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Teil I: Das Prinzip der Selbstverwirklichung
Abschnitt 2:
Die Selbstverwirklichung

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3. Das Selbstwertgefühl der betriebenen Selbstvergegenwärtigung
oder das 'Ich'

Wir sind nun dort angelangt, wo sich die Selbstverwirklichung auch wirklich ereignet. Getrieben von der Nichtigkeit des Selbstwerts war eine Selbstvergegenwärtigung nötig geworden, worin die Aneignung fremder Wahrnehmung zur Selbstbestimmung gelangt. Ein Mensch ist in diesen Verhältnissen das, als was er für die Wahrnehmung der anderen gilt. Und er schöpft seinen Selbstwert aus dem, was die anderen ihm an Selbsterleben ermöglichen, worin er also seine Geltung in der allgemeinen Selbstwahrnehmung überhaupt bewirkt. Die begehrliche Ästhetik in zwischenmenschlichen Beziehungen war zunächst nur ein Rückstand der Begierden, welche die Selbstwahrnehmung hervorgebracht hatte. Jetzt wird sie zum Inhalt der sich selbst bestimmenden Selbstgefühle, der beabsichtigten Selbstgefühle, die nichts anderes sind als eine durch Selbstvergegenwärtigung hervorgebrachte Gefühlswelt.

Das ganze Erkenntnisvermögen reduziert sich nun auf diesen Zweck. Das heißt, Gefühle selbst werden nur noch in der Form erkannt, wie sie zur Entfaltung der beabsichtigten Selbstgefühle dienlich sind. Nur was in diesem Sinn anwesend ist, wird überhaupt wahrgenommen. Die Anwenheit bestimmter Ereignisse wird in dem Sinn wahrgenommen, in welchem sie nichts mehr durch sich selbst, aber alles für die Selbstvergegenwärtigung erbringen. Es ist eine absolute Egozentrik des Reizbedarfs entstanden, den das Verlangen nach bestimmten Selbstgefühlen erzeugt hat. Was nicht hierfür "reizend" ist, wird schlicht nicht mehr in der zwischenmenschlichen Wahrnehmung aufgenommen; es wird lediglich als unnötiger Eindruck ausgegrenzt. Es beeindruckt, was ein Selbst vergegenwärtigt, das es an und für sich nicht gibt, das also völig substanzlos ist, das aber durch die Anwesenheit reizvoller Erlebnisse eine Ästhetik der Selbstwahrnehmung beibringt, wie sie auch beabsichtigt wird. Es geht jetzt also um die Grundlegung einer ästhetischen Selbstbeziehung, welche die Selbstwahrnehmung ausfüllt und von daher den Wesensklern einer Persönlichkeit stiften wird, die sich nurmehr durch die Art und Weise ihrer Selbstvergenwärtigung durch andere begründen wird. Die Leistungen, die sie erbringen muss, sind lediglich die des Arragements von Selbsterlebnissen - Selbsterfahrungen und Selbstvergegenwärtigungen -, die Beziehungen ausfüllen, die ohne dies nichts wären. Dese Leistungen kann man dem gleichsetzen, was Freud "Ich-Leistungen" nannte. Es kann also auch gesagt werden, dass das Selbstwertgefühl nun in der Form eines "Ichs" wirklich wird. Es ist das Resultat einverleibter Selbsterlebnisse. Die Selbstverwirklichung resultiert also in Wirklichkeit in der sogenannten "Ich-Entwicklung". Doch ein solcher Begriff bleibt widersinnig, behauptet er doch implizit, dass diese Entwicklung im Menschen selbst sich ereignen würde.

Die erste Bestimmung dieser Selbstvergegenwärtigung ist die Abgrenzung von fremder Selbstwahrnehmung, die Ausgrenzung und Nichtigsetzung aller Wahrnehmung, worin man selbst sich nicht vergegenwärtigen kann. Der erste Inhalt der Selbstvergeegnwärtigung ist also die bloße Negation, das Nichtigsetzen aller anderen Selbstwahrnehmung als Fremdwahrnehmung. Die Menschen, die auf dieser Wahrnehmungsebene verkehren, konkurrieren um ihre Wahrnehmungsidentität wie andere um ihr Vermögen. Fast grotesk, ja wahnhaft, können solche Konkurrenzen erscheinen, wenn sie von außen betrachtet werden. Aber an sich ist die Nichtigsetzung aller fremden Selbstwahrnehmung ein konstitutives Moment der Selbstvergegenwärtigung.

Jede Einverleibung nährt sich durch Fremdes, füllt sich mit Fremdem und erfüllt sich durch Entfremdung. Die Selbstverwirklichung hat sich als Selbstentleerung herausgestellt, da die Gefühle, die darin auftreten und verwirklicht werden, zugleich die Empfindungen aufheben, auf denen sie gründen. Es war durch die Selbstverwirklichung der Seele eine Gefühlswelt entstanden, die sich als Welt toter Empfindungen herausgestellt hat, eine gegen die entleerten, in sich nichtigen Sinne negative Welt.

Darin sind die Sinne der Wahrnehmung nun auch nicht mehr nur abstrakt, sondern verlassen. Sie sind zwar weiterhin anwesend, aber gänzlich leer. Genau dies macht ja auch Verlassenheit aus. Somit tritt ein Verlangen auf, das sich alleine gegen diese Verlassenheit bestimmt. Es sucht in seiner Empfindungslosigkeit Sinn, ohne den es völlig depriviert ist. Man könnte auch sagen, es sucht seinen eigenen "Stoff", seinen Körper.

Die Regungen von einst werden hierdurch zu leeren Erregungen, zu einem abstrakten Verlangen nach Sinn, das als bloße Unruhe einer an und für sich leeren Begehrlichkeit auftritt. Das Selbstgefühl hat seine abstrakte Selbsterneuerung beständig nötig - je leerer es ist, desto heftiger sein Verlangen. Die Einverleibung bestimmt sich dadurch jetzt selbst unendlich fort, wird zu einem unendlichen Einverleibungsstreben, zu einer allgemeinen Getriebenheit aus ihrer Entleerung heraus, so dass sie nicht mehr zu sich findet und sich nur durch fremden Leib ernähren kann.

