 | Wo kein Selbstbewusstsein ist, da muss Selbstwert herrschen - nicht, weil der Selbstwert Ersatz dafür wäre, sondern weil er das verschafft, was ohne dies nicht sein kann. Er selbst ist ein Unding, ein Wert, den ein Mensch für sich selbst und durch sich haben soll - so, als ob das Menschsein für sich nichts wäre. Woraus soll ein Wert bestehen, den Menschen haben und zu dem sie selbst sich nur relativ verstehen sollten? Sind es die Werte, die verfasst sind, die "Würde" als Recht, das "Recht auf Leben"? Ein solches Recht wäre ein Widersinn in sich, stellt sich damit Recht über das menschliche Leben überhaupt, das sich als "Lebenswert" erst abzuleiten hätte. Dass solches Recht zu konstatieren aber offenbar nötig ist, zeigt selbst schon, dass menschliches Leben auf dieser Welt geschunden wird. Einen Wert kann das nicht haben. Es ist blanke Not.
Ein Selbstwert ist ein Wert, der nur unter bestimmten Lebensbedingugen entsteht und der in derer Wirklichkeit zugleich nichts sein kann. Er reflektiert lediglich, dass sich Menschen nicht wirklich als Menschen gegenüberstehen und nicht als Menschen zusammenwirken, dass sie sich als Menschen verdingen, um sich als Mensch für sich zu fühlen. Sie sind es sich schuldig, sich selbst als Mensch zu gelten, wo sie es nicht sein können. Und so wie sich sich gelten, so gelten ihnen eben auch alle anderen Menschen.
Was auf den ersten Blick nur triviale Psychologie ist, wird dann umfassender zu begreifen sein, wenn die Selbstwertbildung als ein gesellschaftlicher Prozess verstanden wird, wenn sie als gesellschaftliche Verhältnisform, als gesellschaftliches Verhältnis von Menschen erkannt wird, worin Menschen sich ihrer selbst nur gewiss sein können, wenn sie einen Selbstwert für sich finden, wenn sie sich in ihren Selbstwahrnehmungen bestätigt fühlen. Es müssen dies Verhältnisse sein, worin ihre wirkliche Gegenwart gleichgültig ist, worin sie deshalb auch an einem wirklichem Selbstbewusstsein gehindert sind und über ihr gesellschaftliches Wesen getäuscht werden.
Nicht nur die Mittel ihrer Existenz, ihre Lebensmittel, stehen in fremder Verfügung und werden ihnen lediglich unter bestimmten Bedingungen zuteil, sondern ihre ganze Lebenswelt einschließlich ihres körperlichen und geistigen Daseins als Mensch. Ihr Leben selbst bildet sich in einer allseitig verfügten Welt, worin sie sich nur als Menschen überhaupt erkennen und finden und einfinden können, wo sie ihr Dasein als solches und für sich verspüren müssen, weil sie es nicht wirklich und mit Wirkung leben können. Dieser Prozess ist nur als kultureller Prozess zu begreifen, worin Menschen Selbstwert in der Form gewinnen, in welcher sie ihre Kultur erleben. Dies macht Kultur zum Gegenstand einer kritischen Theorie, die sich gegen die Selbstbegründung der auf diese Weise gebildeten Persönlichkeiten wendet. Um hierüber nachzudenken muss zunächst Kultur als solche verstanden sein.
Kultur ist der Sinn, den Menschen ihrem Dasein geben, also das, was sie darin von sich vergegenständlichen und was sie zur Bereicherung ihres Lebens darin gegenständlich haben: Die Kultivation ihrer inneren und äußern Natur als Sinn für sich. Ihr Reichtum besteht in und außer dem Menschsein, subjektiv wie objektiv, also nicht nur unmittelbar sinnlich, nicht nur gegenständlich, sondern als Lebensform überhaupt, nicht nur in materiellem Nutzen, nicht nur politisch als entwickeltes Sozialwesen, sondern auch in der Reichhaltigkeit menschlicher Sinnlichkeit, Liebe und Schönheit, wie sie leibt und lebt. Reichtum ist nicht nur objektiver Lebensausdruck der Menschen, Dasein sowohl ihrer Produkte wie ihrer Produktivität und deren Gemeinwesen, sondern ist zugleich die Lebensform menschlicher Subjektivität, menschlicher Geisteskraft und Lebensbejahung, dem Bildungsstand menschlicher Sinne und die Art und Weise ihrer Verhältnisse, wie sie von und für Menschen, wie sie als ihre gesellschaftliche Lebenssubstanz da ist.
