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Teil II: Die persönliche Zwischenmenschlichkeit
Abschnitt 2: Die Lebenspflicht

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3. Das objektive Gefühl

Gefühle mögen scheinbar oder vorgetäuscht sein. Es gibt dennoch keine falschen Gefühle. Wer sollte denn sagen, was wahr und was Täuschung ist, außer dem, was er selbst fühlt? Vorgetäuschte Gefühle sind lediglich mit Empfindungen vertauschte und als solche vermittelte Gefühle. Sie sind ebenso wie alle anderen Gefühle - auch wie enttäuschte Gefühle - substanzielle Grundlage der Erkenntnis und können von daher eigentlich nicht objektiv sein. Sie mögen zwar zwiespältig sein und die Frage aufwerfen, was nun in der Beziehung zu den Empfindungen wahr und was Täuschung sei, aber sie können nicht selbst unwahr sein, will man nicht behaupten, dass es eine objektiv wahre Wahrnehmung gebe. Von objektiven Gefühlen zu sprechen erscheint von daher zunächst absurd.

Aber es gibt Gefühle, die wie ein fremdes Subjekt die Wahrnehmung bestimmen, die eine Macht in sich haben, die objektiv wirksam ist. Sie werden es dadurch, dass sie in erzieherischen Beziehungen ein eigenes Sein geschaffen haben, welche diese Beziehung ausgestaltet hat. Es geht hierbei nicht nur um Beziehungen zwischen Generationen, also meist Eltern und Kinder, sondern um Liebesbeziehungen überhaupt, in denen auf eine Objektivität hingezogen und also auch einseitig oder beidseitig erzogen wird, die nicht unbedingt so sachlich ist, wie sie vorgestellt wird. So müssen z.B. Kinder ihren Eltern glauben, was sie vermitteln, gleich wie das Vermittelte in Wirklichkeit ist. Die Vermittlung der Objelktivität geschieht innerhalb der erzieherschen Verhältnisse nun mal vor allem subjektiv. Und so wandert oft genug auch eine subjektive Absicht in diese Beziehung ein, die objektiv vorgestellt wird, um das erzieherischen Verhältnis zu bestimmen oder zu verewigen.

Und innerhalb der persönlichen Beziehungen ist zwangsläufig jede solche "Erziehung" die Vermittlung einer subjektiven Objektivität. Der Rückstand hiervon ist ein Gefühl, welches diese Beziehung verobjektiviert und wie eine Objektivität dieser Beziehung herrscht. Es erscheint objektiv notwendig, das zu glauben, was in dieser Beziehung gefühlsnotwendig ist, was also die Beziehung dadurch zusammenhält, dass ein Mensch den anderen zu seiner Persönlichkeit hin objektiviert, dass dieser so werden muss, wie es jenem nötig ist.

Ein objektives Gefühl ist von daher ein Gefühl, welches die Einheit einer erzieherischen Beziehung darstellt. Und das ist ein Gefühl, das niemand für sich hat und das auch nicht wirklich auf einen anderen Menschen bezogen ist, sondern das nur unter den objektiven Bedingungen der Umstände und Lebensräume solcher Beziehungen überhaupt auftreten kann. Allerdings bestehen die Umstände hier nicht aus reinen Sachen, sondern aus Menschen, welche als Lebensbedingung sachlich bestimmt wurden. Objektive Gefühle sind also das Resultat einer erzieherischen Beziehung, in welcher Hörigkeit entstanden war, so dass sich die Menschen, welche sich körperlich und augenscheinlich freilich als Menschen wahrgehabt haben, sich nur sachlich vergegenwärtigen.

Objektiv sind solche Gefühle also dadurch, dass sie von einem subjektiven Objekt bestimmt sind, das objektiv notwendig ist, um subjektiv zu sein. Und sie treten auf, wenn nur zu fühlen ist, was objektiv gegeben ist, das zugleich menschliche Notwendigkeit dadurch hat, dass es unwahrnehmbar ist. Solche Gefühle setzen also voraus, dass durch deren verinnerte Objektivität eine subjektive Not aufgehoben ist, dass also eine objektive Notwendung zugleich die Aufhebung einer subjektiven Not betreibt und darin Subjekt und Objekt wirklich ununterschieden und also ohne Bewusstsein auch ununterscheidbar sind. Objektiv sind Gefühle dann total, wenn menschliche Wirklichkeit nichts anderes zulässt, als eine Beziehung von Subjekten durch Gefühle, welche nur außer ihnen objekte Gestalt haben oder bekommen können.

