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Teil II: Die persönliche Zwischenmenschlichkeit
Abschnitt 3:
Die Formen der Selbstentfremdung

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1. Der Wahrnehmungszustand (Die Entgegenwärtigung)

Der ausgeschlossene Sinn hinterlässt das Ausgeschlossene als Bestimmung der Wahrnehmung, als eine bestimmte Form des Wahrnehmens, worin sich die Selbstwahrnehmung im Gegensatz zur gegenständlichen Wahrnehmung gestaltet. Die Wahrnehmung sucht durch eine bestimmte Gegenständlichkeit zu sich zu kommen, zu einem Gefühl zu gelangen, in welchem das entgegenständlichte Selbst sich als Stimmung manifestiert. Es ist keine bestimmbare Stimmung, sondern ein Grundgefühl, worin sich wahrmacht, was die Menschen in den entgegenständlichten Verhältnissen ihrer Selbstwahrnehmung in Wirklichkeit wahrhaben. Sie fühlen ihre Wirklichkeit nurmehr in ihren Empfindungen, während sie empfinden, was sie nicht fühlen können. Das Fremde und das Eigene lässt sich nicht mehr unterscheiden, weil sich die Wahrnehmung selbst fremd geworden ist.

Die Wahrheit der Wahrnehmung besteht jedoch als eine Grundstimmung, welche die Wahrnehmung ausschließlich macht, alles von ihr ausschließt, was sie durch ihr Bestimmtheitheit "nicht fassen kann". Darin wirkt der Sinn, der nicht wirklich sein kann, sich nicht beziehen lässt, als eine Empfindung, die sich gegen das Gefühl für das verschließt, was sie nicht wahrhaben kann. Die Form der Wahrnehmung, ihre Gegenwärtigkeit, vollzieht diese Wahrheit ihrer Identitätslosigkeit, indem sie diese als eine Stimmung durchsetzt, die alle Wahrnehmungen durchzieht, in der Wahrnehmung das Gefühl zur Wirkung selbst bringt, in welchem die Empfindungen vereint erscheinen.

Dies ist aber nicht ein "verdrängtes" Gefühl, - so, als wäre es ein bestimmtes Gefühl gewesen und würde im Nachhinein unterdrückt. Es ist eine unbestimmte Gewissheit, ein Widersinn selbst, - die Gewissheit, dass eine unbestimmte Wahrnehmung sehr bestimmte Verhältnisse vermittelt. Der Raum, worin sich diese Verhältnisse vollziehen, wird selbst zu einer Form, zum Raum einer Bestimmung, indem sich darin die Stimmung reflektiert, worin er wahrgehabt wird. In der Entgegenwärtigung der Wahrnehmung durch diese Stimmung vollzieht sich der Kurzschluss ihrer Wahrheit: Sie erscheint gerade dort bestimmt, wo sie völlig von sich entfremdet ist. Ihr Lebensraum birgt einen Sinn, den sie nur außer sich haben kann und daher auch nicht empfindet, dass er sich gegen sie selbst richtet.

Solche Wahrnehmung hat ihre Gewissheit alleine aus einer Unmöglichkeit, die sie wahrhat und die in einer bestimmten Identitätslosigkeit in einem ausschließlich bestimmten Verhältnis entstanden war. Es ist eine Gewissheit, welche die Wahrnehmung selbst ungewiss macht, sich als eine Stimmung in die Wahrnehmung einführt, für die es keinen erkennbaren Grund gibt.

Sie besteht aus einer völlig grundlos scheinenden, einer bodenlosen Angst - keine Angst um etwas oder vor etwas, sondern Angst als Zustand der Nichtigkeit, als Gefühl der Vernichtung, welches pure und totale Identitätsloskeit ausgelöst hat. Es ist dies die Wahrheit eines Selbstgefühls, welches die persönliche Wahrnehmungsidentität ausgemacht hatte und nun seine vollständige Entleerung erfährt, ohne dass es deren Wirklichkeit erkennen kann, also darin aufgehoben ist, dass es sich selbst auch aufhebt. In ihm selbst wirkt die Entwirklichung durch eine Kraft, die sich lediglich in rudimentärer Ästhetik begreifen lässt - z.B. als panisches Gefühl des Selbstverlustes, als totale Beengung, als unbegreifliche Höhenangst, Erdrückung usw.. Nicht dass eine Lebensituation eines Menschen beengend wirkt, wacht dieses Gefühl aus, sondern dass diese Situatiion nur als totale Beengung der Wahrnehmung erfahren werden kann, weil es zur Erkenntnis der beengenden Inhalte keinen Sinn mehr gibt. So wird das, wodurch in bestimmten Beziehungen Gefühle geborgen wurden, zu einem Gefühl, worin sich das Verborgene in einer Form durchsetzt, worin es unerkennbar geworden ist. Es erscheint nun in der Form eines Lebensraums, worin die Wahrnehmung nur noch um sich selbst kreisen kann, also keinen Gegenstand und keine Gegenwart mehr findet.

