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Teil I: Das Prinzip der Selbstverwirklichung
Abschnitt 1:
Der Selbstwert

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3. Das Selbstgefühl als Gedächtnis und Inhalt des Selbstwerts

Selbstgefühle sind Lebensgefühle, in welchen sich die Menschen zu sich selbst verhalten, sich als ihr Leben fühlend reflektieren, indem sie darin ihre Bedeutung für sich erlangen, sich selbst allgemein als Teilhaber zwischenmenschlichen Erlebens wahrnehmen und sich daher auch als erlebenswert in ihrem Gefühl für sich wahrhaben. Dieses Selbstgefühl hebt die Minderwertigkeitsgefühle auf, welche die Menschen haben, wenn sie sich unter anderen Menschen leer finden, wenn sie also in der Abtrennung aller Gegenständlichkeit und Geschichte nach menschlicher Selbstwahrnehmung verlangen, die ihnen durch die Ungegenständlichkeit ihrer Lebensverhältnisse verwehrt ist. Ihren Selbstwert erfahren sie in der Abwesenheit wirklicher Menschen nur negativ, weil sie sich auch selbst unwirklich empfinden. Im Selbstgefühl aber sind sie an sich erinnert, an die Tatsache ihrer Existenz und überwinden solche Abwesenheiten durch ihr körperliches Dasein und Erleben, durch eine Beziehung auf sich selbst, durch die sie zumindest ästhetisch zu sich selbst finden.

Solange sie sich sich selbst nur unvollständig und daher mangelhaft fanden, erschienen sie sich selbst auch als unverwirklicht, als ein Wesen, das nocht wirklich auf der Welt ist. Aber auch wenn sie sich lediglich so wahrnehmen, wie sie sind, können sie sich noch nicht wirklich empfinden, weil sie nur die Art und Weise ihres Daseins finden können. Gegenüber den Gefühlen, die sie allgemein wahrhaben, müssen sie sich daher umso unvollkommener fühlen, finden sie keine hervorragenden Erlebnisse durch sich. Mit diesen beeindrucken sie sich daher unentwegt und verlangen sich ein bestimmtes Sein ab, durch das ihr Dasein als sich selbst wahrnehmende Menschen existiert (exi-stare=hervorragen) und von daher zwar vermittelt ist, aber nichts von ihnen enthält, was sie von sich darin finden können. So geraten sie in diesen Gefühlen immer wieder außer sich und erleiden dies doch immer wieder auch als blanken Selbstverlust. Solange sie beherrscht sind vom Eindruck ihrer Gefühle, können sie nicht bei sich sein und sich daher auch nicht selbst ausdrücken. Sie bleiben hiervon lediglich bestimmt, obwohl diese Bestimmung für sie selbst noch gleichgültig ist. Allein der damit ergehende Selbstverlust verlangt ihre allgemeine Teilhabe an der Welt der Selbstgefühle. Er ist die wahre Grundlage der Notwendigkeit, eine Selbstverwirklichung zu erstreben.

In dem bloßen außer sich sein ist sich jeder Mensch immerhin schon für sich selbst überhoben, sich selbst äußerlich. Von daher kennt er eine noch leere Allgemeinheit, die er durch sein Erleben füllen muss, In dieser Veräußerung aller Wahrnehmung eignen sich Menschen eine allgemeine Erlebensfähigkeit an, indem sie ihre Selbstgefühle durch allgemeines zwischenmenschliches Erleben bilden. Das Selbstgefühl wird so das Allgemeingefühl für sich selbst, durch welches der Selbstwert erst wirklich sinnlich wird - wenn auch nicht als sinnliche Wirklichkeit, so doch als Wirkung auf alle Sinne. Im Selbstgefühl ist jeder Mensch nicht mehr nur Teilhaber der Welt, sondern diese Welt ist in ihm und er fühlt sich darin selbst als weltlich.

Das alles setzt voraus, dass die Menschen ihr Leben als Gegenstand ihrer Gefühle haben, dass sie also nicht fühlend leben, sondern ihr Leben als für sich seiendes Gefühl empfinden. Das Selbstgefühl ist das vom Wahrnehmungsprozess abgeschiedene Gefühl seiner selbst, das den Reizen der Selbstwahrnehmung folgt, das aus der Ästhetik des Erlebens entstanden ist und sich jetzt zu einer wesentlichen Bestimmung der Wahrnehmung, zu ihrer Grundstimmung entwickeln wird, welche einen eigenen Zusammenhang der Selbstwahrnehmung begründen wird.

Das Selbstgefühl war im Selbsterleben entstanden, ist zugleich aber ein Erleben, das einen nur für sich selbst ausschließlichen Reiz hat, also einen Reiz hat, der andere im Grunde ausschließt. Indem es sich voller Gefühl wahrnimmt, hat es nichts anderes als die Gefühle wahr, durch die es entstanden ist. Sie wahren durch Gefühlswelten mit anderen Menschen entstanden und vermitteln sich nun in einem allgemeinen Gefühl für sich selbst als Mittel eines Selbstwerts, der nichts anderes mehr als die Gefühle kennt, die er für sich selbst hat, wiewohl er darin alle Gefühle nur als ein Mittel hierfür hat. Indem der Selbstwert dies vermittelt und zugleich auch nur hieraus besteht, vollzieht sich im Selbstgefühl die Ausscließlichkeit des Fühlens überhaupt.

Es entäußert sich im Ausschluss der Empfindungen, die ihm gleich geltende Bedingung geworden und daher auch völlig gleichgültig sind, wiewohl jedes Selbstgefühl nur gleichgülig hierfür sein kann, weil und solange es diese als eigene Lebenswelt wahrhat. Es nährt sich auf diese Weise von der Anwesenheit der Gefühle, welche Menschen zu einander haben, und es verleibt sich diese ein, indem es sie durch sich vermittelt. Nichts ist daher bedeutsamer, als die permanente Anwesnheit einer Gefühlswelt, in welcher unendlich viele Gefhühle kursieren wie eine Sphäre verselbständigter Empfindungsweisen. Da entstehen Beziehungen und Konflikte, in welchen letztlich nur das Selsbtgefühl sich durchsetzt, das allgemeinen Anklang findet und in dieser Gefühlswelt auch anklingt, also Stimmung macht. Es selbst hat keinerlei Gefühl für andere, weil es seine ganze Gefühlswelt nur in sich vermittelt und im Selbstwert von Menschen sich zu einem Subjekt herausbildet, in welchem sie sie sich selbst verwirklicht finden.

So ist das Selbstgefühl nicht nur selbständig gegen jedes Anderssein, gegen jede Gegenständlichkeit, sondern in Wirklichkeit auch gegen die Menschen, mit denen es zu tun hat. Es wird zur Allgemeinheit einer Selbstbezogenheit, in welcher letztlich die eigene Lebensgestalt als wirkliche Lebenswelt erscheint. Diese vollzieht sich in der Entgegenständlichung der Wahrnehmung durch Einverleibung ihrer Gefühlswelten. Sich selbst erscheint solches Gefühl dadurch allgemein, als Gefühl schlechthin, dass es sich in der Vielfältigkeit der Gefühle bewährt hat als hervorranges Gefühl, als Gefühl von eigenem Wert, als Ästhetik der Egozentrik. Der Selbstwert hat sich daher in der Masse der Gefühlsbeziehungen so gebildet, wie er diese überstanden hat. Er ist eine Abstraktion hieraus, durch welche ein Mensch zur Allgemeinheit seiner selbst, also allgemein menschlich wird, soweit, wie er den Niedergang seiner wirklichen Beziehung wirklich durch sich aufheben kann.

Dieses Phänomen wird besonders von phänomenologisch orientierten Psychologinnen und Psychologen sehr erfolgreich genutzt, weil in der Selbstverallgemeinerung jede Beziehung zu einem Wesen beiträgt, das seiner Wirklichkeit nach nicht mehr sein muss, wohl aber alle Wirklichkeit durch sich zu kennen meint. Hellinger ist tatsächlich nur dadurch zu einem Massenpsychologen geworden, dass er dieses Verhalten auch öffentlich genutzt hat und durch die Bestärkung der anwesenden Gefühlsmasse die verlorene Einzelheit der Selbstwahrnehmung durch deren Demütigung zum allgemein Menschlichen, zum kosmischen Menschsein aufzuheben versteht. Auch andere Sektierer (z.B. Scientology Church) betreiben dies.

Die auf sich selbst gewendete Wahrnehmung erhält ihren allgemeinen Sinn nur durch die Abstraktion von wirklich sinnlichen Beziehungen. Man könnte meinen, dass sie hierdurch reglos wird. Doch das Gegenteil ist der Fall. Von jeglicher konkreter Bestimmung entleert, wird sie nicht körperlos, sondern nutzt den Körper selbst als Quelle ihrer Regungen. Der Körper als solcher ist das verblieben Medium ihrer Selbstbezogenheit. War sie in den Verhältnissen des Erlebens noch durch Reize gehoben, erhebt sie sich nun selbst als Körperform, in welcher diese Reize sich formalisiert haben. Sie haben darin zwar ihren Lebensgrund aufgegeben, zugleich aber sind sie für die Selbstgefühle zum allgemeinen Anreiz geworden. Und was die Wahrnehmug reizt, darüber macht sie sich nun auch her, um sich durch dieses zu erregen. Sie bezieht den Stoff der Gefühle durch Vergegenständlichkeit der verscheidendsten Anwesenheiten, in welchen und durch welche sie sich verkörpert. Ihre Erregung hebt den Mangel ihrer Gegenstandslosigkeit auf, indem sie fremdes Leben zum Zweck ihrer Selbstvergegenständlichung als eigene Selbstwertigkeit des Gefühls auffüllt. Von daher tragen sich viele reizvolle Erlebnisse im Selbstgefühl zusammen und verleihen ihm den Selbstwert, den es nötig hat, um sich gegen seine Gefühlswelt erhaben zu wissen und sich dessen auch durch die Gefühle anderer Menschen zu vergewissern.

Derweil bleibt es für sich völlig unbestimmt und erscheint sich daher auch bestimmungslos, also rein förmlich. Im Selbstgefühl des unmittelbaren Seins hat man ja nichts anderes als das, was man von sich auch wirklich wahr hat, also das, wie es einem Menschen oder einer Gruppe oder einer ganzen Gattung hier und jetzt geht: Man ist, wie man sich fühlt. Aber ein Selbstgefühl, das als umfängliches Lebensgefühl selbst Gegenstand der Wahrnehmung ist, enthält das Erleben seiner selbst als etwas anderes, als Gegenstand, den die Selbstwahrnehmung im Erleben hat. Das Selbstgefühl ist die Selbstwahrnehmung einer Befindlichkeit, die man durch die Reize des Erlebens erzeugt und bewirkt, ein Gefühl des Erlebens, wie es an und für sich in der Wahrnehmung über diese hinaus bewahrt wird. Es ist ein ungegenwärtiges Gefühl, ein Gefühl, worin Wahrnehmung in einer Ausschließlichkeit, die nur Reize bewirken können, bewahrt wird. Man fühlt sich darin so, wie man sich "unter reizenden Menschen" erlebt. Aber man erlebt sich auch nur so, wie es für sich selbst reizvoll ist. Wirkliches Leben und wirkliche Schönheit ist darin längst vergangen. Die Ästhetik der Wahrnehmung hat Schönes nur in bloßer Form bewahrt, als Reiz einer durchaus lebenden Beziehung, die in der Erlebensform aber abgeschlossen ist - wohl sie das Selbstgefühl begründet. Das Schöne hat in der Wahrnehmung nurmehr das Selbstgefühl als ästhetische Form des Selbsterlebens in dieser Geschichte bewahrt. Es ist eine Wahrheit, die außer sich geraten ist, wohl aber viele Wahrheiten enthält.

Das Selbstgefühl wird gewonnen aus Eindrücken, aus der Wirkung der Reize, welche die Wahrnehmung im Erleben beeindrucken. Es ist deren Lebensausdruck im Menschen, wie sie in seinem entsprechenden Lebensgefühl aufgegangen sind, worin die Reize entäußerter Gefühle sich manifestieren. Selbstgefühl bildet sich aus dem Lebensausdruck, der aus der Selbstwahrnehmung eines Menschen im Prozess seiner Erlebnisse als darin erzeugter Zusammenhang seiner Sinne, als beeindruckte Selbstwahrnehmung, als seine inere Wahrnehmungsidentität zurückkommt. Es ist eine Identität im Gefühl für sich selbst, das sich aus der Empfindung in der Selbstbeziehung des Erlebens mit anderen Menschen, aus dem allgemeinen Reiz des Erlebten begründet und worin sich die Erlebnisse subjektiv bewähren und von daher auch eigene Wahrheit bekommen haben. Selbstgefühle sind also nicht eine bloße Reflextion des Selbsterlebens in bestimmten Situationen. Sie haben selbst einen Sinn, einen von ihrer Geschichte verselbständigten Sinn, der zum Anlass und zur Verarbeitungsweise bestimmter Erlebnisse wird. Der abstrakt menschliche Sinn wird hierbei zu einer wesentlichen Bestimmung des Erlebens selbst, zum Bedürfnis, sich selbst durch sein Erleben zu beeindrucken.

Sigmund Freud hatte schon in seiner "Traumdeutung" aus dem Jahr 1900 eine Art abstraktes Selbstgefühl beschrieben, aus dem er dann das "seelische Streben" zu begründen versuchte: Das "Erinnerungsbild eines Befriedigungserlebnisses", das zur Wiederholung desselben verlange. Als ein Theoretiker im Geist der Aufklärung kam er dabei allerdings nicht auf ein kulturell schon begründetes Erlebnis, sondern stattdessen auf eine Art Naturerfahrung von Befriedigung in der allerersten Begegnung des jungen Individuums mit dem Lebensspender Mutterbrust, Dennoch beachtenwert ist sein tiefergreifendes Erklärungsinteresse, das heute in der Psychologie nirgendwo mehr anzutreffen ist.. Logisch folgt aus seiner Naturbetrachtung des Erlebens allerdings, dass sich ihm Kultur nur als Mittel und Werkzeug der Bedürfnisbefriedigung erschließt, so dass ihm menschliche Natur und menschliche Kultur zwei getrennte Wesen bleiben. Kultur war für ihn eine Art Antithese, die sich aus einem "Überschuss" an Naturkraft dadurch entwickelt, dass sich unbefriedigbare Bedürfnisse darin sublimieren..

An sich ist das Selbstgefühl ein Gefühl von eigener Sinnlichkeit, wie es in sachlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen durch andere bestätigt ist und erlebt wird. Darin vereinigen sich die Empfindungen vieler Menschen in der Anwesenheit eines Gefühls für sich selbst, das seine Wahrnehmung zu einer reizvollen, zu einer ästhetischen Identität bringt, die sie durch andere im Erleben mit ihnen wahrhabe kann, wenn diese anderen dem auch dienlich sind. Das Selbstgefühl gelingt also auch nur in einem ästhetischen Arrangement, worin Menschen zusamenkommen und sich auch auf ihre Gefühle so einstimmen, dass sie in einem allgemeinen Gefühl sich identifizieren können, also in einem Gefühl, worin sich alle Gefühle widerspiegeln, sich darin reflektieren. Es ist dies die erste Wirklichkeit einer Ästhetik, die jedem das gibt, was er oder sie hier reinlegt.

