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Teil II: Die persönliche Zwischenmenschlichkeit
Abschnitt 2: Die Lebenspflicht

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2. Erziehung oder die Gewohnheiten der Selbstkontrolle

Erziehung unterscheidet sich von den Lern- und Entwicklungsgeschichten der Menschen darin, dass sie die Gebotenheiten eines isolierten Lebens als Notwendigkeiten des Lebens überhaupt mitteilt und darin zugleich vermittelt. Es geht also wesentlich nicht um das, was hierfür gerne vorgegeben wird: wirkliche Bildung, Moral- und Wissensvermittlung. Es geht schlicht um die Mittel und Möglichkeiten einer Einpassung von abhängigen Menschen in ein Lebensverhältnis, das für die beteiligten Menschen nicht unmittelbar sinnvoll sein kann. Es ist ein Verhältnis, worin sich die Menschen zu einer Wirklichkeitsform ihrer Beziehung erziehen müssen.

Dies geschieht in jedem Lebensalter, - eben immer dann, wenn ihre Beziehung aufeinander keine wirkliche, keine in ihrer Wirklichkeit bestätigte Lebensform findet. Auch wenn die zunächst am meisten als Familie oder auch als Schule oder Ausbildungsstätte besteht ist das Wesentliche dieser Institutionen nicht ihre gesellschaftliche Funktionalität, sondern der Lebensraum erzogener Beziehungen, den sie darstellen und der auch in allen anderen möglichen Institutionalisierungen auftreten kann (z.B. in Vereinen, Kirchen, Sekten, politischen Gruppierungen usw.)

Es ist ein Lebensraum, in welchem die Menschen sich durch ein gemeinschaftliches Sollen vergegenwärtigen, durch eine in Freiwilligkeit anerkannte Notwendigkeit, in welcher sie nur sein können, wenn sie deren gemeine Not auch anerkennen. Hier ist das gemeinhin Gewöhnliche nicht mehr wohnlich und hat keinen konkret wirklichen Sinn. Es herrscht als notwendiger Sinn für etwas, das nicht anwesend ist, also für eine abwesende Sinnlichkeit. Es geht hier also um ein Verhältnis, worin die Menschen objektiv bestimmt sind durch einen Sinn und Zweck, der nur durch seine Abwesenheit nötig ist (z.B. der Sinn für Wissen, Fähigkeiten, Sorgen, Probleme usw.). Von daher muss es in solchen Lebenszusammenhängen immer Vermittler geben, welche die Beziehungen in abwesender Sinnlichkeit gestalten: Erzieher.

Im Grunde sind die Menschen, welche einen abwesenden Sinn erwerben wollen, immer Schüler, die etwas lernen müssen. Sie suchen in solchen Zusammenhängen einen Meister, der sie darin lehrt und befähigt. Der Zweck des Lernens läge aber in den Menschen selbst und nichts treibt z.B. Kinder mehr an, als ihre Neugierde. Aber wo Lernen nicht aus sich heraus begründet sein kann, weil es etwas gibt, was gelernt werden muss, da setzt Erziehung dann auch wirklich ein.

Im Verhältnis von Subjekten und Objekten der Erziehung, also besonders im Verhältnis von Eltern und Kindern oder LehrerInnen und SchülerInnen, gestaltet sich die eigenartige Innigkeit einer objektiv begründeten Notwendigkeit. Nur aus Liebe tun die Abhängigen, was ihnen hier geheißen wird, aus Liebe folgen Kinder ihren Eltern und oft auch Schüler ihren Lehrern usw. - obwohl sie zugleich dies müssen, weil ihre Existenz darin gegeben ist. Die Einpassung in solche Existenz vollzieht sich daher als Unterordnung des einzelnen Menschen unter die Vernunft einer Gesellschaft, wie sich in diesem Lebensraum bietet. Und diese Vernunft ist von vielerlei Tücken geplagt: Deren hauptsächiche ist die Liebesschuld, unter welcher nur Erziehung funktionieren kann. Solche Vernunft ist also immer doppelbödig, weil dat Nötige zugleich als das Geliebte geboten wird.

Wieweit die Erziehung der wirklichen Lebensgestaltung der Zöglinge wirklich widerspricht hängt davon ab, wie weit sie sich in dem gebotenen Lebensraum selbst verwirklichen können oder nicht. Wesentlich ähnlich sind zumindest die Lebensbedingungen von Eltern und Kiondern, soweit sie sich in demdselben Haushalt befinden. Hier könnte Erziehung daher am ehesten funktionieren, wenngleich sie dabei vor allem ihren doppelten Grund entwickelt. In der Schule ist der Ort der Erziehung schon wesentlich komplizierter, weil hier mehr auf die Zukunft der einzelnen Persönlichkeit verwiesen werden muss, denn auf eine liebevolle Gemeinschaftsexistenz. Aber auch hier besteht noch beides. In der Berufsausbildung stehen demgegenüber die Fähigkeiten und Wissensinhalte im Vordergrund, wodurch die eigentliche Erziehung eher zurücktritt. Wir kümmern uns hier aber nur um diese.

