit mit ihren "Lebenstrieben" dränge. Die selbstzerstörerischen Tenden der menschlichen Kultur seien anders nicht erklärlich. Das Leben der Menschen scheint also schon seit jener Zeit nicht mehr so einfach zu "funktionieren"; Krieg und Verelendung wurden für die gesellschaftliche Wahrnehmung auch kulturell und politisch immer bedeutsamer, gesellschaftiche Dekadenz augenscheinlich. Ein Abgesang der bisher vertrauten Selbstverständlichkeiten menschlicher Lebensäußerungen ist solcher Weltwahrnehmung nötig geworden. Humanismus sei für diese Geschichte unsinnig geworden - erörterte dereinst Martin Heidegger - und immer dringlicher erschien schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ein höheres Prinzip, ein Übermensch, ein Stachel für sinnvolle Geschichtsbildung (Nietzsche), politische Führungsmacht zur "Erhaltung der Art". Was die Neocons in den USA heute wieder aufgreifen um damit "Weltordnungskriege" zu begründen, ist nicht neu.

Menschliche Geschichte aber kann kein übermenschliches Produkt sein. Es kommt in solcher Lebensauffassung eher die zynische Beziehung der bildungsbürgerlichen Intelligenzia auf das Leben der Menschen zum Tragen, das Verhalten der Eliten zum "gewöhnlichen Volk". Die menschliche Horde treibe eben nur Unsinn, weil sie keinen Verstand für das Allgemeine habe. Sie müsse immer geführt und geleitet werden von der Notwendigkeit eines allgemeinen Seins durch ein Sein im objektiv Allgemeinen. Darin wird der Intellekt unmittelbar politisch und lässt Politik intellekttuell erscheinen. Er begründet und ermächtigt sich schließlich selbst aus der puren politischen Notwendigkeit eines Gemeinwesens, das seine Unmenschlichkeit zur politischen Übermenschlichkeit zu wenden versucht und die Diktatur des Kapitals zur Diktatur eines vorgestellten Allgemeinmenschen, eines Volkes, einer Kultur oder einer Religion usw. machen will. Dies gründet auf der Behauptung, dass sich Menschen über ihr allgemeines Wesen garnicht einig sein könnten - eben weil sie nur vereinzelte Individuen seien. Nur in dem vorgestellten Allgemeinen, in einer Idee des allgemeinen Seins, in einer Ideologie, könne sich allgemeiner Sinn ergeben, denn nur darin liege menschliche Freiheit letztlich begründet, die in der Sache und durch sie schließlich erst verwirklicht werden müsse und könne. Die Versachlichung der Idee verschmilzt auf diese Weise mit der politischen Allgemeinheit, welche die Sache im Kapital auch wirklich hat. Es lebe die Sache im Leben der Menschen für sie!

Doch auch um die Sache steht es schlecht, weil sie ohne Menschen auch nicht sein kann - sie entsteht und vergeht schließlich nur durch sie. Auf einem Markt, der vor allem nur Geld entwickelt, gerät sie in Dimensionen des Mangels und des Überflusses, worin sich ein Quantum fortbestimt, das jenseits der Menschen zwar keine wirkliche Qualität hat, das aber durch die Verwertungssucht alles qualitative Leben bestimmt und beherrscht. Für sich ist und bleibt die vergeldlichte Sache unendlich zwanghaft und besteht letztlich nur aus Macht und Gewalt, welche die Unterwerfung der Menschen fordert - eben weil sie ohne diese nichts ist. Sie scheitert aber auch immer wieder an den Menschen, denn die müssen sich ihren Erfordernissen, der "Vernunft der Sache", der Vergeltung durch Unterwerfung, verweigern, weil sie ihnen so unerschwinglich wie auch ungeheuerlich ist. Solange es Leben auf ihr gibt, kann die Welt selbst eben nicht nur Geld sein und wenn sie nur Geld wäre hätte dieses jeden Zweck verloren.

Die Politik indes wird aber tatsächlich immer sachlicher. Man setzt sich hie und da auch schon wieder offen und militärisch für eine "Kultur der Macht und Stärke" ein, - im Glauben, dass nur diese die Welt der Menschen anleiten könne, wenn die nötigen Menschenopfer hierfür erbracht würden. Die Elite gibt sich besorgt und in Verantwortung um das Leben der Menschen und gemahnt an hochwertige Lebensgrundlagen, an denen jeder Mensch zu fordern sei: "Du bist Deutschland". Sieh zu, dass Du auch was dafür tust. Was aber solche Elite besorgt und betreibt, ist nur auf der Seite der Sachgewalten entstanden und will nichts anderes, als diesen ein menschliches Gesicht aufsetzen, die Menschen an sie anpassen - mit der Behauptung, dass solches Leben eben "ihre ureigenste Sache" sei. Ihr Einsatz hierfür sei Grundlage aller menschlichen Freiheit und Geschichte, die von den niederen "Trieben des Todes", des "Ungeistes" und der Boshaftgkeit lebensfremder Zerstörungsmacht notwendig auch bedrängt sei. Heute stelle sich dieser Widerstreit nicht mehr nur im Leben der Menschen dar sondern weltweit als "Kampf der Kulturen", in welchem die menschliche Geschichte angelangt und worin ihre Überlebensfrage gestellt sei. Der gute Mensch, insbesondere der der in seiner Güte fortgeschrittene Christenmensch, sei zur Weltordnung aufgerufen und auch berufen, diese durchzusetzen - und die Nato sei das beste Mittel hierzu (so Samuel Huntigngton in seinem Buch "Kampf der Kulturen").