Menschlicher Reichtum ist das Resultat der bisherigen und gegenwärtigen Geschichte, die gesellschaftliche Einheit ihres geschichtlich entwickelten Arbeits- und Erkenntnisvermögens, Resultat und Grund, Inhalt und Form menschlicher Sinnbildung, wie sie sich im Verhältnis einer bestimmten Lebensweise zu deren Gegenständen ausdrückt. Die sachlichen, kulturellen und sozialen Verhältnisse sind an und für sich nicht zu trennen. Sie sind mit dem Begriff Reichtum zusammengefasst als der Entwicklungsstand menschlicher Geschichte überhaupt, als ihr Dasein als eine geschichtliche Form von Wirtschaft, Kultur und Gemeinwesen - so widersprüchlich, unvollständig und in sich gebrochen, vereinzelt und verallgemeinert, so schmerzhaft dieses auch sein mag. "Wie meine Wesenskraft als subjektive Fähigkeit für sich ist, weil der Sinn eines Gegenstandes für mich (nur Sinn für einen ihm entsprechenden Sinn hat) grade so weit geht, als mein Sinn geht, darum sind die Sinne des gesellschaftlichen Menschen andre Sinne wie die des ungesellschaftlichen; erst durch den gegenständlich entfalteten Reichtum des menschlichen Wesens wird der Reichtum der subjektiven menschlichen Sinnlichkeit, wird ein musikalisches Ohr, ein Auge für die Schönheit der Form, kurz, werden erst menschlicher Genüsse fähige Sinne, Sinne, welche als menschliche Wesenskräfte sich bestätigen, teils erst ausgebildet, teils erst erzeugt. Denn nicht nur die 5 Sinne, sondern auch die sogenannten geistigen Sinne, die praktischen Sinne (Wille, Liebe etc.), mit einem Wort der menschliche Sinn, die Menschlichkeit der Sinne wird erst durch das Dasein seines Gegenstandes, durch die vermenschlichte Natur. Die Bildung der fünf Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte. Der unter dem rohen praktischen Bedürfnis befangene Sinn hat auch nur einen bornierten Sinn. Für den ausgehungerten Menschen existiert nicht die menschliche Form der Speise, sondern nur ihr abstraktes Dasein als Speise; ebensogut könnte sie in rohster Form vorliegen, und es ist nicht zu sagen, wodurch sich diese Nahrungstätigkeit von der tierischen Nahrungstätigkeit unterscheide. Der sorgenvolle, bedürftige Mensch hat keinen Sinn für das schönste Schauspiel; der Mineralienkrämer sieht nur den merkantilischen Wert, aber nicht die Schönheit und eigentümliche Natur des Minerals; er hat keinen mineralogischen Sinn; also die Vergegenständlichung des menschlichen Wesens, sowohl in theoretischer als praktischer Hinsicht, gehört dazu, sowohl um die Sinne des Menschen menschlich zu machen als um für den ganzen Reichtum des menschlichen und natürlichen Wesens entsprechenden menschlichen Sinn zu schaffen." (Karl Marx "Ökonomisch-Philosophische Manuskripte", MEB EB I, S. 541f). Als Resultat der Geschichte ist Kultur allerdings auch unterschieden von der Welt der Sachen, wie sie für die Menschen in reiner Objektform als nützliche Gegenstände sind. Für sich genommen ist sie das Vermögen der Selbsterzeugung und Selbstverwirklichung des Menschen, Inhalt und Sinn seiner Lebensäußerung, wie er im Menschen und in seinen Produkten als menschlicher Reichtum besteht und worin sich Menschen erst als Menschen erkennen, sich bestätigt wissen als menschliche Wesen in der Lebensform ihrer selbst. Die Entwicklung der menschlichen Produktivität ist solange Entwicklung menschlicher Bedürfnisse und also ihrer Lebensform, wie diese selbst als Sinnbildung zu verstehen ist. Mit der Entwicklung des Kapitalismus hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts diese Lebensform aus ihrer Geschichtlichkeit herausgehoben und sich gegen die Menschen erhoben, die Sinnbildung der Menschen selbst der anachronistischen Gewalt des Kapitals und seiner Kultur unterworfen und sich eine menscheitsvernichtende Potenz erworben. Es war dies wohl der Grund, warum Theodor W. Adorno seine "Negative Dialektik" ( ) entwickelte, mit der er eine negative Philosophie der bürgerlichen Lebensverhältnisse zu formulieren suchte. Als Philosophie allerdings ist solche