Das Selbstgefühl ist unter der Entgegenwärtigung durch objektive Gefühlsbildungen in einen Aufhebungsprozess geraten, worin sich nurmehr dieser Prozeß selbst wahrhat, Subjekt wie Objekt eines Sinnes ist, der in diesem Raum nicht mehr anwesend sein kann, weil er darin wirklich ausgeschlossen und selbst ausschließlich wurde. Diese Selbstauflösung der Wahrnehmung hat keinen Sinn; - aber sie ist durch und durch sinnlich, prozessierende Selbstentfremdung in einem Zustand, in welchem sich Wahrnehmung lediglich als Stimmung gegen sich selbst bewahrheitet. Schon Figurationen und Gestalten, ästhetische Sinnbilder der Selbstauflösung, können solche Wahrnehmungszustände hervorrufen. Es genügt, wenn sie eine Grundstimmung darstellen, welche der Wahrnehmung nun vorausgesetzt ist, welche also objektive Gefühlswelten ihr zugrunde gelegt hatten - mal sind es z.B. geschlossene Räume oder öffentliche Plätze oder Insekten oder auch Menschen überhaupt, worin sich die Angst um die eigene Gegenwärtigkeit manifestiert. Aber nicht diese Manifestation macht das Wesen der Angst aus, sondern das, was sie als Negation formuliert, was also dem Gefühl sinnlich entfremdet ist: Weite, Entfaltung, Penetranz, Selbstgewissheit usw.. In der Negation ist der Grund aufgehoben, wodurch sich solche Selbstgefühle entwirklicht haben. Es sind die Wahrnehmungsformen einer verkehrten Wahrnehmung, worin diese lediglich sinnbildhaft erkennbar sind, weil sie deren Stimmung beschreibt.

Die Grundstimmung, welche in der Wahnehmung selbst nur wahrgehabt wird, ist als solche nicht wahrnehmbar. Niemand wird einen Raum als solchen wirklich bedrohlich empfinden, wenn er unter einer unerträglichen Klaustrophobie leidet. Aber in der Grundstimmung seiner eigenen inneren Beengung kann ihn die Wahrnehmung räumlicher Beengung "um den Verstand" bringen. Was die Wahrnehmung jetzt also bestimmt, ist nicht ihr Inhalt und Gegenstand, sondern die Grundstimmung, welche sie durch ihre eigene Formbestimmtheit wahrhat. Das Verhälnis ausgeschölossener Sinne ist damit selbst zur Bestimmung eines Wahrnehmungszustands geworden, an welchem Menschen leiden.

In der Wahrnehmung ist damit vor allem ein bestimmtes Selbstgefühl ausgeschlossen. Dieses Selbstgefühl wird dadurch in einer bestimmten Form negiert, dass sein Inhalt sich zur Wahrnehmungsform selbst wandelt. Alles, was sich in ihm regt, wird von ihm ausgeschlossen und stellt sich als eine Erregung heraus, die für sich keinen Sinn mehr hat, wiewohl das Ausgeschlossene für den Menschen innerhalb eines bestimmten Verhältnisses durchaus Sinn hatte. Die Sinne der Wahrnehmung erweisen selbst einen sich erregenden Sinn, der ihrem Inhalt nach im wahrsten Sinne des Wortes verkehrt ist, weil er die Aufmerksamheit der dadurch bestimmten Menschen zur Sinnverkehrung bestimmt.