Darin hat sich nun ein unendliches Verlangen nach Verzehr von erlebter Körperlichkeit gegründet, eine Erlebensgier. Der unruhige Geist entwickelt einen abstrakten Sinn für Körper und Stoffe, weil er nur darin zur Ruhe kommt, zu einer leiblich bedingten Identität findet, wenn er diese in der verlangten Form erlebt. Seine Unruhe treibt ihn immer wieder dorthin und seine Befriedigung bestimmt im bloßen Zeitverlauf wieder seine darauf folgende Unruhe. Er fühlt sich zum Leib getrieben wie durch einen inneren Trieb.

Nicht vom natürlichen Körper selbst kommt dies, sondern aus der selbstverwirklichten Wahrnehmung, die in ihrem Kreisen um sich selbst nur unruhig bestehen kann. Es ist eine Wahrnehmung, die sich im eigenen Erleben auffrisst und daher nur noch nach außen treiben, nach unendlich bestimmter Befriedigung streben, also nur triebhaft sein kann. Das betrifft alle Sinne, nicht nur die eindeutig sexuellen, sondern auch die haptischen, ästhetischen usw. Ob Menschen sich zu Menschen, zum Einkaufen oder zur Einverleibung von Sachästhetik (z.B. Schuhe) getrieben fühlen, ist lediglich eine Frage des Triebinhalts, nicht der Getriebenheit als solche. Die ist ja lediglich die Sinnesform, die durch sich selbst bestimmte und sich selbst begehrende sinnliche Abstraktion. Die aber kann niemals von ihrem Objekt lassen, denn alleine darin besteht die Körperform ihres Lebens. Die Unendlichkeit triebhaften Verlangens resultiert also unmittelbar aus der sinnlichen Selbstentfremdung, welche die Selbstverwirklichung hervorbringt.

Die Wahrnehmungsorgane werden nun selbst zum Organ der Selbstverwirklichung, nicht als ihr Organ, sondern als Organ, das ihren abstrakten Sinn in sich aufhebt, das sich als Naturstoff des Mangels an Sinn zeigt. Alles, was keinen wirklichen Sinn mehr hat, strebt nach Sinnlichkeit schlechthin. In der Ermangelung konkreter Sinnlichkeit bekommt der Körper selbst den Sinn, der nur die Abwesenheit von Sinn darstellt: Das Getriebensein zu einer sinnlichen Befriedigung. Die Seele hat hierbei ihren Geist verloren. Sie sucht nurmehr die schlichte Anwesenheit von Sinn, der sich als ihr Objekt ihr ergibt, an dem sie sich begeistern kann. In seiner Einverleibung schafft sie einen kurzen Frieden für sich. Doch ihre immer stärker werdende Sinnentleerung verlangt immer mehr Sinn für sie. Im Prinzip der Vermehrung ihrer Befriedigung glaubt die Seele an die Potenzierung ihrer Befriedigung, an ihre Erlösung und Selbstverwirklichung. Damit steigert sich mit jeder Befriedigung ihre Entleerung wie auch ihr Glaube. Der Trieb nach Befriedigung wird zur Wirklichkeitsform aller Selbstbezogenheit.

Doch dieser Trieb zielt nicht auf Lust, sondern auf Sättigung. Das Lustprinzip von Sigmund Freud ist eine ideologische Verzerrung dieses Verhalts. Die Seele ist nicht lustig, sie ist unbedingt und verfolgt ihre Notwendigkeit unerbittlich, ohne sich ihrer selbst gewiss zu sein. Es ist ihr Widerspruch, sich unbestimmt in der vollen Bestimmung ihrer Form, in den Erregungen ihrer Organe verhalten zu müssen. Das ist, was die Psychoanalyse mit der bestechenden Selbstgerechtigkeit des aufgeklärten Seelenfreunds zu vernebeln versucht. So wird jedeR PsychoanalytikerIn zum Anwalt ihrer Sinnentleerung und verdichtet diese auch noch zu einer geballten Ladung Mythologie. Darin wird jedes Gefühl der Erleichterung vom Druck der Mangelempfindung emporgejubelt zum menschlichen Wesensbild, so wie ein gelöschter Durst nach einer Dürrezeit einem gläubigen Menschen zum göttlichen Labsal gerät. Nichts ist schlechter für das Erkenntnis- und Kritikvermögen.Die Psychoanalyse hat für derlei Verdummung einen gewaltigen Beitrag geleistet.

Die Seele für sich erscheint nun bunt und vielfältig, so ihr ihre Befriedigung gelingt. Sie hat zweifellos einen Geist, der aus vielerlei Erleben resultiert. Darin sind Begeisterungen lebendig, die aus dem Erleben von Menschen resultieren, deren Leben sie reflektiert und in sich trägt. Sie ist nun wirklich die private Form begeisternder Erlebnisse. Wie ein Tourist im eigenen Land durchstreift sie die Körper und Herzen der Menschen, fügt sie in sich zusammen und erscheint selbst als ein überaus liebenswertes Wesen, das gerne selbst das Wesen aller Liebe wäre. Indem sie Menschen als sinnliche Basis ihres Selbsterlebens wahr hat, kann sie sich im Prinzip geistig unendlich ausdehnen und reflektieren und darin auch glücklich sein. Sie wird sich in ihrem geistig erscheinden Wesen auch gerne bilden und die Welt in dieser Form nachvollziehen, wie sie ihr erscheint. Solche Seele ist das Herz des Bildungsbürgers, der die Welt als Gleichnis seiner selbst zu verkörpern versteht. So gediegen er erscheint, so unendlich hungrig und begierig ist er auch.