In dieser Ästhetik kommt der Selbstwert erst auf seinen allgemeinen Ausdruck: Sie wird zum Inhalt des Selbstgefühls. Was Menschen allgemein als Selbstgefühl aus ihren Beziehungen auf andere Menschen nun wahrhaben, das bestimmt nun nicht nur ihr Verhältnis zu sich selbst, sondern auch ihre Beziehung auf alle anderen. In ihrem Selbstausdruck kommen sie ästhetisch zu sich, machen den Eindruck, den sie in diesen Beziehungen von sich gewinnen, auch auf andere.

Das Selbstgefühl ist ein Produkt der Rückvermittlung der Gefühle als reizvolle Empfindung für sich, welche sich ästhetisch zu einem Wesen der allgemeinen kultivierten Selbstwahrnehmung errichtet hat. Die darin grundlegenden Gefühle haben aber durch das Erleben ihrer selbst ihre Subjektivität entäußert und verloren und sind an und für sich für den Menschen selbst fremd geworden, rein gegenständlich im Erleben geronnen zu Fixationen der Wahrnehmung. Es sind Gefühle voller ästhetischen Eindrücklichkeit, worin Menschen sich ihre Selbstgefühle im Laufe ihrer Geschichte verschaffen. Das Selbstgefühl wird durch entäußerte Gefühle gewonnen und begeistert die Selbstwahrnehmung zu einer kulturellen Form. Es wird somit durch fremde Gefühle gewonnen, in deren Erleben sich das eigene Leben reflektiert und ist das Resultat einer Erlebenswelt, worin alle Gefühle schon wirklich gegenständlich sind, also objektiv erscheinen und von daher das Selbstgefühl als deren Subjekt erst gründen.

So subjektiv, wie es dem Menschen escheint, ist es daher nicht - auch nicht für den Menschen, der es hat. Im Gegenteil: In seinen Selbstgefühlen wird er sich selbst zu einem Objekt des Erlebens, der Reize und der Ästhetik. Er findet darin eine sinnliche Identität für sich, dass er seine eigenen Äußerungen den allgemeinen Gefühlen im Erleben unterstellt. Er hat ein Gefühl für sich durch das Äußerlichsein seiner Sinne. Das Selbstgefühl besteht in der Unterworfenheit eines Menschen unter seine Äußerungen, seine objektivierte Subjektivität.

Sofern er darin seine zwischenmenchlichen Beziehungen findet, kann dies einem Menschen recht sein. Es ist das Geschäft seiner Beziehungen, sich selbst dem Gefühl seiner Äußerlichkeit zu unterwerfen, um in Beziehung zu treten. Vielleicht ist er sogar darauf stolz und fühlt sich wie ein junger Gott. Aber in Wirklichkeit sind ihm diese Beziehungen so gleichgültig, wie ihm die Welt überhaupt gleichgültig ist. Er zehrt alleine von seiner Erlebenswelt, worin er sein Selbstgefühl findet.

Das Selbstgefühl setzt sowohl die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber der Empfindung voraus, wie auch die Gleichsetzung der Gefühle unter den Menschen. Mensch und Welt haben keinen Sinn für Empfindung. Es verbleiben sich die Menschen in ihren Gefühlen im Verhältnis der ästhetischen Empfindungen, die ihr Selbstgefühl erfüllt. Sie erleben sich nicht als Menschen in gegenseitiger Achtung ihres Seins, sondern als Objekte ihrer Selbstachtung, die sie nurmehr ästhetisch in ihrem Selbstgefühl haben. Da sie allgemein sich nur darin wirklich vergegenwärtigen können, wird ihnen dieses Gefühl zum Maß und Inhalt ihrer Erlebnisse und Beziehungen.

Das Selbstgefühl ist die Aufhebung weltlicher Wahrnehmung, ist die Selbstwahrnehmung unter der Bedingung von Geldbesitz. Die Gefühle anderer Menschen sind dem eigenen Gefühl im Erleben das selbe Ereignis, welches das Erleben für sie ist.

Selbstgefühl entsteht im Erleben aus Regungen, die das Selbsterleben erbringen, also die Art und Weise, wie Menschen sich selbst unter den Bedingungen bestimmten Erlebens verspüren; es ist ein Gefühl, das nur unter der Bedingung zwischenmenschlicher Ereignisse entstanden ist, und das zum Inhalt hat, wie sie erlebt wurden. Von daher ist es ein dinglich erworbenes Gefühl seiner selbst, ein Gefühl, worin die Menschen als Bedingung eingehen und eingegangen sind - eben in der Dichte, worin sie anwesend sind oder waren. Dem Inhalt nach bleiben darin alle beteiligten Menschen darin ganz Sinn für sich, der Form nach ganz Sinn außer sich. Nur indem sie sich darin subjektiv reizen, erfahren sie Sinn für sich selbst, bilden sie eine eigene Ästhetik ihrer Wahrnehmung. Diese wird zur eigenlichen allgemeinen und gegenwärtigen einer für das Selbstgefühl nötigen Wahrnehmung.

Dieses verwirklicht sich allerdings auch nur, wenn es außer den Menschen auch eine allgemeine Form für ihre Regungen gibt, worin sie bestätigt werden, worin die gereizten Waahrnehmungen ihre Ästhetik wahrhaben und hierdurch allgemein auf sich zurückkommen. Von daher ist das Selbstgefühl nicht mehr ein bloß innerer Wahrnehmungszustand, sondern eine äußere Notwendigkeit. Es verlangt nach einer Ästhetik, in welcher sich die Erregungen der Wahrnehmungen allgemein bündeln. Es verlangt eine allgemeine Kulturform der objektivierten Gefühle, worin Selbstgefühle auch dadurch überhaupt entstehen können, dass sich die Menshcen als Persönlichkeiten ihres Wahrnehmens und Fühlens begegnen.

Hierfür haben sich die Traditionen der Kultur entwickelt, die gesellschaftlich festgelegten Feste, in welchen die Menschen zu Ereignissen zusammentreffen, die oft historisch oder liturgisch begründet werden, wiewohl sie alles andere als wirklich historisch oder religiös begründet sind (z.B. Nikolaus, Ostern, Weihnachten). Die Problemlage der Gefühle kommt deshalb besonders dann deutlich zum Ausdruck, wenn sie im Widerspruch zum objektiven Charakter dieser Ereignisse für das Selbstgefühl stehen. Die meisten Ehescheidungen begründen sich daher immmer noch aus den Erlebnissen großer Feste (z.B. Weihnachten als "Fest der Liebe" oder Karneval als "Fest der Tollheit").

Alle Formen der bürgerlichen Kultur beruhen auf den Formen der Selbstwahrnehmung, allgemein auf dieser objektivierten Form ihrer Gefühle. Im gesellschaftlichen Verkehr beziehen die Menschen ihre Regungen in der Form ihrer Gefühle auch unmittelbar aufeinander. Regungen bestimmen das Selbstgefühl durch das, was sie reflektieren. Und so entstehen Stimmungen aus dem, was sie in ihrem Erleben allgemein zusammentragen, was im Zusammengehen der Regungen allgemein stimmt. Es entsteht ein Selbstgefühl, das keinem einzelnen Menschen mehr wirklich entspringt, sondern ein gemeines Selbstgefühl, das alleine durch seine Allgemeinheit existiert und wirkt: Ein allgemeines Selbstgefühl in der Anwesenheit von Menschen, wie sie durch die Dichte ihres Lebensraums bestimmt ist.

Die Selbstgefühle der Menschen kommen hierdurch zu einer wirklichen Allgemeinheit, worin die Wahrnehmung nicht nur ihre Form hat, sondern zugleich auch in ihrer Dichte durch diese Allgemeinheit bestimmt wird. Danach werden die Stimmungen der Menschen danach bestimmt, was diese Dichte an Reizen ergibt und was das hierin tätige Selbstgefühl zulässt und vorantreibt. Allgemein haben die Menschen ihre Gefühle nurmehr durch andere Menschen in dem Reiz, den sie hierfür bieten und in dem ihr Selbstgefühl im Maß seiner Dichte allgemein bestärkt ist. Es reizt, was allgemein stimmt, und es stößt ab, was hierin unstimmig ist. Und diese Gefühlsreize werden als Stimmung des Selbstgefühls grundlegend. Sie hängt davon ab, wieviele Menschen darin eine Allgemeinheit des Selbstgefühls bilden und in welcher Dichte die Menschen zu den Ereignissen darin stehen.

Die im Leben eines Menschen ursprünglichste Form, worin eine Grundstimmung allgemein ist, ist die Beziehungsform der Familie. Darin entstehen Lebensgefühle als Selbstgefühle und dies kann in hohem Maße widersprüchlich werden, wenn die Stimmungen darin mit dem Leben überhaupt in Konflikt treten. Das ist meist schon dann angelegt, wenn die Kinder für ihre Eltern eine lebenstragende Rolle spielen und hierdurch Subjekt wie Objekt der familiären Grundstimmung werden.

Was ihre Anwesenheit an Dichte hat, macht die Grundlage ihres Zusammentreffens für ihre Stimmung aus. Ihre Gefühle unterscheiden sich nicht mehr von Ihrer Stimmung. Als Form für sich haben sie ihr Ausmaß in den räumlichen Bedingungen (Raum), in den An- und Abwesenheiten von Ereignissen und Menschen. Für sich sind sie unendlich bestimmt und äußern sich daher innerhalb dieser Allgemeinheit nur in ihrer Erregung.

Das Selbstgefühl bleibt aber nicht einfach nur bei sich. Es strebt nach Herabsetzung der Wahrnehmung zu einer Gegebenheit, woraus es seine Erregung speisen kann. Es beruht damit auf der Herabsetzung allen Lebens zu einem Umstand eigentümlicher Lebensäußerungen, die keinen anderen Sinn haben, als dem Selbstgefühl zu nutzen und zu dienen, es zu füllen und zu erfüllen - und zwar im Maß ihres Anreizes, im ästhetischen Maß ihrer einzelnen Selbstgefühle, nach welchem sie sich leiden können oder auch nicht. Was darin von anderen Menschen wahrgenommen wird, wird nur für sich wahrgehabt. Wahrnehmung trennt sich von daher nun von dem, was sie wahr hat, von den Gefühlen, die ganz Selbstgefühl dadurch werden, dass dieses von entsprechenden Wahrnehmung gefüllt und betrieben wird, dass es zur wesentlichen Absicht der Wahrnehmung wird, eine gute Stimmung für das Selbstgefühl zu schaffen.

Das bestimmt auch die wirklichen Verhältnisse der Menschen in diesem Lebensraum. Der Sinn ihres Verhaltens wird selbst gegensinnig. Jede Annäherung von anderen wird zugleich zur Entfernung von sich, jede Stimmung zur Bestimmung. Was auf die Menschen wirkt, was ihr Verhältnis also wirklich ausmacht, ist die Einvernahme ihrer Wahrnehmung zur allgemeinen Selbstwahrnehmung. Ihre Wahrnehmung hat viele Gegenstände, aber wirklich gegenständlich ist sie nur für das Selbstgefühl der Menschen. Darin bewirkt sie aber mit allem, was sie wahrhat, und nutzt dies zu ihrer Selbstbestätigung.

Das wird zu ihrem leibhaftigen Widersinn, zum Widerspruch ihres Wahrheitsvermögens. Denn nur was gut für sie ist, nur was irgendein Gefühl von Identität bringt, darf für sie gültig, darf wahr sein. In seiner Wirkung betreibt das Selbstgefühl eine Entfremdung von seiner Wirklichkeit, von der Erkenntnis der Wirkungen, auf die es reflektiert. Seiner Absicht folgend macht es wahr, was ihm dienlich ist, was es über die Wirklichkeit erhöht. Daraus ergibt sich die Einverleibung seines Sinns für Wahrheit in die Absicht der Selbstwahrnehmung. Seine Sinnlichkeit wird darin aufgehoben, dass sie nur Sinn für sich hat. Wie ein Subjekt über die Wahrnehmung entfaltet dieser von aller Wirklichkeit enthobene Sinn durch die Wahrnehmungen und Aufmerksamkeiten, die er betreibt, eine höchste Beachtung der Selbstgefühligkeit, die in einer ausschließlichen Wahrnehmung für sich agiert. Wahrnehmung muss hierfür nützlich, aber nicht wirklich wahr sein. Stattdessen wird Selbstachtung zum Steuerinstrument der Wahrnehmung. Sie entsteht notwendig in deren Gebrauch als ästhetisches Maß gegen ihre Vernutzung. Ein Mensch kann sich nur leiden, wenn er noch Sinn an sich findet. Und dieser steht beständig auf dem Spiel, welche das Selbstgefühl mit allem treibt, was sich ihm überlässt.

Das Selbstgefühl ist über seine Wahrnehmung mächtig geworden und beruht auf ihrer beständigen Herabsetzung. Es entwickelt sich aus Wahrnehmungen, die durch seine Selbstermächtigung gebeugt sind. Wahrnehmungen sind und bleiben das körperlich Substrat, das Material, aus welchem das Selbstgefühl wird. Deren Sinn ist gewonnen aus der körperlichen Einvernahme, aus der allgemeinen Entleibung der Sinne. Hieraus wird sich ein körperlicher Trieb bilden, welcher das Prinzip dieser Einverleibung ist. Der Prozess dahin entwickelt sich in der Stimmung der Selbstwahrnehmung zum Selbsterleben.

Das Selbstgefühl ist ein Gefühl für sich, das den Gefühlen entnommen wird, die im Erleben auf die Wahrnehmung zurückkommen. Es ist die Grundlage der Selbstverwirklichung und daher der seelischen Entwicklung überhaupt. Ihre Basis ist die körperliche Integrität eines Menschen, sein Körper als Natur seiner Erlebnisse, an welcher sich alle Wahrnehmung reflektiert.

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3.1 Das Gedächtnis der Selbstwahrnehmung und ihre Stimmung

Die Selbstwahrnehmung wird durch die Abarbeitung von Reizen zum allgemeinen Lebensträger in einer Welt, worin die materielle Lebensproduktion keinen Sinn mehr macht, also nur bloße Existenzvermittlung ist. Der abstrakte Sinn der Selbstwahrnehmung besteht hier als Bestreben, die Ausschließlichkeit der Selbstgefühle allgemein für sich zu erleben, in sich selbst allgemeines Leben als natürliche Stimmung, als Stimmung von eigener Natur sinnhaft zu verspüren. So unmittelbar sich die Menschen darin erscheinen, so allgemein sind sie sich dabei als Mensch, als allgemein menschliche Natur, die immer und in allem Sinn hat, was immer sie treibt. Auf diese abstrakte Allgemeinheit immer wieder zurückzukommen, macht ihr Streben aus. Es ist die Absicht, sich durch möglichst viele andere Menschen als naturalisierter Mensch zu erscheinen, um die eigene gesellschaftliche Unwirklichkeit mit einer abstrakten Identität zu versehen. Es ist die Absicht, in unwirklichem Sinn sich ausschließlich als Mensch zu erleben und zu fühlen, sich vermittelst anderer Menschen einzustimmen und sich selbst in der Ausschließlichkeit des Selbstgefühls zu empfinden. Darin wird das Erfühlen der Erlebensinhalte zu einem bloßen Allgemeingefühl ihrer Bestimmtheit, zu einer Stimmung, wie sie im ausschließlichen Erleben als natürliche Lebensform aufkommt.