Es ist wohl diese "Nervosität", die der Ausgang von Sigmund Freuds Forschung war und ihn den Verkehrungsprozess einer Wahrnehmung erkennen lließ. Aber in seiner phänomenologischen Art des Begreifens musste er sie als "Verdrängung" eines Triebgeschehens begreifen, welche die "Objektbesetzungen" einer bestimmten Beziehung in einer bestimmten Kultur erforderlich machen würde. Er musst diese Sinnverkehrung in einer Verdrängung substantivieren, weil ihm dialektische Erkenntnis substanziell verschlossen war. Dennoch waren seine Beobachtungen zu seiner Zeit hervorragend, gerieten aber gerade dadurch in seiner Theorie zu einem grotesken Widerspruch zwischen Seele und Wahrnehmung, dass er Seele nicht aus einer abstrakten Wahrnehmung abzuleiten wusste, sondern ihr die bestimmte Wahrnehmung, das "Errinnerungsbild eines Befriedigungserlebnisses" (Traumdeutung, 1900) vorraussetzte.

Doch in der Wahrnehmung ist der negierte Sinn des Selbstgefühls wirksam. Bestimmte Gegenstände, Beziehungen oder Raumverhältnisse werden durch diesen Sinn als eine gegen ihn mächtige Lebensform wahrgenommen, wirken auf den Menschen verändert. Seine Wahrnehmung verrückt sich gegen solche Gegenständlichkeiten, fürchtet darin das von ihr ausgeschlossene Verhältnis als wirklich bedrohlich und bringt Menschen zu Wahrnehmungszuständen, in welchen sich oft ihr ganzes Leben so bestimmt, dass sie zu den ihnen nötigen Entwicklungen sich selbst im Wege zu stehen scheinen. In Wahrheit aber ist, was so bedrohlich bestimmt erscheint, lediglich der verkehrte Inhalt eines verschlossenen Sinns. Dieser kann dann aber durch bestimmte Entwicklungen von den Menschen erschlossen werden - manchmal auch mit fremder Hilfe (Therapie), wenn sie denn keine neue Sinnverkehrungen durch Professionalisierung mit neuen Hörigkeiten erzeugt. Jeder Wahrnehmungszustand ist die verkehrte Form einer bedrängten Wahrheit durch eine mächtig gewordene Beziehungshörigkeit. Angstzustände überfallen den betroffenen Menschen zu Anlässen, die er nicht begreifen kann und Gefühle der Umnachtung (Depressionen) überwältigen ihn aus Gründen, die keinen Sinn mehr zu haben scheinen, und Autismen (z.B. Sprachlosigkeit, Empfindungslosigkeit u.a.) entstehen aus Gründen, die lediglich als organische Disfunktion der Wahrnehmung, als ihre Lähmung spürbar werden. Um sich hiergegen zu bilden, verlangt es von den beteiligten Menschen ein objektives Bedürfnis nach Wahrheitsfindung und dessen Konsqequenz in wirklich anderen Inhalten zwischenmenschlicher Beziehungen.

 

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1.1 Angstzustände

Die erste Formverwandlung, welche die Wahrnehmung erfährt, ist die plötzliche und unmittelbar unbegreifbare Aufhebung des Selbstgefühls, die Empfindung einer Bedrohlichkeit durch etwas, das nicht erkenntbar ist und als allgemeine Beengung gefühlt wird. In Angstzuständen und unbegreiflichen Panikattaken wird dieser Prozess zuerst augenfällig. Oft wie "aus heiterem Himmel" werden die Menschen von Gefühlen der Selbstauflösung überfallen, fühlen, wie ihre Gegenwärtigkeit sich aufhebt, in ein endlos scheinendes Loch fällt, das alle Empfindungen eines Menschen mit sich reißt. Es das Gefühl einer Nichtigkeit der eigenen Identität, das als Vernichtungsgefühl empfunden wird und von da her Angst macht und Angst bedeutet. Meist wird dabei festgestellt, dass solcher Zustrand keine erkennbare Ursache hat. Manchmal berichten die Menschen von Irritationen ihrer Selbstgefühle, die sie zuvor bemerkt hätten. Und oft werden der Bedrohung auch ästhetische Firurationen zugewiesen, wodurch die Vernichtungsangst immerhin gegenständlich zu sein scheint. Dann treiben die Wahrnehmung von Insekten, Schlangen, Raumenge, Höhe, Tiefe und anderes zum "Ausrasten". Objekte werden in einem Sinn wahrgenommen, den sie ganz offensichtlich und leicht nachweisbar objektiv nicht haben müssen, oft auch nicht haben können (z.B. Angst vor Mäusen, Bewegung, leeren Räumen). Die Wahrnehmung nimmt Inhalte an, die sich nicht oder nur höchst scheinbar aus ihrem Gegenstand erklären lassen.