Erkenntnis unauflösbar und im Grunde nur fatal: "So unmäßig ist das mittlerweile zum Topos herabgesunkene Mißverhältnis zwischen Macht und jeglichem Geist geworden, daß es die vom eigenen Begriff des Geistes inspirierten Versuche, das Übermächtige zu begreifen, mit Vergeblichkeit schlägt." (Adorno, Negative Dialektik, 1975 Suhrkamp Wissenschaft). Eine Methode kann in sich nicht negativ sein. Dialektik bleibt die Methode des Denkens und der Analyse, wenn die Trennung von Bedürfnis und Sinnbildung, welche das Kapital in der bürgerliche Kultur bewirkt, begriffen ist. In dem Maß, wie die Bedürfnisse der Menschen nur noch den Notwendigkeiten der reinen Regeneration entspringen, werden sie zu einem Ausdruck des bloßen Mangels und trennen sich von den gesellschaftlichen Sinnbildungen der Kultur. Dann stellt sich die Kultur als eine eigenständige Welt ihrer Bedürftigkeit entgegen - nicht weil es dieser besser als jener erginge, sondern weil in ihr der gesellschaftliche Mangel nicht als Notwendigkeit, sondern als Dürftigkeit menschlicher Kultur zutage tritt, als eine Sinnlichkeit, die keine Identität mehr findet, nicht mehr wahr sein kann. Im menschlichen Reichtum sind Leiden und Tätigkeit gegenständlich und eins mit ihrer Form, weil darin menschliche Bedürfnisse mit Sinn entfaltet und erzeugt sind und also die Form eines Produkts haben, worin sie ihren Frieden finden. Erst wenn diese Form so entwickelt ist, dass die Bedürfnisse sich in allgemeiner Förmlichkeit verlieren, finden sie keinen Sinn in ihren Gegenständen und können sich darin nicht fortbilden, keinen Sinn mehr bilden. Sobald Bedürfnisse aber keinen Sinn mehr bilden, haben auch Produkte und Produktion keinen Sinn. Sie bestehen dann in Wirklichkeit aus der bloßen Reproduktion des Bestehenden, aus der Regeneration der Gegebenheiten. Ist das Bedürfnis auf diese Weise nurmehr Bedarf, dann trennt sich dessen Sinn von der Tätigkeit der Reproduktion, wird zu einer selbständigen Form des Leidens in der Regeneration. In dieser Trennung sind Tätigkeit und Leiden bloße Form für sich, Arbeit und Wahrnehmung, die nur äußerlich in Beziehung treten und eine veräußerlichte Beziehung haben, abstrakt bezogen sind. In einer abstrakten Beziehung ist das Getrennte auch jeweils in der Beziehung auf sich selbst nur äußerlich. Arbeit existiert darin außer sich als Produkt für sich, als abstrakte Grundlage des Arbeitsvermögens. Wahrnehmung ist außer sich als Wahrheit für sich, als selbständiges, also abstraktes Erkenntnisvermögen. Weil und sofern die Menschen von sich selbst abstrahieren, abstrahiert sich ihr Erkenntnisvermögen auch von ihnen so, wie es von ihrer Tätigkeit abstrahiert ist. Tätigkeit und Leiden werden zur bloßen Form ihres Werdens, das sich hinter ihrem Dasein bildet, zu einer selbständigen Geschichte, welche die Menschen hintergeht und hinter ihnen Mächte in Gang setzt, die sich in der Abstraktion selbst nähren, einen Reichtum bilden, der gegen die Menschen selbständig ist, nicht mehr auf sie als Bereicherung ihres Lebens zurückkommt, sondern diesem fremd ist und immer fremder wird. Kultur wird in der Abtrennung von Sinn und Bedarf ihrer Wirklichkeit beraubt, zu einer Abstraktion, in welcher die Menschen sich nicht mehr aus ihrer wirklichen Geschichte heraus, sondern lediglich aus ihrem Befinden aufeinander beziehen. Die Kultur wird zu einer Welt der Selbstgefühle. Es ist im Großen wie im Kleinen: Wenn Menschen ihre eigene Geschichte hintergehen, leben sie nurmehr in einem Zustand derselben, in einem Selbstgefühl ihrer Gegebenheiten, welches für geschichtliche Fortentwicklung zu ist. Darin kann keine Entwicklung und Bildung mehr fortschreiten. Im Gegenteil: Sie hebt sich selbst auf, weil die Menschen darin bestimmt sind, ihre Kultur nurmehr bis zu ihrem Ende als ihr Selbstgefühl zu erleben und zu verleben. Erkenntnis wird so zur Form einer Wahrnehmung, die nur noch wahrhaben will, was sie wahrnimmt, um nicht zu erkennen, was sie von sich ausschließt. Die Kultur der