Denn seine Begeisterung für sein Leben hat einen Grund, der nicht sehr grundlegend ist: Die Seele glaubt sich in ihrer Befriedigung wirklich, indem sie darin nach ihrer Wirklichkeit sucht. Doch diese ist in Wahrheit das vollständige unwirklich Sein aller Sinne, ihre unendliche Vereinung, vereinte Sinnlichkeit mit allem, was außer ihr Sinn hat. Sie ist getrieben, sich in der Einverleibung dieser Sinne zu gestalten und durch deren Beherrschung zugleich eine Macht über das zu gewinnen, was sie selbst nicht ist. Alles was Sinn hat, soll ihr unterworfen werden. Das hat sie nicht im Sinn, sondern in ihrem Gefühl, in dem Mangelgefühl, das nicht als Gefühl des Mangels auftritt, sondern als bloße Begierde, Sinn zu gewinnen, indem sie ihn sich einverleibt. Alles Sinnliche erscheint ihr als ihr Objekt und zugleich als objektive Erlösung ihrer Begierde, als Sättigung ihres Verlangens, Hoffnung auf Wiederferlangung ihres Gemüts, dem Glück ihres Innenlebens.

Die Seele weiß nicht, was sie entzweit hat, weil sie unbewusst und unbedingt in ihrem Verlangen ist. Sie hat ihre Herkunft verloren und begehrt nach ihrer Einheit, nach ihrer seelischen Identität. Und sie findet diese, indem sie Ereignisse produziert, in denen sich die Selbstgefühle versammeln, worin sie ihr Gemüt wahrhat. Sie ist von einem Glauben angetrieben, der sie immer hoffen lässt, die Wirklichkeit ihres Gemüts zu finden, sich in der Welt aufgehoben zu wissen. Es treibt sie zu einer Wahrnehmung der Wirklichkeit, die vor allem ihrer Absicht entspricht, Sinn für sie hat, gleich, was sie sinnlich wirklich ist.

Das macht ihre Wahrheit wie ihre Täuschung aus. Seele erkennt nicht wirklich, sie erkennt, worauf sie es absieht, aber nicht, wovon sie absieht. Von daher ist sie getrieben gegen alles, was ihre Absicht hindert, sich wirklich wahr zu machen. Das macht ihre Absicht selbständig zu einer unbedingten Lust des Erlebens: Sie treibt dahin, worauf sie lustig ist, worin sie sich wirklich glaubt, wo sie ihre Identität mit der Welt vermeint und darin ihrer Absicht, ihrem Streben nach Sinn, zur Verwirklichung verhelfen will.

Doch Glaube hilft nicht, Glaube treibt zu allerlei Unsinn. Und so ist die Lust oft gar nicht so lustig, weil sie betrieben ist durch einen Sinn, der außer sich geraten ist. Die Seele betreibt den Leib vor allem dadurch, dass sie in ihm Frieden sucht, der wiederum nur als Prinzip der Befriedigung möglich scheint. Was sie bewegt ist die Sinnlosigkeit ihrer Wahrnehmungen und Gefühle, weil sie sich in ihrem Selbstgefühl ihrem eigenen Erleben enthoben haben. Sie hat vor allem Lust, das zu erleben, was sie nicht kennet und auch nicht im Mindesten erkennen muss und was sie aus dem Bedürfnis ihrer Selbstgefühle begehren muss: Die Einvernahme fremder Sinne zum Zweck des Selbsterlebens.

Und wo sich die Sinne selbst allgmein fremd werden, wo ihre Zerteilung und Vereinzelung sich ausbreitet, da breitet sich vor allem die Seele ihrer Träger aus. Ohne einen wirkliche Beziehung zueinander müssen sie für das Sinnenleben einvernehmlich werden, quasi geschäftsführend für den Sinn ihres Lebens werden, um dem Bedürfnis nach Selbsterleben, der Lust der Sinne folgen zu können.

Wo Sinne zu wechselseitigen Objekten eines sinnlichen Bedarfs werden, sind sie in die Form der Objektivität versetzt: fremde Sinne, welche nur vom Standpunkt des Erlebens, also nicht im Bezug auf ihre Tätigkeit, wahrgenommen werden. Das ist ein notwendiges Resultat der Selbstwahrnehmung, die sich über die Wahrnehmung erhoben hat. Das Prinzip der Befriedigung ist nicht der Seele vorausgesetzt, wie das von der Psychoanalyse gern begriffen wird, die in der Seele ein ontologisches Gebräu naturbedingter Bedürfnisse vermutet und in deren Triebhaftigkeit also auch nur die tierische Natur des Menschen am Werk sehen kann. Doch solche Triebe unterscheiden sich von denen der Lust darin, dass sie selbst sinnlich sind und ihrer Tätigkeit nachgehen, wie sie nötig ist. Dazu sind die Spiele des Seelenlebens nicht vonnöten. Es ist in der Tat erst die bürgerliche Kultur, welche aus ihnen ein Luststreben gemacht hat. So irrt Sigmund Freud auch darin, dass die Kultur eine Sublimation der Triebe sei, ihre Formveränderung zum Zweck eines höheren Lebens. Kultur liegt der Modifikation solcher Triebe zur selbständigen Erlebensweise zugrunde, macht deren Formbestimmung aus der Notwendigkeit menschlicher Beziehungen darin aus.