In den Angstzuständen wird nicht dieser vergegenwärtigt, sondern das, was er für die Selbstwahrnehmung verkörpert. Deren Stimmung setzt sich im Wahrnehmungsprozess selbst durch, weil ihr Sinn ausgeschlossen ist, weil sie also einen Sinn hat, der nicht sein darf, der als gewohnte Lebensgrundlage wie selbstverständlich hingenommen und von daher der Erfahrung entzogen ist. Wo z.B. Stress und Enge zum Alltag gehören, wird das Leben darauf eingerichtet und so kann Beengung nur auftreten, wenn ein Mensch aus dieser Gewohnheit heraustritt. Er wird "überfallen" von einem Gefühl, das er nicht kennt, das also in seinem Lebens dadurch ausgeschlossen ist, dass es zu den Lebensbedingungen gehört, also dem, worauf sich dieses Leben gründet. Der ausgeschlossene Sinn besteht also aus einer Lebensgewohnheit der Wahrnehmung, welche dieser fremd geworden ist.

Es zeigt sich in solchen Angszuständen daher die Formverwandlung der Wahrnehmung noch unmittelbar, wenn auch verkehrt. Ihre Verkehrung besteht darin eben aus dem Inhalt, den sich der ausgeschlossene Sinn in der Wahrnehmung verschafft: Die Sinne sind nicht in der Lage, ohne weiteres das aufzufassen, was sie zu ihrer Lebenserhaltung von sich getrennt hatten. Da werden dann z.B. Insekten zu höchst angstbesetzten Wahrnehmungsgegenständen, weil sie von einer Penetranz künden, die nicht mehr in äußerst penetranten Lebensumständen wahrgenommen werden kann. Oder da ängstigt man sich vor öffentlichen Plätzen, weil dort eine eigene Gegenwärtigkeit zutage tritt, die ansonsten ausgeschlossen wurde. Oder es zeigt die Angst in geschlossenen Räumen eine Beengung der Lebensverhältnisse an, die nicht mehr wahrgenommen wird.

Relativ einfach lässt sich die Erregung, welche die Angst auslöst, aus der Umkehrung des Selbstgefühls erkennen. Der Gegenstand der Angst auslösenden Wahrnehmung stellt das Selbstgefühl außer sich und hintergründig als eine Stimmung dar, in der es nicht sein kann, es sich also verliert, verflüchtigt, aufhebt. Oft genügt die Zuwendung auf diese Angstwahrnehmung, also die Unterbrechung der gewohnten Wahrnehmung, um solche Ängste zu verlieren.

Schwieriger ist es mit frei flottierenden Ängsten und Panikattacken. Diese entstehen im vollständigen Selbstverlust des Selbstgefühls, dessen Anlass nicht mehr ein Ereignis oder Gegenstand, sondern ein ganzer Lebensraum ist, die Wahrnehmung einer bestimmten Kultur, die nicht mehr sein kann. Das gewohnte Leben selbst wird dann zur Bedrohung in Stimmungen, worin es als völlig fremd gewahr wird. Alles Vertraute erscheint dann als fremd, weil es in den kulturellen Bezügen ausgeschlossen wurde. Was zuvor noch bruchlos zusammenging, z.B. der Ortswechsel von Hier nach Da, wird ungeheuer schwer. Die Wahrnehmung hat sich aus irgendwelchen Günden fixiert, an das Vertraute "festgefressen". Aber diese Gründe sind in keiner Form mehr gegenwärtig, also abwesend. Es selbst bedroht die Wahrnehmung, weil es diese dem Selbstgefühl entzieht, weil sich also das Fixierte gegen den Wechsel wendet, solange es keine Anwesenheit von dem verspürt, was seine Beziehung auf die Selbstwahrnehmung ausmacht.

In solchen Angstzuständen fühlt sich das Selbstgefühl insgesamt und vollständig unbestimmt aufgehoben und der freie Fall im Selbstverlust löst diese Zustände dann aus. Die Wahrnehmung wird sozusagen "entmenscht", verliert ihre eigene Wirklichkeit als wesentliches Moment menschlicher Verhältnisse. Der Betroffene kann sich durch seine Wahrnehmung nicht mehr menschlich verhalten, sich nicht mehr als Mensch unter Menschen erkennen und fühlen.

