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Teil I: Das Prinzip der Selbstverwirklichung
Abschnitt 3:
Die bürgerliche Persönlichkeit

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1. Die Privatperson als Persönlichkeit der Selbstverwirklichung

Die Menschen in einer Gesellschaft, die ihren kulturellen Zusammenhang wesentlich durch Reize begründet, welche die Wahrnehmungen der Menschen bestimmen, sind getrieben von Erregungen, die substanziell nichts anderes sind, als abstrakte Selbstwahrnehmung, die ein notwendiges Verlangen nach Selbstvergegenwärtigung erzeugt. Diese vollzog sich in der Befriedigung der Getriebenheit durch Erlebnisse, worin der darin erscheinende Trieb immer wieder aufgehoben werden muss. Es war dies kein reiner Geschlechtstrieb; auch keine bloße Gier der Selbstsucht. Es ging um eine Erregung, welche in jeder Einzelheit der Not einer abstrakt allgemeinen Kultur folgt.

Das Resultat der Triebbefriedigung war daher zunächst die Selbstentwertung, also die Entleerung ihres Erlebens, worin sich die Psyche des Selbsterlebens verlieren musste und woraus ihr Selbstwertproblem entstanden war. Triebe mögen zwar immer wieder befriedigt werden, ihr Grund jedoch wirkt solange fort, wie er besteht: Die Abwesenheit von wirklich gesellschaftlicher Beziehung. Der Begriff des Triebs ist ja schon die Getriebenheit, also eine unendliche Bestimmung des Getriebenseins, weil ein Mangel besteht, der selbst nicht inhaltich und wirklich behoben ist - innerhalb bestimmter Verhältnisse nicht behebbar ist. Das betriftt nicht alleine Sexualität oder Geschmack oder Erleben schlechthin, es betrifft den ganzen Menschen, wie er individualisiert erscheint, den Menschen als Persönlichkeit in einem Verhältnis, das ihm im Grunde äußerlich ist. Der Trieb ist nichts anderes als ein Verlangen nach bestimmter Anwesenheit, ohne dass deren Inhalt erkannt oder erkennbar ist. Er will eine bestimmte Anwesenheit erzwingen, die nur formal wahrgemacht werden kann: Als Ereignis von Befriedigung schlechthin, als im Grunde leeres Erlebnis, das immerhin dazu dient, die Getriebenheit zu unterbrechen, dem Trieb eine Leiblichkeit zu beschaffen, die ihn stille sein lässt. Sofern eine Beziehung besteht, so muss der Trieb sie entleiblichen, die beteiligten Menschen sich einverleiben, um für sich zur Ruhe zu kommen. Von daher ist die Getriebenheit der Menschen in ihrer Selbstverwirklichung nun zu einer eigenen Erlebensweise geworden, deren Grundlage der Trieb ist, und die sich in vielerlei Persönlichkeiten ausgestalten wird.

In diesem Treiben beginnt jetzt eine Persönlichkeit zu keimen und zu reifen, in der sich das bürgerliche Selbsterleben niederschlägt und in ihrer abstrakten Sinnesgestalt auch wirklich leiblich wird. Die durch die Selbstbezogenheit der eigenen Wirklichkeit entleerte Wahrnehmung eignet sich den Leib an, den sie begehren muss, um für sich überhaupt bestehen zu können. Sie beginnt mit der Errichtung eines Selbstwertgefühls, das die Triebbefriedigung zur Vorraussetzung und zugleich im Sinn hat, das aus ihr resultiert, wie auch ihr Ziel ist. Die Fortbestimmung solcher Leiblichkeit ist eine unendliche Einverleibung, die letztlich nur durch die Wirklichkeit fremder Leiblichkeit beschränkt ist.

Dies hatte auch schon Sigmund Freud so thematisiert, wobei sein Trieb allerdings nicht selbst ein Kulturprodukt ist, sondern reine Natur, gegen welche Kultur überhaupt bestimmt sei. Durch solche Auffassung blieb er der Aufklärung verhaftet, die immer Prinzipien gegen das Wilde im Menschen nötig hat.. Daamit werden Widersprüche der Kultur zu ontologischen Gegensätzen, welche genau das verstecken, was zu erklären wäre: Wie kann es sein, dass die Menschen ihrer Natur sich überhaupt widersetzen, menschliche Kultur hiergegen in einen Widerspruch gerät?

