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Teil II: Die persönliche Zwischenmenschlichkeit
Abschnitt 1: Die Zwischenmenschen

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2. Die Lebensburg (Die heile Welt)

Die Gegebenheiten der Kultur sind wesentlich vollkommen von den Menschen getrennt, die Liebe wie ein Unheil geworden, dem sich die Menschen zunächst nur als Persönlichkeit nähern können, als Figuraationen einer mit sich selbst identischen Lebensbehauptung. Aber auch und gerade wenn sie darin als Persönlichkeiten, als selbstwertige Selbstwahrnehmungen verkehren, müssen sie ihr Menschsein erst für die Wahrnehmung aufbereiten, sich an das "gegebene Leben" herantasten, um sich ihm zu unterwerfen, um darin zu irgendeinem Glück der Welt zu gelangen. Auch wenn es ihnen Angst macht, so bleibt ihnen - sofern sie es in den Seelbstwerten dieser Kultur suchen, doch nur die Herstellung einer Verträglichkeit, worin sie ihre Selbstgefühle wenigstens gestalten können.

In der Lebensangst der bürgerlichen Kultur ist mit der persönlichen Identität jedes Vermögen bedroht, sich auf andere Menschen wirklich einzulassen, sie wirklich zu lieben. Die ausschließliche Selbstwahrnehmung, welche die Selbstwerte nötig haben, hat im Wechselspiel von Selbstgewinn und Selbstverlust letztlich immer die Ohnmacht der Liebe zur Folge. Des einen Glück wird notwendig zum Unglück des andern. Die isolierte Existenz der Selbstwertigkeiten und die privaten Mächte der Selbstgefälligkeiten haben eine Kultur geschaffen, in welcher das Leben nur als kurzer Moment der Einigkeit der Vereinigungen aufblitzen kann. Und gerade weil dies als Zufall und Schicksal erscheint, wird das Streben nach Glück zu einer unendlichen Bestrebung nach Selbstwahrnehmung, welche über das Unglück erhaben ist. Und wer es hie und da erlangt, der kann sich der Mißgunst der Unglücklichen sicher sein. Schließlich ist ihm etwas zugefallen, was er wirklich "nicht verdient" hat und was das Unglück der anderen zunächst zu vermehren scheint.

Die Gefühle selbst stören ja eigentlich einander und wo sie sich schließlich auch wirklich zerstören, wird jeder darin zu einem Monster in den Augen des anderen. Wo das Herz insgeheim dennoch aufgeht, muss es sich daher schützen vor den monströsen Störungen und Zerstörungen, welche die Missgunst der seelischen Absichten mit sich bringt. Der schmale Pfad, auf dem sich Menschen dann begegnet sind, muss zu einem Weg für sie werden, auf dem sie ihr Leben und damit sich selbst verwirklichen können. So zumindest erscheint ihnen dies. Doch der Weg, sofern er sich nicht in der Gesellschaft und ihrer Kultur finden lässt, wird schnell selbst zu einem Status, zu einem Raum, in welchem die Menschen sich für ihr Leben bescheiden müssen, zu bleiben, was sie darin sind.

Was in der Lebensenge der Kulturpersönlichkeiten noch Lebensereignisse waren, zu denen sie sich verhalten hatten, bedroht sie nun selbst. Indem das Leben zu einer bedrohlichen Gegebenheit geworden war, wird nun auch jede persönliche Identität hierdurch beschädigt. Das isolierte Gattungswesen hat in seiner freudlosen Geschlechtlichkeit vor allem kein Gefühl für sich selbst. Der Verlust der Selbstgefühle ist der erste Inhalt, wogegen sich eine eigene Sinnbildung der Menschen richtet, eine Sinnbildung, die nun auch wirklich durch sie bestimmt erscheinen kann: Eine Festung ihrer Gefühle, die hierin entstehen und hierdurch geborgen sein können.

Aus dem Gefühl des Unheils einer Lebensangst heraus, welche die öffentliche Welt macht, entsteht das Verlangen, das eigene Leben zu bergen, sich in eine heile Welt zurückzuziehen. Es ist die Entgegnung gegen die Fremdbestimmung durch die Kultur der Gegebenheiten. So subjektiv dies aufkommt, so objektiv ist aber auch die Notwendigkeit, eine solche Welt zu schaffen: Einen Lebensraum, worin die öffentlichen Ereignisse ausgegrenzt sind, ist die einzige Möglichkeit, den Ereignissen des Lebens wieder einenunmittelbaren Sinn zu entnehmen, weil man ihn hier als Sinngebung vollzieht. Im Schutz vor seiner Wirkung auf andere, also im Lebensraum des privaten Glücks, erscheint das Gegebene als Verhältnis von Geben und Nehmen, als Lebensäußerung von Menschen, die zwar den gegebenheiten der Kultur folgen, aber zugleich darin sich selbst geben können, wodurch sie sich auch nehmen lassen als das, was sie sind: Menschen aus Fleisch und Blut. In der Ausgeschlossenheit der öffentlichen Relationen, in welchen Lebensereignisse stehen und vernutzt werden, erscheinen sie hier als selbstbestimmt, soweit sie die öffentliche Welt beantworten, soweit sie also gegen deren Unheil gerichtet sind und eine heile Welt formulieren können, ein Ganzes menschlicher Beziehungen und deren Gefühlswelt als Wirkungsraum der Seele. Aus ihrer Gegebenheit wird ihre Gewohnheit.