Doch solche Lebensbehauptung kann nicht sehr lebendig sein, gründet sie doch lediglich auf Todesmacht. Die Kulturalisierung der Entgegensetzung zeigt eher eine Lähmung der Geschichte selbst auf. Man sagt, wir seien in einer Epoche der "Postmodernen" und meint damit einen Nachgesang der Modernen und der Antimodernen, das Ende aller Klassenkämpfe und Gesellschaftssysteme, Reduktion aller Widersprüche auf ein Sein für sich als Dasein für alle. Es soll damit das gegebene Dasein als das Sein ohne Fortgang festgeschrieben werden zu einem Sein ohne Geschichte und ohne eigene geistige Position. Das aber wäre eine sehr unsinnige Epoche, eine Epoche des Unsinns, denn ohne Endlichkeit und Gewissheit kann auch kein Wissen des Seins, kein Bewusssein möglich sein. Die "Postmoderne" ist ein leeres Überwort des Seinsverständnisses der Neolibelralen. Aber dieser Begriffsschwall der Unendlichkeit macht sich schnell absurd, sieht er doch ausdrücklich und definitiv vom wirklichen Leben der Menschen ab. Er trifft vielleicht auf das Denken zu, das sich selbst zum Nachgesang gereicht, in sich selbst abstrakt geworden ist, weil es jeden Grund verloren hat und sich von daher den Mühen der Analyse dieses Lebens zu entziehen sucht. Einst hatte es sich noch als Konstrukteur der Welt verstanden. Jetzt wirft es dieser ihre Konstruiertheit vor und stellt schlicht fest, dass es keine Entwicklung, keine Entfaltung, keine Geschichte, also kein Leben mehr gäbe.

Als epochale Festschreibung der Undenkbarkeit einer Veränderung ist solches Denken das sublimste Werkzeug der Unterwerfung der Menschen unter die Macht der Gegebenheiten. In sich schon ist diese Behauptung widersinnig, ist sie doch Teil der Geschichte und also selbst auch geschichtlich gemeint. Sie will geschichtlich sein und hält Geschichte zugleich für unmöglich. Auf so einen Blödsinn kommt nur, wer Interesse an Dummheit und Verdummung hat, wer vorgaukeln will, dass alles was ist, so gut sei, dass es nicht zu verändern wäre, und so mächtig, dass jeder Widerstand zwecklos sei. Das ist eine Auffassung, die zugleich zwei Täuschungen transportieren soll: Es sei die Macht, welche die Welt zusammenhält und es sei die Geschichte an ihr letztmögliches Ende gekommen und "aus gutem Grund hinfällig" geworden - es sei eben die Masse der Menschen, die nicht mehr weiter käme und die nur durch Einsatz von Macht zu erhalten sei. Die Schmiede des eigenen Glücks, die individuelle Selbstentfaltung, welche die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft war, wird nun durch diese selbst zum Erlöschen gebracht, indem ihre Hinfälligkeit als Pflicht gegenüber dem Machterhalt begriffen werden soll. Die bürgerliche Gesellschaft soll durch Selbstverpflichtung ohne Bürge fortgeschrieben werde, als bloße Verschuldung des Bürgers an der Sache seines Lebens, an der Gewalt einer Welt, die nurmehr als Pflicht erscheint - das ist der eigentliche Skandal dieser Position.

Die Erscheinung von Welt und die Welten des Scheins

Durch solche Formulierung wird allerdings zugleich konstatiert, dass die Zeit selbst tatsächlich geschichtslos geworden ist, dass in ihrem Verlauf keine Geschichte stattfindet, dass nichts wirklich vergeht und nichts Wirkliches entsteht, obwohl die Wirklichkeit alles bestimmt. So genommen wäre Geschichtslosigkeit eine Erscheinung davon, dass Geschichte keine Wirkungen zeitigt, dass sie nicht wirklich ist und also eine unwirkliche Erscheinung sein muss, eine Erscheinung von etwas, das nur im Vorbeigehen Wirkung hat, ohne wirklich zu sein, Erscheinung eines allgemeinen Wesens ohne wirklichen Grund: Real erscheindenes abstraktes Allgemeinwesen. Es wäre die Erkenntnis einer Scheinwelt und es wäre somit die äußerste Notwendigkeit einer grundlegenden Kritik am Räderwerk dieser Welt formuliert, das Ende der bürgerlichen Gesellschaft in der vollkommenen Unwirklichkeit des Menschseins.

Eine Geschichte, die nicht wirklich sein kann, ist eine Geschichte, die keine wesentliche Bewegung hat, sich also nicht wesentlich durch die Geschichte der Menschen, sondern sich nur durch ein Wesen der Abstraktion begründet. Es ist eine heimliche Geschichte mit unheimlicher Wirkung: Sie richtet sich gegen die Menschen selbst, gegen ihre Selbstverwirklichung als menschliche Wesen durch ihre Selbstverwirklichung als Privatpersönlichkeiten. Die Entfremdung des Menschen von sich, seiner Welt und seiner Gattung erscheint heute in den reichen Ländern als ihre Eigenwelt, als Selbstbestimmung eigener Wirklichkeit, in welcher sich die Entfremdung der Menschen gegen ihre gesellschaftliche Wirklichkeit, gegen ihre eigene Kultur vollzieht.

