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Teil III: Die Ästhetik der Selbsttäuschung
Abschnitt 1:
Die Sittlichkeit des Überlebens

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3 Die Befriedungskultur (Die objektive Vernunft der Subjektivität)

Wir sind dahin gelangt, dass sich die Menschen selbst in ihrer mißglückten Kultur wahrhaben müssen. Sie müssen sich ertragen, wie sie in der Ungestalt ihrer Gesellschaft sind und sind dennoch und vor allem auch deshalb in ihrem Mißgeschick verschmolzen. Sie ziehen sich gerade darin körperlich an, worin sie sich kulturell voneinander abstoßen. Die zwischenmenschliche Wahrnehmung grenzt sich in den Empfindungen da ab, wo sie sich im Gefühl fürchtet. Die Reize konzentrieren sich auf eine ausschließliche Wahrnehmung dessen, was aus dem Blickwinkel der besorgten Wahrnehmung zu ertragen ist, was sie nicht ängstigt und nicht bedroht. Die vielen Monster, die sie für sich wahr hat, werden ausgeschieden in Personifikationen des schlechthin Fremden, dem Anderssein der Lebenswelten der Empfindungen und Gefühle. Die Liebe, welche ihr geschlechtliche Wirklichkeit verloren hatte, wird nun als bloß ästhetische Verschmelzung wahr, als die Verkörperung eigener Wahrheit, die sich gegen die Welt eint. Die Liebenden werden zu Trägern dieser Einheit, zu Inhabern einer geeinten Ästhetik ihrer Wahrnehmung.

Jedes Chaos bekommt nun seine Ordnung, die "Ordnung der Liebe", die Bert Hellinger zum Lebenskosmos schlechthin erhoben und zu Gottes Geist auf Erden erbrochen hat. Doch dieser Kosmos ist nicht so rein und schön, wie sich eine Liebesordnung für Hellinger anfühlt. Er reduziert sich praktisch auch bei ihm auf eine Welt der Ahnungen unendlicher Verstrickungen, die in ihrer Einfachheit lediglich die körperliche Verbundenheit der Menschen sein kann, ihre Genealogie als Grundform einer naturhaft erscheinenden Beziehung, die keinen wirklichen Sinn mehr für die Menschen hat. Hier erscheint sie allerdings aus den Widersprüchen der Kultur heraus wieder möglich zu werden, denn die Nähe und Gewohnheit eint alles in der Kultur, was dem Inhalt nach auseinanderfällt. Die "Ordnung der Liebe" soll sich aus einem aparten Sinn ergeben, der hinter allem einfach deshalb sein muss, damit es sein kann; auch im Zerfall Fortbestand hat. Was im Sinnesleben nötig geworden ist, muss in seiner kulturellen Gegenwart ausgesondert werden, um vernünftig zu sein. Die Vernunft bezieht sich auf die Gestaltung des Sinnlichen selbst, auf die Lebensformen dessen, was sich eingewöhnen lässt, was also die Verhältnisse zumindest auf einen vernünftigen Boden stellt, auf den Boden für den, der über die Liebesbeziehung verfügen kann. Sie ist eine zum Fleisch dieser Beziehung gewordene Form der Wahrnehmung, die wie eine Moral des Ästhetischen die Menschen sortiert mit dem Schleier begüterter Sinne zum Sinn für das Gute macht. Überall, wo sie zu hören sind, die Kulturbürger des guten Liebens, des höheren Liebens, das vor allem sich im Sinn des Guten zu schmücken weiß.

Gerade weil die Kultur sehr dicht geworden ist, muss hierin ein solcher Sinn wie der Sinn einer Kultuvation des Guten aufgebracht werden, eine Vernunft der Notwendigkeiten, des Brauchs und des Gebrauchs eines allgemeinen sinnlichen Seins, das dadurch allgemein ist, dass es sich als menschliche Form begründet, welche sich der Nichtung der kulturellen Inhalte und des Gattungslebens, also der Dekadenz entgegenstellt. Es ist damit ein esoterischen Sinn selbst, der hierbei nötig wird, ein Sinn übergeordneter Zusammenhänge, der nur dadurch herrschen kann, dass die Kultur der Menschen ohne ihn sinnlos geworden ist. Darin erst wird Kultur wirklich allgemein und politisch in einem, zu einer politischen Kultur schlechthin, die der Politk des Kapitals Sinn verleiht. Und darin geraten schließlich auch ihre allgemeinen Inhalte unter die reelle Subsumtion des Kapitals.