Die Seele folgt ihrer Lust auf unmerklichen Ebenen und strengt sich hierbei auch wirklich an, wie ein Manager der Ereignisproduktion, der zwar nicht weiß, was wird und was sich von ihrem Verlangen wirklich realisieren lässt, der aber alles tun muss, damit die Produktion läuft. Das beständige Erzeugen von Gemütslagen, Stimmungen und Unterwürfigkeiten in menschlichen Beziehungen dient vor allem dem Glauben, im Erleben ihrer Einverleibung Frieden zu finden, ohne wirklich leben zu müssen. Das ist das Resultat einer permanenten Lebensverweigerung, in welche die Selbstgefühle geraten waren und im Leben fremder Sinnlichkeit Frieden finden müssen. Das ist, was notwendig zur Befriedigung treibt, Befriedigung des Triebes nach Einverleibung, der hier zum Gleichnis eines Friedens gerät, welches den Glauben hieran nicht erfüllen kann, und daher um so heftiger auf Befriedigung drängt. Es ist gleichgültig, ob es sich um die Einverleibung von Geschlecht, Nahrung oder Menschen handelt. Was dies alles als Momente und Eigenheiten des menschlichen Lebens wirklich ist, das spielt hier keine Rolle mehr. Der Trieb besteht aus einem Prinzip der Entwirklichung, das lediglich eine selbständige Erlebenswelt privater Persönlichkeiten zu errichten sucht.

 

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3.1 Die Selbstveredelung (oder die Lust der Selbstbestätigung)

Die Seele spekuliert auf die Leiblichkeit ihres Gemüts. Ohne Mut für sich selbst, erlebt sie sich durch die Sinne, die ihr geboten sind, die sie begehrt und sich einzuverleiben versteht. In der Wechselseitigkeit, in der sie dies nun betreibt, ist eine Teilung der Sinne vorausgesetzt, die hierdurch selbst in einem objektiv notwendigen Verlangen zueinander sich befinden. Wäre diese Teilung nicht durch die Form der Wahrnehmung begründet, so würden sie dieses Verlangen auch selbst verspüren und von selbst zur Vereinigung streben. Dies wäre lediglich ein Lebensmoment.

Aber durch die Form der Selbstwahrnehmung, wohin es die Wahrnehmung gebracht hatte, wird es zur Sache der Seele, sich ihre Sinne zusammenzusuchen, die sich dadurch bereichern können, dass sie sich aus der Teilung heraus wieder vereinen und sich vervollständigen - nicht aber wie es ihnen geboten ist, sondern wie es die Seele nötig hat. Das Glück der Seele beruht auf der Umkehrung ihrer Not, auf der Entfremdung der Sinne, der Selbstentfremdung der Menschen, deren Resultat sie ist. So ferne sie sich sind, so nah ist ihnen das leibliche Verlangen ihrer Seele. Gerade aus der Ferne wird das leibliche Leben zum Gegenstand der Selbstwahrnehmung schlechthin, weil und sofern es dabei nicht wirklich erlebt und erfahren wird. Was sich darin wirklich an Sinn findet, bleibt der Seele verborgen und steht manchmal im Konflikt zu ihr. Wo Sinne wirklich ineinander gehen, wirkliche Gestalt finden, da ist die Seele "mit ihrem Latein am Ende". Ihre Bestimmung ist konservativ: Die Einverleibung entfremdeter Sinnlichkeit. Sie treibt sich in der Welt um wie ein Schlossgeist, der keine Ruhe findet und hie und da Glück oder Schrecken verbreitet, um sich daran vorübergehend zu befriedigen.

Sie selbst lebt nicht wirklich; sie begehrt den Leib ihres Glaubens zu ihrer Selbstverwirklichung, die Erfüllung ihrer Hoffnung auf ihr Leben als ihre Wirklichkeit. Es ist die Seelennot, die nach wirklichem Sinn verlangt. Wovon sie im wirklichen Leben abgesehen hat, das wird für sie nun übermächtig, zur Notwendigkeit ihrer Konzentration auf das leibliche Wohlergehen, welche alleine in der Einverleibung wirklicher Sinne zu seinem Frieden kommt, befriedigt ist.

Die Selbstwahrnehmung ist von daher gezwungen, sich selbst zu überhöhen, sich selbst eine Sphäre zu verleihen, in welcher sie auf die Nöte der Selbstwahrnehmungen hinazuschauen. Sie muss sich selbst veredeln, um für sich Selbstwert zu behalten; sie muss sich aus ihrer eigenen Nichtigkeit gegen andere hervortun, um dort, wo sie nichts ist, fortzubestehen.

Aber das ist auf dieser Ebene nicht einfach. Indem sich die Menschen ihre Sinne wechselseitig zur Verfügung stellen, sind sie sich auch im Wesentlichen notwendig fremd. Sie affirmieren ihre Selbstentfremdung, indem sie einander Sinn geben. Zugleich schaffen sie Vertrauen, indem sie sich in ihrer Sinnlichkeit kennenlernen. Die Wechselseitigkeit ihrer Einverleibung erzeugt eine Bindung, die unbedingt und unbewusst ist, die aber alle Ungewissheit aufzulösen scheint. Sie müssen sich hierbei allerdings in die Lage versetzen, im Bezug auf andere selbst gerecht zu werden. Sie müssen sich also in dem Sinn bestärken, worin sie zum einen sich besonders gerecht werden, sich also für sich selbst besondern, und zugleich diese Besonderung als besondere Beziehung auf andere zu bewahrheiten.

Diese besondere Bezogenheit gelingt nur dadurch, dass die Selbstvergegenwärtigung durch sie bestimmt wird. Jede Beziehung wird daher zu einem Akt der Selbstveredelung, in welcher sich die Menschen allseiteig vor allem selbst gerecht werden. Es ist der verwirklichte Moralismus, in welchem sich die Menschen füreinander bestätigen und zugleich die allgemeine Entwirklichung ihrer Selbstwahrnehmung, die hierbei vonstatten geht. Mag es zunächst auch nur die Absicht enthalten, die in jedem Tratsch vorkommt: Das schlecht über andere Reden um gut für sich selbst da zu stehen. Es geht auf Dauer wesentlich weiter: Indem die ganze Selbstvergegenwärtigung hiervon kontrolliert wird, erscheinen sich die Menschen als Inviduen wie die Überlebenden eine Kampfes um die eigene Wahrheit.