In ihrem wirklichen gesellschaftlichen Zusammenhang wird der Rückgang subjektiver Gegenwärtigkeit und Kraft erfahren. Wo sie zur Selbstverwirklichung nicht dienen kann, ziehen sich die Menschen aus ihrer gesellschaftlichen Lebenswelt zurück und suchen ihr Heil bei sich selbst. Die Entfremdung der Menschen von ihrer gegenständlichen Welt entfaltet von daher vor allem Selbstsucht, einen Selbstgewinn, der solche Entfremdung lediglich vertraut erscheinen lässt. Im eigenen Leib wird das Fremde als Eigenheit erlebt, als Selbstwahrnehmung, die Selbstverwirklichung sein soll. Diese zeigt schon in ihrer Anstrengung die Erfordernis, der sie Folge leisten muss, der Botschaft, welche die Sache ihr eigegeben hat. In der Getriebenheit der Menschen erfahren sie als Individuen für sich, als vereinzelte Einzelne, die Entfremdung von ihrem eigenen Menschsein, von dem gesellschaftlichen Wesen, das nurmehr in ihnen selbst wie ein unerkennbarer Antrieb ihrer Getriebenheit als Erlebensgier wirksam ist. Je mehr sie in der Welt und ihren zwischenmenschlichen Beziehungen nurmehr sich selbst erleben, desto sinnloser wird ihnen ihre Geschichte darin, desto öder ihre Bedürfnisse und desto ohnmächtiger ihre Kraft. Ihre gesellschaftliche Nichtigkeit bewegt sich in der Vielfalt von Selbstgestaltungen, welche die Geschichtslosigkeit des Lebens durch eine Fülle von Erlebnissen ersetzen. Darin wird das bekannte Leben zu einer Welt der Reize, in welcher sich reproduziert, was seinen wirklichen Sinn längst abgegolten hat, was eben nur dadurch fortbesteht, dass es noch zur Anmache taugt. Die Kultur des Erlebens, die Eventkultur lässt die Menschen an ihr Überleben unter Bedingungen glauben, die sie nicht mehr beeinflussen zu können meinen.

Vergangene Geschichte füllt als Reiz des Erlebens in ästhetischer Form die Wahrnehmung umso mehr aus, wie die Wirklichkeit, die sie wahrhat, immer grobschlächtiger, brutaler und barbarischer wird. Es sind nicht mehr alleine die Fetische des Bewusstseins, durch welche die Menschen in den reichen Ländern ihre eigenen Produkte als Sachgewalten einer ihnen mystifiziert gebliebenen gesellschaftlichen Macht auffassen. Sie selbst sind sich ein leibhaftiges Mysterium, als Gefühlswelt einer Güte, in der sie sich unendlich mächtig und allseitig bezogen erscheinen, wodurch sie aber zugleich auch unendlich von den Mächten des Selbsterlebens befangen sind, denen sie sich dabei unterwerfen. So erleben sich die Menschen selbst als Übermenschen, denen lediglich ihre Gegenwärtigkeit genommen ist, die geschichtslos und wesenlos bleiben, wenn sie sich nicht gegen ihre gemeine Kultur hervorkehren, wenn sie nicht zu einer ästhetischen Prominenz ihrer Selbstwahrnehmung gelangen. Und so haben sie Teil an einer längst überwältigten Welt ihrer Gefühle, indem sie zu einem Objekt ihrer Selbstidolisierung werden. Sie glauben sich im Schoß ihrer Selbstverwirklichung, während sie aneinander nur vollziehen, was ihnen geboten ist. Sie vollziehen als Selbstverwirklichung, was sie in ihrer Wirklichkeit auch sein müssen..

Es ist eine doppelte Selbstverneinung, die sich als unendlicher Glücksanspruch in ihnen auftürmt. Die Erwartungen an ihre zwischenmenschliche Beziehungswelt macht jede Möglichkeit ihrer Verwirklichung obsolet. Und der durch seine Unwirklichkeit potenzierte Mangel ist eklatant - und so auch das Gefühl hiervon. Ohne irgendeine Art menschlicher Verbindlichkeit versackt jede Regung in innerer Leere und verlangt nach einer Verbundenheit, die es nicht mehr wirklich geben kann. So machen sich Sehnsüchte und Ursprungsromanzen und Gefühle der Gotteskindschaft wieder breit und Erweckungsbewegungen, Sekten und alle andereren Formen des allgemeinen Selbsterlebens sind heftig im Kommen. Re-Ligio, die Verbundenheit schlechthin muss sein, wo sonst nichts ist, wo die pure Abstraktion herrscht. Wir kennen das schon länger. Aber zunehmend sind es die Ereignisse in den Medien und Arenen, welche die Menschen bewegt, wo ihre eigene Bewegung kein Fortkommen mehr erbringt. Die Selbstwahrnehmung hat hierdurch immerhin eine Art von Welt, worin sie sich weltlich erscheinen kann. Sie bekommt hierdurch ihre Gesellschaft, einen allgemeinen politischen Inhalt, der sich als Geschichte der allgemeinen Selbstwahrnehmung gestaltet und allgemeinen Sinn macht. Es ist der Sinn eines allgemeinen Anreizes, der Ästhetik einer politischen Prominenz, die schließlich auch zunehmend die Kultur der Menschen politisiert. Gerade wo Politik nicht mehr zu einer wirklich gesellschaftlichen Entwicklung beitragen kann, wird politische Kultur zum Leitfaden allgemeiner Selbstverwertung und Selbstwertigkeit, welche Gesellschaft ersetzen soll. Es bildet sich auf diese Weise eine sublime Kultur-Elite, die ganz so sein will, wie wir alle, eine Elite, die uns alle sich einzuverleiben sucht. Diese kulturelle Entleibung findet in dem Maße statt, wie die Selbstentfremdung der Menschen massenhaft durch Kultur befriedet und durch Erleben ersetzt werden muss.