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3.1 Die funktionelle Vernunft des Überlebens
(Die Notwendigkeit der Gewöhnung)

Die Ein- und Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gepflogenheiten in den kulturell notwendigen Bestand ist komplizierter, als es den Anschein hat. Man könnte meinen, es sei doch in der Kultur das einfach gut, was für alle auch vernünftig ist. Aber in Gepflogenheiten setzen sich nicht Prinzipien der Vernunft durch, die das gesellschaftlich Sinnvolle will, wie sie dieses als ihre Sache behauptet, sondern das sinnlich Notwendige, das sich gerne auch vernünftig gibt.

Das Gewöhnliche ist an und für sich sogar unvernünftig; es ist schlicht zweckhaft für sinnliche Absichten, die allgemein geworden sind. Und wo abstrakte Sinne allgemein sind, da bewährt sich ihre Herrschaft, die Herrschaft der Abstraktion.

Die Menschen entwickeln diese in ihrer allgemeinen Ausgrenzerei, also dadurch, das jeder für sich den besseren Sinn hat, als ein anderer, von daher auch besser sinnlich ist und von daher auch einen höheren Anteil an Selbstwert erfahren kann. Doch genau dieses unendliche Ausgrenzen des Einzelnen befördert eine allgemeine Notwendigkeit, sich einem Sinn zu beugen, der allgemein wirklich notwendig ist, und sei er auchfür jeden einzelnen dumm und nichtig. Man muss sich an die Verhältnisse gewöhnen, solange man irgendeinen Sinn darin befriedigen kann. Es geht also nun wirklich um den allgemein gleichgeltenden Sinn, dessen einziger Ertrag ist, jeden irgendwie Befriedigung zu verschaffen: Der Sinn, der wirklich gleichgültig gegen seine Bestimmtheit ist und sich gegen alles Bestimmte auch gleichgültig verhält, von daher sich als sinnliche Allmacht bewähren muss. Ein solcher Sinn kann nur bloße Sinnesform sein, die allgemein gemacht erscheint. Es beginnt damit , eine kulturelle Allgemeinheit als allgemeine Ästhetik wirksam zu werden.

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3.2 Die objektive Vernunft des Überlebens

Die subjektive Vernunft der Kultur erwies sich als sinnlos, weil sie ihre eigene Allgemeinheit selbst nur willkürlich hat und von daher unvernünftig geworden ist, sich als Vernunft selbst aufgehoben hatte. Je leerer ihr Sinn und Zweck, desto nötiger wird eine Vernunft, die sich aus eben dieser Allgemeinheit selbst erhebt als allgemeine Notwendigkeit vernünftigen Seins, um siitliches Verhalten.

Es geht hierbei zunächst um eine Art Regeneration des ganzen Verhältnisses in einem Sinn, den Kultur als solche haben soll, einen Sinn, den sie schon hatte, bevor sie sich darin aufgehoben hatte. Der ist jetzt allerdings nicht mehr unmittelbar sinnlich, sondern durch Gewohnheit bewährt, vergangenes Fühlen für gegenwärtige Sinnstiftung. Von daher besinnen sich die Menschen jetzt auf ihre Gewohnheiten, auf das Vergangene, was sich darin bewährt hat. Der Rückgriff auf die Art und Weise vergangenen Lebens ist nicht nur theoretisch (als Konservatismus) und bedeutet auch nicht den Verlust eigener Geschichte, er ist praktisch lebensnotwendig, um einen wirkliche Sinn zum Mittel menschlicher Beziehung zu machen. Das macht zunächst nur die Notwendigkeit, aus der Geborgenheit herauszutreten, sich einem öffentlichen Sinn zu widmen und gesittet zu leben. Das enthält zuerst die Möglichkeit, sich so auszudrücken, wie es öffentlich verstanden wird, wie es also in öffentlicher Anerkennung vermittelbar und vermittelt ist. Dies macht die Grundlage der Sittlichkeit aus: Nicht, weil es sich gehört, ist man sittlich, sondern weil man dazu gehören will, erkennt man einen öffentlichen Sinn an. Das Heraustreten aus der Geborgenheit, das Entbergen, macht Sinne zum Träger des Öffentlichen, unter welchen die Menschen sich vermitteln, finden und bestärken.