 

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3.2 Die Selbstvergegenwärtigung, die Kontrolle der Selbstbestätigung

In der Erzeugung von Selbstwertgefühlen werden zunehmend alle zwischenmenschlichen Ereignisse einbezogen, die durch Entfernung und Verkörperung von fernen Lebenserfüllungen bestimmt werden. Alle Menschen verkörpern ihre Lebensbilder und Lebenswerte in mehr oder weniger guter Gestalt - etwa so, wie Touristenattraktionen zur Zeit der Saison herausgeputzt werden. Sie drücken sich nicht nur hierin mehr oder weniger verquer aus, sie handeln auch danach, fällen ihre Entscheidungen, was ihre menschlichen Beziehungen betrifft. Und letztlich mischt sich in diese Welt natürlich alles ein, was einem Menschen inne ist. Es entsteht in der Selbstwahrnehmung eine Gier der Selbstbestätigung, die immer mehr etwas zu erfüllen hat, was ein an und für sich leeres Leben ausfüllt. Natürlicherweise kann Leben nur in lebenden Organen erweckt werden. Und so wird die Gier nach Selbstbestätigung zwangsläufig und zunehmend vom Triebleben und den hierauf gründenden Selbstgefühlen bestimmt. Das Selbstwertgefühl gerät in den Sog der Triebe und ihrer Befriedigung und macht die Menschen, die zweifellos und immer körperlich leben, von der Art und Weise ihres körperliches Seins, ihrem Körpererleben, abhängig. Ihr Körper selbst wird hierbei zu einer wirklichen Macht persönlicher Abhängigkeiten. Die Erlebnisse, die sie hierbei erzeugen, werden tragend für ihre ganze Selbstwertigkeit, die bestimmende Stimmung ihrer Seelen.

Die triebhafte Selbstwahrnehmung ist allerdings auch auf der Flucht vor ihrer Wirklichkeit, die eine reine Leere ist, ein Nichts an Wahrheit und alles an Erlebnishaftigkeit. Um sich nicht zu verlieren, muss Eindruck auf das Selbstgefühl unendlich produziert werden, indem jede Wahrnehmung allein der Selbstwahrnehmung unterworfen wird, ihr gehorchen und ihr Sinn verschaffen muss. Hierfür wird der Gegenstand der Selbstwahrnehmung, der Mensch, nicht nur als körperlicher Mensch sondern vor allem als Erlebnisraum des Körpers wahrgenommen, als Sache, die reine objektive Sinnhaftigkeit in räumlicher Ausdehnung darstellt. Nicht was er als Körper ist, sondern wie sich ein Mensch darin "zu Hause" fühlt, verschafft ihm den Selbstwert, den er sich ergattert. Es ist kein wirklicher Körper, sondern ein Körper als Umhüllung seiner Erlebenssucht, der ihm das erbringt, ein Körper als Lebensraum seiner Selbstbezogenheit.

Sein Selbstwert steigt unermesslich, soweit er sich körperlich am Leben fühlt, wenn auch mit einem Körper, der nicht seine Beziehung und Geschichte verkörpert, aber für ihn als Körper dadurch lebt, dass er mit ihm seine zwischenmenschlichen Beziehungen erlebt. Körperlichkeit wird zum einfachsten Lebensraum, zum lebenden Lebensumstand der Selbstgefühligkeit. Er wird geschmückt wie eine Wohnung und dramatisiert sich selbst in seiner Ausdruckskraft auf Schritt und Tritt oder auch mit Behang und Piercing oder auch nur durch Schminke. Jedenfalls bekommt der Körper einen Appeal, der nicht auf bestimmte Partner gerichtet ist, sondern auf körperliches Selbsterleben überhaupt. Der Körper wird zum Träger des Selbstwerts und erlebt auch im Körper seine hervorragende und alles verschlingende Selbstwertigkeit.

Das versachlicht ihn so, wie er auch als Sache wahr gehabt wird. Die Wahrnehmung selbst wird hierüber versachlicht, also selbst wie eine objektive Notwendigkeit vollzogen, von jeglicher Erkenntnis enthoben. Was sich körperlich regt, das verlangt Erfüllung und indem es erfüllt wird, regt sich die Erregung, die Gier nach mehr. Je leerer die Wahrnehmung für den wahrnehmenden Menschen wird, je weniger Wahrheit sie nimmt, indem sie erlebt, was ihrem Selbstwertgefühl dienlich ist, desto gieriger wird sie nach der Einverleibung von gerade dem Sinn, den sie selbst nicht mehr hat. So subjektiv ihr Streben erscheinen mag, so objektiv notwendig ist es doch dadurch bestimmt, dass die Menschen ihr Selbstwertgefühl gerade dort verlieren, wo sie es zu gewinnen scheinen. Nichts bleibt ihnen daher erspart, um sich mit Leben im Selbsterleben zu füllen, um die Leere, die sie für sich dabei erzeugen, ebenso beständig auch hierdurch aufzuheben.

Die private Persönlichkeit entsteht aus der Fähigkeit, sich in wechselseitiger Beziehung Selbstwert durch körperliche Selbstgefühligkeit einzuverleiben, sich darin und dadurch selbst zu behaupten, dass sie alle Gefühle zu diesem Zweck kontrolliert. Sie ensteht dadurch, dass sie sich in dem zu vergegenwärtigen vermag, was ihre Selbstwahrnehmung füllt, dass sie sich also auch so einbringt, dass sie sich in ihrer Selbstbestimmung erlebt, während sie andere wahrnimmt. Es ist ein unerkennbares Geschäft, das lediglich aus den Absichten besteht, die sich im Nachhinein ergründen lassen, wo sich Selbstwahrnehmung nicht mehr erklären lässt. Und es ist ein wechselseitiges Geschäft das unterstellt, dass alle Beteilten ihren Selbstwert darin finden, mal mehr und mal weniger, mal besser und mal schlechter.