Es waren die Getriebenheit der Menschen wie auch ihre Triebhaftigkeit selbst als Resultat der Wahrnehmungsverhältnisse dargelegt worden, wie sie dem Prinzip der Selbstwertigkeit als notwendige Identitätsbildung abstrakter Sinne und der daraus folgenden Selbstbewertung folgen. Es ist aber auch hier nicht die Triebhaftigkeit, in welche die Menschen durch das Streben nach ihrem Selbstwert geraten waren, durch welche sie ihre Persönlichkeit bilden. Im Gegenteil: Gerade der Selbstverlust, den sie bei ihrer Triebbefriedigung erfahren, scheint sie darin zu hindern, wirklichen Selbstwert zu finden. Wozu sie getrieben werden, das kann ihnen nicht als Fähigkeit ihrer Selbstbeziehung erscheinen, scheint sie geradezu willenlos zu machen. Sie müssen auf ihre Selbstgefühle zurückkommen, um diesem Sollen ihrer abstrakten Sinne sich entgegenzustellen, einen Willen bilden, durch den sie auf sich selbst kommen, in sich selbst einen wirklichen Zusammenhang zu bilden. Doch dieser kommt nicht aus ihnen, weil er nurmehr aus ihrer Wahrnehmung von anderem kommen, nur dort sinnliche Leibhaftigkeit haben kann. Die bestimmte Art der Wahrnehmung selbst macht diesen Zusammenhang aus, die Art und Weise ihrer Gegenständlichkeit, die Leiber, die sie einnimmt, um ihren Körper nun als allgemeinen innerlich begabten Körper, als persönliche Körperlichkeit zu erlangen.

Doch zugleich bildet sich solche Persönlichkeit auch nicht wirklich aus der Wahrnehmung, weil sie der Selbstwahrnehmung folgt, weil also ihre Absicht die Erlebnisweise ihrer eigenen Körperlichkeit erfüllen muss. Von daher personifiziert sich die Selbstwahrnehmung aus der Bestimmtheit der körperlichen Absicht, die ihr bestimmtes Wahrnehmen möglich macht. Einerseits einverleibt sie sich die Menschen in der Art und Weise ihrer Selbstverwirklichung - nutzt sie eben als das, wofür sie ihr erscheinen und stiftet ihnen durch sich die Wahrnehmungszusammenhänge, die sie nötig haben. Andererseits aber ist sie auch vollständig von dem abhängig, worüber sie sich erhebt: Die Gewissheit der anderen, welche in ihren Wahrnehmungen noch Sinn für sich und andere haben. Diese mächtige Abhängigkeit macht den Komplex aller Verhältnisse aus, in welchem sich der Charakter der Persönlichkeiten bilden, die darin reüsieren. Letztlich entsteht so aus den Verhältnissen der Selbstwahrnehmungen das Verhältnis von Absichten und Zuneigungen, in welchen sich bestimmte Personen auch allgemein persönlich begründen können, in welchen ihre Persönlichlkeit zu einem persönlichen Selbstwert gelangt, der schließlich als reines Gefühl, das sie nur durch sich selbst wahrhaben, über sie selbst und ihre Wahrnehmbarkeit als Mensch hinauswachsen wird.

Eine Persönlichkeit entsteht durch die Fähigkeit, die Seele durch die Wahrnehmungen in Ihrem Erleben zusammenzufassen und als Ganzes eines Lebensraumes zu bewahren, ein räumlicher Körper der Seele als Subjekt und Objekt der Selbstwahrnehmung zu werden. Die Persönlichkeit ist nicht ein Apparat (psychischer Apparat bei Freud) oder eine rein funktionelle Einheit, sie ist das Resultat der Selbstwahrnehmung in zwischenmenschlichen Wahrnehmungsverhältnissen mit ihrer gesamten Form als körperlich-geistige Einheit von Empfindungen, Gefühlen und Selbstgefühlen. Sie ist die Figuration der Wahrnehmung von dem Erlebten, die nun aber zugleich in der Lage sein muss, sich auch die nötigen Erlebnisse für die Selbstwahrnehmung zu beschaffen. Ihre Einfälle und Fertigkeiten hierzu bilden die Originalität des bürgerlichen Privatsubjekts und kehren die Bestandteile der Wahrnehmung hervor, die unter den Lebensbedingungen der zwischenmenschlichen Wahrnehmung seelisch in sie eingegangen sind und zum Bestandteil der Seele wurden.