Aber genau hierdurch wird die Fixation der Wahrnehmung auch wieder umkehrbar. Durch anwesende Menschen, die sich hierzu verhalten können, wird der betroffene Mensch sich seiner selbst wieder gewahr. Indem in der Kultur, deren Wahrnehmung die Angst auslöst, der betroffene Mensch an Menschen gerät, die er auch menschlich wahrnehmen kann, verliert sich diese Angst, weil er sich dann darin gewinnt, wo er sich verloren hatte. Allerdings bleibt er noch weiterhin an die Anwesenheit von Menschen fixiert, wenn er sich nicht aus den Notwendigkeiten und Zwängen seiner Wahrnehmungen emanzipiert. Das aber verlangt die Rückbeziehung seiner Wahrnehmung auf die wirklich gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen, auch wenn deren Wirklichkeit selbst gebrochen, also nicht vollständig wirklich ist (siehe hierzu Geld und Wert).

Angst (Indexup2b3a1a1a2a1c1), Angstzustände (Indexup2b3a1a1a2a1b1a)

Beschreibung siehe auch
http://de.mimi.hu/krankheit/angstzustand.html
http://meine-gesundheit.de/86.0.html

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1.2 Depression

In der Depression äußert sich eine Bedrängnis, die nicht mehr unmittelbar einer Fixation der Wahrnehmung entspringt, diese wohl aber vermittelt. Darin wirkt nicht ein ausgeschlossener Sinn, sondern ein ganzes ausgeschlossenes Lebensverhältnis. In der Depression fühlt sich ein Mensch vom Leben selbst bedrängt, wie es seinen Verhältnissen in Wahrheit entspricht; er nimmt darin wahr, was er wahr hat, was er aus seinem Leben heraus zwar verspürt, aber nicht wirklich leben kann. Oft treten Depressionen daher gerade dann auf, wenn er wirklich mit Gefühlen zu tun hat, die seinem Leben entsprechen, die er aber nicht in seiner Wahrnehmung erträgt, weil er sich nur im Ausschluss von diesen empfinden kann, nur in ausschließlichen Empfindungen sein Leben wahrnimmt. Der Wahrnehmung sind die Zusammenhänge außer ihr selbst unwahrnehmbar geworden, weil sie hiergegen ohnmächtig ist. Die Gefühle, worin sie wahrgehabt werden, erscheinen als äußerliche Gefühle und daher in der ohnmächtigen Wahrnehmung mächtig. Im Gefühl herrscht die Ohnmacht der Wahrnehmung und bestimmt sich gegen die Ausschließlichkeit der Empfindungen, die ein Mensch hat.

In dieser Form erscheint die Trennung seiner Empfindungen und Gefühle absolut und dem Betroffenen selbst nicht mehr fassbar, die Kluft dazwischen unüberwindbar, die eigene Wirklichkeit unmöglich, von fremder Gegenwart bedrängt, entgegenwärtigt. Solche Gefühle können schleichend entstehen oder auch schlagartig auftreten, wo sich Menschen an ihre Lebensumstände gewohnt haben, die sich gegen das eigene Leben selbst richten. Zugleich ist dieses Leben hiervon gefüllt, kann sich also nicht mehr von den Umständen unterscheiden. Es verengt sich selbst und nur in der Wahrnehmung wird dies als Bedrängung erfahren. In der Wahrnehmung aber ist das bestimmend, was sie wahrhat, was also die Umstände der Wahrnehmung ausmacht.

In einem sich selbst bedrängenden Leben wird dieses zu einem Wahrnehmungszustand, worin die Empfindungen mehr oder weniger schlagartig aufgehoben werden, wo Leben als das wahrgenommen wird, was es nicht wirklich ist und eine Wirklichkeit wahrgehabt wird, welche das Leben beherrscht. Oft ist die wirkliche Lebensbedrängnis der Wahrnehmung schon über lange Zeit entzogen, bevor dann bestimmte Wahrnehmungen oder Stimmungen diesen Zustand auslösen. Es können ganze Welten dazwischenliegen, bevor sich dieser Zustand einstellt, wenn sich das Leben über größere Abschnitte hinweg selbst durch fremde Welten bestimmt, die dieses entgegenwärtigen. Depressionen beruhen also auf dem Gefühl einer Entgegenwärtigung des eigenen Lebens.