Alles erscheint nun natürlich, ohne dass darin ein Quentchen Natur verwirklicht ist. Im Gegenteil, was natürlich ist (z.B. Kunst, Musik, Erkenntnis überhaupt) lässt sich als Event und Show auf wundersame Weise zu einer Event-Kultur vereinen, weil jedes für sich zur Bildung von Selbstgefühl veranstaltet wird und weil das bildungshungrige Selbstgefühl diese Veranstaltung allgemein nötig hat, um in sich selbst bestimmt zu erscheinen. In Wahrheit vereint es die Abstraktion von aller Bestimmtheit, die Absehung von ihrer Begründung. Stimmung kommt vor allem deshalb auf, weil man darin ohne Grund, also grundlos vereint ist und sie wird auch selbst schon angetrieben von den Event-Managern und dem abstrakten Verlangen nach Nähe und Dichte. Menschen begegnen sich darin höchst vertraut, ohne auch nur das Geringste voneinander zu wissen oder zu kennen. Ihre Beziehung hat keinerlei Erkenntnis mehr nötig, weil sie in ihrer Stimmung schon über das Erkenntnisvermögen hinausgeht. Die einzelne Wahrnehmung wird hiergegen obsolet und ihre Ödnis treibt zum Event, der aber wiederum auch nur ihre Verwirklichung mit hoher Dichte von menschlicher Anwesenheit ist. Stimmung macht vor allem die Masse.

Die Ausschließlichkeit der Selbstwahrnehmung bezieht sich auf die Reize, welche dem Erleben zukommen. Das eine Erlebnis reizt nur, wenn das andere noch reizlos ist und es verliert seinen Reiz, wenn es seinen Eindruck verliert, wenn es also Sinnlosigkeit offenbahrt. Das Erleben besondert sich durch die Konkurrenz der Reize, durch die besondere Stimmung, worin die Selbstwahrnehmung ihrem Lebensraum Inhalt verleiht. Aber diese hält nur solange, wie sie Eindruck macht, wie sie jung ist, und der Inhalt verliert sich im Wechsel der Eindrücke, welche die Stimmung verändern. Wahrnehmung für sich wird darin ebenso unsinnig, wie Stimmung für sich. Nur was darin allgemein bleibt, übersteht Sinnlosigkeit.

Reize machen Stimmung, wenn und weil sich darin ihre Wahrnehmungen von ihrem Sinn trennen, wenn und weil Wahrnehmungen darin in doppelter Weise gegenwärtig sind: Als Anreiz von Empfindungen vermitteln sie Sinn für ihr Erleben, als Form eines gereizten Gefühls haben sie den Sinn, den Menschen in ihrem Selbstgefühl bewegen, haben sie also den Sinn, der wirklich darin arbeitet. Auch wenn alles für sie im Erleben selbst keine konkrete Wirkung hat, so macht sie doch ihr Selbstgefühl mächtig an. Dieses hat alle Eigenschaften, welche die Wahrnehmung aus dem bisherigen Erleben erworben hat, was ein Mensch schon in sich aufgenommen und für sich gebildet hat und was seine Fähigkeiten und die Bildnisse seines Gedenkens, sein Gedächtnis ausmacht. Der Reiz des Erlebens reproduziert sich als Wahrnehmungsform der Selbstwahrnehmung, worin alles wirkt, was nicht mehr ist, und alles reizt, was Wahrnehmung im Selbstgefühl wirklich wahr macht. Darin ist der wahrnehmende Mensch mit seiner ganzen Geschichte, wie sie in ihm aufgehoben ist, in Beziehung zu sich als Mensch, der eine Wahrnehmungsidentität in den Reizen seines Erlebens findet, der also darin seine Natürlichkeit findet, empfindet und fühlt - und das ist alles, was jenseits der Selbstwahrnehmung nicht mehr wirklich wahr ist.

In ihren Selbstgefühlen sind die Menschen Monaden einer allgemein entzogenen Wirklichkeit. Und sie werden zugleich für sich allgemein in den Anwesenheiten ihrer selbst und anderer, die in ihren Erlebnissen Wirklichkeiten ihres Selbstgefühls erzeugen, wenn sie darin angereizt sind und in der Lage sind, diesen Reiz in sich zu verspüren und zu verarbeiten.

Das Erleben hat die Wahrnehmung durch seine Reize zur Selbstwahrnehmung in eine allgemeine Stimmung gebracht. Die Menschen fühlen darin nurmehr die Sensationen ihrer Einzelheit - doch dies fühlen alle. Die Einzelheit und Isolation ihrer Erkenntnisse besteht in ihren Selbstgefühlen zwar wesentlich fort, aber die Allgemeinheit derer Sensationen ist dem gegenüber bei größerer Masse von höherer Natur. Die Menschen tauschen ihre Gefühle in ihrem Erleben aus - aber nicht als das, was sie sind, sondern als Selbstgefühle einer Masse, worin sie wahrhaben, wie sie sich erleben, worin ihre Stimmung als Natur ihres Menschseins wirkt. In der Masse stimmen die Menschen in ihrer Sinnlichkeit überein, weil Masse selbst unsinnig ist, weil darin alle Bestimmtheit aufgehogen ist und Menschen darin ganz leer für sich allgemein verbleiben - als Menschen in Stimmung ohne jegliche Bestimmung.

Die Allgemeinheit ihrer Selbstgefühle enthält somit die überwundene Ohnmacht ihrer einzelnen Wahrnehmung, welche für sie als solche keinen Sinn mehr hatte. Aus ihr beziehen sie aber weiterhin die Reize, welche ihnen ihr Erleben bietet. Auf diese stimmen sie sich ein, treffen mit ihren Stimmungen aufeinander und vergemeinschaften diese zur allgemeinen Stimmung ihrer Selbstgefühle, zu ihrer Grundstimmung.

Was objektiv als Verdichtung der Wahrnehmung zu begreifen war, als das, was darin verschiedene Inhalte hatte und daher in der Form diesen gemein, also allgemein ist, wird in der Stimmung von Menschen zu einer Qualität der Selbstgefühle verallgemeinert, die keine konkrete Qualität mehr sein kann, die also abstrakte Identität sein muss. Die Menschen leben davon, sich in dieser Abstraktion von der Masse zu unterscheiden, sich durch ihr besonderes Anderssein nahe zu sein. Sie reproduzieren ihr besonderes Selbstgefühl, indem sie sich im allgemeinen selbst äußern, sich versinnlichen. Darin teilen sich Selbstgefühle mit, wie sie sich darin auch bilden. Stimmung zeugt Stimmung, indem sich Menschen mitteilen und sich in der Mitteilung verallgemeinern. So wie sie das Wahrnehmungsverhältnis durch ihre Stimme bestimmen, so produziert sich eine Stimmung aus dem Zusammentreffen, aus dem Erleben solcher Bestimmungen. Darin treffen sich also bestimmte Menschen in ihren Gefühlen und darin gleichen sie sich zugleich an. Ihr gemeines Sein ist das Allgemeinsein ihrer Gefühle in ihren Stimmungen, in denen sie eine Grundstimmung finden und leben.

Wiewohl Erleben zunächst nur Lebensphänomen einer ausschließlichen Selbstwahrnehmung war, wird es in der Stimmung von Menschen allgemein, weil sie sich darin nicht nur wahrnehmen, sondern als wirkliche Menschen voll und ganz wahrhaben. Aber sie können dort allgemein nur haben, was sie für sich auch als Menschenmasse wahr machen. In der Absicht ihrer Wahrnehmung machen sie sich dadurch als Gegenstand von Gefühlen wahr, dass sie ihre Identität in der Masse ihrer Erlebnisse voneinander und durch einander finden. Diese Wahrnehmungsidentität macht Stimmung, wie sie den beteiligten Menschen enstpricht und sie entspricht ihnen zugleich nur, wenn sie im Einander-Erleben außer sich sind, wenn sie von ihrer Selbstwahrnehmung absehen. Die Menschen veräußern also die Wahrnehmungsidentität, die sie in ihrer Masse finden, zugleich zu einer Grundstimmung, worin sie sich einem Leben unterwerfen, dass sie selbst nicht äußern, das sie außer sich haben und worin sie sich selbst äußerlich sind.

Ihre Wahrnehmungsidentität wird so zu einer allgemein äußerlichen menschlichen Identität, zu einer wirklichen Form der Selbstentfremdung der Menschen. Die Entsprechung gleichgültiger Wahrnehmungen macht in ihrer Verdichtung die Qualität ihrer Beziehungen aus, wie sie gesellschaftlich entstanden sind und als ihre private Wahrheit verbleiben. Die Bestätigung ihrer wechselseitigen Wahrheit finden sie damit auch nur noch in der Stimmung, wie sie ihre Selbstgefühle hervorbringt. Sie fühlen sich so, wie sie darin für sich und füreinander zugleich in gemeinschaftlicher Stimmung sind. Dies macht ihr wechselseitiges Selbstgefühl als allgemeine Wirklichkeit ihres Erlebens aus.

In der Einstimmung auf abstrakte Lebensverhältnisse ist die Menschheit durch das Erleben von Geldverhältnissen ein gutes Stück in ihrer Selbstentfremdung vorangekommen. Bis in die erste Dekate des 20. Jahrhunderts waren solche Verhältnisse noch äußerst einzeln und lediglich in einer Geld besitzenden Klasse zu finden. Mit der weltweit vollständigen Ausbreitung der Kapitalverhältnisse bis hin zur Globalisierung des Kapitals wurden solche Verhältnisse über ganze Nationen und auch noch darüber hinaus transnationale Wirklichkeit der Geld begüterten Lebensräume.
Die "Selbstentfremdung der Menschen von ihren Produkten" wird somit in der "Selbstentfremdung des Menschen von seinem Gattungswesen" (Marx in den Pholosophisch-ökonomischen Manuskripten) zu einer eigenen Wirklichkeit. Darin werden sich die Menschen gerade in der Entfremdung vertraut und bilden eine Lebensbasis, die an sich kein Vertrauen verdient, weil sie auf der Abstraktion von ihrem wirklichen Leben beruht. Doch in ihren zwischenmenschlichen Erlebnissen lässt sich dies auch "vergessen", ist darin doch zumindest für die Selbstwahrnehmung das Menschsein versichert. Darin bilden sich zudem die Lebenswerte, die sich mitteilen und vermitteln wollen, weil sie sich zumindest ideell über die ganze Menschheit vermögend glauben können. Sie werden zur Ideologie des ganzen Lebens, das sie teilen, ohne wahrzunehmen, dass sie nur zerteiltes Leben wahrhaben. Ihr Trieb, sich als Selbstwahrnehmung der Menschheit verallgemeinern zu wollen, macht nicht nur den Menschen Angst, die unvermögend sind, er hat auch schon mal das Vermögen ganzer Lebenswelten mitsamt der Menschen darin vernichtet. Jede Abstraktion reduziert die Wirklichkeit, die sich darin entfaltet, auf einen leeren Kern - und darin keimt daher auch das Nichts als die Spirale einer Lebensvernichtung.

Dadurch, dass die Stimmung einer gefühlten Allgemeinheit zur Grundlage der Wahrnehmungsverhältnisse wird, wird jedes Selbstgefühl davon bestimmt, wie es sich auch darin ausdrückt. Aber es drückt sich nicht als das aus, als was es bestimmt wird. Die Bestimmung liegt alleine in der Form, in der Dichte und Masse der Anwesenheiten. Mag sich darin die Selbstwahrnehmung auch angleichen, die Gefühle bleiben dennoch in dem unterschieden, was sie wahr haben. Jeder Mensch hat die anderen wahr und ist darin auch unterschieden. Die allgemeine Stimmung ist immer gebrochen durch die Gefühle, die auffassen, wie sie sich ausdrücken, wie sie also Grundlage des Eindrucks sind, der Erleben ausmacht. Von daher wird dieses durch Gefühle bestimmt, die sich zur Stimmung verhalten und die in der Stimmung bestimmte Gefühle beabsichtigen.

 

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3.2 Die Absicht der Selbstgefühle

In der Stimmung der Selbstwahrnehmung hatten die Selbstgefühle sich gereizt und zusammengefunden und sich zu einer wesentlichen Bestimmung der Selbstgefühle, zu einer Grundstimmung veräußert. Nun geht es um die Absicht, die in dieser Grundstimmung der Selbstwahrnehmung entsteht, die also aus dem ensteht, was darin zusammengezwungen werden muss. Der Wahrnehmungsprozess wird daher nicht mehr nur reflektiert, sondern auch selbst angetrieben, zu einer Tätigkeit gebracht, welche sie Wahrnehmung durch die Selbstwahrnehmung nun auch wirklich und dem Inhalt nach bestimmt. Wahrnehmung wird nun selbst zu einer beabsichtigten Erlebensform, die eine hohe Dichte von Reizen im Sinn hat und hierfür eigene Wirklichkeit erzeugt. Es wird sich zeigen lassen, wie die Form der Selbstwahrnehmung nun Inhalte hervorbringt, wie auch über sie hinausgreifen.

Jedes einzelne Erleben war bisher in seiner Absicht so bemessen, wie es für eine bestimmte Stimmung nötig war, wie es also Gefühle erzeugte, die ihr der Form nach entsprachen. Menschen machten sich darin so wahr, wie sie sich erlebten, wie es für die Empfindung ihrer Gefühle nötig war, wie sie also sich selbst in der Stimmung wahrhatten, während sie andere wahrnahmen. Damit bestimmte sich ihre Wahrnehmung aus dem Bedürfnis der Selbstwahrnehmung, welche einzig nach einem angeglichenen Verhältnis zu sich selbst strebte, nach einer Entsprechung der Wahrnehmungen überhaupt, nach einer Identität der Selbstgefühle, die aus dem Erleben ihrer Stimmungen hervorgingen.

Der Vorgang war so trivial, dass man meinen könnte, die Menschen würden sich mal eben in den Allgemeingefühlen ihrer Stimmungen vergessen. Aber genau das tun sie nicht wirklich, auch wenn es ihnen so scheint. Sie negieren lediglich ihre Einzelheit, ihr einzelnes Wahrnehmen und Wahrhaben. Sie bringen sich selbst in eine Allgemeinform ihrer Wahrnehmung, in welcher allerdings auch nur das wirklich wird, was diese allgemein sein lässt, qas sie also von dem enthält, was alle darin wahrhaben. Wo nichts von ihnen ist, da wenden sie sich vom Allgemeinsein ab. Aber was von ihnen ist, ist darin auf's Seltsamste aufgehoben: Weil sie sich in der Allgemeinheit ihrer Gefühle keine Rechenschaft mehr abgeben müssen, was sie darin wahrhaben, enthält diese auch keine allgemeine Wahrheit, die zur allgemeinen Erkenntnis anstünde. Es ist lediglich die Entsprechung zur Selbstbefindlichkeit, was die Stimmung bestimmt. So kehrt sich jede Wahrheit des Gefühls zu dem um, was es zu dieser Befindlichkeit beiträgt, worin es also im Befinden zu einer Wahrnehmungsidentität gereicht, einer Allgemeinheit entspricht. Und das ist keine Identität des Wahrnehmens - es wäre absurd, einem Prozess eine Identität zu verleihen, die ihm selbst schon vorausgesetzt ist und sich in ihm selbst schon verwirklicht. Es ist eine unwirkliche Identität, welche die Menschen für ihr Befinden teilen, das sich zugleich der Wahrheit ihrer Empfindung entzieht. Aus der besonderen Wahrheit ausgegrenzter Empfindungen werden besondere Inhalte einer allgemeinen und abstrakten Wahrnehmungsidentität, die als einzigen wirklichen Zusammenhang die Befindlichkeit der Anwesenden hat. Aber diese reflektiert sich nur dann allgemein, wenn ihr besonderes Empfinden auch entsprechend hervorgekehrt wird, wenn es seine besondere Befähigung zu einer Bestimmung der allgemeinen Stimmung beweist.