Es gibt für solche Objektivität nicht unbedingt einen "Schuldigen". Oft können die Menschen gar nichts dafür, dass sie unter bestimmten Umständen ihrer Sinnbildung so aneinander geraten waren, dass ihre Beziehung objektiv zu einer Erziehung wurde. Es ist meist auch der Mangel der wirklichen Umstände selbst, der dazu führt, dass die Menschen durcheinander zu Sinnbildungen kommen, die jenseits von ihnen ausgeschlossen und daher ausschließlich sind. Besonders deutlich wird dies an den Beziehungen, welche in der Erziehung von Kindern auftreten: Je weniger eigene Welt Kindern wie Eltern bleibt, desto objektiver und zugleich inniger wird ihre Beziehung bestimmt sein. Solche innige Objektivität vereinigt alle subjektiven und Objektiven Inhalte der Gefühle.

Die Entwicklung eines einzelnen Menschen macht immer einen Werdegang von objektiven zu subjektiven Gefühlen aus. Eltern sind der Form nach zu allererst Subjekte, welche ein Kind hervorbringen, das objektiv von ihnen abhängig ist. Von daher erfährt es sie auch als objektives Subjekt seiner Beziehung auf die Welt überhaupt. In dieser Beziehungen erscheint objektives Fühlen noch naturnotwendig, wiewohl hierbei zweifellos ein Mensch fühlt, weil er schon vor seiner Geburt Sinn hat für das, was seine Eltern ihm zu vermitteln haben, und sei es auch nur ein Sinn für die Brust der Mutter oder ähnlich anderes. Aber sosehr dies auch als Naturempfindung erscheint, so schnell wird darin auch eine menschliche Beziehung wach. Schon im Mutterleib bezieht sich das Kind auf Menschen, auf seine Muttter und alles, was es vom menschliche Leben sonst auch mitbekommt (Geräusche, Licht, Berührungen, Musik, Sprache usw.). Es hat Eindrücke, die ohne andere Menschen nicht vorhanden wären. In einem künstlichen Uterus würde es schon vor seiner Geburt verkümmern.

Soweit Menschen in ihrer Entwicklung frei von subjektiven Mächten sind, entwickeln sich ihre Gefühle sowohl objektiv wie auch subjektiv, ermöglichen ihnen also die Bildung einer Identität als Subjekt, soweit wie dieses gesellschaftlich schon möglich ist, wie es die Sinnbildung der bisherigen menschlichen Geschichte schon erreicht hat. In dem Maße, wie objektiv begründete Gefühle einer solchen Macht aber unterworfen werden, verselbständigen sich Gefühle, sondern sich ab und wirken unmittelbar objektiv als wirklich objektive Gefühle, als Gefühlsmacht. Dies, aber nur dies, macht die Wahrheit des psychoanalytischen Verdrängungsbegriffs aus

Allgemein ist dies nur möglich, wo Lebensräume selbst zum objektiven Träger der Selbstgefühle geworden sind, worin also menschliche Subjektivität nicht möglich ist, noch nicht geworden ist oder sich verliert, weil eine solche Lebensburg sich gegen das Selbsterleben errichtet hat. Indem Menschen sich in der Selbstenfremdung geborgen fühlen, Haben sie keine lebendige Identität für sich. Sie erleben die Gefühle selbst ausschließlich objektiv und als Macht, welche gegen ihre Selbstwahrnehmung gerichtet ist. Die Wirklichkeit ihrer Selbstgefühle haben sie noch nicht oder nur durch fremde Kräfte, durch Kräfte der Entfremdung, in denen sie selbst auch wirklich aufgehoben werd, um irgendeine Gefühle ihrer Gefühle zu erlangen.