Hierfür hat sich in der Kultur ein mächtiger Apparat herausgebildet, der nun ihre Institution wird, zu einer öffentlichen und privaten Einrichtung, welche Sinn vermittelt und hierfür vorhandene Lebensprobleme aufgreifen muss und ethische und ästhetische Bedürfnisse darin erwecken muss, die auch den Lebenswerten dieser Geselllschaft ganz allgemein entsprechen.

Zur sittlichen Öffentlichkeit des zwischenmenschlichen Zusammenlebens werden so die Lebenswerte, die der bürgerlichen Gesellschaft allgemein zu eigen sind, nicht, weil die Menschen damit belehrt werden, sondern weil sie in der Selbstaaufhebung ihrer Sinne, im Chaos verrückter Sinne nach einer sittlichen Ordnung verlangen, in welcher sich der Sinn durchsetzt, der hierfür geeignet scheint. Hierfür dienen nun alle Ordnungen, welche die Kultur zur Verfügung stellen kann und die sich jetzt als "natürliche Ordnungen" für die Probleme der Menschen einfinden. Der "Fortschritt der bürgerlichen Kultur" besteht also darin, in ihrem praktischen Lebenverhältnis eine Natürlichkeit der eigenen Lebenswerte herauszustellen und von daher auch die "Gewalt der Natur" in das gesellschaftliche Zusammenleben als Naturgewalt gesellschaftlicher Macht einzubringen. Die Selbstwahrnehmung wird dabei zu einer natürlich scheinenden Selbstigkeit entwickelt.

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3.2.1 Sitte, Moral und Mores (Die Gepflogenheiten des Sinnvollen)

In der Kultur geht es inzwischen zu wie im "richtigen Leben": Ein jeder dient dem andereen nur, um sich selbst zu dienen. Das Resultat aller Dienstleistungsverhältnisse ist die allgemeine Prostitution. Und Prostitution ist die Wirklichkeit der menschlichen Entleibung durch eine allgemeine gesellschaftliche, und also auch kulturelle Macht, durch das "gesellschaftliche Faustpfand", die abstrakt allgemeine Rückversicherung des Allgemeinen im Einzelnen. In der bürgerlichen Ökonomie war es das Geld.

Für die politische Kultur hatten wir es im ersten Band als Selbstwert des Erlebens kennengelernt und nun als "Macht der Gewöhnung" bezeichnet, worin sich Selbstwert allgemein wohnlich gemacht hatte. Das Resultat ist bedrückend. Für sich hat der gewöhnliche Mensch jeden Sinn verloren. Er muss auf das Allgemeine vertrauen, das ihm Sin stiftet, das sich durch Gepflogenheit bewährt hat und von daher auch brauchbar ist: Die sinnvoll scheinende Gepflogenheit oder das Brauchtum. Dieses entwickelt sich zunächst einmal aus dem, was die gesellschaftliche Wirkung der Selbstwahrnehmung ist, aus dem Eindruck, welchen das Gewohnte macht. Hierfür muss es sich zunächst durch eine besondere Form der Bewährung auszeichnen. Und hierüber wird vielerlei auch gestritten: Welcher Brauch hat für die Menschen Sinn gegen die Prostitution, gegen die Entleibung der kulturellen Gepflogenheiten und welcher nicht.?

Natürlich kann ein Streit hierüber nicht entschieden werden: Was den Menschen innerhalb ihrer Kultur als bewährt erscheint und für den kulturellen Selbsterhalt gut ist, das wird sich durchsetzen. Es ist kulturell schlicht und einfach nötig. Es entscheidet sich über den Durchsatz von Gewohnheiten und wird eingegrenzt von den Urteilen über das Gute und das Schlechte, über die Moral. Letztlich ist Moral und Brauchtum dasselbe, das eine in illegibler Form, das andere als Sinnesform. Man könnte sagen, dass Moral die Ideologie der Gepflogenheit ist. Der Begriff kommt ja schließlich auch von dem, was Gepflogenheit ist: Mores.

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3.2.2 Die Notwendigkeit des Allgemeinsinns (Das objektive Sollen)

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3.2.3 Die Macht der ästhetischen Güte (Die naturalisierte Seele)

Die Macht des esoterischen Charakters beruht auf der kosmischen Natur der Seele, also auf einen Kosmos, in welchem die Seele natürlich erscheint. Darin findet der Allgemeinsinn seine Qualität, seine Güte.