Das in sich geschlossene Ganze muss allerdings das Ganze solcher Gefühle auch aushalten, die vor allem den Mangel haben, nur entäußerte Selbstgefühle sein zu können, sobald die Gewohnheiten in solchem Raum das Gefühl füreinender seines Grundes enthebt, seinen Sinn in der Dichte der Anwesenheiten aufhebt. Und in den Selbstgefühlen verheimlicht sich dann der Zweifel am Ganzen, am Heil dieser Lebensburg, solange er sich nicht verwirklicht als Widerspruch oder ausbricht als Streit, Vorwurf oder Schuldgefühl. Solange er heimlich bleibt, ist er immer gegenwärtig als Gefühl von etwas Unheimlichem, einer potenzielle Vernichtungsmacht des eingeschlossenen Glücks, worin alles schön und gut ist, aber durch böse Mächte bedroht wird. Diese sind in keiner Weise identifizierbar, weil nichts in der heilen Welt Identität haben kann. In ihnen wird eine totalisierte Wirkung unterstellt, die sich aus dem verheimlichten Zweifel als abstrakt allgemeine Negation ergibt: Das Böse schlechthin.

So ist das Böse auch das wichtigste Thema in einer heilen Welt, die Mythologie ihrer Selbstbegründung als das verbliebene gute Menschsein, als Zusammenschluss guter Menschen, die sich in der Abgrenzung vom Bösen immerhin durch ihre Liebe selbst bestimmen und verwirklichen zu können vermeinen. Die Menschliebe wird darin zur "Liebe des Guten", zur ethischen Liebe.

Heile Welt

Lebensbergung

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2.1 Wohnen & Familie

Güte kann man sich angewöhnen. Aber das verlangt Übung. Es ist ja lediglich eine Frage der Geschmacksbildung, durch welche Gefallen und Gefälligkeiten entstehen und getauscht werden können. Indem sich Menschen in ihrem Geschmack austauschen, erzeugen sie eine Gemeinschaft ihrer Gewohnheiten, eine Lebensgewohnheit als Sinn dafür, wie Leben eigentlich sein soll, wie es sich anfühlen lässt, wenn man sich darin eint und als Welt für sich leben kann. Wie gesagt: Es verlangt Einübung in den gemeinen Geschmack, worin ein geübtes Leben zu einem gewohnten Leben wird. Weil es im Grunde in der Lebensburg um Einigkeit geht, welche über alles andere erhoben sein soll, muss dieser Aufwand auch betrieben werden.

Dies geschieht nicht nur über Verhalten und Rücksichtnahme auf das Erhabene der Einigkeit, sondern auch über das Wohnen selbst. Die Ausstattung der Wohnung wird zur Herstellung eines Anwesens des eigenen guten Geschmacks. Alles wird bedacht, was diesen fördert - und schon mancher Streit um die Wohnungseinrichtung hat die ersten Krisen des großen Glücks eingebracht. Der Geschmack, der hier gebildet werden muss, hat ja nichts mehr damit zu tun, was einem schmeckt, sondern damit, was durch Einpassung in eine gute Gewöhnlichkeit von dauerhaftem Glück erheischt werden soll. Der Wohnraum soll vor Unglück schützen. Und damit ist er allerdings weit überfordert.

Was die "vier Wände" hergeben, ist aber immerhin ein Heim, in welchem sich Menschen geborgen fühlen, ohne dass sie irgendeine Gewissheit von dem haben können, vor was sie sich verbergen und wodurch sie sich bergen. Es geht um eine Lebensbergung schlechthin und die Einpassung in diese heimliche Lebenswelt und dies verlangt unbedingte Gewohnheiten. Geborgenheit ist eben nur dadurch wohnlich, dass das Ungewöhnliche, das zugleich völlig Ungewisses ist, die Bergung erzwingt.

Der Schutz, den der Wohnraum bietet, ist der Schutz vor dem Ungewöhnlichen, dem Äußerlichen, dem Fremden. Die Fremdheit wird zwar nur durch die Wohnlichkeit des Heimlichen geschaffen, aber zugleich steht sie für alles, was dem Heimlichen äußerlich und damit unheimlich ist. Je äußerlicher die gesellschaftlich sich verhaltenden Menschen hier erscheinen, desto heftiger werden hier die Wohnbedürfnisse. Und schon dies verrät, dass die Täuschungen über die Grundlagen der eigenen Welt notwendige Täuschungen in einer Welt sind, worin jedes Eigentum von den Wesenskräften der Abstraktion, von der Wertsubstanz der Selbstbezohnheiten des Geldbesitzes aufgesaugt wird. Aber auch für dieses heimlichen Reich der Lebensbergung hat dies Folgen. Das Ausgeschlossene bestimmt die Verhältnisse, auch wenn das nur wahr gehabt, aber nicht mehr wahrgenommen wird.