Man findet das an jedem Stammtisch, was hier als bloßer Vorgang beschrieben ist. Zwischenmenschliche Verhältnisse sind zwar etwas anderes, aber der Mechanismus ihrer Sortierung ist der gleiche. Allgemein anerkannt kann darin nur werden, was zugleich sehr besonders ist. Was allen wirklich gemein ist, bliebe bloße Selbstverständlichkeit, wäre der Beitrag einer Besonderung nicht ihr Nährboden. Solche Verhältnisse sterben ab, wenn dieser Beitrag auf Dauer ausbleibt, denn ihre abstrakte Identität lebt nur davon, was an Besonderheit hinzukommt und als solche eingeschlossen wird, abgetrennt und abgeschlossen von der Wahrheit, welche diese Besonderung in Wirklichkeit ausmacht.

Gut ist in solcher Wahrnehmungsidentität, was sich gefühlsmäßig identisch ist, gleichgültig, ob es "gute" oder "schlechte" Gefühle sind. Deren Güte macht alleine die durch Einvernahme von Gefühlen erzeugte Identität aus. Und diese bestimmt nun das Verhältnis der Selbstwahrnehmung. Sie bemisst sich an der Stimmung, welche nicht mehr nur als Verallgemeinerung von Selbstgefühlen stimmt, sondern jetzt selbst zu einer Reflexion der Selbstwahrnehmung im Verhältnis zu anderer wird. Sie besteht vor allem aus der Fähigkeit, Wahrnehmungsformen in Übereinstimmung zu bringen, Empfindungen und Gefühle in Selbstgefühlen aufzuheben und hierzu unpassende Wahrnehmungen auszugrenzen. Es wird eingebracht, was stimmen muss, was aber zugleich in seiner Besonderheit die allgemeine Stimmung überhöht. In den Menschen entsteht unter dieser Bedingung ihres Erlebens die Absicht, dieser Überhöhung zu dienen.

Die allgemeine Stimmung wird damit zum Maß des vergangenen, des schon "verbrauchten" Selbstgefühls. Sie sortiert daher jetzt die Wahrheiten, die sie zur Selbsterhöhung nutzen kann, um sich selbst zu vergegenwärtigen, sich in der Form gewiss zu werden, wie sie für sicch sein muss, und trennt diese Wahrnehmungen von den hierfür unnützigen. Damit wird eine Wahrheit in die selbstgefühlige Stimmung eingebracht, welche nichts als die Wahrheit dieser Sortierung ist. In das hierdurch bestimmte Selbstgefühl werden andere Gefühle nach Maßgabe der Sortierung verdichtet und einverleibt - und es verlangt auch zunehmende Masse, die Überhöhung der Stimmung voranzutreiben.

Der Prozess ist in jeder Suggestion zu beobachten. Das Medium ist die Stimmung einer bestimmten Menschenmasse. Darin mischen sich unendlich viele Regungen, welche sich in der Stimmung so aufheben, dass darin eine Verdichtung aufkommt, die für keinen Menschen mehr erkennbar ist, Was die Körperlichkeit der Dichte dieser Masse ausmacht, wird als einzig wirklicher Inhalt gefühlt. Es ist dies das Gefühl eines Sortiments anwesender Leiblichkeit, einverleibte Gefühligkeit.

Hierdurch sind Selbstgefühle, die durch die Einverleibung anderer Gefühle erzeugt werden und die Stimmung vorantreiben, gute Gefühle, und solche, die für sich bleiben, also "ungenießbar" sind, schlecht. Das Schlechte ist das Uneinnehmbare, das in sich Verharrende, das nun selbstbestimmt erscheint, weil es in der Lage ist, sich dem Sortiment der Gefühle zu widersetzen. Es ist nichts anderes, als was es zuvor auch schon war - vielleicht war es selbst mal Avantgarde einer Stimmung. Nun ist es alleine dadurch von ihr ausgeschlossen, dass es nicht mitgeht, nicht konkurriert um einen Platz in der allgemeinen Befindlichkeit. Und nur deshalb wird es als ein prinzipiell Anderes, als Bedrohung dererer Identität erlebt: Ohne eigenens Zutun erscheint es nun prinzipiell selbständig, weil es sich der Einvernahme widersetzt. Und weil es sich dieser widersetzt, erscheint es obskur.

Selbstgefühle haben ihre Hochzeit als Gefühle der Masse. Die Regenbogenpresse führt deutlich vor, wie sie sich objektiv durchsetzt, zumal sie ja auch solches Gefühl gut bewirtschaftet. Sie fokusiert das besondere Gefühl als obskures und macht die Stimmungsmacher zu den Protagonisten der Zeit, zu den Stars der öffentlichen Befindlichkeit.

Das Allgemeingefühl wird so zu einer Massenströmung, zu einem Zeitgeist, welcher die Kultur zusammmenhält. Das obskure Gefühl, das dem nicht entspricht, ist das Gegenüber dieser Selbstgefühle. Dies zu erkennen und auszugrenzen macht deren Bestreben aus. Es ist das Bestreben, das besondere Selbstgefühl zu verallgemeinern und das Allgemeine vor aller Erkenntnis in der Form der Wahrnehmung als allgemeines Selbstgefühl gegen jede andere Besonderheit zu bestimmen, diese sich durch Ausgrenzung zu unterwerfen, sich als bestimmendes Selbstgefühl gegen es zu behaupten. Das Ausgegrenzte ist hierdurch als ein obskures Gefühl zuerst darin bestimmt, dass es keine Nähe für die allgemeine Wahrnehmung hat, nicht erlebt sein will, weil es sich nicht ihr entsprechend ausdrückt und damit keinen Eindruck machen kann, keine Dichte erfäht, keine Eindrücklichkeit hat, also als fremde Bestimmung erfahren wird.

Obskur ist das Fremde, das nur dadurch erzeugt wird, dass das Eigene allgemein sein will. Es erscheint als eine Welt, die nicht in die Stimmung passt und damit auch schon als Macht, die ihr nur daurch entgegenzustehen vermag, dass sie nicht mit macht. Das Andersseins bezieht seine Macht also nicht aus sich, sondern alleine aus dem Abgrenzungsbedürfnis der allgemeinen Selbstgefühle. Dass es für sich bleiben kann, erscheint in einer Welt allgemeiner Selbstgefühle gespenstisch, von Geisteskraft kündend und also gefährlich.

Alles Erleben zeigt nun einen höheren Sinn: Es bringt die Menschen auf das, was sie nicht sind, durch die Allgemeinstimmung, die ihr Erleben erbringt. Darin sind sie in zweifacher Weise anders als sie in Wirklichkeit sind: Einmal durch das, was sie von sich als Wahrheit ausschließen, ausgrenzen, abweisen. Und einmal durch das, was sie durch die Ausgrenzung verallgemeinern: Der Sinn, der aus ihrer Mitte entsteht als Verdichtung der Vermittlung aller Selbstgefühle, die sich darin äußern.

So stehen sich in der Stimmmung zwei Formen der Selbstwahrnehmung entgegen: Das eingeschlossene und das ausgeschlossene Selbstgefühl. Während erstres die Allgemeinheit belebt und erhält, begründet letztres erst das Gemeine der Stimmung, ihr Allgemeinsein. Nur durch die Ausgrenzung sind die Menschen füreinander bestimmt, die Eingeschlossenen wie die Ausgeschlossenen. Was sie an Selbstbestimmung ausgrenzen, was ihnen nicht gemein sein soll, belebt die Bildung ihres Allgemeingefühls, ihr allgemeines Selbstgefühl. Wovon sie ausdrücklich absehen, das macht die Absicht ihrer Allgemeinheit aus.

Die Selbstvergegenwärtigung, welche die Absicht betreibt, entspringt der abgetrennten Geschichte, welche die Selbstbeziehung in der Stimmung der Wahrnehmungen erlangt hat. Sie stellt insofern die von dieser ausgeschlossene Geschichte einer Selbstbezogenheit dar, die Wahrheit, die sie ersetzen muss, die sie fortwährend negiert, um für sich gut zu sein. Dies ist der Grund, warum Vergangenheit zu einer so hartnäckigen Belastung für einen Menschen werden kann. Es ist die Grundlage aller "Verdrängungen" welche von der Psychoanalyse so eifrig kostatiert werden. Aber es ist nichts anderes als das durch die eigene Wahrnehmung im Selbsterleben ausgeschlossene Lebenserfahrung, das "Loch der Wahrheit", durch welche das Erkenntnisvermögen belastet ist, und was es dazu treibt, sich in einem Zirkel der Selbstgefühle blindwütig zu bezichtigen, zu beschwören und dennoch fortwährend zu verneinen. Wie ein subjektiver Zirkel betreibt seine Absicht, sich in der Selbstvergegenwärtigung gegen die Wahrnehmung zu gewinnen, immer wieder neue Verrrücktheiten hervor, die wir aber erst im zweiten Band dieses Textes genauer erkennen werden, nämlich dann, wenn die Welt dieser zirkulären Selbstwahrnehmung vollständig entwickelt und geschlossen für sich ist. Aber schon an dieser Stele lässt sich zeigen, dass ausgeschlossene Wahrheit ihre eigene Wirkung für die Selbstwahrnehmung hat, dass sie in Wahrheit die Welt auf eine eigenartige Einfältigkeit reduziert, um mit ihr leben zu können, gleich wie sie wirklich ist. Die Eigenart der seelischen Störungen wird dies dann auch wirklich verdeutlichen können.

Die Absicht der Selbstgefühle besteht in der Einstimmung einer Stimmung, einer Güte des Fühlens und Findens als Wahrnehmungsidentität des Erlebens in einer bestimmten Lebenswelt. Das grenzt die Gefühle der Menschen darin ein. Aber es grenzt alles andere aus, vor allem, die Empfindungen für ihre Beziehungen zueinander. Innerhalb ihrer selbstgefühligen Allgemeinheit können sie keinen Sinn mehr füreinander finden, als den, den sie durch diese Lebenswelt schon haben. Um Stimmung für vergemeinschaftete Selbstgefühle zu erzeugen, müssen sie sich zugleich gegen jene Empfindungen verhalten, die jedes Selbstgefühl außer sich lassen, die also auch dem Erleben äußerlich sind: Menschliches Empfinden für das Leben von Menschen.

Solche Empfindungen stehen daher nicht länger in Beziehung zu den Gefühlen, die in den Selbstgefühlen einer Stimmung zurückkommen; sie stehen ihnen entgegen als Gewissheit von Beziehungen, die im Erleben von Gemeinschaft untergegangen sind. Selbstgefühle aber können nur in zwischenmenschlichen Verhältnissen entstehen, weil sie Reflexionen der dort aufkommenden Gefühle sind. Die Einstimmung kann also nur gelingen, wo Selbstgefühle der Absicht folgen, die Stimmung zu erzeugen, die sie für sich nötig haben, um sich in ihr finden und so empfinden zu können, wie sie sich fühlen.

Das wäre relativ einfach, entstünde hierbei nicht die Notwendigkeit, sich über seine wirklichen Empfindungen zu erheben und diese von sich auszugrenzen als besondere Wahrnehmungen, die dem Selbstgefühl zuwider sind. Die Selbstwahrnehmung folgt in ihren Absichten einem ästhetischen Muster, nach welchem sich Gefühle so sortieren, dass sie dem Selbstgefühl entsprechen, und dass sich die Selbstwahrnehmung gegen die Empfindungen verhält, die sie von sich ausgeschlossen halten muss, um sich adäquat zu bleiben.

Damit ist ein ästhetisches Verhältnis in der Wahrnehmung gegründet, das sowohl einem gesellschaftlichen Verhältnis in der Stimmung entspricht, als es auch dem Gefühlsverhältnis der einzelnen Menschen zu sich, also ihrem Selbstgefühl dienlich ist. Das im Allgemeinen bestimmte Selbstgefühl entspricht dem persönlichen Selbstgefühl, wenn es seine Absichten zu verfolgen versteht. Diese verfolgen nur einen Grundsatz zur Scheidung ihrer Selbstwahrnehmung: Das sich Inadäquate ist hässlich, das sich Adäquate ist schön. Das Hässliche ist entstanden, damit es das Schöne gibt. Und in diesem Unterschied entwickelt sich Wahrnehmung zur vollständigen Selbstwahrnehmung, zum sich selbst Fühlen in der Schönheit der Gefühle. Die so bestimmte Empfindung findet immer nur das, was sie auch fühlt. Sofern sie nicht hässlich ist, geht sie ganz in der Schönheit ihrer Gefühle auf und erfüllt deren Stimmung durch ihr eigenes Antlitz. Dies macht die Selbstgefühle aus und trägt sie zusammen zu einer Welt, worin das Besondere schön ist, wenn es dem Allgemeinen dient.

Hierdurch wird eine eigene Wahrnehmungswelt zu einer Beziehungswelt des Schönen und jede Wahrnehmung in ihrem Sinn dadurch bestimmt, dass die Gefühle einen ästhetischen Lebenszusammenhang darin finden, dass sie sich über die wirklichen Empfindungen stellen. Das Wirkliche wird selbst häßlich, eben weil es dem Selbstgefühl widersteht. Es ist hier Schönes und Hässliches nicht für den Menschen erkannt, sondern nur der Form nach als Selbstgefühl so bestimmt, wie es der Erkenntnis nicht zugänglich wird. Es macht gerade dies die Grundlage für all den Kitsch der bürgerlichen Gefühlswelt aus, dass sie in der Wahrnehmung Trost und Befriedigung für ihr Selbstgefühl finden will und derweil all dies als Natur der Sache ansieht, um sich ihr Leben überhaupt als natürliches zu vergewissern, um sich einem natürlich scheinenden Sinn zu überantworten.

Es gibt keine natürliche Schönheit. Schönes und Hässliches ist immer schon Menschenwerk. Ein schöner Stuhl z.B. beweist immmer auch gute Lebenspraxis, gute Arbeit und Sinn für eine Sache und die sie nutzenden Menschen. Nützlichkeit vorausgesetzt, macht Schönheit den Sinn der Sache, worin sie sich erkenntlich zeigt und als menschliches Produkt erkennbar macht. Das unkenntliche Produkt ist paralysiert, ist sinnentleert und bloß nützlich im Sinne von zweckmäßig. Aber des Menschen Zweck ist nicht, zu leben um des Lebens willen und nützliche Dinge zu haben, um leben zu können. Sein Zweck begründet sich im wirklichen Lebensprozess als Selbsterzeugungsprozess des menschlichen Lebens - voller Nutzen und Schönheit, Arbeit und Kultur.

Von daher ist das unkenntliche Produkt eine Herabsetzung des Menschen unter seine Existenz, ein inkorporierter Existenzzwang, der ihm darüber mitgeteilt wird, dass seine Sachen nicht schön sind, er aber leben kann, solange seine Arbeit nützliche Dinge hervorbringt. Von daher lässt sich auch Adornos Formulierung von der "Wunde der Erkenntnis" begreifen, welche in der Kunst sich zeigt. Aber es ist nicht nur die Wunde der Kunst, sondern der Schmerz der Erkenntnis überhaupt, der sich durch die ganze bürgerliche Kultur ausbreitet. Es ist der Formalisierungsprozess der Erkenntnis durch die Wahrnehmung unter bürgerlichen Lebensbedingungen, die sie hindern, Erkenntnis zu werden, wenn sie deren gesellschaftliche Form nicht sich zum Gegenstand macht, sich nicht zur Kritik der politischen Ästhetik emanzipiert.