In der Gesellschaft der Selbstwertigkeiten wird einverleibte Sinnlichkeit zum persönlichen Maßstab der Beziehungen und allseitiges Lebensmoment der Selbstbezogenheit, Stoff des eigenen Lebens im ästhetischen Erleben der Beziehung der Selbstwertigkeit. Nur hierdurch, also durch die Kontrolle der Form, worin sich die Selbstwahrnehmungen entwickeln, wird das Selbstgefühl solcher Persönlichkeiten zu einem Sinn für sich, Selbstbehauptung durch die Kontrolle der Gefühle, durch Lebenstil, Lebensart oder kurz: Lifestyle. Diese Kontrolle wird selbst zu einem ästhetischen Bedürfnis, welches Lebensformen herzustellen sucht, durch welche diese Formen der Selbstbehauptung zur Gewohnheit werden, einen Sinn der Form selbst gestalten.

In diesem Sinn bildet sich eine Abstraktion von sich selbst wie eine Verkörperung von Lebenswerten, eine Form eigener Sinnlichlichkeit durch Erleben von dem, was darin lebenswert erscheint. Die Form selbst wird darin zu einem Lebeninhalt, nicht ausdrücklich gewollt, wohl aber beabsichtigt durch eine innere Notwendigkeit, welche die Form durch ihren eigenen Mangel zum Antrieb der Persönlichkeitsbildung macht. Wie jede Habsucht, so muss auch die Gier nach Selbstwertigkeit in einer unendlichen Kontrolle des Lebens sich verwirklichen, indem sie bestrebt ist, sich selbst und andere so in den Griff zu bekommen, dass der Selbstwert schließlich irgendwann als Persönlichkeit funktionieren kann. Darin reift die Persönlichkeit als Lebensverhältnis zu sich selbst, das sich wie ein Selbst für sich verhält.

 

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3.3 Die Selbstüberwindung
(oder der wirkliche Selbstwert und die Selbstkontrolle)

Der Trieb nach Lusterfüllung ist die verselbständigte Absicht der Seele als reiner Antrieb ihrer Sinne, als Begierde, sich ihre Objekte möglichst umstandslos einzuverleiben. Was sinnlich für sich völlig unmöglich wäre, die Verschmelzung gegensinniger Bedürfnisse, wird durch den Trieb der Seele bezwungen und zum Anreiz geistiger Kräfte verkehrt, welche zur Befriedigung treiben. Der Trieb hat keinen anderen Grund, als den Körper selbst, worin sich allerhand Gefühle und Empfindungen herumtreiben, ohne Sinn zu finden. In ihrer Identitätslosigkeit findet sich der Körper nicht mehr nur als Mittel, sondern erscheint selbst als Zweck seines Treibens, als Antrieb seiner Beziehungen, worin er nicht nur diese, sondern vor allem sich selbst begeistert. Er treibt dahin, dass jeder Sinn als Vorgriff auf das wirkliche Erleben gilt, dass er aufreizt und antreibt, um sich selbst begeistert zu erleben, was immer dies dann auch sein mag.

Er treibt um wie ein völlig selbständiges Bedürfnis, das sich seines wirklichen Mangels nicht mehr besinnt, das nach Lebensstoff überhaupt verlangt wie nach der Luft zum Atmen. Es geht dabei nicht allein um ein geschlechtliches Bedürfnis sondern um ein Verlangen nach menschlicher Verschmelzung überhaut, nach Einverleibung von Leben schlechthin. Alles Lebende erregt die Sinne, ohne dass sie sich selbst darin wirklich regen können. So körperlich diese Erregung aufscheint, so geistig ist sie dennoch in ihrem Grund und Inhalt. Darin wirkt eine seelische, mehr oder weniger unbewusste Kraft, die es zu einer Verwirklichung ihrer seelischen Absichten treibt, weil es keine Wirklichkeit dieses Seelischen nicht geben kann. Die Sinne selbst werden zur Wirkungsstätte der Seele, die aus einem Mangel an Leben getrieben ist und erleben will und alles dafür tut, ihren Frieden mit sich darin zu finden. Dieses Angetriebensein, dies triebhafte der Bedürfnisse ist Ausdruck der Notwendigkeit der Seele, zum Leben durch Erleben zu kommen, zum Leben verurteilt zu sein, und dies - wie durch einen inneren Drang bestimmmt - erleben zu müssen.

An und für sich bewegt sich alles Leben in der Geschichte, die es selbst wesentlich zum Inhalt hat, aus den Existenzen und Sorgen und Genüssen und Ärgernissen usw., die sich darin im Beziehen von allem Lebenden ergeben. Hier geht es nicht um solches Leben, sondern um das Erleben einer Getriebenheit, die der Seele entspringt, weil diese selbst schon dahin getrieben war, sich aus ihrer Wirklichkeit herauszusetzen. Der Grund, der zu solcher verselbständigten Geisteswelt geführt hatte, erscheint daher nun als verselbständigte Körperwelt, die keinen Frieden finden kann, wiewohl sie unentwegt nach Befriedigung strebt.

Das Prinzip des Triebes ist die Befriedigung einer Erregung, welche aus der Seele kam, sich aber nicht seelisch zu vermitteln vermag. Die Trennung von Körper und Geist hat die Seele darin vollzogen, dass sie ihr Selbstgefühl nirgendwo anders als in ihrem Körper finden kann, also im körperlichen Vollzug, der aus der Seele nötig ist, aber nicht als ihr Leben verwirklicht werden kann. Schließlich hat sie sich zum Wesen des Selbstgefühls entwickelt und kann daher auch nur darin ihre Wirklichkeit finden.

Was sie in ihren Stimmungen und Launen nur noch vom Leben wahr hat, muss sich in ihr wenden zu einer platten Ebene des Erlebens von Befriedigung, der Friedensstiftung ihres Lebensmangels.