Erziehung betreibt das Hineinziehen von Menschen in eine Lebenswelt, in welcher sie sich nicht frei entfalten, also weder ihre Freiheiten noch ihre Notwendigkeiten sich entsprechend gestalten können. Hierdurch entwickeln sie keinen wirklichen Sinn füreinander, sondern einen Sinn, in welchem sie seelisch gebeugt sind, um ihrer Beziehung Seele zu verleihen. Erziehung entwickelt Gefühle, die als Gemeingefühligkeit nötig ist, um in der Lebenspflicht auch mit voller Seele füreinander da zu sein. Es ist das wirkliche Verhältnis einer Lebensschuld, die als Liebesschuld gegeben und nötig ist. Nur hierdurch kann Liebe als Lebensnotwendigkeit erscheinen, denn Erziehung vermittelt Lebensnotwendigkeiten als Liebesbeweis. Sie setzt damit außer Zweifel, dass es solche Lebensnotwendigkeiten gibt und macht sie hierdurch unhinterfragbar.

 

2.1 Der gewöhnliche Gemeinsinn

Im Gemeinsinn (z.B. in einer Familie) hebt sich die Lebenspflicht darin auf, dass sie Lebensschuld überwindet, dass sie also ein Leben durch den Familiensinn gründet, an welchem prinzipiell jedes Familienmitglied teilnehmen kann, was immer es für sich ist und will und tut. So, wie man es darin gewohnt ist, wird befunden und empfunden. Es ist ein für jeden einzelnen Sinn wirklich gleichgültiger Sinn, in welcher alleine die Liebe der Lebenspflicht reflektiert ist, ihre Lebensfürsorglichkeit, die zum Gemeinsinn geworden ist.

Dieser versetzt zwar jeden in die Lage, an einer menschlichen Gesellschaft Teil zu nehmen und Teil zu haben, er verstellt aber zugleich auch die Möglichkeit einer wirklichen Selbstreflexion. So, wie er oder sie im Familiensinn reflektiert ist, so wird er oder sie auch wirklich wahrgenommen. Dessen Lebenswerte führen sich so hinterrücks als Liebeswerte der Beziehung ein und bestimmen das Selbstgefühl darin.

Daran ist alle andere Wirklichkeit sowohl unbenommen, wie auch ausgeschlossen. Es ist alleine der Sinn der ausgeschlossenen Wirklichkeit, der den Lebenszusammenhang seelisch ausfüllt. Dies macht allerdings auch, dass sich die wirklichen Sinne der Wahrnehmung durch ihn verstellen und entrücken können, soweit er in sich wirklich abgeschlossen ist. Es ist eigentlich die Wirklichkeit des isolierten Sinnes, der hier als Gemeinsinn wirkt. Dieser ist jetzt objektiv, ein objektives Gefühl, das zugleich höchst subjektiv wirkt, also gedoppelte Wirklichkeit in einem Menschen bewirkt. Und entsprechend sind auch die Folgen dieser doppelten Erscheinung.

2.2 Der gewöhnliche Eigensinn

In der Erziehung gilt der Eigensinn als Erfolg der Besonderheit gegen das Gemeine der Welt schlechthin, als die besondere Gemeinschaft des Erziehungsverhältnisses, wie sie sich im Einzelnen als dessen persönliche Besonderung, als besondere Fähigkeit, Originalität usw. zuträgt. Solcher Eigensinn ist allerdings das Gegenteil von einem wirklichen Sinn; er ist der Sinn einer eigenen Negativität, also eine Selbstbegründung, die aus der Selbstbezogenheit einer Gemeinschaft entsteht, in welcher das wirklich ausgeschlossen ist, was Wirklichkeit ausmacht: Die Wirkung, welche sinnliche Beziehungen haben.

Das auf diese Weise gebildete Eigene ist äußerlich bestimmte Eigenheit, hat nichts anderes im Sinn als das, was Eigen sein soll, was als das Eigene dieses Lebensverhältnisses in den Menschen bestimmen soll. Es ist der Kern, das Wesen einer vollständigen Selbstentfremdung, was hier zugeeignet wird. Letztlich sind die Zöglinge eben doch nur das, was sie für das Lebensverhältnis der Erzieher sein sollen und sind sie das, so geht es ihnen innerhalb dieses Verhältnisses auch gut, nicht aber unbedingt, wenn sie es verlassen. Die dieser Welt äußere Welt erscheint hiergegen als völlig getrennt hiervon bestimmt, obwohl Erziehung doch gerade auch dorthin führen soll.