Die Menschen sind sich nurmehr in ihren Gefühlen so gegenwärtig, wie sie ihre Selbstgefühle als schön empfinden, und diese werden ihnen zum allgemeinen Zusammenhang gemeiner Wahrheiten, die sich aus der Ausgrenzung und Beherrschung des Hässlichen bestimmen. Selbstgefühle haben ihren Grund in Wahrheit also darin, den Empfindungen wirklicher Wahrnehmungsgehalte zu widerstehen.

Die Welt der Selbstgefühle beruht auf der Trennung von der Innerlichkeit und Äußerlichkeit des Wahrnehmens. Dass deren Formen in Feindschaft zu einander geraten sind, hat die Absicht bewirkt, welche die Selbstgefühle notwendig entwickeln. Da diese Absicht der Erkenntnis selbst äußerlich ist, hat sie die Wahrnehmung durch ihre Formbestimmung zu einem Äußerlichsein gebracht, das sich ihrem Inhalt entgegenstellen muss.

Die Wahrnehmung bestimmt sich zum einen selbst in den Erlebnissen durch Gefühle fort, die für die Selbstwahrnehmung darin erzeugt werden, zum anderen bestimmt sie alle fremde Wahrnehmung in der Form einer ästhetischen Empfindung, worin diese entäußert, entfremdet und ihrer Einvernahme unterworfen wird als Stoff der Selbstbestimmung, als Abgrenzung des Fühlens durch die Ästhetik der Selbstwahrnehmung. Die Gefühle wollen in dieser Abstraktion die Nähe und Anwesenheit des Einvernommenen und die Ferne und Abwesenheit des Fremden. Nähe wird durch Abgrenzung gewonnen, durch Entfernung des Hässlichen. Indem die Menschen Nähe produzieren, produzieren sie eine gute Selbstwahrnehmung, gleich, was ihr eigenes Leben in Wirklichkeit ist. Und mit dem Ausschluss des Hässlichen erzeugen sie die Abweisung von dem, was sie nicht wahrhaben können, ohne der Wahrnehmungsidentität ihrer Gefühle zu schaden. In der ästhetischen Bestimmung und Unterwerfung der Empfindungen als fremde Gefühle, als Hässlichkeiten, verfolgen die Gefühle ihre wesentliche Absicht, wodurch sich die Nähe der Einvernommenen als das schöne und geschönte Erleben anderer Menschen durch ihre Stimmung wie von selbst ergibt. Die so errichtete Stimmung ist die ästhetische Vereinahmung der Gefühle, die darin einverleibt sind. Alle Empfindungen entstehen nun auf dieser Grundlage.

Die Welt so gebildeter Wahrnehmungsidentität besteht nun aus einem Kreislauf formalisierter Empfindungen und Gefühlen, der für sich nur dadurch gut ist, dass er die Nähe der Menschen in ihrem Erleben erbringt, gleich, was sie für diese wirklich ist. Es entstehen Lebenswelten, in denen die Selbstverständlichkeit guter Gefühle die Menschen verbindet, welche somit begüterte Gefühle einer Identität sind, die eine Wahrheit durch sich selbst behauptet, die jeder Erkenntnis und Erkennbarkeit enthoben ist.

C.G. Jung beschrieb die immer wiederkehrenden Bilder und Gestaltungen solcher Wahrnehmungsidentitäten als "Archetypen", die er in der Naturhaftigkeit des Wahrnehmuns überhaupt begründet vermutete. Es waren für ihn die Archetypen einer ursprünglichen Natur des Unbewussten, welches einer kosmischen Ontologie zu entnehmen sei. In dieser Naturalisierung hat er dem entstehenden Nationalsozialismus seiner Zeit einen großen Dienst erwiesen, hat er doch damit vor allem die Naturalisierung des Bewusstseins, die Verewigung seiner Gründe und demzufolge auch die Notwendigkeit seiner Beherrschung auszuweisen versucht - nicht gewollt, aber mit Bewusstsein. Wissenschaft verfällt der Anschauung des Allgemeinen, wenn sie nicht weiß, was sie Wissen muss, um mit ihren Erkenntnissen voranzukommen. Und nichts anderes macht reaktiones Denken aus.

Für die Selbstwahrnehmung hat jede Wahrnehmung darin Wert, dass sie ihre Güte befördert. Um das Maß ihrer Stimmung zu erweitern und auszudehnen. Um also eine hohe Dichte von Anwesenheit zu erlangen, sind möglichst viele Wahrnehmungen nötig als Abfolge von Ereignissen, die dadurch Erlebenswert haben, dass sie die Menschen reizen und erregen. In der Selbstwahrnehmung herrscht der Reiz, welchen die Wahrnehmung in der Beziehung zu sich selbst hat, also auf die Art und Weise des Selbsterlebens.

Es bilden sich somit Erregungen, die zum Maßstab des Erlebens werden, eine Welt, worin sich die Wahrnehmung danach richtet, eine Welt gefühliger Selbstverständlichkeiten, Gegebenheiten erregender Selbstgefühle. In dem Maße, wie es dem Erleben gelingt, erregende Gefühle zu verschaffen, verliert die Wahrnehmung an Erkenntnis für ihre eigene Wahrheit. Die wesentliche allgemeine und gesellschaftliche Kulturerfahrung wird zur bloßen Anregung für Gefühle, welche ohne diese keinen Sinn bekommen oder haben können. Hierdurch wird auch letztlich erst der Abstraktionsprozess gesellschaftlich wahr, in durch welchen schon vor aller Erkenntnis von dem abgesehen ist, was nicht erregend ist, was also keinen (Er)Lebenswert hat.

 

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3.3 Der wirkliche Selbstwert (Regungen als Erregungen des Selbstgefühls)

Es waren die Regungen in den Menschen, aus denen ihre Bedürfnisse sich gebildet hatten. Das Verlangen nach Gegenständen, in welchen diese Regungen sich verwirklicht haben, erzeugte im Bildungsungprozess der menschlichen Sinne immer auch neue Regungen und neue Bedürfnisse, Erfindungen und Gestaltungskraft menschlicher Erkenntnis. Die Freiheit dieser inneren Gestaltungsprozesse war von den gesellschaftlichen Verwirklichungsmöglichkeiten der ihnen vorausgesetzten Regungen abhängig. Sie lebten davon, was sie an Sinn, Geschmack, Gehör, Gespühr usw. entwickelt hatten und auf die Weise, wie es ihnen gelang, die Gegenstände hierfür auch herzustellen. Der Entwicklungsprozess ihrer Arbeit entsprach dem wirklichen Gestaltungsprozess ihrer geschichtlichen Sinnlichkeit.

Wo die Regungen nurmehr als Selbstgefühle bestehen können, weil die Beziehung zu den Arbeitsprodukten nur noch durch Geldbesitz bedingt ist, da hat dieses Verhältnis auch einen anderen Sinn. Nicht dass es keine Bedürfnisse mehr gebe; aber die Regungen, die sie ausmachen, resultieren nicht aus den Kulturverhältnissesn des Stoffwechsels, aus der Beziehung auf menschlichen Reichtum, sondern einzig auf den Reizen, welche zur Überwindung des Geldverhältnisses die Menschen noch berühren können. Es sind gereizte Regungen, welche die Menschen gesellschaftlich bewegen und sie in Bewegung setzen, Erregungen, die fast nur noch aus kulturellen Anstößen erwachsen, aus der Kulturform, in welcher die Güter als Kulturgüter angeboten werden.

Das Erregende daran sind also keine gegenständlichen Bedürfnisse, sondern das Selbsterleben, das durch sie ermöglicht wird. Nur insoweit sie dem zwischenmenschliche Erleben dienen und nutzen, werden sie überhaupt als Gegenstände des Bedarfs angesehen. Reine Lebensmittel gehören zum Selbstverständlichen, wozu die rein äußerlichen Notwendigkeiten des Stoffwechsels gerechnet werden. Diese aber sind erst hierdurch veräußerlicht, vo ihren kulturellen Eigenschaften abgetrennt und unwesentlich geworden. Nur noch das Erregende kann in dieser Abtrennung die Menschen sinnlich erreichen, weil sie nur in ihren Selbstgefühlen erreichbar, also betrefflich sind.

Doch auch der Reiz der Selbstgefühle liegt nicht mehr in ihren einfachen Regungen, die ihre wirkliche Gestaltungskraft ausmachen, sondern in der Wirkung der Anreize auf Menschen, die sich in zwischenmenschlichem Verkehr fortbilden und ausschließlich darin ihre Geschichte vernehmen, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes hiervon angeregt und aufgeregt werden. Alle inneren Beziehungen finden nur unter der Bedingung wirklich statt, dass sie zwischenmenschliche Erregungen produzieren, also durch ihre Anregungen erregend sind. Ihr vorwiegendes gesellschaftliches Verhältnis ist das ihrer kulturellen Aufgeregtheit, ihrer wechselseitigen Erlebensproduktivität.

Erst wenn sich Menschen selbst wechselseitig vollständig als Lebensbedingung erleben, kann ihr Selbsterleben wirklich in dieser Form allgemein werden und in seiner Allgemeinheit einen Wert für sich bekommen. Zugleich entsteht so aber auch das Selbsterleben als Lebensbedingung, also für jeden als Notwendigkeit, ihm Folge zu leisten. In der Art und Weise, wie die Menschen sich hierbei empfinden, fühlen und denken, wird eine Welt geboren, die ihren Sinn nur in und durch die Selbstwahrnehmung hat.

Allem ist nach wie vor die materielle Lebensproduktion vorausgesetzt, doch diese wird sinnlich erlebt, weil sie durch Geldbesitz eine unmittelbare Lebensbasis hat, für die Menschen dieses Lebensraums also selbstverständlich ist - auch wenn sie kein Geld haben. Nicht die Selbsterzeugung des Menschen durch seine Lebensäußerung und Arbeit macht hierin die gesellschaftlichen Beziehungen aus, sondern die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen, die in den Empfindungen und Gefühlen, in den Wahrnehmungen überhaupt stattfinden. Es ist die Welt wahrnehmbarer Lebensgestaltung, also einer Lebensgestalt, welche die Wahrnehmung hervorbringt, die Gestaltung von Lebensräumen und Körpern, die allgemeine Gestalt des Lebens, welches keinen anderen Sinn hat, als Wahrnehmungen zu erzeugen und zu erwecken, Eindruck zu machen und dies auszudrücken, sich als das zu erleben, was als Erlebnis beabsichtigt ist.

Es ist ein Leben wie Tourismus in der eigenen Welt, ein Nehmen und Geben von Wahrheiten, die nicht wirklich wahr sein können, aber für die Wahrnehmung selbst als ihr Selbsterleben wahr ist: Dieses reflektiert Glück und Leid von zwischenmenschlichen Beziehungen, ihre Nähe und Ferne, ihre Annäherung und Dichte und ihren Selbstverlust. Das Selbsterleben ist eine bunte Welt voller Widersinnigkeiten. Und um die geht es hier. Sie macht die Welt einer wirklich und vollständig zur Selbständigkeit entwickelten bürgerlichen Kultur aus, einer Welt im Geldbesitz.

Hier nun findet die Selbstüberhöhung, wie sie in der Absicht der Selbstgefühle schon begründet war, wirklich statt. Jeder Mensch findet im anregenden Erleben eines anderen zu seinem Selbstgefühl, weil er darin sich mit anderen Menschen allgemein erfährt, weil er sich also selbst allem gemein fühlt. Es gibt in der Tat innerhalb dieser Welt allgemein keine Unterschiede der Gefühle mehr, weil sie nicht mehr als Inhalt der Erkenntnis wirklich sinnlich sind, sondern lediglich der Anregung dienen. Jeder kann unmittelbar verstehen, wie ein anderer fühlt, weil er dieselbe Grundlage des Gefühls teilt, weil er also keine wirkliche Beziehung mehr empfindet, sich stattdessen selbst als Verwirklichung seiner Beziehungen fühlt. Und diese sind in dem Maße allem gemein, wie sie allgemeiner Lebenserfahrung entsprechen.

Es genügt, eine Talk-Show von Johannes B. Kerner anzusehen, um zu erkennen, was solche Allgemeinheit darstellt. Darin ist jeder, der sich gewöhnlich nur selbst der Nächste ist, zugleich allem nahe, was jeder auf diese Weise erlebt hat. Die Nähe zu sich selbst macht den Reiz dieser Sendung aus. Und darin offenbart sie zugleich die Allgemeinheit dieser Beziehung, die Selbstverliebtheit in die Welt der ausschließlichen Gefühle. J.B. Kerner treibt seine Show damit auch weiter in ein allgemeines Lebensgefühl hinein, das nicht nur Liebe, Familie, Psychologie usw. betrifft, sondern auch Haushalt, Kochen und Sport zu einer Erlebenswelt zusammenzieht. Nirgendwo kochen die Fernsehköche daher lieber, als in seiner Koch-Show. Nur insgesamt wirkt alles ziemlich peinlich - vor allem, wenn es mal um wirkliche Empfindungen geht.

Die Grundlage der Gefühle ist jetzt die Abstraktion von jeder wirklichen Beziehung, also der Beziehung, welche im Erleben selbst schon ausgeschlossen ist und jetzt im Selbstgefühl erlebt wird - wenn auch in seiner unwirklichen Form. Die wirklichen Beziehungen haben immer eine Hinterlassenschaft in allen Lebensformen, in Körper und Geist. So auch in den Gefühlen und ihrem Gedächtnis. Als vergangene Wirklichkeit können sie daher auch gegenwärtig wirken, Erleben bereichern und das Gewordene befrieden, so es Frieden nötig hat.

Das ungegenwärtige Selbstgefühl lebt aber nicht wirklich von seiner Vegangenheit, sondern hat eine sehr heftige Gegenwart. Es wird nur dadurch allgemein wertvoll, dass es Zusammenhänge und Identitäten stiftet, wo diese ohne dies nicht möglich sind. Dadurch, dass Gefühle sich in dem treffen, verbinden und vereinen, was für sie Identität stiftet, entsteht ein Selbstwert, der sich allein aus der Nichtigkeit des Einzelnen, aus der Unmöglichkeit einer menschlichen Identität in einer Welt voller Selbstwahrnehmungen begründet. Wert haben die Gefühle, welche Identität verschaffen und Selbstwert erlangt, wer dieses Gefühl teilen kann. Im Selbstwert sind die Gefühle so idealisiert, dass ihre Verwirrungen ein Ende finden - und also so idolisiert, dass dieses Ende aus einem idolisierten Gefühl für sich bestehen kann. In Wahrheit werden durch den Selbstwert des Gefühls lediglich Selbstgefühle idolisiert, also allgemein und abstrakt verdichtet.