Wo einem Menschen diese Gewissheit unmöglich, zerfallen oder zerflossen ist, wird ihm die Objektivität solcher Gefühle unmittelbar notwendig, wird ihm die objektive Vermittlung zu einer Selbstbestimmung, zur Bestimmung seiner als seine Notwendigkeit. Die subjektive Not kann aber nicht objektiv aufgehoben werden, da sie ihren Schmerz nur durch sich hat. Es kann sich nur das objektiv Notwendige als subjektive Notwendigkeit andienen, kann sich in dieser Bestimmung ihm angleichen, indem es zu seiner Gewohnheit wird. Wo Erkenntnis nicht mehr nottut, wird Leidenschaft zur Zierde, wo die Liebe keinen Sinn mehr hat, kann sie als angenehmer Umstand fortbestehen - bis er zur Hölle wird. In objektiven Gefühlen zirkuliert die bürgerliche Kultur. Aber die Erkenntnis duldet keine Umstände.

Objektive Gefühle sind Gefühle, deren subjektive Herkunft verschwunden ist, die also selbständig und völlig unabhängig zu bestehen scheinen und doch ebenso vollständige Wirkung auf die Menschen haben, weil sie als Macht einer Naturempfindung wirken - so, als wären sie eine "Klimaanlage des Gefühls". Ausgerechnet die Parapsychologen haben den ersten empirischen Nachweis gebracht, dass es Gefühle gibt, die sich jenseits aller wirklichen Beziehungen und Verhältnisse zu begründen scheinen. Zur Untersuchung von Geisterwahrnehmungen, die systematisch bei den Besuchern im Tower von Edinburg auftraten, wenn sie alleine in dessen gespenstischen Kellerräumen waren, rekonstruierten sie diese Räume virtuell als Computersimulation, die, wenn sie mit einer 3D-Brille und Kopfhörer in Abhängigkeit von eigener Bewegung wahrgenommen wurden, diesselben Geisterwahrnehmungen hervorriefen: Das Gefühl, dass da jemand um den Besucher schleicht, ein seltsamer Windhauch umgeht, die Haut an den Armen zu brennen beginnt und ein sich bis zu einer raunenden Sprache steigernden Stimme aus entfernten Fluren hallt (Richard Wiseman, 2001). Es scheint visuelle Formen und Strukturen zu geben (hier sind es weit verwinkelte leere Kellerfluren mit fremden Raumklang und Nachhall), die das Selbsterleben in ganz bestimmte Wahrnehmungen zwingt. Einzig, was sie unter der Bedinguing absoluter Isolation in Gang setzen, unheimliche Gefühle von Gespenstern oder ähnlichem, ist als eine besondere Art von Lebensangst nachvollziehbar. Propagandisten, Psychologen und andere Gurus kennen dieses Phänomen zur Genüge und setzen es für ihre Zwecke nach Belieben ein (vergleiche z.B. die Isolation bei der sogenannten Urschrei-Therapie nach Janov, die Hyperventilationsübungen vor "Transzendezerfahrungen" asiatisch ausgerichteter Selbsterfahrungsgruppen, spezifisch instrumentalisierte sexuelle Stimulationen als Mittel esoterischer "Bewusstseinserweiterung", oder auch die Empfindungen in Menschenmassen, die gesetzmäßige objektive Abläufe haben (s.a. Populismus), - und nicht zuletzt der gesamte Drogenkonsum, der den Körper objektiv so stimuliert, dass er für bestimmte Wahrnehmungen oder einfach auch nur Enthemmungen der Seele bereit ist (s.a. Sucht).

Aber völlig grundlos können solche Gefühle nicht sein, denn wir kennen sie aus gänzlich anderen Anlässen auch wohlbegründet und - wenn auch vielleicht weiter vermittelt - voller Sinn. Wo wir z.B. Unheimliches wahrnehmen, lässt sich durchaus erschließen, welche Heimlichkeiten wir dabei wahrhaben, z.B. all die eng begrenzten Grenzenlosigkeiten unserer Liebe und Kultur, den Konsum von Nutzen, dessen gegenständlicher Zusammenhang (s.a. Ware) uns vielleicht auch gänzlich fremd ist (s.a. Warenfetischismus). Jedes "psychische Symptom" (z.B. Depression, Platzangst, Panikattacken, Wahnsinn) gibt nach hinreichend gründlichem empathischen Verstehen Auskunft über die Grundbefindlichkeiten unseres Lebens, wie wir es - für die unmittelbare Wahrnehmung manchmal unerkennbar - wahrhaben.