Für sich, also ausgeschlossen aus der zwischenmenschlichen Öffentlichkeit, jenseits des Unheils sinnenthobener Geschichten, wird die Liebe so eitel, wie sie zugleich gewöhnlich wird. Sie gestaltet einen Raum, in welchem sich gut sein lässt, den Wohnraum der Selbstgefühle. In ihm versammeln und gewöhnen sich die Liebenden an ein Leben für sich, leben in der "Wonne der Gewöhnlichkeit" (Thomas Mann), in der das Gemüt erst seine wirkliche Gestalt bekommt und eine eigentümliche Lebensgestaltung zur Folge hat. Nur was gut für das liebende und geliebte Leben ist, macht hier Sinn, denn das Leben selbst erscheint in der ausgeschlossenen Sinnlichkeit ausschließlich als Selbstbestimmung von Sinn überhaupt: Liebliches Leben.

Liebe als Lebensraum der Güte

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2.2 Gegebenheit und Gewohnheit des Selbstgefallens

Zwar ist in der Wohnlichkeit die Liebe voller Güte, der guten Liebe alles gegeben, wie es sein muss, aber das Selbstgefühl kann darin auch frei entscheiden, weil es sich nicht nur als besondere Sinnbildung erscheint, sondern weil es auch nur bestehen kann, wenn das Eigene in der Selbstgefälligkeit gewöhnlicher Eigenheiten existieren kann. Nur insofern die Liebe sich ungewöhnlich zeigt, kann sie diesese verräumlichten Lebensgewohnheiten überdauern.

So gewöhnlich die an und für sich heile Welt des Wohnens ist, so besonders ist das Selbstgefühl darin, eben als Gefühl eines eigenen Raums der Eiegnheiten, als Wohnraum und als eigenes Glück in der Abrenzung von jedem anderen. Ihre Wahrheit der Liebe im Gemäuer eigener Heimlichkeiten ist daher vor allem die Abgrenzung und sie lebt nur solange, wie die Grenzziehung auch Sinn macht. So ist zwar die Lebensangst verschwunden, doch die Eifersucht ist an ihre Stelle getreten: Die Angst, dass die Selbstbehauptung des eigenen Glücks nicht mehr gelingt, dass selbstbestimmte Liebe ein Unding ist. Es zeigt sich darin immerhin noch in der Lebensform des Heimes die Beziehung, die Gebundenheit und Bindung, welche Liebe ausmacht. Aber in dieser formellen Welt geht es ja nicht wirklich um den darin bestimmten Sinn, sondern um die Lebensform seiner Eigenheiten, um den Bestand seiner Isolation. Das verlangt nach sicherer Form.

Die einzige Sicherheit, die sich gegen die Entbindung erzeugen lässt, ist die der Gewöhnung an das Liebliche. Wird die Liebe selbst zur Gewohnheit, so kann man nicht mehr ohne sie sein. So werden allerhand Aufwände betrieben, um darin einzugewöhnen, Reichtümer geschaffen, die einstimmen in eine mehr oder weniger laue Einstimmigkeit. Doch ein Perpetuum Mobile des Glücks gibt es nicht und die einzige Geschichte, die hierbei entsteht, ist die Geschichte der Gewohnheitsbildungen bis hin zu den Merkwürdigkeiten greiser Ehepaare.

Güte

Gewohnheit

Liebe

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2.3 Lebensbergung und das Heil der Eigenwelt

Die Selbstgefälligkeiten sind nun lieblich geworden, zu Lieblichkeiten des Geborgenen. Da scheint es natürlich, dass sie nichts mehr zu verbergen haben. Doch der Schein trügt. Jede Gefälligkeit birgt in sich, dass sie Dienstleistung für eine Abstraktion ist, für ein Leben, das nicht wirklich sein kann, weil es von allem absehen muss, was wirklich ist. Und gerade darin scheiden sich die Geister, welche das Glück gerade noch zu Händen hatten.

Ihre Eigenliebe erträgt die notwendige Unterwerfung an das Gemeine nur schlecht, - wenn sie es denn überhaupt tragen kann. Das Glück dieser Eigenwelt besteht daher aus dem Unglück, sich ihm ergeben zu haben. Ergebenheiten machen auf Dauer eben notwendig unglücklich. Man mag darüber streiten, wer darin bedonders gedunguen wird, es ist einerlei: Das Unglück des Eigenen ist der notwendige Umstand des Glücks im Heil der Eigenwelt. Das Fremde, das hier ausgeschlossen ist, wird auf Dauer in der Abstraktion der Gewohnheiten als notwendige Selbstentfremdung wirksam. Das geborgene Leben muss sich vor sich selbst verbergen.

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