Der Lebensentzug findet daher nicht nur außerhalb der Menschen, sondern auch in ihnen selbst statt. Und das ist das eigentliche Problem der Menschen in unseren Breitengraden. Hier herrscht kein wirklicher Mangel an Lebensmitteln. Angebote von Gütern aller Art gibt’s im Überfluss, weil hier das Kapital vor allem das Problem hat, seine Wert-Produktion in Gang zu halten und deren Krisen zu überwinden. Es muss ja - seinem Verwertungstrieb folgend - immer mehr produzieren, um seinen Wert überhaupt zu erhalten und abzusichern. Und das kann es nur durch gesteigerten Konsum. Es ist nicht neu, was als Problem auf der Ebene der Konsumtion auftritt:

"Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde." (Karl Marx, MEW, Bd. 25, S. 501).

Nichts wäre dem Kapital lieber, als eine allgemeine Sucht der Menschen nach unendlich vielen Produkten, die durch eine immer selbstlosere und geringer wertige Arbeit verdient werden müssten, also eine hohe Abhängigkeit enthalten. Massenkonsum ist so auch zum Hauptmerkmal des globalen Kapitalismus geworden, der sich durch den Wertimport aus armen Ländern dahin gewendet hat, den Konsum in den reichen Ländern anzufachen, auch wenn dieser dort keine gesellschaftliche Substanz hat, nicht unbedingt die Bedürfnisse befriedigt, die in reichen Ländern entstehen. Aber um wirkliche Bedürfnisse geht es auch nicht mehr. Im Konsum sind alle Bedürfisse gleich. Sie bilden lediglich die Grundlage des Erlebens von Befriedigung als Befriedung ihrer gesellschaftlich erregten Leere. Die Erlebensgier verwirklicht sich als Befriedigungssucht.

Dieses Befriedigungsstreben besteht im Grunde nur aus dem Versuch, die eigenen Notwendigkeiten als Objekt von Geldverhältnissen zu überstehen, um durch sie belebt zu werden, um den eigenen Sinnverlust durch eine Herrschaft über die Befriedigungsmittel zu kompensieren, um sich darin also als Subjekt dieser Verhältnisse zu erscheinen, sich im Erleben von Befriedigung zu gewinnen – sich selbst zu erleben. Dies macht auch den Zweck und Antrieb einer Individuation aus, die sich freiwillig erscheint, wiewohl sie Reaktion auf Sinnlosigkeit ist. Im Geldverhältnis ist jedes Individuum als Mensch doppelt bestimmt: Subjektiv als Zwischenmensch, der sich allseitig auf die Menschen bezieht, sich durch ihr Leben vermittelt und bildet und daher in seiner Selbstbezogenheit allgemein menschliche erscheinen kann. Und objektiv ist es bestimmt in dem einseitigen Zwang, Geld zu erwerben, selbst Sache des Geldbesitzes zu sein, um sich als allgemeines Individuum zu erhalten. Der Geldbesitzer ist der leibhaftige Zwischenmensch, der zwischen sachlichem und menschlichem Sein sich im Zweifel um seiner selbst willen bewegt und weder das eine noch das andere wirklich beherrschen kann, worin er sich mächtig fühlt. In allem muss er flexibel, also gebeugt sein, weil er selbst nichts sein kann, weil seiner Welt der Möglichkeiten eine Nichtigkeit zugrunde liegt, die Lebensangst macht, wenn und wo sie wahr wird.

Im Großen und Ganzen werden die Menschen hierdurch zu ihrem eigenen Opfer bestimmt. Die Sucht frißt auf, was in ihrem Leben entsteht, lässt allgemein zugrunde gehen, was im Einzelnen ihre Lebensäußerungen sind. Alles, was sie noch hervorbringen, geht ein in die Erlebenswelten einer Kultur, die das Erbrachte im Erlebenskult verschleißt. In dem Maß, wie sie sich dem Erleben überlassen, erscheinen sich die Menschen für ihr eigenes Leben nicht mehr kompetent, wird ihnen ihre Selbstwahrnehmung zu einer Fremdwahrnehmung. Der Menschenpark ist der Erlebenspark einer Kultur, die menschliche Sinne dadurch beschränkt und bestimmt, dass sie den Menschen Sinn durch Reiz ersetzt, dass es sie reizvoll unterhält, sie erregt und ihre Erregung wieder befriedigt. Das "Tittytainment" ist als Schlagwort längst in der Wirklichkeit angekommen. Im absoluten Konsum sollen die Menschen besinnungslos werden und unendlich viele Prothesen für Identität verschafft werden, worin sich nurmehr der Verwertungszwang des Kapitals verwirklicht. Und das ist ausdrücklich und explizit vom bestehenden Weltmanagement gewollt, sei es auf den Weltwirtschaftskonferenzen (siehe hierzu die Beschreibung des Tittytainments durch ...), sei es in der programmatischen Erklärungen der neoliberalen Politik (vergl. hierzu "Rebuilding of Americas Defence").