Der Bildungsprozess einer solchen Persönlichkeit ist die Entäußerung einer Selbstverwirklichung, in welcher die darin bedingten Menschen eine Selbstbezogenheit als Persönlichkeit entfalten müssen, um auch außer sich wirklich zu sein. Solche Entfaltung gründet vor allem darauf, dass sie ihre zwischenmenschlichen Beziehungen zum Mittel ihres Selbsterlebens zu machen, dass sie ihre wechselseitigen Minderwertigkeitsgefühle dahin emanzipieren, dass sie selbst sich als Maßstab des Selbstwerts fühlen können. Dieser kann sich daher auch nur als ein Selbstwert bilden, der über das Maß der Selbstverwirklichung hinausgreift, der eigene Verwirklichung über die andereer Menschen stellt, und das kann man nur, indem man die Wirklichkeit anderer Menschen sich unterordnet und einverleibt.

Personen, denen es gelingt, sich die Lebensäußerungen von anderen so einzuverleiben, dass diese auf Selbstwert verzichten müssen, werden zu zwischenmenschlichen Persönlichkeiten, an welchshen sich die Selbstberwertungen der Gefühle ausrichten. Obwohl sie zugleich für sich identitätslos sind, bestimmen sie doch das zwischenmenschliche Wahrnehmungsverhältnis dur die Art und Weise ihrer Gegenwärtigkeit.

Die private Persönlichkeit erweist sich als Resultat einer höchst gesellschaftlichen Beziehungsform. Darin dient jeder dem andereen, um sich selbst zu dienen und alle dienen auf diese Weise einem Leben, das sie selbst niemals wirklich erreichen und ausfüllen kann und überhaupt nur seelische Erscheinung als zwischenmenschliche Persönlichkeit ist. Das Resultat der Selbstverwirklichung ist - so gesehen - im Grunde das Gegenteil ihrer Absicht: Eine vielseitige Abhängigkeit der Menschen von einem "Selbst", das in seinem Verlangen unendlich ist. Es treibt beständig auf die Notwendigkeit der Einverleibung von anderen als Mittel des Selbsterlebens und befriedigt sich in diesem nur momenthaft. Die Selbstwahrnehmung beschränkt hierdurch jede bestimmte Wahrnehmung auf das Minimum, was andere hierfür erbringen können. Sie setzt sich in ihrer Egozentrik nun aus allen Momenten der Triebbefriedigung zusammen, welche die Selbstwahrnehmung zu einem Selbst erhebt, das über seine bloße Körperlichkeit weit hinausgeht. Was es in zwischenmenschlicher Bezogenheit nicht wirklich erreichen kann, das vollzieht es nun in der Wirkung auf andere, die es kraft seiner Persönlichkeit erzielt. Ein solches "Selbst" ist das Subjekt und Objekt eines persönlichen Gebildes, welches die Abhängigkeiten der Menschen in ihren Beziehungen bestimmt. Die private Persönlichkeit ist schließlich dessen Verkörperung in jedem einzelnen, dem solche Bildung gelingt.

Lebensraum

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1.1 Das unwirkliche Selbst

Eine Welt voller Reize ist mächtiger als jede einzelne Wahnehmung darin. Die gereizte Wahrnehmung folgt wesentlich dem Prinzip des Reizes, in der Form für sich, also isoliert von den Inhalten ihrer Bezogenheiten ihre Wahrheit zu finden, ausschließliche Wahrheit, die sich von jeder anderen abzugrenzen sucht. Die Beziehungen, die sie wahrhat, werden hierdurch von ihrem Erleben abgetrennt und zur Substanz eines Gefühls, das seine Herkunft nicht mehr wissen kann. Was als Selbstwertgefühl noch die Selbstverwirklichung betrieben hatte, erweist sich nun leer und gegen die Vielseitigkeit der Gereiztheiten ohnmächtig. In solcher Wahrnehmung erscheinen sich die Menschen daher gegen ihre eigenen Gefühle unwertig, bzw. von minderem Wert. Die Minderwertigkeitsgefühle, die schon durch die gereitze Wahrnehmung gegeben sind, werden in den Verhältnissen der Personen in solcher Kultur nun zum Maß einer Produktion von Reizen und Aufreizungen, die darin ihre Beiehung untereinandeder erhalten und ausweiten.