Darin ist jeder Mensch anwesend, auch wenn er abwesend ist. Ein Selbstwertgefühl erhebt sich aus jeder Ruine, wenn es wirklich allgemeine sinnliche Subjektivität zu erheischen vermag. Ruinierte Beziehungen können auf dieser Basis wirklich wieder zusammenfinden und wirkliche Beziehungen dadurch auch ruiniert werden. Es ist die schlichte Basis für Selbstwahrnehmungen in einer Welt, die zunächst mal auf Wahrnehmungen und nicht auf wirklichen Menschen selbst gründet. Menschen, die sich mangels wirklicher gesellschaftlicher Verhältnisse aufeinander beziehen müssen, können nur im Bezug auf sich selbst sich wirklich allgemein beziehen. In ihrem jeweiligen Selbstwert haben sie daher auch die einzig mögliche Gewähr für ihre Gesellschaft. Es gelingt ihnen auf diese Weise, dort, wo keine Erkenntnisse möglich sind, anerkannt zu sein, - und das heißt lediglich: nicht gesellschaftlich geächtet zu werden.

Selbstwertigkeiten entstehen überall, wo durch die Selbstwahrnehmungen vieler Menschen sich Selbstgefühle idolisieren lassen, wo sie gesellschaftliche Gewähr und Sicherheit für sie bieten - und sei dies auch zugleich nur der Orst ihres Entstehens. Es ist hierbei gleichgültig, ob es sich um Menschen, Sachen, Töne, Kunstformen oder anderes handelt und ob es im Tratsch an der Ecke oder in der Akademie von Intellektuellen, oder von Ästheten oder Politikern so betrieen wird. Selbstwerte bestehen alleine durch den Zusammenhang idolisierter Selbstgefühle, die darin angesprochen und angefühlt und anempfunden werden können, wo immer sie zur geselllschaftlichen Identitätsfindung nötig sind. Von daher wirken sie wie Fetische des Selbstgefühls, welches geistig und körperlich darin vereint ist. Aber diese Einheit ist nur theoretisch und von der Herkunft aus begriffen. Von der Gegenwärtigkeit der Selbstwahrnehmung wird diese Einheit schnell auf ihre körperliche Existenzform reduziert.

Indem Selbstwerte zur Grundlage des Erlebens werden, bestimmen sie auch dessen allgemeinen Sinn, bestimmen das Erleben selbst zum reinen Selbsterleben. Was in Wirklichkeit längst vergangen, untergegangen ist, besteht gegenwärtig immer noch als Körper und Geist, welche durch Empfindungen und Gefühle sich gebildet haben. Der Körper ist von seiner Geschichte begeistert, wenn und wo er diese in sich vereint weiß. Als begeisterter Körper bringt er sich in das Erleben seiner selbst dort ein, wo sich ihm alles als bekannt darstellt, wo also alles sich wiederholt, es keine Geschichte und keine Wirklichkeit mehr gibt. Das Selbsterleben ist daher wesentlich körperlich. Aber es steht zugleich über dem Körper, indem es sich als Form des Selbstgefühls, als besondere Allgemeinheit des sich Fühlens ereignet.

Allgemein fühlt man sich selbst, wenn man sich durch andere erlebt, wenn man also Verhältnisse betreibt, in denen man allgemein in seinem Gefühl als das bestätigt ist, was man geworden ist. Es ist keine Selbstbeziehung - diese begründet sich erst in der privaten Persönlichkeit. Es ist reines Selbsterleben, welches den Körper so begeistert sein lässt, wie er andere zu begeistern vermag. Was er aus seiner Geschichte heraus darstellt und als Gedächtnis hat, bestimmt das Erleben in einer Körperwelt, worin sich Menschen körperlich begegnen, worin sie allgemein füreinander vor allem Körper sind und daher in Wirklichkeit auch rein körperlich nur füreinander Geltung erlangen. Alle Sinne werden so aufgefasst, wie sie darin erscheinen.

Die Sinnesgestalt, der Körper, hat daher jetzt Wert durch sich selbst, bildet Selbstwert und wird so zum Geld des Selbstgefühls. Darin findet es wirklich einen allgemeinen Sinn, einen abstrakten Sinn, der allem gemein ist, weil er als menschliche Naturgestalt erscheint. Sofern sich diese mitzuteilen versteht, teilen die Menschen darin die Natur ihrer Selbstgefühle mit. Ihr Verhältnis besteht nicht mehr aus dem, worin sie sich wirklich aufeinander beziehen, sondern aus der körperlichen Beziehung, in der sie ihr Selbstgefühl jenseits aller sonstigen Empfindungen und Gefühle verwirklicht finden. In ihrem körperlichen Sein verwirklichen sie ihr Fürsichsein, erleben sie sich selbst als ausschließliche Wirklichkeit.

Für die Wahrnehmung ist das ein Salto mortale, eine Umkehrung ihrer ganzen Wahrheit. Sie nimmt körperlich durch andere wahr, was sie von sich wahrhat. Sie nimmt sich selbst wahr als das, was sie an anderen bewirkt. In der Abtrennung von ihren Empfindungen verspürt sie sich selbst wesentlich anders, wie ein anderes Wesen, das sich zu seiner Natur nur so verhalten kann, wie es außer sich ist.

Ein Körper ist in Wirklichkeit immer ein Einzelwesen; Sinne enstehen nur in der gesellschaftlichen Beziehung der Menschen, der Generationen und Kulturen. So einzeln wie Wirklichkeit körperlich erlebt wird, so gesellschaftlich ist sie zugleich. Aber für den Selbstwert gilt nur die Lebensgestalt, wie sie erscheint. Gleich, welche Geschichte Menschen in und mit ihren Selbstgefühlen hatten, in der wechselseitigen körperlichen Einvernahme ihrer stillen Wahrheit können sie sich immer in dem Sinn aufeinander beziehen, in welchem sie sich nahe kommen - sei es ihr Geschlecht, ihr Geschmack, ihre Sicht, ihr Gehör usw. Sie erleben zwar nur sich im anderen, aber dafür teilen sie mit ihm ihr Wesen, teilen sich wesentlich mit. Für ein Leben im Selbsterleben würde das ausreichen, wenn es hierdurch nicht für sich selbst sinnlos werden würde. Das die Menschen ihre Sinne in ihren selbstwertigen Gefühlen nicht wirklich aufeinander beziehen, erleben sie wesentlich nur die Sinnlichkeit anderer Menschen, leben sich durch äußerliche Sinnesgestaltungen. Indem jeder Mensch seinen Sinn im anderen erlebt, hat er ihn nicht mehr für sich, bildet keine sinnliche Geschichte durch sich, sondern findet abstrakten Sinn in seiner Geschichte durch andere. Indem er sich nur selbst in zwischenmenschlichen Beziehungen erlebt, erfährt er in Wirklichkeit seine Sinnlosigkeit.

Lediglich in seiner Körperform ist er noch wirklich in Beziehung auf andere Menschen. Darin erlebt er sich wirklich ausschließlich unter ihnen und darin erscheint ihm seine Beziehung auf sie allgemein menschlich. Vermittelst seines körperlichen Daseins ist er ein wirklich allgemeiner Mensch - nicht wie geboren, aber wie geworden, nicht konkret, aber abstrakt. Durch sein körperliches Verhältnis zu anderen Menschen reizt er diese wie sich selbst. Es ist wie eine permanente Selbststimulation: Der unentwegte Anreiz hat seinen eigenen Sinn als Körper und vertreibt jedes Gefühl von Sinnlosigkeit. Er bewegt sich zwischen sich und anderen in körperlicher Begeisterung allgemein und wechselt hiernach auch seine Beziehungen. Was nicht wirklich körperlich auftritt, kann niemanden reizen und bleibt der zwischenmenschlichen Beziehung verschlossen. Und was hier nicht zugehört, das muss dann draußen bleiben, entzieht sich der Aufmerksamkeit. Die zwischenmenschlichen Beziehungen gelingen auf Dauer nur in dieser Allgemeinheit, und wenn sie nicht mehr allgemein sind, wenn sie ein Verhältnis zur Geschichte anderer Menschen verlangen, dann eigenen sie sich nicht mehr für das Selbsterleben.

Ein Verhältnis zur Geschichte eines anderen Menschen ist nur möglich, wo sich diese mit der eigenen trifft. Doch dieser Treffpunkt lässt sich oft fasst nur noch archäologisch finden, weil er keine gesellschaftliche Form mehr hat, weil menschliche Beziehungen nur noch über die Schluchten vereinzelter Geschichten verlaufen, die sich kaum mehr wirklich treffen.

Es ist das körperliche Selbsterleben in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht Bosheit oder Flachheit einzelner Individuen, sondern gesellschaftliche Beziehungsform in einer Lebenswelt, worin die Menschen keine andere gesellschaftliche Wirklichkeit mehr haben, als die ihres körperlichen Daseins. Innerhalb der Möglichkeiteswelt vergeldlichter gesellschaftlicher Lebensbedingungen haben sie keine andere wirkliche gesellschaftliche Form, worin sie teilen und sich mitteilen können, weil ihre Welt in der Notwendigkeit untergangen ist, Geldbesitz zum gesellschaftlichen Maßstab zu machen, weil sie eben nicht mehr andres da ist. Weil das Kapital in eine Dienstleistungsgesellschaft nur Geld als gesellschaftlichen Zusammenhang zur Verfügung stellt, können die Menschen darin auch nur nioch durch sich selbst hindurch fühlen, was ihr Leben ausmacht, was sie beglückt, verärgert und Sinn vermittelt.

Ihr körperliches Dasein selbst erscheint daher auch als Lebensspender, denn das Leben selbst hat hierdurch keine Geschichte, sondern besteht nurmehr durch schlichte körperliche Begebenheiten und erscheint mit dem Körper selbst gegeben. Den Menschen erscheint ihr körperliches Sein daher auch als ihr ausschließliches Menschsein, als ihre wirkliche Menschlichkeit. Allen gemein ist, das sie körperlich sind, weil sie Körper haben. Und sie verspüren darin ihr Leben als das, was sie durch ihn erleben. Im Körper erscheint das Leben allgemein als Gegenteil von dem, was es im Einzelnen ausmacht. Da ist es Geschichte, die bewirkt und daher auch körperlich wirklich ist. Alle einzelnen Ereignisse bringen Glück wie Unglück, können die Menschen sich ihrer selbst vergewissern oder sie verunsichern. Identoität finden sie darin nicht. Aber sie finden diese in ihrem allgemein körperlichen Sein als Teilhaber der Lebenswelten durch ihr körperliches Sein. Im Körper als solchen lassen sich alle Erlebnisse allgemein beziehen, als verallgemeinertes Ereignis zum allgemeinen Körperereignis machen, durch welchen die Menschen sich selbst nahe kommen. Was sie körperlich sind, wird zu einer Dramaturgie ihrer Körperreize, zu einem Himmel der Vorstellungen von dem, was ihre Körper ihnen an Nähe zu anderen und zu sich vermitteln sollen. Und in den Vorstellungen verbinden sich ihre Hoffnungen, wie sie in einer Welt doch zu sich kommen können, die ihnen ansonsten nichts und nichtig bliebe.

Sie wissen sich längst in der Welt von sich selbst getrennt, ausgeschlossen von jedem Sinn, den ihr Leben dort haben könnte. Und im Maß der Ausschließlichkeit dieses Befunds werden ihre Empfindungen dort schal und öde. Nur ihr Körper bleibt als Welt für sie wirklich. Und sie vergöttern sich als menschliche Körper in dem Maße, wie sie darin ihre Ausschließlichkeit körperlich erfahren, sich ausschließlich menschlich erleben, in ihrer bloßen körperlichen Existenzform. Dieses Allgemeingefühl des Menschseins macht den Selbstwert aus, der hierbei entsteht. Er ist getrennt von jeglichem wirklichen Empfinden und fühlen und reduziert sich auf die reine Form, in welcher alle wirklichen Beziehungen auf sich selbst reduziert sind. Von da her erscheit die Mühe der Welt hier auch völlig unnötig, denn das eigene Sein erscheint als nichts anderes mehr, als das reine natürliche Sein der Körperlichen schlechthin.

Von daher versammelt sich in jedem Körper eine Welt der Selbstgewfühle, die dadurch Selbstwert bilden, dass die Menschen darin eine Natur erfahren, die sie in der Welt längst nicht mehr haben können. Ihre Regungen, die sie in ihren vielfältigen Beziehungen auf andere Menschen nicht mehr verwirklichen können, regt sich in ihnen wie eine Naturgestalt, worin ihre Beziehungslosigkeit ihre gesellschaftliche Form bekommt. In ihrer körperlichen Gestaltung gestalten sie nicht nur ihr Leben, sondern ihre ganze Welt.

Und diese Tatsache macht den Körper selbst zur Welt, seine natürliche Gestalt zum Welterleben schlechthin. Und dies macht schließlich auch den Fetischismus aus, welcher in solcher Kultur dem Körper gezollt wird. Er ist die Lebensform dessen, was durch Geld abwesend gemacht worden war: Nackter Sinn für sich.

 

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4. Der Körperfetischismus

Das Erleben als solches ist zwar nicht unbedingt geistlos, aber es fixiert Geistlosigkeit in einer Form der Selbsterinnerung, die ihre bestimmten Inhalte und Geschichten in den Hintergrund drängt und sich auf diese Weise über deren wirklich materielles Sein erhebt. Das Erlebte verbleibt als rein körperliches Geschehen für sich in der Begeisterung, in der zur Geschichte gewordenen Aufregung als Grund der Erregung der Selbstfgefühle erhalten. Aber von daher verbleibt die Begeisterung dem Inhalt nach hiervon getrennt als reine Vergangenheit eines Selbstgefühls, als Geschichte, die als solche keine körperliche Gegenwart, keine Empfindung mehr hat. Weil sie voneineinander getrennt sind, erscheinen die körperlichen Erregungen und ihre Geschichten nun auch unterschieden. Lediglich was der Körper hiervon bewahrt hat, was ihn gebildet, gestärkt oder klug gemacht hat, bleibt auch wirklich erhalten. Er ist zur Basis aller weiteren Selbstwahrnehmung geworden, die sich nun als innere Geschichte eines Menschen nurmehr körperlich darstellen kann.

Die Erlebnisse auf dieser Basis erscheinen jetzt daher besonders ästhetisch. Sie gelten nurmehr als Hinzunahme an eigener Wirklichkeit, als Verwirklichung des Begehrens der Selbstgefühle, das in der Vergangenheit entstanden war und nun die Gegenwart bestimmt. Die Geschichte erscheint nun selbst ungegenwärtig, weil sie ihre Regungen als Formen ihrer körperlichen Regsamkeit erfährt. Der Körper selbst wird zur geschichtlichen Gestalt, an der sich alles weitere Geschehen relativiert.

Natürlich ist nach wie vor jedes Erlebnis der Selbstgefühle auch körperlich. Es gibt kein Erleben ohne Körper. Doch die ästhetische Form des Körperlichen als Wahrheit der Geschichte des Selbsterlebens unterscheidet sich von der aktuellen körperlichen Sinnlichkeit sehr. Hier geht es jetzt darum, dass der Körper selbst zur ausschließlichen Erlebensform geworden ist, dass jedes Gefühl davon abhängig ist, was erlebt wird und was erlebt wurde und dass es darin durch die Ästhetik einer Geschichte bestimmt wird, welche die hervorragende Empfindung der Gegenwart ausmacht. Das Leben bekommt eine neue Lebendigkeit der ästhetischen Wahrnehmung. Es erscheint nurmehr lebendig, was reizvoll ist und nur der Körper selbst kann diese Reize haben, weil sein Geist in ihm längst versunken war. Gleich, was die Menschen voneinander erkennen, im körperlichen Erleben haben sie alles im selben Sinn, - eben je nach dem, wie sie sich körperlich erleben und aufeinander wirken.