Die Gefühle befinden sich in einer alles beherrschenden Lähmung, weil ihnen ihre Angst, ihre wirkliche Beengung abhanden gekommen, bzw. "überlebt" ist. Die Unmöglichkeit des Fühlens entspringt einer Selbstentleerung der Gefühle in einem unendlichen Prozess des Scheiterns an ihrer Wirklichkeit, die nicht als fremd empfunden werden kann, weil sie zugleich dem Leben zu eigen ist. In dieser Dopplung wird das Fremde jetzt als Eigenes, als Eigenschaft des Wahrnehmens selbst empfunden. Es gerät in der Wahrnehmung zu einer Selbstbeglückung, durch welche sich die Selbstwahrnehmung aufhebt, sich von sich selbst ausschließt. Hierdurch entsteht eine Wahrnehmungsidentität, die in der Entfremdung die Enteignung bejaht und von daher sich fremde Wahrnehmung zu eigen macht.

Es ist oft ein langer, verborgener Prozess, in welchem als momentanes Glück erscheint, was die Selbstwahrnehmung im Grunde zerstört. So sind es oft Konsumationen, Befriedigung durch Nähe und Einverleibungen, in welchen Beziehungen schleichend ihren Sinn verlieren, um sich dann plötzlich als aufgehoben zu erfahren. Was diese Aufhebung bewirkt hat kann nicht mehr erkannt werden, weil die Einverleibungen selbst zum Inhalt der Beziehungen geworden sind und das Gefühl darin aufgelöst hat. Nichtig gewordene Gefühle bestimmen die Empfindungen selbst zur Bewahrheitung einer Nichtung, die sie wie eine fremde Macht überkommt. Diese Beherrschung wird als Empfindungslosigkeit wirksam, als Verfinsterung der Wahrnehmung. Davon betroffende Menschen finden keinen Sinn mehr in ihrer Wahrnehmung, kein Gefühl und keine Gewissheit. Ihr Leben erscheint ihnen von jedem anderen Leben isoliert, auch für sie selbst unbegreiflich versperrt.

Das aufgehobene Leben verschließt die Wahrnehmung, macht ihre Sinne wirklich zu und enthebt sie ihrer Wirklichkeit. Es ist ein Zustand der Wahrnehmung, in der sich die Selbstwahrnehmung zugrunde gerichtet hat, weil sie sich selbst übermächtig geworden ist, überflutet von einem seelischen Chaos, das darin zu Ende gekommen ist, dass es sich selbst aufgehoben hat und "in den Brunnen gefallen" ist. Wie aus einem tiefen Loch erscheint in diesem Zustand die Welt unerreichbar und die Selbsterhaltung scheint davon abzuhängen, wielange die Kraft noch reicht, darin zu schwimmen. Darin sind alle Selbstwahrnehmungen nicht nur bedrückt durch die Sinne, welche die Wahrnehmung hat und welche in der Selbstwahrnehmung sich gegen die Wahrnehmung selbst überhoben haben, sondern zugleich auch gefangen wie von Kerkermauern, die jeden Bewegungsdrang ersticken. Erdrückt wird nun die Selbstwahrnehmung durch den im Allgemeinen ausgeschlossenen Sinn der Wahrnehmung, also im Wahrnehmungsprozess selbst. Was die Sinne darin belebt, das erschlägt sie - und zwar in dem Maße, wie sich das Leben darin regt. Das ist fatal.

Es setzt voraus, dass das Leben selbst überlebt wurde, dass alle Beziehungen, Bedürfnisse und Probleme darin selbst schon dem Überleben in rein objektiven Gefühlen gedient hatten. In dem Augenblick, wo sich das Überleben schließlich selbst als unmöglich erwiesen hatte, bricht die Depression aus - z.B. auch nach Hochphasen der Anstrengung wie nach Examen, nach Abbruch wichtiger Beziehungen die sich als prothetisch erwiesen haben oder durch den Tod eines Partners verloren wurden, der Bestandteil einer gewohnten Lebenswelt geworden war.

Der Selbstverlust, den das Selbstgefühl erleidet, beruht auf der Unmöglichkeit des Überlebens, welches das Selbstgefühl betrieben hatte, auf der Unmöglichkleit einer Lebensform, in der es sich aufheben muss. Dies hatte zur Aufhebung der Selbstwahrnehmung überhaupt geführt und hatte sie ihrer Sinne enthoben. In ihrer Ohnmacht wird sie nun von den Empfindungen beherrscht, die ihr untergegangenes Leben erregen.