Das globale Kapital hat nicht nur die räumliche Form des Kapitalismus und damit die bürgerliche Gesellschaft aufgehoben, sondern auch einen neuen Lebensraum erschlossen: Die unmittelbare Körperlichkeit der Menschen. Er hat ihr gegenständliches Verlangen nach Produkten zur Erhaltung und Entfaltung ihres Lebens zu einem Bedürfnis des Selbsterlebens gewendet, worin ihnen ihre Kultur selbst gleichgültig wird, Sie erscheinen sich darin selbst als ausschließliche Kultursubjekte, die keine gesellschaftliche Beziehungen über ihre Bedürfnisse nötig haben. Die Bedürfnisse.der Menschen sind von ihrer Wirklichkeit getrennt, weil ihr Erzeugungsprozess selbst nicht mehr von den Menschen getragen wird. Das globale Kapital produziert nicht für menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art, es produziert Bedürfnisse von besonderer Art. Ihm geht es weniger um den Arbeitsprozess als solchen, als um die Funktionalität der menschlichen Bedürfnisse für eine Produktform, die ihren Bezug zu menschlichen Bedürfnisse aufgegeben hat und vor allem den Notwendigkeiten des globalen Kapitals folgt, die Fiktionen vorgeschossener Geldüberflüsse einzulösen.

Bedürfnis und Gegenstand, Selbstwahrnehmung und Selbsttäuschung

Bedürfnisse entstehen qualitativ aus dem Verhältnis zu ihren Gegenständen. Darin vollzieht sich die Notwendigkeit ihrer Natur im Verlangen nach einer Sache, wie sie für den Menschen ist und sein soll, wie er durch sein Verlangen seinen Gegenstand bildet und durch ihn gebildet wird. Es ist Sinnbildung schlechthin. Das unterstellt die Selbstbestimmtheit eines stofflichen und kulturellen Zusammenhangs der Menschen, worin Gegenstände entstehen, welche zu menschlichen Bedürfnissen in geschichtlicher Beziehung stehen. Sie sind daher sowohl für Menschen nützlich, also in ökonomischer Beziehung, als auch dem geistigen Inhalt nach menschlich, Kulturgut der Menschen.

Die Beziehung von Bedürfnis und Gegnstand macht das menschliche Leben aus. Das Bedürfnis ist das notwendige Verlangen des Lebens nach seinem Gegenstand, nach seiner Vergegenständlichung in seiner vermenschlichten Naturstofflichkeit, Grundlage aller menschlichen Geschichte und menschlicher Identität. Das, was die Entfaltung in eigener Lebenswirklichkeit, die Freiheit des Menschen zu eigener Lebensgestaltung ausmacht, bestimmt sich aus den Bedürfnisen, die Menschen aus ihrer Beziehung zueinander entwickeln. In den menschlichen Bedürfnissen steckt die Substanz des menschlichen Lebens, ist die Subjektivität der Freiheit, welche Einsicht in ihre Not, in die Notwendigkeit und Bedingung ihres gegenständlichen Verlangens hat.

Menschliche Identität verwirklicht sich in der Aneignung menschlicher Erzeugnisse durch das erzeugende Subjekt, also durch die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Diese kann daher nicht passiv sein, wie sie in hedonistischen oder psychologischen Theorien aufgefasst wird. Es findet darin die Verwirklichung der Erkenntnisse statt, welche in die Herstellung des befriedigenden Gegenstandes eingegangen sind. Die Befriedigung selbst ist ein Akt der Erkenntnis, worin ihre Wahrheit oder Täuschung wirklich wird. Bedürfnisse entspringen nicht einer gesellschaftslosen Natur und haben keine Kultur nötig, die sie gesellschaftlich zu bestimmen hätte, enthalten auch nicht ungezügelte Natur und geistige Vernunft als Widerpart. Sie sind nicht natürlich oder geistig, sondern beides, Stoff und Geist in einem als Moment einer natürlichen Kultur der Menschen. Die Trennung von Erkenntnis und Bedürfnis, wie sie besonders durch die Aufklärung, faktisch aber auch bei deren Kritikern (z.B. Adorno in seinem Fetischismusbegriff) betrieben wird, ist ein Unding, durch welches jede Wahrheit ins Jenseits der Welt verlegt wird, in eine Erkenntnis, die sich ohne Bedürfnis gibt, wiewohl ihr immer ein Interesse an Wahrheit unterstellt wird. Aber diese Wahrheit kann letztlich nur gegenständlich und ohne Befriedigung des Menschen nicht sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass alle Bedürfnisse wahr sind oder Maßstab von Wahrheit wären. Ihre Wahrheit besteht in ihrer Gegenständlichkeit, worin auch der Schmerz der Entzweiung enthalten ist, die Abgetrenntheit und Ausschließlichkeit ihrer Gier gelitten wird. In diesem Leiden selbst ist das Bedürfnis eins mit seinem Gegenstand, Subjektivität und Objektivität verschmolzen.

In den Bedürfnissen der Menschen geht es nicht einfach um Befriedigung im Sinne von Zufriedenheit. Sie entwickeln und entwerfen darin den Gegenstand ihrer Befriedigung aus der Entfaltung, die sie eröffnet, das Verlangen nach Entwicklung und Gestaltung des Lebens, das immer wieder unzufrieden mit sich werden kann. Bedürfnisse machen den Fortschritt und Sinn einer jeden Geschichte aus, das Glück des „In-der-Welt-seins“. Wo es keine wirklichen Bedürfnisse mehr gibt, da ist die Freiheit der Menschen und also ihre Geschichte aufgelöst. Ohne die Freiheit, zu bestimmen, was ihnen nötig ist, ohne ihr Verlangen nach einer Lebensgestaltung, welche sich in den Notwendigkeiten des Lebens gebildet hat, löschen sie ihre Subjektivität, ihr Dasein als lebendige Subjekte aus.