Objektive Gefühle wären eigentlich alle Gefühle, die gegenständlichen Ausdruck haben (z.B. in Grafik, Kunst, Architektur usw.), wenn sie ihre subjektive Herkunft verloren, ihre Welt verlassen hätten. Das reicht aber nicht zur Erklärung, warum sie eigene Wirkung haben. Objektiv können Gefühle nicht durch bestimmte Wahrnehmung von bestimmten Lebensäußerungen werden, sondern durch unbestimmte: Durch eine Gewohnheit, in welcher das Subjekt der Beuiehung gegenständlich aufgehoben ist, also durch den Ersatz eines Subjekts durch die Gewohnheit eines erzieherischen Verhältnisses. Objektive Gefühle selbst haben keinen anderen Sinn als den, den sie ersetzen, an dessen Stelle sich ihre Gewohnheiten setzen. Eigentlich sind sie also die Negation einer ganz bestimmten Gefühlswelt, welche durch diese Gewohnheiten ausgeschlossen ist. Aber als solche können sie nicht wirklich sein.

Für sich existieren solche Gefühle erst, wenn sie eigene Wirkung und damit Wirklichkeit bekommen: In den Lebensräumen, die sich darauf gründen (siehe Lebensburg). Dort werden sie zu Gefühlen, welche eine objektive Notwendigkeit subjektiv wahrmachen, also fremden Sinn als einen Übersinn wie eine eigene Wahrheit dadurch wahrmachen, dass sie die Wahrnehmung des Einzelnen für sich aufheben (s.a. Gemeinsinn, Familiensinn). Die Macht dieses Sinns setzt eine Beziehung in einem notwendigen Lebensraum voraus und setzt sich gewöhnlich durch ein Schuldgefühl um, in welchem die Unterworfenheit eigener Wahrheit anerkannt ist. Es ist die Grundlage für seelische Bedrängung (siehe Verrücktheit).

 

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3.1 Die Selbstentfremdung

In der Absehung von einem wirklichen Sinn entstehen Absichten, die auch keinen sinnlichen Gegenstand mehr haben. Nicht die persönliche Beziehung auf andere noch zu sich selbst wird hgierbei sinnlich bejaht. Im Grunde besteht in solchen erzieherischen Beziehungsverhältnissen deren Substanz aus der Verneinung der eigenen sinnlichen Erkenntnis. Wo dem keine andere Welt mehr zugeordnet ist, ist jedes Erkenn innerhalb dieser Verhältnisse ein Verkennen der eigenen Wahrnehmungsinhalte. Die herrschenden Gewohnheiten mögen zwar noch als Zankapfel dienen, aber aus ihnen ist kein wirklicher Sinn mehr erkennbar. Diese Verhältnisse entleeren die Beziehung der Menschen in dem Maße, wie sie sich als gewöhnliches Leben etablieren. Darin erleben sich die Menschen in Wahrheit ihrer Sinnlichkeit entrückt und täuschen sich hierüber vermittelst ihrer Gewohnheiten dadurch hinweg, dass sie sich verrückt zueinander verhalten. Der gewöhnliche Mensch, der das Leben nur noch als völlig veräußertes Erleben zu sich nimmt, erfährt sich selbst jetzt auch allgemein als Mensch voller Erlebnisse, die sich über die Gewohnheiten des Lebens erheben und ihn nun als Mensch schlechthin auszumachen scheinen. Wie ein Tourist die Kulturlandschaften je nach Angebotslage und Preis der Einheimischen deren ihm fremde Geschichte durchpflügt, so durchpflügt er die Seelenlandschaften der Menschen nach ihrem Erlebenswert. Er schafft sich so selbst die Grundlage seiner Beziehungen, die nötig machen, dass er seine Unheimlichkeiten abstreift und sich entheimlicht, sich veröffentlicht.