Von da her hat sich der Trieb als Resultat der Seele ergeben, als ihre höchste Wirklichkeitsform. Sigmund Freud, der ihn ihr vorausgesetzt sah, verharrte noch ganz im Denken der Aufklärung, welche zuvorderst die sinnliche Basis der Erkenntnis in einer ihr vorausgesetzten Natur vermeinte. Solche Aufklärung ist die verfängliche Weltsicht des Bürgertums, das nicht begreifen kann und will, dass die Natur im Menschen vollständig aufgeht und sein Geist eine hiervon unabtrennbare Eigenschaft ist. Die vermenschlichte Natur ist als natürlicher Mensch nicht gespalten in Sinn und Geist. Wenn sie gespalten erscheint, so durch die Lebensverhältnisse, die Menschen als gesellschaftliche Verghältnisse entwickelt haben. Die Verselbständigung ihrer Sinne zu Trieben entspricht daher vorzüglich der Verselbständigung ihres Reichtums zu Kapital.

Die Seele hat sich damit selbst nun vollständig in das Prinzip ihrer Veräußerung gestellt: Je mehr ihr an wirklichem Leben ermangelt, desto notwendiger wird der Trieb zu ihrer Befriedigung und desto geringer wird ihr Erkenntnisvermögen gegen die Objekte ihrer Begierde. Das sogenannte Lustprinzip (Sigmund Freud) bringt nicht das Glück, das darin versprochen ist und an das die Seele glaubt. Im Gegenteil: Im Verhältnis zu den einverleibten Objekten wird auch die Seele immer substanzloser und muss früher oder später ihre Sinnentleerung als ihre selbsterzeugte Gegebenheit erkennen.

Der Prozess der Selbstverwirklichung kann sich nur in Momenten der Lust, des Glücks und der Begeisterung für das eigene Leben erweisen. Aber dahin kann das triebhafte Begehren nur zufällig und Hin und Da kommen, nicht wirklich sich darin einfinden. Es scheint immer wieder die Leere seiner Sinnlichkeit darin auf, vor allem in der Unendlichkeit seines Befriedigungsstreben, seiner Getriebenheit. Auf Dauer ergibt sich das Resultat aller Bestrebungen, welche die Selbstverwirklichung angetrieben hatte, als ihr eigenes Gegenteil: Als Selbstentwirklichung. Um selbst für sich wirklich zu werden, treibt es die Menschen zu allerlei Unsinn, damit sie darin lustig bleiben und weiterhin ihre Lust bewahren können.

Von daher entwertet die Lust solchen Strebens aber jeden Sinn. Was solcher Selbstverwirklichung dient, erzeugt nur unruhige Geister und unendlich hungrige Körper, die in Wirklichkeit gar nichts für sich selbst bleiben, geschweige denn etwas werden, worin sich die Selbstbezogenheiten wirklich zusammenfinden können. Für die Seele als bestimmte Form des Selbstwerts wird dies selbst unsinnig. Die Seele erlebt sich so auch bald insgesamt als sich selbst inadäquart, als minderwertig, so sie sich nicht in eine Gesamtheit des Erlebens begibt, in eine Selbstbezogenheit ihrer Ästhetik. Ihre Absicht wird von daher zu einem Willen, der sie als ästhetischer Wille ihrer Notwendigkeiten, als Begehren nach einer Ganzheit ihrer Gefühle, nach einer persönlichen Selbstwahrnehmung, welche ihre bloße Begehrlichkeiten überwindet und ihre Wahrnehmungen und Triebe zu handhaben versteht, ohne den Gespaltenheit ihrer Erlebnissen weiterhin ausgesetzt zu sein, ohne sie erleiden und erkennen zu müssen. Erst in einer solchen Selbstwahrnehmung, die als Resultat der Selbstverwirklichung erscheint, werden sich die Momente des Seelischen, dessen selbständig gewordene Geistes- und Körperformen, auf irgendeine Art und Weise und in der besonderen Formation ihrer Lebenszusammenhänge zusammenfinden in dem, was das auf dieses Weise formbestimmte Leben in sie einprägt - als bestimmter Charakter der Selbstverwirklichung und Selbstwahrnehmung, einer Gegenwärtigkeit seiner selbst, welche schon in der Wahrnehmung sortiert und ordnet, was zur eigenen Wahrnehmungsidentität genommen wird und was nicht. Es ist die erste Stufe der Bestimmung einer ausgeschlossenen Wahrnehmungen, einer Wahrnehmung, die fremd empfunden wird, weil sie der eigenen Wahrnehmungsidentität zuwider ist. Von daher ist die Selbstkontrolle der Ausgangspunkt und die Grundlage für die Verwirklichung eines ästhetischen Willens, der in der Selbstvergegenwärtigung einer persönlichen Wahrnehmung entsteht. Er ist die wesentliche Substanz, welche sich wie ein Resultat der Selbstfindung aus den Prozessen der Selbstverwirklichung ergibt: Die selbst gewollte Wahrnehmung einer Vergegenwärtigung, die man durch sich selbst nur in der Wahrnehmung - also durch ein Arrangement der Empfindungen und Gefühle - haben kann. Damit wird schließlich alle Nichtigkeit, welche die Selbstgefühle unter der Bestimmung des Selbstwerts haben, überwunden und sie erscheinen wie ein Mehrwert der Selbstwahrnehmung im Selbstgefühl. Es geht dabei allerdings nicht einfach frei und zufällig zu; schließlich geht es um eine Selbstüberwindung, welche mehr für die Selbstwahrnehmung erbringen muss, als die wirkliche Wahrnehmung von sich selbst haben kann.