Das macht die Absurdität einer Weltentrennung aus, die sich gegenseitig bedingt und die doch nur gelingen kann, wenn diese Bedingtheit in Wahrheit geleugnet wird. Die Erzieher werden ungern die Erkenntnis zulassen, dass ihre Gründe für das Erziehen eigennützig sind, dass sie die Zöglinge für sich auch nötig haben; und die äußer Welt gilt als Bedrohungslage des Eigenen um so mehr, wie diese Gründe geleugnet werden müssen. Die Welt dieser abstrakten Eigenheit ist vopller Lügen, die Geltung haben müssen, damit das Unvermögen der Liebe in solchen Verhältnissen nicht in der Gewalt auch wirkliche hervortritt, mit der sie in den Menschen wirksam ist. Der Eigensinn muss sich um alles in der Welt durchsetzten;- - die Kinder müssen so sein, wie sich die Eltern auf sie beziehen, müssen die Lüge teilen, mit der sich die Älteren ihre Existenz begründet haben. EWrziehung ist das wesentliche Mittel hierfür.

2.3 Der hörige Sinn

Indem alle Sinne in ihrer vollständigen Eigensinnigkeit dem Gemeinsinn zugehörig werden, werden sie gerade in ihrer Eigenheit gleich und in ihrer Absehung von ihrer Wirklichkeit vollständig gleichgültig, zum gemeinhin Eigenen, - und damit zur vollständigen Eigentumslosigkeit. Als im Gemeinsinn betstätigte Eigensinnlichkeit werden die Menschen in ihrem Erkenntnisvermögen selbst unmittelbar enteignet, ihrer konkreten Gegenwart enthoben. Was immer sie äußern und tun unterliegt dem Verhältnis des Gemeinsinns der sagen könnte: Was immer du tust, ich kenne es schon, ich kenne dich besser als du dich selbst je erkennen kannst. Die Wirklichkeit eigener Sinnbildung und Äußerung wird von daher bestimmt durch die Wirklichkeit einer Beziehung, die diese vorwegnimmt, sie dadurch unmöglich macht, dass sie diese zu einem Moment ihres Zusammenhangs bestimmt und dadurch beherrscht, dass solche Wirklichkeit innerhalb dieses Verhältnisses nur unsinnig sein kann.

Mit der Entwirklichung durch das Gemeine fallen alle Sinne zusammen in eine sinnliche Macht des Allgemeinen schlechthin, in ein Gefühl, dem die Menschen folgen, weil darin immerhin ihre Selbstwahrnehmung bewahrt ist, durch das sie aber zugleich gebeugt sind, weil es ihnen kein eigenes, sondern ein notwendiges Gefühl ist. So sehr sie sich auch wehren und mit der Produktion von Eigensinnigkeiten dieses aufzuhalten versuchen und sich ihm widersetzen, sie verfallen ihm um so mehr, wie sie ihre Selbstwahrnehmung als das gemeinhin Eigene darin bestärken. Sie werden dem Allgemeingefühl ihrer Beziehungsverhältnisse, wie sie durch Erziehung entstanden waren, hörig.

Im allgemeinen Gefühl der Zugehörigkeit verfallen sie einander auch als Menschen, die keine andere Gegenwart mehr haben, als die in ihnen vergegenwärtigte Allgemeinheit.. Die Menschen verfallen sich in der Unauflöslichkeit ihrer Selbstwahrnehmung, die aufgehoben ist in einer Gemeinwahrnehmung, die keinen Sinn für sie hat, in der aber ihre Sinne verfallen sind, unerkennbar und für sich verloren, solange sie keinen dem entgegengesetzen Sinn verwirklichen können, nicht selbst kritisch aus dem Gemeinen hervortritt.

In der bloßen Gewöhnung, also ohne gegenwärtige Gewissheit, ohne Gegenwart, gibt es keinen wirklichen Sinn. Die Gemeinschaft im gemeinen Sinnlichsein ist ein permanenter Prozess der Selbstauflösung, die meist durch vielerlei verrückt erscheinenden Äußerungen umgangen wird. Menschen kommen dazu, sich überhaupt nur einzubringen, wenn sie eine außergewöhnlich bestimmte Lebensgestalt einnehmen, und sei es auch nur eine besonderer Hut oder eine Uniform.

In dieser entwirklichten Form der Entgegensetzung ist alles möglich, wenn es sich denn nur dem Lebensraum der Gewohnheiten entgegentreten kann. Denn alles Verhalten muss sich vor allem als kulturell ungewöhnlich auszeichnen. Der entgegenwärtigte Sinn tritt in einer verkehrten Gestalt wieder auf - aber nicht als Sinn, sondern als bloße Sinnesgestalt. Es ist also in solchen Lebenszusammenhängen kein Bewusstsein, keine Sprache oder modische Begabung, welche die Menschen "schräg" erscheinen lässt, sondern die absolute Notwendigkeit einer entgegenwärtigten Sinnlichkeit. Nur darin entkommen die zur Beziehung erzogenen Menschen der Hörigkeit ihrer Beziehungen.

Weiter mit Teil II.2.3. Das objektive Gefühl