Indem er auf diese Weise sich eigene Regungen wirklich austreibt, seine Gefühle selbst negieren muss, um frei zu sein für die Wahrnehmung, treibt er auch seine eigene Erregung aus. Er vermittelt sich selbst in einer Welt, wo er seine Zwecke verwirklicht sieht, macht sein Leben zum Selbstzweck dieser Welt. Alle Formen seiner Persönlichkeit beugen sich dieser Vermittlung, die durch die Erziehung erzwungen wurde. Die Menschen leiden unter diesen Verhältnissen nicht mehr wirklich an deren Gewalt, sondern äußern ihre Identätslosigkeit durch Gewalt gegen sich selbst, werden selbst zum Schauplatz öffentlicher Gewalt. Ein Mensch kann sich hierbei genauso gegen andere wie gegen sich selbst verhalten - es ist ununterschieden und für ihn ununterscheidbar. Das macht für ihn allerding nötig, seine Sinne selbst zum öffentlichen Medium zu machen, sie in einer Form dem öffentlichen Nutzen des Selbsterlebens verfügbar zu machen, in welcher er darin so genommen werden kann, wie er für andere wahrnehmbar sein soll.

Für sich lebt er zugleich in einer Selbstwahrnehmung, sie sich in Gefühlen regt, durch welche er andere Menschen nurmehr heimlich wahrnehmen kann. Er hat nur sich wahr, indem er andere wahrnimmt - aber nicht in eigener Wahrheit, sondern als Selbstgefühl für andere. Seine Beziehung zu sich ist die seiner Negation, also eine Beziehung, die er durch die Beziehung auf andere gegen sich erzeugt. Das macht jetzt die erste Position einer verkehrten Welt der Gefühle aus: Die Perversion.

 

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3.2 Die Perversionen (Der Fetisch anonymer Selbstwahrnehmung)

Deshalb ist diese "Sinnstiftung" kein Akt der Erbauung, sondern der Erzwingung. Der nicht mehr gegenwärtige Sinn muss aus seiner Negativität heraus ein Erleben erzwingen, das den Sinn erfüllt, der ohne dieses nicht mehr ist. Das sinnlos scheinende Leiden wird darin mit Sinn erfüllt, wird zu einer Sinnlichkeit, die erst im Nachhinein ihres Verlustes entsteht, die also nicht aus dem Erlebten erzeugt wird, sondern Leben dadurch erzwingt, dass den Sinnen dadurch Lebendigkeit nur dadurch vermittelt wird, dass Empfindungen regelrecht beigebracht werden, dass Gefühle sie mit dem erregt, was nicht wirklich ist. Die Grundform hiervon ist eine Autoaggression, die z.B. oft durch das Einritzen der Haut mit Rasierklinken oder gergeleichen zu einem Selbstgefühl kommt. Im Grunde ist eine Pervrsion die durch beigebrachte Empfindungen erzeugte Herstellung von Selbstgefühlen in Verhältnissen, worin diese aufgehoben und im wahrsten Sinne ausgetrieben sind - aber nicht durch einen schmerzhaften Vorgang, sondern schmerzlos. Die Empfindung befördert das entschwundene Selbstgefühl hiernach.

Das Wahrnehmen eines anderen Menschen, welcher der Vernichtung seiner Gegenwart ausgesetzt wird, erzeugt ein Selbstgefühl gegen die eigene Sinneslähmung. Das Erleiden der zur Unwirklichkeit verdammten eigenen Sinne durch andere verschafft die Erregung einer Nähe zu sich selbst. Der anonyme Sinn fremder Menschen wird zum Stellvertreter des eigenen Lebens, wird in seiner Verkehrung erlebt, um dem Tod der eigenen Sinne zu widerstehen. In steter Regel tritt die perverse Regung auf und erzwingt Befriedigung, die ohne dies ein Gefühl der Selbstvernichtung entwickeln würde, weil es das ist, was der Betroffene wahrhat.