Aus den Verhältnissen des Erlebens hatte sich hierdurch eine Welt voller Selbstgefühligkeit gebildet, die sich nun als eine höchst körperliche Gesellschaft herausgestellt hat, in welcher die Menschen sich zwar nicht mehr durch ihr wirkliches Leben aufeinander beziehen, worin sie aber an ihrem sinnlichen Leben teilhaben. Die Lebensgestaltung, worin ihre Sinnlichkeit räumlich erscheint, - die Art und Weise des Selbsterlebens in einer Sinnesgestalt des Lebens -, ist jetzt selbst zum Körper des Lebens geworden. Das Körperliche überhaupt, welches eigentlich jeder Gesellschaftsform vorausgesetzt war, ist nun hierdurch Träger eines gesellschaftlichen Erlebens - und nicht nur das: Der Lebensraum der Sinne ist der ausschließliche Ort, worin sich dies überhaupt vermittelt. Sowohl in den Kulturgütern, in den Resultaten der gesellschaftlichen Verhältnisse, soweit sie über die Vernutzung der Güter hinausreichen, wie auch in den Menschen selbst als Lebensgestalten ihrer Sinne, geraten hierdurch die Lebensgewohnheiten in eine allgemein gesellschaftliche Sinnesgestaltung, sei es in der Form einer Sache (z. B. Architektur), im Ausdruck körperlicher Anmache (z.B. Mode) oder als Persönlichkeit, als Idol.

Solche Wahrnehmungsverhältnisse, in welchen der Körper als solcher zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Form wird, in der er selbst die Gestalt annimmt, in welcher diese Gewohnheiten sich mitteilen, verallgemeinern und vermitteln, stellen sich nicht nur Selbstgefühle dar - sie gestalten diese in dem Sinn, durch welchen Menschen sich allgemein in ihrem Zusammensein begründet sehen. Was sich in den Menschen sinnlich abstrakt nur vermittelt hat, wird auf diese Weise zu einer gesellschaftlichen Mitteilung, worin sich die Menschen kulturell vermitteln und auch als kulturelle Mittel, als Mit-Teil ihrer Kultur erleben. Dieses Erleben ist so allgemein und gewöhnlich, wie es außergewöhnliche Wirkung hat. Es ist die Wirkung eines allgemeinen Selbstgefühls, das jene des individualisierten Selbstgefühls an Masse und Kraft weit übersteigt, weil das Allgemeine dieses Gefühls nun aus der körperlichen Masse und Dichte des Erlebens kommt. Das Einzelne unterscheidet sich wesentlich von dieser allgemeinen Besonderung, weil es darin abwesend ist, weil es also in seiner Abwesenheit die Wirkung eines allgemeinen Anwesens hat. Die allgemeinen Verkörperungen haben daher eine allgemeine öffentliche Wirkung, die schon im einzelnen Gefühl hervorragend und nun allgemein da ist, ohne wirklichen Grund und wirkliche Anwesenheit zu haben, aber für jedes Einzelne durch dessen massenhafte Anwesenheit bestimmt und bestimmend zu sein.

Indem die Menschen sich über ihr körperliches Dasein außergewöhnlich fühlen und geben, werden sie zum Mittel kultureller Lebensgewohnheit und teilen im Grunde auch und gerade nur mit, was darin schon geworden ist, bevor es zum Leben finden kann. Das wirkliche Leben selbst zählt lediglich als Umstand einer kultivierten Körperlichkeit. Es wird zu einem besonders sinnlichen und hierdurch zu einem gesellschaftlich übersinnlichen Leben, woran sich Lebenserwartungen, Liebessehnsüchte und Hoffnungen auf Zukunft und Geschichte knüpfen, die das Leben, wie es ist, zumindest erträglich machen. Um ein Leben in völlig gespaltener Wahrheit zu ertragen, wird das Körpererleben zum Band unendlicher Bezogenheit auf eine Welt, die dann auch tatsächlich unendlich Körperlich ist. Darin vergeht jede Geschichte, aber zugleich erlebt sich jeder Mensch darin höchst geschichtlich, weil er in Ereignissen lebt, die unendlich bestimmt erscheinen. Was ihn ihm Einzelnen ausfüllt, trennt ihn nicht nur von seinem allgemeinen Lebenszusammenhang ab; der Lebenszusammenhang besteht überhaupt nur aus der allgemein besonderten Vereinzelung des Selbsterlebens, aus der allgemeinen Abtrennung eines jeden Einzelnen. Das Glück erscheint darin so unendlich, wie es auch nur unendlich zerstückelt auftritt. Alles, was die Menschen in ihrem Erleben voranbringt, das zerfällt im Lauf ihres Lebens in eine unendlich mächtige Vereinzelung, die ihre Individualgeschichten dann auch auszufüllen hat. Von daher erscheint die Form ihrer Einzelheit, ihr Körper selbst, allgemein als natürliches Medium ihrer Geschichte, worein sich alle Nöte ihres vereinzelten Daseins gewendet haben. Das ist schwer zu begreifen. Und deshalb erscheint dies auch notwendig höchst mystisch und doch auch nur als Mythos ihrer bloßen körperlichen Natur.

Nur in einer bestimmten Entwicklungszeit der individuellen Persönlichkeit, die mit Pubertät bezeichnet wird, wird dieser Mythos höchst real durchlebt. Darin vollzieht sich die Dramatik einer Entwicklung, in welcher die Lebensgeborgenheit der Kinder durch ganz bestimmte gesellschaftliche Erfahrungen im Leben von Jugendlichen in der bürgerlichen Kultur bedrängt wird. Mehr als die tatsächlichen Körperveränderungen geht es um die Veränderung der Selbstwahrnehmung in einer Zeit, wo gesellschaftliche Erfahrungen in den Widerstreit zur Erfahrung einer oft "heilen Welt" kindlicher Geborgenheit in einer Familie gerät.
Die gesellschaftliche Beziehungsform des Jugendlichen erleidet einen elementaren Bruch, der ihm über sein körperliches Dasein vermittelt wird, weil diese Beziehungsform vor allem über den Körperfetischismus dieser Gesellschaft erwächst. Er muss dabei Fähigkeiten erwerben, die ihm fremde Kulturmächtigkeit vermitteln, also ganz und gar nicht naturbestimmt sind: Es geht um die gesellschaftlich gesetzte Notwendigkeit, in dieser Kultur Selbstwert zu bilden, der im Leben selbst nicht entstehen kann, der also ein aufgesetztes Leben verlangt. Alle Wahrnehmungen werden schlagartig an dem bemessen, was sie für diesen Wert darstellen und bilden eine Welt der Selbstgefühligkeit aus, in welchen sich viele Jugendliche erst mal nicht wiedererkennen, bevor sie nicht ihre individuelle Wahrnehmungswelt aus ihrem Tun und Lassen hierin für sich geschaffen haben. Von daher sind sie heftig an allen möglichen Idolisierungen interessiert, die ihnen z.B. aus Medien, Kulturevents, Massenveranstaltungen oder auch aus Markenartikel zuwachsen, bzw. geboten werden. Das Idol gibt ihnen meist die erste Sicherheit in den Unsicherheiten einer gesellschaftlichen Kultur, die ihre Wahrheit mit sich selbst gebrochen hat. Das Verlangen nach Wahrheit ist somit nicht ein kindliches Verlangen sondern drückt eine allgemeine menschliche Notwendigkeit aus, die in dieser Kultur beständig durch Wahrnehmungen überwunden und aufgehoben wird, die dem Selbstgefühl als solchem dienen - und ausschließlich diesem. Dies eben macht der Doppelcharakter dieser "Entwicklungsphase" deutlich, in welchem die Abhängikeit von Idolen zugleich die eigene Not der Selbstwahrnehmung bestimmt - sie also nicht nur aufhebt, sondern zugleich auch ihre Ohnmacht bestärkt.

Einen Körper hat jeder Mensch wie jedes Tier. Er ist darin so sinnlich, wie er darin auch seine Sinne hat. Er wird mit ihm groß und was den Körper wachsen lässt, damit wächst auch Mensch wie Tier. Die Sinne bilden sich und werden gebildet, wie es das körperliche Leben mit sich bringt.

Dennoch wird der Körper zu etwas gänzlich Übersinnlichen, wenn sich darin Kultur gestaltet und ihn zur Sache der Kultur macht, zu einem Kulturgut, das der Körper nur deshalb ist, weil die Kultur der zwischenmenschlichen Beziehungen ihre Natur in ihm zu finden meinen. Als Gegenstand des Erlebens wird er vital, wo er selbst bloßes Objekt der Wahrnehmung ist, wo er zum bloßen Leib zwischenmenschlicher Bezogenheit wird, zum Wahrnehmungsgegenstand entäußerter Lebendigkeit, zum Lebensding, worin Leben versspürt wird, auch wenn es nicht wirklich lebt. So wird der Körper selbst zu einem kulturellen Machwerk, einem Fetisch des Lebens, weil er zum ausschließlichen Gegenstand des Erlebens geworden war.

Aber weil seine Ausschließlichkeit allgemein ist, weil und sofern kein Leben außer ihm wirklich ist, ist der Körper auch der Lebensmythos schlechthin. Man lebt davon, dass man durch ihn sein Leben verspürt. Als Gegenstand des Erlebens hat er selbst keine andere Geschichte als die der Erlebnisse. Er wächst zwar und altert wie eh und jeh, aber so sinnlich, wie er auch sein mag, so hat er in den zwischenmenschlichen Erlebnissen doch nur noch den Sinn seiner Lebensform. Er wird behütet und gepflegt, geschmückt und gefordert, wie er einem höheren Leben nur dienlich sein kann, das er nicht wie durch sich selbst hätte. Er wid drapiert und ausstaffiert, dass er weit mehr Sinn verkörpert, als er jemals haben kann.

Die Geschichtslosigkeit des Körperlichen hat viele Bilder und Gestalten. Besonders deutlich wird das an der Tattoo-Kultur, an den Bildern, die ihm für alle Lebenszeit eingebrannt werden. Sie sollen ihn zum Darsteller machen, zu einem Sinn, der endgültig ist. Sie sind keine Mode, mit der er gekleidet ist und worin auch bestimmte Selbstgefühle kultiviert werden. Er wird selbst zu einer Bühne des Erlebens, indem er bestimmte Bilder auf seiner Haut präsentiert, eben Bilder, die ihn für ein bestimmtes Körpererleben ausprägen und verewigen sollen. Schon manche Beziehung ist daran auch gescheitert, dass ein Name an prägnanten Körperstellen eintätowiert war, der längst vergessen sein sollte.

Die ausschließliche Körperform, worin sich zwischenmenschliche Beziehungen verwirklichen, worin sie also zu einem wirklichen Verhältnis von Menschen werden, beeindruckt die Sinne in ihrer rein ästhetischen Existenz. Alles Vordergründige hat in seinem Reiz einen hintergründigen Sinn, und alles Hintergründige wird darin vordergründig sinnlich. Die Körperwelten werden zur Prominenz des Erlebens.

Durch die körperliche Erlebnisweise vermitteln sich gesellschaftliche Erlebniswelten als menschliche Anreize der Selbstwahrnehmung - durch ihre unmittelbare Form in den einzelnen Menschen werden diese zu Idolen, worin sich das Verlangen der Gefühle konzentriert, zu körperlichen Persönlichkeiten der Selbstgefühle. Es genügt, wenn sie nur reizvoll zucken, dass sie die Fans verzücken. Darin erfährt das vermittelte Selbstgefühl allgemeine Aufmerksamkeit durch eine persönliche Ausdrucksform in der Daseinsform von Körpern. Die Reize sind hierdurch allgemein nur persönlich existent, machen die Ästhetik persönlicher Beziehungen aus, wie sie existieren. Und sie können nirgendwo anders existieren, als durch ihr körperliches Dasein der Menschen und der Raumgestaltung, welche aus diesem Wahrnehmungsverhältnis hervorgeht.

Jeder Körper ist in einem Raum ästhetisch. Ob er schön oder hässlich empfunden wird, ist alleine hiervon abhängig. Er hat in diesem zwischenmenschlichen Raum keine andere Wahrheit als die seiner körperlichen Existenz. So kann er in einem Kulturraum als schön empfunden werden, im anderen als häßlich; es kommt nur auf das Arrangement des Erlebens in solchen Räumen an, worin sich seine Ästhetik entfaltet. Es ist dessen eigen Dramaturgie, welche die Körper bestimmt. Wie sie darin wirken können, so sind sie auch füreinander. In den Gewohnheiten der Selbstgefühle treffen sich die markanten Ereignisse der Selbstwahrnehmungen und bilden die Erlebensgrundlagen, welche die Menschen darin wahrhaben.

Jeder einzelne Körper ist daher hierin zugleich wie ein allgemeiner Körper. Der Körper als solcher wird zum Gleichnis der Vielfalt des Erlebens in diesem Raum. Er wird zum Dramaturg ungelebter Geschichte. Alles, was nicht wirklich zwischen den Menschen sein kann, wird im Korperlichsein als solches unterstellt: Menschliche Natur als Potenzial menschlicher Wirklichkeit und Nähe, der Körper als potenzielle Selbstverwirklichung des Menschen, als unmittelbar menschliche Persönlichkeit. Von daher wird das rein körperliche Sein zu einer allgemeinen kulturellen Persönlichkeit, worin sich die Selbstgefühle begegnen, anziehen oder abstoßen.

Im bloßen Körperlichsein stellt sich jetzt abstrakte Sinnlichkeit unmittelbar dar. Darin wird die Vermittlung allen Erlebens reduziert auf das, was es für die Wahrnehmung nun ganz allgemein ist: Natur, wie sie sich als Sinn für sich in ihrer Dichte und Masse ereignet. Alles, was in der Wahrnehmung hoch komplex war, ist jetzt einfach natürlich. Und die Natur selbst scheint nun auch alles Komplexe zu bestimmen - etwa so, wie eine Wetterlage das Gemüt und Schicksal der Menschen bestimmen kann. Die Naturalisierung der Wahrnehmung ist das Resultat einer Erlebniswelt der Selbstgefühle, die sich selbst auch nurmehr als das nehmen, als was sie sich wechselseitig gelten: Als ausschließliche Naturregung, als innere Natur des Menschen, wie er sie außer sich an anderen findet und empfindet, als menschliche Natur, wie sie außer sich ist. Das Resultat des Selbstgefühls ist menschliche Natur, die sich selbst auf ein Dasein als Naturwesen reduziert, einem Sein, das sich als solches körperlich so anfühlen lässt, wie es nun gerade da ist. Darin verliert alles Unwirkliche seinen Schrecken, alles Ungelebte seine Ohnmacht und aller Tiefsinn sein Wesen. Im Körper wird all dies augenscheinlich unnötig. Das Unheimliche findet darin Schutz und Heim und das Gesellschaftliche seinen privaten Raum und Bunker. Jeder wird zum Körper eines anderen, damit er darin seine Beziehung zu sich selbst erfährt.

Alles, was als Form gesellschaftlicher Erkenntnis in der Wahrnehmung entwickelt war, steht nun auf dem Kopf: Der gesellschaftliche Inhalt der zwischenmenschlichen Verhältnisse erscheint nun als natürliche Substanz ihrer Sinnesorgane. Die Sinne, worin Menschen ihre gesellschaftlichen Beziehungen realisieren, werden selbst zum privaten Grund ihrer Beziehung. Die Menschen selbst gelten sich nicht mehr als Wesen von gesellschaftlicher Natur, als gesellschaftlich entwickelte Natur, sondern als Vergesellschaftung von Natur, als naturalisierte Individuen, die sich zu einer gesellschaftlichen Masse verallgemeinern.