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3.3 Die Religion (Die Macht des Glaubens)

Auf der Erde besteht das kulturelle Erleben aus einer bunten verwirrenden Vielfalt, welche die Sinne eng macht, die Welt klein. Ihre Dichte wird unerträglich für die persönliche Selbstwahrnehmung. Mit einer zur allgemein menschlichen Natur erhobenen Seele wird die Güte zu einer kulturellen Determination, zur Hoheit eines überpersönlichen Grundes. Der allgemeine Sinn, der darin gefunden wird, kann in einer Welt voller Unsinn nicht mehr wahr sein. Der Glaube an einen höheren Sinn, an eine Wahrheit jenseits dieser Welt, tröstet alle Sinne, die in sich nur noch verworren und in Verwirrung sind. Eine seelische Mythologie wird zur einzigen Bestimmung, worin Wahrheit noch Sinn haben kann: Der Gottesglaube. Er ist der Glaube, dass jeder Mensch nur Sinn durch eine andere Welt hat, durch eine Welt des Jenseits.

Vom Ästhetischen her ist Religion die Rückbindung des Menschen auf das sittliche Wesen der Selbstwahrnehmung, auf die Weihe des allgemein hervorgetretenen Selbstgefühls, das geweihte Gemüt. Hier wird die Ikone zum Gedächtnis der Entgegensetzung der Irdischen in der Würde einer Abstraktion. Doch zugleich verlässt damit jeder konkrete Mensch seine Konkrete Welt und exculpiert sein Leben, indem er es in den Dienst einer Gotteskindschaft stellt. Er kann nur noch gegen diesen höchsten und abstraktesten Sinn des Lebens nur noch gegen ihn schuldig werden. Sein Verhalten wird nun hiervon bestimmt und wird gegen die wirklichen Menschen und ihr tun wesentlich gleichgültig.

Die Selbstgefühle erfahren dadurch allerdingsallerhand Macht, haben sie doch nun Anteil an der Allmacht Gottes, wie sie in der Seele erscheint und sich artikuliert. Alles, was aus ihr kommt, ist nun gotttgewollt und Gottes Wille. So auch das Wissen, dass es keine Wahrheit unter den Menschen geben kann und dass die einzige Gewissheit in der Gotteserfahrung durch die eigene Seele sein kann. ies enthebt nun alle Sinne von ihrer Grundlage und macht sinnliche Gewissheit ausgeschlossen. Und dies macht einen höheren Sinn. Dieser ist prinzipiell nicht wirklich vermittelbar und bezieht sich nur über eine Art Seelenverwandtschaft auf andere Menschen, eine Gemeinschaft der Gotteskinder, in der sie jeden Trost finden können, was immer er auch in Wahrheit sei. Die Wahrheit allein ist das Gefühl für Gott in der Seele des Menschen. Aus deren Tiefe ruft er Gott an, und Gott erhört sein Gebet, Gott, der ihn erfreut von Jugend auf. Halleluja.

"Aus der Tiefe ruf ich Herr zu Dir, erhöre oh Herr mein Flehn. Lass meine Ohren achten Dein Wort und meine Lippen Dein Lob verkünden." (Psalm).

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3.3.1 Die gemeine Überhöhung der Selbstwahrnehmung zum übernatürlichen Menschen

Die Hochform der Religion ist im Prinzip antireligios: Versinnlichter Geist als Hochgefühl für sich. Dieses besteht in der Selbstverehrung eines Mythos des Fühlens und Wirkens, des Märchens eigentlicher Ursprünglichkeit im fantastischen Sein der Individuen, in einem göttlichen Dasein der inneren Regungen und die Bestimmung einer Geisteswelt und Geisteskraft hieraus. Es ist die Wirkungswelt fantastischer Selbstgefühle, in denen der von der Welt verlassene Mensch sich allgemein wahr findet und als solche Wahrheit empfindet.

Reliquie, Richard Wagner, Ludwig I.

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3.3.2 Die Sinnstiftung des abstrakten Menschen als gesittete Menschlichkeit schlechthin

Das Hochgefühl der Selbstverherrlichung wird selbst zum Inhalt zwischenmenschlicher Beziehungen, zu einem Gemeinwesen jenseits der wirklichen Zwischenmenschlichkeit, zum praktischen Übermenschen schlechthin.

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3.3.3 Der Kult oder die Liturgie der Selbstwahrnehmung (Personenkult)

Die Anonymität der wirklichen Persönlichkeit wird zu ihrem Kult. Kult ist die Liturgie der Selbstgefühle, an welchen sich die mediale Macht trifft. Es ist zugleich die Unterwerfung der eigenen Regung unter die Prominenz das Allgemeingefühls.

Weiter mit Teil III.2. Der kultivierte Wille