Perversionen sind die Lebensformen abgetöteter Selbstvergegenwärtigung, die durch die Beherrschung der Gegenwart anderer Menschen im Erleben verkehrt wird. Sie dienen einer Identitätsgewinnung durch Herstellung von sinnlicher Gegenwart dessen, was in der Macht der Gewohnheiten untergegangen ist. Sie beziehen sich auf die Vergegenwärtigungsformen eigener Lebendigkeit, meist der eigenen Geschlechtlichkeit. Deren einfachste Form ist der Schau- und Zeigetrieb, der Exhibitionismus. Die Erlebenssucht des Leidens, der Masochismus, vergegenwärtigt eine entäußerte Selbstbeherrschung. Und die Quälsucht, der Sadismus, will eigenes Leiden durch andere entäußert wissen und an ihnen erleben.

3.2.1 Das pervertierte Selbstgefühl (Der Exhibitionismus)

Die Selbstvergegenwärtigung eigener Erregung durch Erschrecken anderer kennt man schon als Kind z.B. beim "Versteckspiel". Kinder erleben sich, indem sie sich durch Versteck entziehen und plötzlich und "wie aus dem Nichts" heraus auftauschen. So ähnlich kann man sich den bloßen Akt der Entblößung vorstellen. Doch es ist nicht die einfache Neugierde auf die eigene Wirkung auf andere, die dahin treibt, sondern die Unmöglichkeit des Selbsterlebens, wie sie unter der Bedingung objektiver Gefühle bestimmt ist: Nicht einfach Angst oder Sucht treibt zur Exhibition (Selbstausstellung), sondern die Notwendigkeit von Selbstvergegenwärtigung eines Gefühls für sich. Gerade in den Ruinen wohlständiger Ereignisse, nach der Ruinierung eigener Lebensäußerung, tritt diese selbst wie ein hintergründiges Verlangen auf: Sie will Wirkung haben.

Das hat eigentlich nicchts mit Verdrängung zu tun, wie es die Psychoanalyse meint, sondern mit einem Lebensverhältnis voller Entgegenwärtigungen. Es ist von daher die ursprünglichste Sinnverkehrung der sogenannte Zeigetrieb. Das Eigene ist in solchen Verhältnissen nicht verdrängt - so, als hätte es dieses eigentlich schon gegeben, sondern es ist verheimlicht und drängt auf Entheimlichung. Es lebt von seiner Heimlichkeit und wirkt nur dadurch unheimlich, dass es schlagartig und urplötzlich in den Alltag der gewöhnlichen zwischenmenschlichen Begegnungen eindringt. Im Grunde ist das ein Protest gegen die mächtigen Gewohnheiten objektiver Gefühlswelten, durch den hier Sinnerleben sprichwörtlich "gewonnen" wird. Menschen, die selbst in solchen Lebenswelten der Lebensburgen untergegangen waren, treten hierbei immerhin als lebende Menschen zu Tage.

Von daher ist dies auch die "angepasste Perversion", also eine Sinnverkehrung, welche nur bei äußerst angepassten Menschen zu finden ist. Wo sie mit ihren Bedürfnissen und Gelüsten harmonieren können, wird sich kein Zeigetrieb ergeben. Es ist also zunächst einmal die einfach gescheiterte Anpassung, welche der Exhibitionist entblößt.

3.2.2 Das pervertierte Selbsterleben (Der Masochismus)

Im Masochismus werden Schmerzen als Notwendigeit eines Gefühls der Unterworfenheit erlebt. Letztres mach die Grundefahrung des objektiven Gefühls einer Lebensburg aus, worin die Mächtigen nur durch Unterwerfung geliebt werden konnten. Und sie waren und bleiben in solchen Gefühlen zugleich die Subjekte dieser Unterwerfung, weil eigene Gegenwart nur dadurch möglich ist, weil also die Selbstvergegenwärtigung als notwendige Identitätsstiftung die nötig macht. Es geht hierbei also nicht um die Inhalte der Unterwerfung - die sind vollständig gleichgültig - sondern um die bloße Form. Nur in der schmerzhafte Beziehung des Selbstgefühls wird eigen Wirklichkeit geschaffen.

Das vorherrschende objektive Gefühl besteht auch hier aus einer allgemeinen Gleichgültigkeit, die nur im Durchbruch des Schmerzes, der hierbei entäußert ist, gewonnen. Es ist sozusagen der Protest gegen das Gleichgültige Gefühl, dessen Schmerz hier gelitten werden muss, um zu einer Identität zu gelangen.

