 | Die doppelte Wirklichkeit des objektiven Gefühls hatte zwischen den Eigensinnigkeiten und Gemeinsinnigkeiten, eine Hörigkeit bewahrheitet, worin die Menschen leiblich füreinander letztlich objektiv notwendig und in eine ausschließlich sinnliche Beziehung geraten waren. Sie hatten hierbei sinnlich von sich ausgeschlossen, was sie in ihrer Ausschließlichkeit wahrhatten. Ihre Wahrnehmung wurde hierdurch von dem getrennt, was die Wahrheit diese Verhälnisses als Ganzes ausmachte. Es war der ausgeschlossene Sinn, der ihrem Erkenntnisvermögen unzugänglich geworden war. Von ihm haben sich ihre Gefühle entrückt. Also nicht, weil sie miteinander zu tun haben oder ihre Erkenntnisse teilen, sondern weil sie ohne einander von ihren Gefühlen verrückt wären, wenn sie in ihren Wahrnehmungen isoliert sind. Es können aber solche Verhältnisse nicht unendlich gelitten werden.
Sobald Menschen aus diesen Verhältnissen heraustreten und aus sich und ihren Wahrnehmungen heraus Beziehungen gründen, kehrt sich das objektive Gefühl, welches diese Verrückung begründet hatte, in eine Subjektivität um, die das Verrückte als Identitätsverlust leidet. Die Wahrnehmungen in solchen Beziehungen bedrohen daher die Wahrnehmungsidentität, denn sie sind gegen ihre Wahrheit totalisiert; sie enthalten die Negation einer Ausschließlichkeit, die ihre Gegenwärtigkeit bestimmt. Der ausgeschlossene Sinn wird somit in seiner unwirklichen Wirkung wahr, indem er wirkliche Gegenwart für die Wahrnehmung unwirklich macht, sie entgegenwärtigt.
Die Menschen stehen in solchen Beziehungen zueinander einerseits in ihrem objektiven Gefühl eng verschmolzen, symbiotisch und voller Innigkeit, zugleich aber auch völlig gegensinnig als wechselseitige Bedrohung eigener Wahrnehmungsidentität. Sie vergegenwärtigen ihre Innigkeit, indem sie ihre Wahrnehmung durcheinander entgegenwärtigen. Dabei wird ihre Wahrnehmungsidentität selbst nur scheinbar und lässt ihnen jede Gegenwart zu, in der sich der Inhalt ihrer Beziehung formalisieren lässt. Und das kann nur eine Gegenwart sein, in der sie im wahrsten und vielfältigen Sinn des Wortes aufgehoben sind, gut aufgehoben und schlecht aufgehoben zugleich.
Ihr Leben besteht in einem Widerspruch, in welchem die Menschen sich in ihrer Lebenswahrheit von sich selbst trennen: Ihre Wahrnehmungen haben eine doppelte Wahrheit, nämlich die des ausschließlichen und die des ausgeschlossenen Sinnes. Durch diesen haben die Menschen ihre doppelten Verhältnissen überlebt, sind aber mit diesem Überleben zugleich in der äußerst schmerzhaften Erkenntnis verblieben, dass sie nun selbst doppelsinnig sind.
Die Selbstgefühle sind überlebensnotwendig, um eigenen Sinn wahr zu haben. Aber sie haben ausgeschlosssen, was sie für sich nötig haben: Die Wirklichkeit einer zwischenmenschlichen Beziehung. Diese ist in der Objektivität der Gefühle zergangen, welche die Menschen in ihrer Gemeinsinnigkeit entleibt hatte. Sie sind von daher im wahrsten Sinne des Wortes selbstlos geworden und von ihrer Wahrnehmung selbst abhängig. Selbstgefühle schließen sich darin von selbst aus. Die Wahrnehmung wirkt nun selbst wie eine Lebensverpflichung, wie das Naturprinzip einer Beziehung, in welcher jede Erkenntnis sich zwischen Wahrheit und Wahrnehmung bewegt. Deren Wahrheit kann nicht unmittelbar aus der Wahrnehmung hervorgehen, sondern besteht in dem Widerspruch der Empfindungen, welche sich auf die Gegenstände der Wahrnehmung beziehen einerseits und den Gefühlen andererseits, in welchen Menschen sich selbst sinnlich wahrhaben.
Es sind damit die Grenzen der wirklichen Selbstwahrnehmung zergangen und was die Selbstwahrnehmung den Menschen an Sicherheit gegeben hatte, hat sich nun gegenüber anderen Menschen entgrenzt, sobald diese nicht mehr erkennbar sind, sobald also sich der Sinn für sie von sich selbst abstößt und ausschließt. Es ist die "Nachgeburt" des ausgeschlossenen Sinnes, dass jeder andere Mensch zur Aiutorität über die eigene Wahrnehmung geworden ist, sobals er sinnlich nicht mehr erschließbar ist. Es ist aber auch nur die Nachgeburt eines Verhältnisses in den Lebensburgen der Sinne, der eingeschlossenen Sinnlichkeit.
Wo die Menschen nicht mehr wissen, was sie wirklich füreinander sind, wie sie aufeinander durch ihre Selbstbezogenheit wirken, da verselbständigt sich die Seele in einem unendlich bestimmten Sinn, der aus dem Jenseits dieser Wirklichkeit unendliche Wirkung hat. Gerade dadurch, dass sich die wirkliche Selbstwahrnehmung aufgelöst, also nichtig gesetzt hat, hat sie ihren Sinn für das Wirkliche ihrer selbst ausgeschlossen. Hierdurch verbleibt die Wahrnehmung überhaupt als einzig bestimmmtes Verhältnis des Erkenntnisprozesses, in welchem dieser ausgeschlossene Sinn nun wirksam wird, als aus der Nichtigkeit und Vernichtung der Selbstwahrnehmung hervorgegangener Sinn die Wahrnehmung nach dem bestimmt, was sie nicht ist und nicht sein darf. Die Sinne der Wahrnehmung werden hierdurch zu etwas anderem, sie werden verückt. Sie stellen die Negation eines Gemeinsinns im Wahrnehmungsprozess eines Individuums dar, also nicht als Negation von Wahrnehmiungsinhalten (wie es etwa Freuds Unbewusstes behauptet), sondern aals Umkehrung ihrer Form und Absicht.