Aber wo Bedürfnisse selbst durch Masse bestimmt sind, der Ausbreitung Desselben in Vielem folgen müssen, substantiviert sich nur ihr Quantum. Selbst wo die sogenannten Neuigkeiten auf den Markt kommen, ist leicht zu vermerken, dass sie qualitativ nichts Neues für menschliche Subjektivität erbringen. Wenn es nur um Geschwindigkeit, Buntheit und Ausdehnung geht, wird das Erleben zwar eindrucksvoller, nicht aber die Befriedigung der Menschen bereichert, die neues Tun erwecken, Geschichte bilden. Objektiv ermöglichen z.B. verbesserte Kommunikationsnetze und Verkehrsnetze usw. schnellere, universellere, flexiblere Beziehungen - die zugleich meist auch flüchtiger und oberflächlicher sind - aber wo sie einer qualitativen Veränderung des Lebens zu einem wirklich besseren, einen bereicherten Lebensstandard in Richtung Autonomie kleinerer Märkte dienlich wären, z.B. als Veränderung der Energieversorgung in Blockkraftwerken u.a., da versagt ihre Konkurrenz- und Durchsetzungsfähigkeit.

Wo die Masse herrscht, geht es um die Quantifizierung bestehender Bedürfnisse, und damit um ihre Formierung, um die Formbestimmung von Bedürfnissen, die in die bestehende Massenproduktion eingebahnt werden müssen. Der Prozess der Entwicklung von Bedürfnissen, der auf einem bestimmten Stand der Produktivität beruht, der Kulturprozess selbst gerät ins Stocken.

Es scheint daher, als ob hier die Bedürfnisse der Menschen überhaupt nicht mehr entwickelt oder artikuliert werden müssen, keine Geschichte mehr haben, weil sie von vornherein dem Quantifizierungsbedürfnis des Kapitals entsprechen, dass sie selbst nur gierig geworden sind auf mehr, schneller, weiter und größer, auf qualitätslose Quantifizierung von dem, was schon da ist. Solche Bedürfnisse sind in der Tat Bestandteil einer tatenlosen Massenkultur, Formbestimmtheit eines Verlangens, das seine Notwendigkeit nicht erkennt, keinem Sinn folgt. Sie werden schon durch das Angebot befriedigt, durch den Reiz einer Sache, die schon verzehrt ist, bevor aus den Lebensverhältnissen der Menschen überhaupt ein Verlangen nach ihr aufkommen kann.

An den Mitteln zur Befriedigung mangelt es nicht. Es mangelt allgemein an Sinn, an Mitteln, die zum Leben wirklich und sinnvoll nötig sind, an sinnerfüllter Tätigkeit, an sinnvollen Wohnungen, guter Ernährung und natürlichen Lebensumständen, an Lebendigkeit, an begründetem Sein, an Wesen und Tiefe im Leben der Menschen. Stattdessen steht Masse im Angebot, unendlich viele und oft sinnlose Dinge, Gegenstände, die kein Verlangen befriedigen sondern nur Verlangen erwecken, das sich auf einen Reiz, auf Erregung, auf Anmache zur Befriedung reduziert.

Die Reduktion wirklicher Bedürfnisse erfolgt über ästhetische Kräfte, welche die Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung der Menschen beeindrucken. Sie wirken also nicht notwendig von außen, sondern beherrschen die Selbstwahrnehmung der Menschen dadurch, dass sie gegenstandslose Wahrnehmung durch sinnlichen Anreiz ersetzen. Weil die Menschen in der ungegenständlichen Welt des Geldverhältnisses sich selbst nichtig empfinden, suchen sie nach Selbstwert, der sie zu unendlichem Selbstgefühl erhebt. Und dieses hat seine Wirkung in zwischenmenschlichen Verhältnissen. So gründet das Verlangen der Menschen nach einander wesentlich auf Selbstwahrnehmung, vermittelst derer sie sich wechselseitig beeindrucken, soweit sie in der Lage sind, diese lebbar zu machen, und das heißt: zum Erleben zu bringen. In den zwischenmenschlichen Beziehungen regt sich das Leben der Menschen, aber in seiner Gegenstandslosigkeit wird es zur Selbsterregung gebracht und erzeugt Reize, welche die Menschen vor allem nur auf sich selbst zurückwerfen.

Der Gegenstand solcher Beziehungen ist der Mensch für sich. Er soll Erlebnisse verheißen, die Frieden stiften, wo Unzufriedenheit über den Verlust gegenständlicher Wirklichkeit herrscht. Darin wird die Selbstwahrnehmung einzig in ihrem Selbstwert befriedigt, im Beisichsein erhabener Selbstgefühle. Darin ist eine Selbsterregungen lebendig, die sich zumindest zu Hause fühlt. Wie das Bedürfnis, so hat sich somit auch das zwischenmenschliche Erleben dem Verlangen nach menschlicher Wirklichkeit entzogen. Durch das expandierende Selbsterleben werden wirkliche Bedürfnisse nicht nur ersetzt, sondern zugleich auch wirklich zunichte. Ihre Gegenstände mögen nach wie vor den Notwendigkeiten des Stoffwechsels folgen; ihr Sinn aber besteht nicht mehr hieraus, weil dessen wirkliche Kultur in übermäßiger Wirklichkeit verausgabt ist. Die Gegenstände der Selbstwahrnehmung sind nurmehr reizvoll, bewegen daher also selbst keinen menschlichen Sinn, auch wenn sie ihn ästhetisch beleben.