3.2.3 Die pervertierte Selbstbehauptung (Der Sadismus)

Die "Quälsucht" hat eigentlich nichts mit wirklichem Quälen zu tun, sondern eher mit den Qualen der Selbsterniedrigung, denen ein Sadist oder eine Saadistin durch Quälen anderer Menschen zuvorkommt. Auch er erleidet seine verstellte Selbstgewissheit unter der Herrschaft eines objektiven Gefühls, das ihn nicht sein lässt. Aber er oder sie hat sich bereits längst gegen dieses gestellt. Als Domina oder Dominus vollzieht er seine Qualen mehr oder weniger kulthaft an anderen Menschen.

Die noch verinnerlichte Macht der objektiven Gefühle wirkt als permanenter Kampf um seine oder ihre Selbstgewissheit, deren Unbestimmtheit so unendlich ist, dass er oder sie sich erniedrigt fühlt, wenn er oder sie nicht herrschen kann. Es gewinnt sich Selbstgewissheit durch Züchtigung anderer und hat in der Teilhabe an derselben Objektivität eine Gemeinschaft mit dem Masochismus.

Die Entgegenwärtigung aber treibt auch zur Aufhebung dieser Gemeinschaft, zur Totalität einer vollständig ausgeschlossenen Sinnlichkeit, die ihren Sinn selbst als Macht über die Selbstwahrnehmung errichtet.

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3.3 Der wirklich ausgeschlossene Sinn (Wirklich fremdbestimmter Sinn)

Die Perversionen waren der Versuch, ein objektives Gefühl in sich von sich abzugrenzen und darin die Befriedigung zu finden, die ohne dies unmöglich ist. Die Regungen in solchen Verhältnissen kommen daher immer dahin, eine treibende Kraft zu erzeugen, welche solche Befriedigung erzwingt. Das objektive Gefühl wird auf die Weise wirklich, dass es nicht nur das Verhältnis der Menschen bestimmt, sondern wie eine Kraft aus den Menschen zu einer Befriedigung treibt, die für sie unmittelbar körperlich keinen Sinn hat, die aber Befriedigung findet, wenn sie ihre Körper unter diesem Treiben zur Ruhe bringen, zu einer Identität mit sich, die in dieser Form selbst unmittelbar keinen Sinn hat. Die Sinnsuche ist in ein unglückliches Verhältnis geraten: Die durch objektives Gefühl abgetrennten Sinne erscheinen somit in sich ebenso sinnlos geworden zu sein, wie der Sinn, in welchem sie sich befriedigen. Der Sinn hat sich selbst nurmehr in der Form wahr, also nur darin, dass sein Leiden durch Versinnlichung seiner Entfremdung wahrgemacht wird und die Wahrnehmung hiervon Identitätsnotwendig ist.

Es ist diese Ausgeschlossenheit der Selbstwahrnehmung, welche die Perversionen antreibt, Selbstentfremdung als wirkliches Leiden erfahren zu müssen, um die Wahrnehmung mit sich zusammenzuführen, Selbstwahrnehmung durch erzwungene Fremdwahrnehmung zu ermöglichen. Darin bringt sich ein Sinn zur Wirkung, der in der Wahrnehmung selbst ausgeschlossen ist, der also nur unter der Veräußerung einer Selbstwahrnehmung wahrnehmbar wird. Von daher erscheint er auch nur in Intervallen zwischen Entfremdung und Versinnlichung zu existieren. Die Sinne, welche die Wahrnehmung ausmachen, sind in zwei gegensinnige Seinsweisen zerfallen. Wirkliche Sinnlichkeit ist dabei völlig ausgeschlossen. Wirklichen Sinn kann es nur zwischen den Zuständen der Wahrnehmung geben, als völlig gegensinnige sinnliche Wirklichkeiten, die einen Sinn verwirklichen, der von der Selbstwahrnehmung nicht nur getrennt ist, sondern sie selbst als dieser abgetrennte und abstrakte Sinn bestimmt, für sich also sinnlos ist.