Für die Wahrnehmung ist es ihr aufgelöster Widerspruch, die Erscheinung einer Kraft, die stärker ist als ihr Vermögen, Wirklichkeit und Sein, Empfindung und Gefühl zu unterscheiden. Ein ausgeschlossener Sinn ist eine fremde Kraft, die ihre Eigentümlichkeit verloren hat, aber nicht ohne sie sein kann. Sie macht sich deshalb in dem Leben, zu dem sie gehört, geltend als Kraft der Bedrängung. Sie überbrückt ein Loch ihres Lebens durch den Sinn, der es auszufüllen hatte, der sich gebildet hatte, nur um im Nichts zu sein, etwas zu sein, was ohne ihn nichts wäre. Er ist im Gedächtnis der Sinne bewahrt, der nicht bedacht ist, aber Sinn stiftet, und wenn der auch nur darin besteht, die Sinne zusammen zu halten.
Durch eine Lebensveränderung, mit welcher die Lebensburg verlassen wird, beginnt er seine eigene Wirklichkeit zu entwickeln. Jetzt wirkt er als ein Sinn, der diese Nichtigkeit ausgehalten und ausgefüllt hatte, der nicht mehr nötig ist und in seiner Unnötigkeit als Kraft wirklich wird, ohne sich auf Wirklichkeit zu beziehen. Notwendigkeit hatte er für das Erkenntnisvermögen der Menschen, die ihre Entleibung in den Verhältnissen ihres Familiensinns überleben mussten. Er wendete dies, indem er sie befähigte, in einem Widersinn zu leben. Jetzt kehrt sich die Nichtigkeit des Widersinns als Kraft heraus, die sich gegen die Sinne der Wahrnehmung selbst wendet. Nur solange er die wirkliche Wahrnehmung beherrscht, ist er in dem bestätigt, was ihn ausmacht, und was er macht und treibt, das macht ihn unerträglich. Er ist die Selbstbestätigung eines fremden Sinns in der Beherrschung des eigenen Erkenntnisvermögens, worin er seine Eigenheit aus seiner Entwicklung, seiner isolierten Geschichte hat. Die Wahrnehmungsidentität ist darin jenseits der Wahrheit, die sie für ihren Gegenstand hat. Was sie von ihm wahrhat, das nimmt sie in einer Form wahr, worin sie verschlossen ist, in einem Zustand, worin diese Wahrheit ihre selbständige Form hat, die allerdings so sich auch ihres wirklichen Sinns enthebt, ihn lediglich in seiner Verkehrung lebt.
Alles Unheimliche, was sich in der Lebensburg der bürgerlichen Kultur entwickelt hatte, führte dazu, dass sich in vergemeinschafteter Isolation zwischenmenschlicher Abhängigkeit und Geborgenheit die Menschen von ihrem Sinn füreinander entrückt haben. Die scheinhafte Identität der Verhältnisse ihrer vertrauten Gewohnheiten und Wohnlichkeiten hat sie sich selbst entfremdet, sich in ihnen aufgehoben.
Aber Sinn kann nicht einfach verschwinden. Er kann nur seine Gegenwart verlieren und sich in einen anderen Sinn wandeln, hintersinnig, verrückt und irrsinnig werden. In Lebensräumen, worin Gewohnheiten den Zusammenhang der Menschen ausmachen, hatten sich Eigensinnigkeiten entwickelt, die in keiner wirklichen Beziehung mehr zu einander stehen. Solcher Raum ist ein Heim, das den wirklichen Zusammenhang der Menschen darin verheimlicht. Jeder Mensch ist unter dieser Bedingung ein verheimlichter Mensch, dessen Gegenwärtigkeit keinen wirklichen Sinn mehr hat außer dem, was er für andere sein muss. Hierbei entsteht die Nichtigkeit als Sinn für sich, als Erleben dessen, was nicht ist. Das unkenntliche Leiden erzeugt eine eigene Wirklichkeit, welche die Selbstwahrnehmung überfällt, sie in einen Zustand treibt, worin sie unweigerlich hineingerät, solange sie sich selbst als Erleben vergegenwärtigt, sie sich selbst in dem wahrhat, was sie wahrnimmt.
So kommt es, dass das, was ihre Sinne belebt, zu ihrer Bedrängnis wird. Die bedrängte und in sich aufgehobene Wahrnehmungsidentität stellt sich daher zunächst als Angstzustand heraus, als ein Zustand, worin die Selbstaufhebung wahrgehabt wird und in der Wendung gegen sich zu einer Depression werden kann, die letztlich im Autismus aufgeht. Die flüchtige Wahrnehmungsidentität bestimmt sich aus der Wahrnehmung eines Jenseiten der wahrgehabten Wahrnehmung, als süchtiges Verlangen, das sich auch selbst gegen die Wahrnehmung stellen kann und sie dann zu bezwingen hat. Als Selbstgefühl, das sich darin entwickeln kann, erkennt sich die Wahrnehmung als verfolgt von einer fremden Identität, die sie bestimmt. Dies hat sie als Wahnsinn wahr und kann sich darin in den Irrsinn treiben, wenn der Wahnsinn der Lebensverfolgung zur Lebensgrundlage geworden ist. |  | |