Was Kulturgut der Menschen ist, wird zum Massenartikel eines Marktes, der lediglich Geldüberfluss bedient. Kultur vergeht in den unendlichen Möglichkeiten des Befriedigungserlebens und die Selbstwahrnehmung der Menschen wird zur Wahrnehmung einer leeren Selbstbezogenheit. Deren Geschichte aber kann nur als Geschichte einer gigantischen Selbsttäuschung verlaufen, einer Vertauschung von Mangel und Überfluss, von Bedürfnis und Selbsterleben - kurz: Einer menschlichen Verarmung inmitten des Reichtums. Es ist daher nötig, den Menschen in den Momenten dieser Täuschung selbst zu entdecken, Verfälschungen und Verkehrungen seines Lebens nachzuvollziehen und zu analysieren oder kurz: Menschliches Leben in der Verschrobenheit dieser Welt des Geldes aufzuweisen und dessen Verhältnisformen in desen Verhältnissen nachzuvollziehen und seine Formbestimmtheit bloßzulegen. Um den Entfaltungsprozess dieser vertauschten Wahrnehmung der Selbstwahrnehmung soll es hier gehen.

Wissenschaft als Kritik herrschender Formationen

Wissenschaft - sofern sie nicht nur Aussage über Wissen und Gewissheit ist - ist überhaupt nur nötig, wo Täuschung herrscht, wo die Wirklichkeit nicht das ist, als was sie erscheint. Weil und sofern sie ein Unding ist, weil und sofern eben Wesen und Erscheinung menschlicher Lebensverhältnisse auseinanderfallen, muss wissenschaftliche Analyse deren Grund erkennen und Wissen auf menschliche Gewissheit zurückführen. Von daher kann Wissenschaft sich nur aus Ungewissheiten der Wirklichkeit begründen, die nicht aus den Menschen erklärlich sind, sondern aus einem allgemeinen Wesen, durch welches sie bestimmt sind. Sie befasst sich kritisch mit ihrem eigenen Daseinsgrund, mit ihrer Bestimmtheit, indem sie sich durch Unbestimmtes bestimmt weiß, das Wirkung auf die Menschen hat, sie in Ungewissheit versetzt. Die ihr hierdurch notwendig gewordene Analyse sucht das Wesen ihrer eigenen Formbestimmtheit in ihrem Gegenstand, der sie nur sein lässt, wie sie ist. Indem die Analyse dessen wesentlichen Grund entdeckt, erkennt sie notwendig menschliche Lebensform im Unterschied zu ihrer Bestimmtheit, ihrer politischen Formation.

Bürgerliche Wissenschaft betreibt das Gegenteil. Sie reduziert ihre Wahrnehmungen auf deren Allgemeinheit und bestätigt diese als herrschendes Phänomen. Das ist besonders fatal, wo Not herrscht. Indem bürgerliche Wissenschaft deren Phänomene sammelt, bestimmt sie eine Notwendigkeit des Allgemeinen gegen das wirklich Nötige.

Wir kennen dies aus ihren Anwendungen zur Genüge: Da wird z.B. Arbeitslosigkeit nicht mehr als Phänomen reduzierter Arbeitsaufwendungen genommen und entsprechend unter den Menschen aufgeteilt, sondern als Not des Wertwachstums verallgemeinert und den Menschen als Arbeitswachstum aufgezwungen, als Verlängerung der Wochen- und der Lebensarbeitszeit, wo doch an und für sich die Arbeit sich mindern ließe und es schwerlich vorstellbar ist, wie Mehrarbeit überhaupt noch beschafft werden soll.

Noch deutlicher wird wissenschaftlicher Formalismus in seiner faktischen "Wahrheit", wenn ihn die Politik unmittelbar praktiziert. Natürlich lässt sich die bestehende Staatsschuld auch nicht abtragen, wenn die Menschen bis zum Alter von 67 Jahren arbeiten. Nein. Herr Schäuble muss den schwachen Versuch machen, das Arbeitsalter auf 70 zu erhöhen, angeblich, weil wir wegen den Fortschritten der Medizin in der Rentenzeit "zu lange leben".

Wer Staatsschulden oder die Zwänge zur Mehrarbeit als Fakt anerkennt weil sie ja faktisch allgemein bestehen, wird sich noch allerhand Unsinn einfallen lassen müssen, um das der Bevölkerung zu vermitteln. Angesichts der Entwicklung der Technologie und bei 1,48 Billionen Euro Staatsschulden, die auch in 100 Jahren nicht mehr rückzahlbar sind, ist solcher Widersinn inzwischen offenkundig. Um die Absurdität dieser Gesellschaftsform des Kapitals überhaupt erst mal angemessen beschreiben zu können, sind andere Grundlagen erforderlich.

Wissenschaft handelt schon durch ihr positives Verfahren der Faktensammlung eine Theorie ein, in der sich lediglich eine elitäre Position, ein abgehobenes Wissen bestätigt. Allgemeine Aussagen werden zu einer schlichten Wesensbehauptung dessen, wovon sie absieht, indem sie das bloße Phänomen verallgemeinert. Es wird das Abstrakte im Allgemeinen affirmiert, schlechthin zum positiven Wesen seiner Phänomenologie, die beschreibt, was sie als ihre einzige Wahrheit erkennen kann: Die Erscheinung für sich, worin ein Wesen schimmert, worauf sich ihre Wahrnehmung reduziert hat (siehe eidetische Reduktion). Solche Wissenschaft bekämpft implizit - und immer deutlicher auch explizit - die Chancen menschlicher Emanzipation, indem sie die Formen der gegebenen Lebensverhältnisse selbst für wesentlich hält.