So auch die Organe selbst. Sie verlieren ihre wirkliche Beziehung, deren Irritationen und Konflikte, streifen ihren gesellschaftlich entwickelten Sinn ab und werden zu Funktionären einer abstrakten Natur: Das Geschlecht gilt nurmehr als Naturtrieb, das Bedürfnis nach Nahrung und Lebensentfaltung als bloßer Hunger, das Wirken und Tätigsein der Menschen als bloße Naturnotwendigkeit der Arbeit.

Die Natur des Körperlichen wird auch in den bürgerlichen Wissenschaften als ontologisches Substrat verstanden, als Inbegriff menschlichen Seins. Die Aufklärung selbst hatte auf höchster Abstraktionsebene die Natur aus ihrem Dasein in menschlicher Gesellschaft herausgetrennt und zu einem Wesen gemacht, welches ihr als Naturbestimmung vorausgesetzt wurde. Alle natürlichen Gründe menschlichen Zusammenwirkens wurden damit zu einem naturhaften Grund für das gesellschaftliche Sein der Menschen. Menschliche Gesellschaft wurde somit zu einer bloßen Notwendigkeit des Lebens, zur Lebensform einer Natur des Mangels herabgesetzt.und als natürliche Entwicklungsstufe einer hohen Lebensvielfalt, als Substanz menschlicher Sinnlichkeit, als Sinnesreichtum durch den entfalteten Reichtum gesellschaftlicher Produktion miskreditiert. Unmittelbar hieraus ergibt sich das Verständnis von Arbeit als Naturnotwendigkeit des Hungers - so, als ob die Menschen im Vergleich zu den Tieren zu blöd wären, sich zu reproduzieren und sich deshalb dieses komplizierte Gewirke einer bürgerlichen Gesellschaft zugelegt hätten, in welcher jeder nur arbeitet, um zu leben, weil das Kapital davon lebt, dass viel gearbeitet wird. Wo tierische Arbeit noch lediglich Aufwand ihres Lebens war, wurde hierdurch der Mensch zum Objekt der Arbeit, zu ihrem Sklaven. Und in diesem Sinn wurden dann auch Texte geschmiedet die behaupteten, dass Arbeit frei machen würde.

In der menschlichen Gesellschaft ist Natur nicht abwesend, nicht abgetrennt und nicht vorausgesetzt. Sie ist die Form menschlicher Natur, Natur als Gesellschaft, in welcher die Menschen sich selbst befähigten, sich über die Notwendigkeiten des unmittelbaren Naturbedarfs herauszuheben und menschliche Bedürfnisse, insgesamt das Bedürfnis nach Lebensvielfalt, Entwicklung und Reichtum hieraus zu emanzipieren, indem sie Natur zu Gegenständen des gesellschaftlichen Reichtums der Menschen verarbeiteten.

Nachdem die Sinne der Menschen sich in ihren Selbstgefühlen verselbständigt hatten, wird nun vom bloß praktischen Bewusstsein diese Selbständigkeit als ihre Natur verstanden, als Verbund natürlicher Getriebenheit, als Trieb überhaupt. Allein das theoretische Bewusstsein kann dies hinterfragen, kann die Frage stellen, wie menschliche Gesellschaft überhaupt möglich sei, wenn sie von bloßer Natur nur angetrieben wäre.

Doch solch theoretisches Bewusstsein ist nicht sehr verbreitet. Die bürgerlichen Wissenschaften, soweit sie nicht völlig pragmatisch argumentieren, gehen meist von einem Wesensunterschied von natürlichen und gesellschaftlichen Bestimmungen aus, die zu einem Zwiespalt im Menschen werden, zu seiner individuellen Problemlage, in welcher solche Wissenschaft vemitteln will. Klassisch ist hierin die Psychoanalyse, welche im Individuum eine rein naturbedingte Begierde sieht, der die Gesellschaft als Ordnungsmacht, als Realitätsprinzip begegnen müsse, um sie nicht ihrem gesellschaftslosen Chaos, um sie nicht der Selbstzerfleischung zu überlassen. Lustbefriedigung wird hierbei als Kompromiss zwischen "innerer und äußerer Natur" begriffen, welcher jeden Menschen dazu veranlassen würde, sich zwischen den Mächten von Lust- und Realitätsprinzipien im Befriedigungserlebnis zu versöhnen.

Radikaler werden diese Versöhnungen von den Positivisten, besonders den Behavouristen als Grundlage jeden Verhaltens verstanden. Dort macht die Stimulation von Verhalten als Reaktion auf Naturreize selbst schon Realität aus und erfordert Handlungen, mit welchen Natur bedient wird, gesellschaftliches Verhalten also schon per se der Natur unterworfen gilt.

Noch konsequenter sind hierin die Genetiker und Sozialdarwinisten, die persönliches und soziales Verhalten selbst nur als Ausdruck von Naturbestimmungen ansehen. Weil sie in der Naturalform des Körpers, in seinen Zellen, Hormonen, Synapsen und Strömungen Bewegungsformen seines bestimmten Lebens nachvollziehen können, setzen sie das Leben selbst zur Bewegungsform des Körpers herab, inzwischen sogar als genetische Bestimmung des menschlichen Willens. So neu ist das nicht. Es entspricht der platten "Weisheit" der alten Anstaltspsychiatrie, die, weil sie z.B. Adrenalinausschüttung bei Agressivität feststellen konnte, diese als Ursache agressiven Verhaltens angesehen hat.... ebenso die Erhöhung des Zuckerstoffwechsels bei "Schizophrenen" als Ursache der Schizophrenie usw. Eine Befragung des eigenen Widersinn steht in solcher Ursachen"forschung" nicht mehr an.

Aber auch geisteswissenschaftliches Bedenken begründet sich in naturhaften Vorstellungen und Interpretationen. So lehnen zwar die Phänomenologen jede vorausgesetzte Wesensbehauptung ab, finden diese aber "unvoreingenommen" in einer wesentlich formalisierten Allgemeinheit, einer Naturgestalt der Phänomene. Hier wird Natur als objektive Gesetzmäßigkeit begriffen, die sich aus dem Phänomen herausabstrahieren lässt. Was sie betreibt, vollzieht sich daher zwar nicht als Natur, aber wie ein Naturgesetz der Erkenntnis, der Wahrnehmung oder der Psyche, z.B. als "Tendenz zur guten Gestalt".

Existenzialistische Ansätze begreifen persönliches wie gesellschaftliches Verhalten selbst als bloße Existenzfrage angesichts der Macht der Vernichtung, des Todes. Auch hier wird die Abstraktion von wirklichem gesellschaftlichem Sein verkehrt zur Behauptung einer quasi natürlichen objektiven Notwendigkeit, die dem einzelnen Menschen totale Selbstverantwortlichkeit auferlegt, ihn "zur Freiheit verurteilt" (Sartre), die sich in einen gesellschaftlichen Prozess fortsetzen und wie von selbst verallgemeinern würde.

Allen diesen Theorien ist gemein, dass sie das menschliche Leben allein aus der Anschauung seiner Gegebenheit heraus interpretieren, welche in eine ontische Kategorie, in die Behauptung einer Naturgesetzlichkeit des menschlichen Lebens aufgeht, die seinem gesellschaftlichen Dasein vorausgesetzt sei.

Doch bevor solches Interpretieren überhaupt zu einer Frage nach dem Rätsel seines Gegenständs kommen kann, erliegt es schon seiner eigenen Bedingtheit, die sich in der Behauptung einer absoluten Lebensbedingung fortbestimmt. Doch Leben kann kein Ding sein. Es besteht ja auch gerade in der Befragung der Dinghaftigkeit und Verdinglichung, in der Herabsetzung und Überwindung des Toten, in dessen Wendung zur Selbsterneuerung, zur Lebensentfaltung eines neuen Wesens aus dessen verwesender Form. Zu einem Bewusstsein dahin muss sich die Wissenschaft erst selbst emanzipieren, wenn sie nicht zum bloßen Handlanger der Gegebenheiten und Sachzwänge werden will.

 

Im Körper scheint alles zu leben, was zwischen den Menschen keine wirkliche Beziehung findet, sich darin nicht mehr erkennen lässt. Er ist das letzte Refugium des Lebens, das keine Gestalt außer ihm hat. Aber in ihm ist es zugleich nur abstrakt, getrennt von seiner wirklichen Bezogenheit, von seinem Sinn, seinem konkreten Geschlecht, Geschmack, Gehör usw. Körperlich ist der Sinneseindruck in dieser Abstraktion ein bloßes Quantum von Nähe, Dichte, Rhythmus, Position usw.

In der Esoterik wird das abstrakt Körperliche daher mit dem Feinsinn gleichgesetzt, der als das verstofflichte Geistige gilt, als Feinstofflichkeit. Dort werden die körperlichen Abstraktionen wieder wahrnehmbar, das Unlebbare zu einer Empfindung irgendwelcher Art. So entstehen "Kraftströme" und "Kraftfelder", in welchen so viele Bestimmungen des Ungelebten zusammenkommen, dass es hie und da tatsächlich zu einer bekräftigenden Empfindung in einem ansonsten leeren Menschen kommen kann. Das Geheimnis der Esoterik beruht nicht auf Suggestion oder Religion, sondern auf dem Zusammenkommen abstrakter Sinnfälligkeiten, die dem Körper so zugeführt werden, dass er darin zu sich eine Verbindung mit dem Ungelebten finden kann (vergl. z.B. die "Kraftfelder" bei Hellingers Familienaufstellungen).

So erscheinen im Körperlichen Lebensinhalte, die nicht wirklich körperlich sind, die gerade daraus bestehen, dass sie von ihm absehen, nicht wirklich erscheinen können. Das macht ihn zu einem Lebensträger von Erfahrungen, die über aller Erkenntnis stehen. Und dies nur deshalb, weil und solange ihr Sinn und Grund unerkennbar ist. Das Körperliche bekommt hierdurch selbst den Mythos eines Lebenszusammenhangs, der ansonsten nicht existiert. Der Körper ist hierbei eine Lebensbrücke, die leben lässt, was nicht leben kann. Indem er als solcher erlebt und verehrt wird, bekommt er als kultureller Zusammenhang der Menschen einen wirklich abstrakten Sinn für das, was ihm konkret abgeht. Er wird zur Kultstätte zwischenmenschlicher Verhältnisse, zur Lebensinsel, worin sich findet, was sich sonst nicht mal zu suchen vermag. Er wird von da her zum Fetisch einer Sinnlichkeit, die in Wirklichkeit obsolet ist, sich aber als Körper dennoch wirklich ereignen kann. Das Selbsterleben überdauert als Körpererlebnis jede Sinnfrage.

Der Körper stellt Sinnlichkeit schlechthin dar und die Menschen dramatisieren dies daher auch gerne, um in Beziehung zu kommen, indem sie ihn zur Schau stellen. Die körperlichen Atribute werden betont durch Mode, Schmuck oder Piercing. Hierbei handelt es sich nicht um ein gegenständliches Verhältnis zu Schönheit, z.B. zu Farbe, Form und Gestalt, sondern um eine Hervorkehrung des Körpers als Stimulanz für zwischenmenschliche Beziehungen, Sex-Apeal oder exotische Phantastik o.ä. als Beziehungsangebot.

Der Körperfetischismus stellt den Körper als allgemeinen Status des Selbstgefühls heraus, als Fetisch, worin die Erlebnisse begeistert erscheinen. Er ist das Potenzial eines Lebens, dessen Inbegriff Vollkommenheit, also Gesundheit ist und in zeitloser Körperlichkeit scheint es zugleich gegenständlich als unendliches Leben, als Zukunft und Vergangenheit aller Regungen, als ewige Kraft, die hierin erregend ist und auch mit Erregung empfunden wird. Ein Körper ist als solcher schon erregend, wenn er als Naturform eines Lebens wahrgenommen wird. Als abstrakt allgemeine, als unendliche Naturform kann es zwar keine wirkliche Lebendigkeit haben, aber es lässt sich hiermit in jeder Wirklichkeit natürlich leben. Der Körper erregt das Selbstgefühl von Lebendigkeit in einer leblosen Gesellschaft. Hieraus ergibt sich die Hingabe und Unterwerfung jeglicher Sinnlichkeit unter das körperliche Dasein als Wahrnehmungsidentität in dem, was die Menschen von Natur aus zu haben scheinen: Körper, Geschlecht, Sinn überhaupt.

Den Menschen erscheinen ihre Körper als Lebenszusammenhang, weil ihr Leben nicht mehr wirklich körperlich ist, weil es keinen wirklichen Leib hat. Was sie voneinander wahrnehmen ist das, was sie durcheinander sind: Mittel ihrer Sinnlichkeit. Was die Wahrnehmung ausschließt, das haben die Sinne wahr. Dies ist der objektive Grund des Körperfetischismus: Der Körper erscheint wahrer als das, was die Wahrnehmung glaubhaft machen will. In ihm erscheinen menschliche Beziehungen, das Verlangen des Menschen nach dem Menschen, noch als menschliche Natur, wenn auch nur abstrakt und von daher übersinnlich.

Gleichgültig, was sie tun, was ihre Geschichte ausmacht und wodurch sie leben: Im Körper erleben die Menschen immer und ausschließlich sich selbst als Kultur für sich. Ohne gegenständliches Leben haben sie ihren Lebenszusammenhang auch wirklich nur durch ihren Köper wahr, lieben sich, wie sie sich erscheinen, weil sie sich als das erscheinen, was sie lieben. In ihnen regt sich, was außer ihnen geboten ist und sie bieten ihre Selbstwahrnehmung als Gegenstand der Wahrnehmung. Daher sehen sie sich ihren sinnlichen Regungen unterworfen. Weil sich ihre Sinne nicht mehr wirklich für andere regen, weil sie also nur an anderen Menschen Sinn für sich finden, sich durch andere erregen, um Regungen zu haben, werden ihnen ihre eigenen Regungen zu einem Mythos menschlichen Lebens, zu einem übersinnlichen Sinn, der in ihrem körperlichen Leben lediglich herausscheint wie eine Seele, die von einem höheren Wesen geschaffen ist.

Doch dieser übersinnliche Sinn ist tückisch: Wo die Menschen ihn empfinden, sind sie nicht sinnlich und wo sie sinnlich sind, haben sie kein Gefühl, keinen Sinn für sich, keinen Sinn für ihr konkretes Leben. Sie erfahren ihn als den Sinn ihrer Beziehung, als ihre höhere Vermittlung, worin sich das bewegt, was sie füreinander als Mittel ihres Lebens von Natur aus haben. Sie scheinen ihrer Natur unterworfen, weil sie sich ihrer Natur nicht gewiss sind. Und weil sie sich nicht natürlich verwirklichen, können sie in ihrer gesellschaftlichen Natur nicht wirklich leben. In ihren Körpern verwirklichen sich Natur und Gesellschaft als Übersinn ihrer wechselseitigen Beziehung, als Regung, deren Herkunft übersinnlich begründet scheint.

So erscheint alleine im Körper ihr abstrakt menschlicher Sinn unmittelbar sinnlich, ihre Lebenswelt als Naturgewalt ihrer Sinnlichkeit. Das Verlangen des Menschen nach dem Menschen wird zu einer Notwendigkeit persönlicher Anwesenheit, zur körperlichen und also räumlichen Verfüllung ihrer gesellschaftlichen Gegensta