Der ausgeschlossene Sinn ist in der Depression ein lebendiger Sinn für wirkliches Leben. Er hat sich zu seinem Schatten in und durch die Selbstwahrnehmung entwickelt, die nur wahrnahm, dass sie von sich nichts mehr wahr hatte. Die Depression ist sozusagen die Selbstzerfleischung der Selbstwahrnehmung, die sich aber nicht dort abspielt, sondern in der Aufhebung der Wahrnehmung sich ereignet. Was darin lebendig empfunden wird, tötet die Wahrnehmung unmittelbar ab. Der depressive Prozess schreitet in dem Maß fort, wie die Wirklichkeit der Wahrnehmung durch die sich verschleißende Selbstwahrnehmung aufgebraucht wird.

Von daher ist es oft nötig, sich aus dem depressiven Verhältnis ganz herauszusetzen und wirkliche Wahrnehmung auf sich zukommen zu lassen, auch wenn sie Angst macht. Ohne die Überwindung dieser Angst, also ohne ihrer Verarbeitung ist die Überwindung der Depression auf Dauer nicht möglich.

Depression (Indexup2b3a1a1a2a1a1a)

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1.3 Die Sucht

Der Gefühlszusammenhang depressiver Beziehungen ist ein Zusammenhang vernichteter Gefühle, der sich in den Empfindungen durchsetzt. Von daher kann das auch als eine gegen die Gefühle bewahrte Empfindungswelt aufgefasst werden, die in der Depression erst wahrgehabt wird. Aber eine Welt unbezweifelter Empfindungen kann nur ein bloßes Erdulden und Fühlen in einer unwirklichen, aber in Wirklichkeit mächtigen Beziehung sein. Die hiergegen ohnmächtige Selbstwahrnehmung kann sich daher nur gegen sich selbst fortbestimmen, muss sich also in einen Prozess der Selbstentleibung einlassen.

Sucht entsteht aus der Verzweiflung an zwischenmenschlicher Selbstauflösung, die sich als Gewalt solcher Beziehungen jenseits der wirklichen zwischenmenschlichen Verhältnisse auftürmt. Oft entsteht sie noch inmitten der erzieherischen Beziehung, oft aber auch nach dem Scheitern solcher Beziehungen, die depressive Selbstzerstörungsprozesse hinterlassen haben. Von daher ist Sucht die Überwindung von Depression, die den Zirkel ihrer Selbstauflösung mit geistigem und/oder materiellem Stoff (z.B. Computerspiele, Drogen, Sex) befriedet und zunächst eine "neue Gefühlswelt" eröffnet, die allerdings den Gefühlszirkel forttreibt und oft auch in einem nicht mehr unmittelbar einsichtigen Gefühlszirkus veranstaltet.

Das Prinzip der Sucht ist, die eigene Gefühlswelt in ihrer Selbstaushöhlung zu überwinden, sie dadurch auszuheben, dass der Selbstwahrnehmung Empfindungen ermöglicht werden, in welchen einzelne eigene Gefühle als Empfindungen wieder menschlich gebunden erscheinen. Da aber diese Einbindung beruht auf einer stofflichen und geistigen Prothese beruht, welche die Empfindungen aus ihrer lebendigen Wirklichkeit isoliert und vereinseitigt, kristallisieren diese sich zu einem Selbstgefühl, dessen Selbständigkeit eine unnahbare Gefühlsidentität erlangt. Von da her ist Sucht ein seelisches Unterfangen, welches verzweifelte zwischenmenschliche Beziehungen durch isolierte Selbstwahrnehmung abfängt und aufhebt.

Hierdurch aber bewahrt Sucht vor allem die Verzweiflung in einer pervertierten Form, als eine wiedergefundene Identität im Gefühlsrausch von Bezogenheiten, die wie eine glückliche Wiedererlangung einer verlorenen Bindung erscheinen können. Diese Bindung erfolgt allerdings nur durch einen Stoff, welcher den Gefühlszusammenhang ausblendet, einen Stoff, durch den er negiert wird. Der betroffene Mensch versetzt sich hiermit in einen Zustand, worin ihm zwar einzelne Empfindungen als vereinzelte, isolierte Empfindungen gegenwärtig werden, welche aber zugleich durch sein Gefühl ansonsten beherrscht blieben.

Aber diese Mittel überwinden nicht die wirklich negative Beziehungen seiner Gefühle, sondern verstärken sie eher unter der Haut. Sie bleiben den Empfindungen völlig äußerlich und sind also nur quantitative Bestimmung für sie, auch wenn sie unterschiedliche chemische Wirkungen auf die Rezeptoren haben und unterschiedliche Eigenschaften des Empfindens hervorbringen.