 
3.3.1 Die Abwehrmechanismen der Selbstvergegenwärtigung

Wir hatten bereits die erste Bestimmung der Selbstvergegenwärtigung oben erwähnt: Die Nichtigsetzung aller fremden Selbstwahrnehmung. Diese geschieht aber nicht einfach durch wegsehen, sondern muss von einem Selbst betrieben werden, das in der Lage ist, fremde Selbstwahrnehmungen so zu nutzen, dass sie zum Inhalt des Selbstgefühls werden. Dies versetzt die in der seelischen Beziehung schon angelegte Egozentrik in die Notwendigkeit, sich gegen die Wirkungen fremder Gefühle überhaupt zu wehren, indem diese den eigenen Gefühlen unterstellt werden. Es findet damit eine Wendung in der Wahrnehmung selbst statt: Als Inhalt eigener Gefühle wird das Fremde dadurch zu eigen gemacht, dass es in seiner Wirklichkeit negiert wird, dass also alle Wirkung, die es hat, als Wirklichkeit einer an und für sich fremden Wirklichkeit empfunden wird und sich hierdurch ein Selbstgefühl errichtet, das gegen alles Fremde immun ist, sich als eine allgemein besonderte Selbstwahrnehmung verhält. Die Selbstentfremdung der Wahrnehmung erscheint nun dadurch als Selbstverwirklichung, dass die Wirklichkeit als Macht der Entfremdung empfunden wird.

Die Selbstvergegenwärtigung hat damit erst einen wirklichen Sinn bekommen: Sie bestimmt sich aus der wirklichen Entfremdung von der Welt, um die Selbstentfremdung zu verwirklichen. Alle Gefühle zur Welt werden zum Selbstgefühl einer Selbstüberhebung über diese, um die Selbstentfremdung als Selbstverwirklichung zu vollziehen. Indem die Gefühle dem Inhalt nach das negieren, was sie wahrhaben, werden sie selbst zum Mittel dieser Verkehrung, zur Empfindung einer negierten Selbstwahrnehmung. Als Empfindung können solche Gefühle ihren eigenen Ursprung überwinden und sich gegen alle andere Wahrnehmung behaupten und verallgemeinern.

"Das Selbst", das es an und für sich nicht wirklich gibt, wird dadurch wirklich, dass es diese Verkehrung in den Wahrnehmungsverhältnissen betreibt. Es nimmt sie so wahr, dass das eigene Selbstgefühl mächtiger wird, als das Gefühl für Wirklichkeit schlechthin sein kann. Die Selbstveredelung bleibt damit nicht einfach eine passive Beziehung auf sich selbst; sie wird zum Akteur aller Selbstvergegenwärtigungen, welche aus der Selbstüberwindung hervorgehen.

Dabei werden dann alle zwischenmenschlichen Ereignisse zum Stoff einer Selbstwirklichung, die sich im Grunde nur aus der Abgrenzung aller Störungen der Selbstwahrnehmung heraussetzt, indem sie Ort und Raum der Selbstwahrnehmung bestimmt, wie auch die Art und Weise der Begegnungen selbst.

Im Grunde handelt es sich um eine Verkehrung aller Wahrnehmungsinhalte zu Objekten der Selbstwahrnehmung, die mehr oder weniger vollständig von den wirklichen Inhalten der zwischenmenschlichen Beziehungen, auf denen sie beruhen, absehen und sich doch gerade hierzu verhalten. Sie können sich dahin entwickeln, diese Beziehungen selbst zum Mittel einer verkehrten Selbstwahrnehmung werden zu lassen.

Die von Sigmund Freud beschriebenen Abwehrmechanismen sind nichts anderes als diese. Aber nicht eine verborgene Absicht betreibt eine Verdrängung oder Verschiebung oder Verkehrung der Beziehungsinhalte in der Wahrnehmung, sondern die Notwendigkeit der Selbstvergegenwärtigung in Verhältnissen, worin sie selbst nur durch Selbstgewinn zu bewähren sind. Eine Verdrängung erfolgt also nicht aus gierigem Bedarf, sondern aus dem Selbsterhalt einer notwendig gewordenen Selbstentfremdung.

3.3.2 Der allgemeine Narzissmus der Selbstbeziehungen
(Die Ermächtigungen der Selbstverliebtheiten)
Für sich genommen ist die Selbstvergegenwärtigung nichts anderes als eine durch Selbstentfremdung notwendig gewordene Gegenwart einer Wahrnehmung, die nichts Wirkliches mehr wahrnimmt. Sie erhebt sich daher nun über die Wahrnehmung überhaupt, indem sie die Beziehungen, worin sie stattfindet, als Möglichkeit der Selbstveredlung sieht.

Notwendig wurde diese Selbstbeziehung durch die Verkehrung der Wahrnehmung, die sie zur Folge hat.

Alle ihre Momente unterliegen jetzt ihrer Besonderheit als selbstermächtigte Wahrnehmungsidentität. Ihr Narzissmus beruht also nicht auf einer bloßen Selbstsucht, sondern auf der Notwendigkeit, sich über die Wahrnehmungswirklichkeit selbst zu stellen, um die Selbstentfremdung leben zu können.

3.3.3 Die ästhetische Selbstbestimmung (oder: Persona, die Maske)
Die vollständige Selbstentfremdung durch Selbstveredlung gelingt aber nicht durch die Beziehungen, worauf sie beruht. Diese haben immer noch den "Mangel" einer Wirklichkeit an sich. Und diese verunmöglicht es, den allgemeinen Narzismus in der Wahrnehmung durchzusetzen. Sie "stört" eben permanent. Von daher wird sich die Selbstwahrnehmung erst wirklich vollständig fremd, indem sie sich Selbst Ästhetisiert, indem sie also ihrem abgehobenen Wesen verfällt. In einer permanenten Selbstbereinigung verschaffen sich Menschen das Gesicht, das sich von sich wahrnehmen wollen und in welchem endlich untergegangen ist, was sie für sich und ihre beschränkte Einzelheit wahrhaben. Erst in der Maske ihrer selbst finden sie die nötige Allgemeinheit für sich, aus der sich nun ihre Person zu klären vermag. Diese Klärung wäre ein bloßer Selbstverlust, wenn sich nicht die ganze Wahrnehmung hiernach personifiziert.

Weiter mit Teil I.3. Die private Persönlichkeit