Gesellschaften, in welchen Selbstgefühle die Menschen bestimmen und leiten, erscheint als eine ungeheure Ansammlung von Wahrnehmungen, worin Leben als Erleben bewahrt ist. Jede einzelne Wahrnehmung ist ihre Elementarform. Was in ihr geschieht, das geschieht zugleich auch gesellschaftlich und also allgemein. Gesellschaften, in welchen Selbstgefühle die Menschen bestimmen, beruhen auf gesellschaftlichen Beziehungen, in welchen menschliches Leben im Zweck dieser Gefühle vermittelt ist und sich nicht unmittelbar äußern kann, sondern gebraucht und verbraucht wird. Es ist ein Leben, das sich in solchen Zweck stellen lässt, weil es selbst nur unmittelbar allgemein und abstrakt existiert, weil es nur durch Geldbesitz möglich ist. Darin gibt es keine wirkliche Beziehung der Lebenserzeugung und Lebensbezeugung, keinen wirklichen Zusammenhang von Produktion und Konsumtion, und keine gesellschaftliche, sondern lediglich eine abstrakte Gegenständlichkeit des menschlichen Reichtums, kein konkretes menschliches Objekt und also auch kein Subjekt gegenständlicher Wirklichkeit. Die Menschen haben durch Geld, soweit es reicht, ihr allseitiges Mittel zu ihrer Existenz und ihre Arbeit dient lediglich der Existenzerhaltung und -sicherung für sich und gegenüber den Gesellschaften, durch welche das Geld gemacht, erzeugt und gewonnen wird. Solche Beziehungen im Geldbesitz macht die Existenz in einer Dienstleistungsgesellschaft aus. Wenn die in einer Gesellschaft vorhandenen Gegenstände des Bedarfs nicht als Erzeugnis von eigener Notwendigkeit und Äußerung gelten können, sind sie inWirklichkeit gegenstandslos für die Menschen, sind lediglich Umstände ihres Lebens, äußere Mittel ihres Selbsterhalts. Von daher hat auch die Arbeit der Menschen in solcher Gesellschaft nur ungegenständliche Wirkung, lediglich und ausschließlich als Mittel des Gelderwerbs; gesellschaftliche Arbeit hat also keinen Sinn mehr durch sie und auch nicht für sie. Sie bildet keinen wirklichen Reichtum für die Menschen und ist sinnentleert, besteht zum einen aus reiner Regenerationsarbeit (Dienste zur Erhaltung und Unterhaltung), zum anderen aus bloßer Vermittlung abstrakter Interessen. des Geldbesitzes (Verwaltung, Banking, Handel, Geldanlage), Das Verhalten der Menschen zu sich und zu ihrem Leben ist daher nicht nur abstrakt bedingt, sondern selbst abstrakt in seiner Beziehung. Die Menschen haben darin ihre gesellschaftliche Beziehung jenseits ihrer gegenständlichen Wirklichkeit, jenseits der Wirkungen ihrer Tätigkeiten in ihren Wahrnehmungen, also nicht als menschliche, sondern als zwischenmenschliche Beziehung. Hierdurch wird ihre Kultur, einst nur die Art und Weise ihres sinnlichen Daseins, selbst bestimmend für sie. Sie haben dies als Stimmung ihrer Selbstgefühle wahr, als Wahrnehmung, die sich selbst bestimmt. Dies entspricht der Form der Einzelheit bürgerlicher Existenz ebenso wie ihrer Allgemeinheit, der allgemein gleichgültigen Bezogenheit in Geldverhältnissen. Somit reduziert sich ihre existenzielle Wahrheit auf ihre einzelne Wahrnehmung, wie sie zugleich allgemein durch die Form solcher Gesellschaft bestimmt ist. Die subjektive Vereinzelung der Menschen fügt sich somit in die allgemeine Sachbestimmtheit der Menschen ein. Der Warenfetisch, welchen Geld im Glanz seiner Allseitigkeit als gesellschaftliches Faustpfand hervorbringt, bleibt daher nicht nur ein Bewusstseinsphänomen mystifizierter Verhältnisse. Die Beziehungen des Geldes werden selbst zu subjektiven Beziehungen, zu einer zwischenmenschlichen Kultur der Selbstbestimmung. Dies versetzt die Menschen in ein Dasein kultureller Formbestimmung, die sich in der Selbstwahrnehmung der Menschen entwickelt und entfaltet. Inwieweit es solche Gesellschaft in Reinform gibt, steht nicht zur Frage, da sich diese Logik nur auf dieses Moment von Gesellschaft bezieht, wie es dies auch schon lange in der bürgerlichen Gesellschaft gegeben hatte in den Schichten und Klassen, wo Geld selbstverständliche Lebensgrundlage war.
|  | |