Diese Formen aber zeigen selbst, dass sie nicht Formen menschlichen Lebens sind, sondern Formalisierungen, Allgemeinheiten eines Wesens, welches kein menschliches Gemeinwesen verkörpert, keine Vergegenständlichung menschlichen Lebens ist. Darin vermittelt sich ein Unwesen, ein Wesen der Abstraktion als Formbestimmung, das unbefragte politische Grundlage dieser Verhältnisse ist, das die Logik ihrer Allgemeinheit eben ausmacht. Die politische Macht beruht auf solcher Verallgemeinerung und begründet ein Rechtsverständnis, das als Verhältnis des Geldes politisch in der Sache haust: Das Besitzverhältnis des Privateigentums, des geraubten Eigentums einer Gesellschaft.

Kritik kann sich nicht mit der Verallgemeinerung von Gegebenheiten befassen; sie muss die Form dieser Besessenheit sich selbst zum Gegenstand machen, zur Hinterfragung ihres wesentlichen Grundes, ihres wirklichen Bodens. Im Himmel der Allgemeinheiten findet sich alles nur im Nichts, in einer unendlichen Bezogeenheit auf Gott und die Welt. Es sollte zur ureigensten Notwendigkeit der Menschen werden, ihren eigenen Boden, ihre weltliche Gegenständlichkeit als Menschen zu finden.

"Der Mensch verliert sich nur dann nicht in seinem Gegenstand, wenn dieser ihm als menschlicher Gegenstand oder gegenständlicher Mensch wird. Dies ist nur möglich, indem er ihm als gesellschaftlicher Gegenstand und er selbst sich als gesellschaftliches Wesen, wie die Gesellschaft als Wesen für ihn in diesem Gegenstand wird.

Indem daher überall einerseits dem Menschen in der Gesellschaft die gegenständliche Wirklichkeit als Wirklichkeit der menschlichen Wesenskräfte, als menschliche Wirklichkeit und darum als Wirklichkeit seiner eignen Wesenskräfte wird, werden ihm alle Gegenstände als die Vergegenständlichung seiner selbst, als die seine Individualität bestätigenden und verwirklichenden Gegenstände, als seine Gegenstände, d.h. Gegenstand wird er selbst. Wie sie ihm als seine werden, das hängt von der Natur des Gegenstandes und der Natur der ihr entsprechenden Wesenskraft ab; denn eben die Bestimmtheit dieses Verhältnisses bildet die besondre, wirkliche Weise der Bejahung. Dem Auge wird ein Gegenstand anders als dem Ohr, und der Gegenstand des Auges ist ein andrer als der des Ohrs. Die Eigentümlichkeit jeder Wesenskraft ist grade ihr eigentümliches Wesen, also auch die eigentümliche Weise ihrer Vergegenständlichung, ihres gegenständlich-wirklichen, lebendigen Seins. Nicht nur im Denken, sondern mit allen Sinnen wird daher der Mensch in der gegenständlichen Welt bejaht." (Karl Marx, MEW EB I, S. 241f.)

Es sind die Kämpfe um die Gegebenheiten, die den Blick verstellen, die Kämpfe um die politische Macht des Gebens und Nehmens, des Habens überhaupt. Nicht der Neid darauf kann die Menschen weiterbringen, sondern eine Beziehung zu sich als wirklich lebende Wesen ihrer eigenen Verhältnisse. Das Ziel der Kritik ist also nicht bloße Abweisung einzelner Begebenheiten sondern ihren eigenen Grund darin aufzuheben, dass sie ihre politischen Grundlagen aufhebt. Die Kritik der politischen Ökonomie geht nicht gegen wirtschaftliches Arbeiten und wirtschaftlichen Gebrauch der Dinge, sondern gegen die politische Macht des Kapitals. Die Kritik der politischen Kultur geht nicht gegen die menschlichen Gebilde und Gefühle, die in der Kultur vergegenständlicht sind, sondern gegen die Formationen der Selbstwertigkeiten, welchen diese unterworfen sind. Der "Kampf der Kulturen" kann kein Ende finden in der Rechtsform der Ressentiments, der weltpolitischen Macht, die darin aufgeht. Die Kritik der politischen Kultur kann nur in Einheit mit der Kritik der politischen Ökonomie darin aufgehen, dass die Menschen ihre wirklichen Lebensverhältnisse finden und empfinden. Hierzu ist gedankliche Reflexion, also Theorie nötig, in welcher die Formationen der Macht als die Dopplung der Lebensformen der Menschen in ihrer Formbestimmtheit begriffen werden.

Die Methode dieser Erkenntnis kann hiervon nicht unterschieden sein. Das Doppelte kann nur außer sich sein, weil es in sich nichts sein kann. Das Wesen der Abstraktion zeigt sich in der Substanz dieser Nichtigkeit, welche in allem ist, was nur außer sich sein kann. Es ist die logische Form des Widerspruchs, der durch Dialektik angemessen beschrieben werden kann. Kritische Theorie ist also dialektische Theorie, die in der konkreten und praktischen Auflösung der Widersprüche ihres Gegenstands aufgeht und sich damit selbst nichtet, ihrer eigenen Methode folgt.

"Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt." (Karl Marx, MEB I, S. 346).

 

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