Das allseitige Minderwertigkeitsgefühl der Menschen wird also dadurch überwunden, dass sie an der Produktion von Reizen selbst mitmachen und Anteil haben. Es hat sich damit eine Umkehrung der Selbstverwirklichung entwickelt, die für daas Selbsterleben einschneidend ist: Wer sich selbst verwirklicht sehen will, kann dies nur durch die Beteiligung an einer Reizproduktion, in der er selbst nur unwirklich, aber voller Wirkung sein kann. Er muss "Dabei sein und Mitmachen", um sich überhaupt in solchen Verhältnissen vergegenwärtigen zu können.

Es entsteht darin eine Wirklichkeit der Reize und Wallungen, die niemanden mehr wirklich selbst sein lassen kann, die zwar im Interesse der Selbstverwirklichung besteht, denn diese gelingt nur durch andere, die aber zugleich für jeden völlig unwirklich, also nur von abstrakter Wirkung ist. Er oder sie wird in der Wahrnehmung auf seine oder ihre Reize reduziert, um als Persönlichkeit erscheinen zu können. Es ist eine Welt , worin vor allem Selbstlosigkeit zur Wirkung kommt.

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1.2 Die selbstlose Wirklichkeit

Menschen, die ihren Selbstwert gegenseitig bestreiten, bestreiten zugleich ihre jeweilige Wahrheit. In Wirklichkeit sind sich die Personen daher auch keiner Persönlichkeit bewusst. Diese entsteht erst in der Seelbstlosigkeit, die ihre Verhältnisse ausmachen. Weil die Menschen ihren Selbstwert als solchen in kein wirkliches Verhältnis setzten können, sind sie in sich selbst gespalten. Jeder soll seines Glückes Schmied sein, finet aber beim ersten Beharren auf seinen Selbstwert eine bodenlose Enttäuschung. Niemandem außer sich selbst kann er für sich wahr erscheinen. Für alle anderen ist er immer außer sich.

In der zwischenmenschlichen Beziehungswelt entstehen die Persönlichkeiten daher aus dem besonderen Verhältnis ihrer Verwirklichung, aus der Art und Weise ihrer Beziehung auf andere.

 

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1.3 Die allseitige Selbstverwirklichung persönlicher Zwischenmenschlichkeiten

Die allseitige Zwischenmenschlichkeit der Selbstverwirklichung wird durch Persönlichkeiten realisiert, die sich dem Unwert der Selbstbezogenheiten entsprechend äußern können, sich als Persönlichkeiten hervortun können, in denen eigene Wahrheit zugleich zwischenmenschliche Beziehungen ausfüllen kann. Sie bilden sich aus der Wahrnehmung der Selbstwahrnehmungen in den Verhältnissen zwischen den Menschen.

Doch zugleich bildet sich solche Persönlichkeit auch nicht wirklich aus der Wahrnehmung, weil auch sie der Selbstwahrnehmung folgt, weil also ihre Absicht die Erlebnisweise ihrer eigenen Körperlichkeit erfüllen muss. Von daher personifiziert sich die Selbstwahrnehmung aus der Bestimmtheit der körperlichen Absicht, die ihr bestimmtes Wahrnehmen möglich macht. Einerseits einverleibt sie sich die Menschen in der Art und Weise ihrer Selbstverwirklichung - nutzt sie eben als das, wofür sie ihr erscheinen und stiftet ihnen durch sich die Wahrnehmungszusammenhänge, die sie nötig haben. Andererseits aber ist sie auch vollständig von dem abhängig, worüber sie sich erhebt: Die Gewissheit der anderen, welche in ihren Wahrnehmungen noch Sinn für sich und andere haben. Diese mächtige Abhängigkeit macht den Komplex aller Verhältnisse aus, in welchem sich der Charakter solcher Persönlichkeit bildet. Letztlich entsteht so aus den Verhältnissen der Selbstwahrnehmungen das Verhältnis von Absichten und Zuneigungen, in welchen sich bestimmte Personen auch allgemein persönlich begründen können, in welchen ihre Persönlichlkeit zu einem persönlichen Selbstwert gelangt, der schließlich als reines Gefühl, das sie nur durch sich selbst wahrhaben, über sie selbst und ihre Wahrnehmbarkeit als Mensch hinauswachsen wird.

 

Weiter mit Teil I.3.2 Das Selbstwertgefühl