Allgemein werden hierdurch Selbstgefühle mit Selbstempfindungen ersetzt, die jene dadurch möglich machen, dass sie die Wahrnehmung von ihren Gefühlen trennt, bzw. den Körper auf ein hierfür nötiges Tempo (Speed) bringt. So werden ihre organischen Tätigkeiten (z.B. Schmecken, Hören, Denken, Phantasieren, Riechen, Geschlecht usw.) zu Objekten von Gefühlen, die ihre Aufhebung nötig haben und dadurch betreiben, dass sie in diesen Tätigkeiten ihre Mittel finden für ein Lebensgefühl, das sich in Selbstempfindungen zu gewinnen sucht.

Sucht ist die Notwendigkeit eines Sinns, der sich seinem Leben entzogen und verweigert hat, nicht mehr passiv, depressiv, sondern aktiv als Sinn für sich, als Überlebensnotwendigkeit gegen ein vollkommen überhobenes Leben. Aber dadurch, dass das hiergegen gesetzte Lebensgefühl sich nur durch äußere Mittel und also auch nur durch äußere Vermittlung bestimmt, kann es auch nur den Gefühlsgewalten herrschender Lebenszusammenhänge unterworfen bleiben.

So erliegt der süchtige Mensch nicht nur den sozialen Gewalten, die ihn aufgelöst hatten, sondern zugleich auch seiner Flucht vor ihnen. Das macht die Einsicht in den eigenen Lebenszusammenhang innerhalb des Suchtverhaltens, also bei fortwährender Einverleibung der Suchtmittel, praktisch unmöglich. Solange diese Mittel unvermindert eingenommen werden, bestimmen diese den Ausschluss des Lebens, dessen Sinn objolet geworden ist. Von daher wird der/die Betroffene durch seine Überlebensmittel selbst unendlich nichtig bestimmt, kann also auch nur durch unendliche, also nicht enden wollende Zufuhr dieser Mittel sich erhalten. Sucht ist die sich ins Unendliche steigernde Heraussetzung eines negierten Selbstgefühls im Prozess seiner Negation: Selbstzerstörung.

Damit ist sie auch die sublimste und höchste Affirmation des Lebens, dem sich der süchtige Mensch zu verweigern sucht. Er wird von dem abhängig, was er hasst und was ihn vernichtet. In der Suche nach einem Überleben in einem Leben, das er nicht haben will, betreibt er objektiv die Vollstreckung seiner Vernichtung durch die Mittel, mit denen er sich ihm entzieht.

Die Auflösung einer Sucht kann daher nur die Auflösung der in ihr zirkulierenden Depression sein, die Herausarbeitung des zwischenmenschlichen Zusammenhangs, der sich selbst zerstört hatte. Das verlangt allerdings einen enormen Einsatz der darauf bezogenen Menschen, vor allem ein hohes soziales Engagement und das Ertragen eines beständig bedrohten Sinns während der Suchtbekämpfung.

 
1.3.1 Todessehnsucht und Selbstentgrenzung (sogg. Borderline)

Die Grenzen zwischen sich und anderen Menschen verschwimmen, wenn die Abhängigkeit von einer gemeinsamen Lebenskultur zu einer Hörigkeit geworden ist, in welcher die Gefühle selbst wie Welten der Erkenntnis füreinander gelten. Damit lässt sich alles machen und alles verschwindet dadurch auch in den Menschen selbst.

1.3.2 Die progressive Selbstvernichtung

1.3.3 Rauschmittel- und Erlebenssucht

Was allgemein ausschließlich als Suchtverhalten interpretiert wird, ist die Erlebnissucht, also die Sucht nach Erlebnissen, die als solche nicht wirklich entstehen, sondern durch Rauschmittel und dergleichen ersucht werden müssen. Es geht dem Süchtigen aber nicht um das bloße Erleben oder u die "Bewusstseinserweiterung", wie das oft vermutet wurde, sondern um die Entstellung seiner Wirklichkeit. Er will sich durch Rauschmittel eine Welt herstellen, die seiner Wirklichkeit im Wege steht. Solche Berauschungen werden oft nicht gut ertragen und machen selten das Leben glücklicher. Meist wird darin vergessen und entstellt, was ansonsten überlastig ist.

Sucht nach Computerspiele

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