Ein vom Menschen vollständig abgetrennter Sinn kann aber nicht wirklich sinnlos sein. Er treibt eigenartige Wirkungen hervorvor, welche die Wahrnehmung selbst bestimmen und welche der Form nach durchaus eine Absicht einlösen, die einen Frieden verschafft, der letztlich eine sinnliche Objektivität befriedigt, also eine Art Heimat in einem an und für sich sinnlosen Lebensraum hat. Wie eine seelische Absicht, die keinen Sinn mehr hat, wirkt in der Wahrnehmung selbst die Kraft, die sie in dieser eigenartigen Sinngebung zu solcher Indentitätsfindung antreibt.

Dies ist die Form, worin objektive Gefühle subjektiv ertragen werden. Was in den Perversionen sich noch in gespaltenen Wirklichkeiten - wenn auch nur der Form nach - gewinnen konnte, wird nun zu einem inneren Kampf, in welchem die Wahrnehmungen ihre eigene Gegenwärtigkeit aufheben muss und in welchem sie als eine wirklich zwiespätige Wahrnehmung absolut wird. Was die Perversionen noch vergegenwärtigt hatten, wird nun unter der Bedingung, dass sich Menschen als Mittel ihrer verobjektivierten Sinne auch wirklich wahrhaben, zu einer zwiespätigen Gegenwart ihrer Wahrnehmung selbst.

Zwiespalt kann nicht gelebt werden. Er besteht als prozessierende Selbstzersetzung in einem unendlichen Gezeter um die Wirklichkeit eigener Gegenwärtigkeit, also um das Auf- und Untergehen von wirklicher Wahrnehmungsidentität. Dieser Kampf findet still statt und bewegt sich nicht mehr in der Wahrnehmungswelt selbst, sondern außerhalb von ihr als Verhältnis der Selbstvergegenwärtigung in der Wahrnehmung. Es ist im Grunde ein Kampf um die eigene Wahrheit, um eine Identität, die durch die beständige Entgegenwärtigung des Wahrnehmungsvermögens zugrunde geht und sich bis zu ihrer vollständigen Ungegenwärtigkeit in den Irrsinn treiben lässt.

Innerhalb des objektiven Gefühls hat sich das Selbstgefühl praktisch von allen Seiten her aufgehoben und ist von daher auch wirklich unwirklich geworden. Der Verwirklichungsprozess der Selbstwahrnehmung hat zum Resultat eine sinnliche Objektivität, in welcher das, was in den Verhältnissen geborgeneer Sinne eigentlich als reine Subjektivität erworben werden sollte: Die heile und unberührbare Selbstwahrnehmung als unendliche Selbstgefühligkeit.

Das geborgende Leben erfordert einen hohen Tribut, welcher in der Selbstauflösung unendlich bleibt, wenn die Lebensburg nicht überwunden werden kann. Aber auch die Überwindung der darin gezeugten objektiven Gefühlswelt ist äußerst komplex und also auch so kompliziert, wie sich die Verhältnisse darin objektiviert haben. Der unendliche Selbstverlust droht dem, wer sich darin zu bewahren such und seine Wahrheit nurmehr als Verwahrung in diesem Lebensraum bestätigt haben wird.

Meist treten die Probleme damit in den Ablösungsphasen auf, welche gerade den Sinn besonders lebhaft machen, der von den eingeschlossenen Sinnen bis dahin bedrängt war. Die Wahrnehmung solcher Verhältnisse kann nicht einfach und selbsttätig wirklich subjektiv werden, gerade wo sie ihre Objektivierung als Lebensraum verlässt. Sie ist für sich selbst unmöglich geworden und muss einige Phasen der Selbstentfremdung erst überhaupt wirklich werden lassen, sie durchlaufen und verarbeiten und vor allem Welten und Menschen kennenlernen, durch welche es möglich wird, Selbstenfremdung überhaupt zu leben - um sie vielleicht auch zu überwinden. Die Entrückung der Menschen von sich selbst hat sie im Grunde verrückt gemacht. Doch es ist alleine die Verrücktheit ihrer Lebensräume, die Formationen ihrer Kultur, die sie leiden.

 

Weiter mit Teil II.3. Verrücktheiten, Wahnsinn und Irrsinn