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Teil III: Die Ästhetik der Selbsttäuschung
Abschnitt 2: Die Heilskultur

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3. Die Masse als übermenschliche Persönlichkeit
(Die Masse des ästhetischen Willens)

Die Masse hat nun einen allgemein besonderten Sinn, der ohne Anschauung nur Unsinn wäre: Er kann nicht ohne Gefühl sein. Für sich ist es von der Macht der Gemeingefühle beherrscht und von daher - eben weil das Gefühl immer auch ein Gefühl für andere ist - nicht nur gleichgültig, sondern gegen sich selbst bestimmt. Die Masse des Willens ist ein massenhafter Selbsthass, Selbstverachtung, die nur durch eine Massenbewegung ihre Erregung auflösen kann.

Das Mittel gegen diese Selbstverachtung ist aber in ihrer entäußerten Form kein Mittel der Selbstachtung. Ihr Mittel ist leer und zugleich gegen alles bestimmt, was nicht Selbst ist, Verachtung individueller Selbstlosigkeit in der Bestimmung der Masse, also der allgemeinen Selbstlosigkeit. Mittel hierfür sind alle fremdbestimmte Kultursubstanzen, Äußerungen also, die das verachten, was man selbst nicht ist, was aber im Zweck einer absoluten Selbsterhöhung steht.

Dieses Mittel ergibt sich aus der Gefühlssubstanz der Masse, aus menschlicher Dichte und der Verdichtung ihrer Gefühle. Das Gefühl identifisiert sich im Allgemeinen sinnlichen Sein als Gefühlsform an sich, als reiner Sinn, reiner Ton, reine Empfindung oder kurz: Als Gefühlsform des sinnlich Ganzen, des Kosmos der eigenen Natur.

Rassismus hat darin seinen Grund, dass er absondert, was nicht von eigener Art erscheint und als Anderes eigenartig gemacht wird. Das Bedrohliche der Eigenartigkeiten ersetzt hiermit den Selbsthass, der die eigene Identitätslosigkeit ausmacht.

Das entäußerte Selbstgefühl braucht nun eine wirkliche Persönlichkeit, an der es überhaupt zu sich kommen kann, in der sich die Masse der Selbstgefühle treffen. Es ist eine Persönlichkeit, welche zunächst rein theoretisch der Masse zukommt als Form ihrer Sittlichkeit, Gestalt der in ihr geborenen Ethik. Ob dies ein Pabst oder ein Führer der öffentlichen Moral, ist eigentlich gleichgülten, wenn und sofern sie sich als Medium des ästhetischen Willens, als Theorema geben kann und will. Sie wird zur Seelengestalt eines Volks, dass darin endlich seinen Kult hat, seine kultivierte Seele, die Persönlichkeit des Volkes. Darin wird der Wille selbst zum Inhalt einer Rückbindung der Bevölkerung an ihre Sitte und Kultur, zur Religion der Kultivierung, zur Volksbewegung.

 

3.1 Die Natur der kosmopolitischen Persönlichkeit
und der Untermensch der Kultur

Die Kultur, welche nurmehr aus fremdbestimmten Kultursubstanzen besteht und also keinen wirklichen Sinn für die Menschen mehr hat, erscheint nun als eine unendliche Bestimmung, als ein Wesen höherer Art, worin reine Natur herrscht, reines Menschsein und reiner Sinn für alles und jedes. Die Menschen sind in der Masse einerseits zur Selbstlosigkeit bestimmt, andererseits besteht aber solche Masse auch nur durch sie. Die Kultur wird nun selbst massenhaft erfahren und von daher nur in der Bestimmtheit ihrer Dichte. Die Menschen erscheinen sich wie Naturalisierungen einer kosmischen Masse der Kultur, die sich in allerlei Kulte äußert: Sie zelebrieren ihr Leben selbst als Massenkult. Die Masse bekommt damit eine höhere Wesenheit, das Wesen einer jenseitigen Selbstachtung, welche durch das Menschsein im menschlichen Kosmos begründet scheint und sich von daher aus der Natur schlechthin einen Begriff von sich macht. Dieser vermittelt das Selbstgefühl einer Übermenschlichen Ganzheit, wogegen jedes einzelne Leben nur untermenschlich bestimmt sein kann. Der ästhetische Wille hat damit seinen innersten Trieb verwirklicht, nämlich selbst als veräußerte Vollendung, als absolute Formvollendung sich zu verwirklichen. Er ist nicht mehr nur Sinnbild, sondern Inbegriff des Heils, den die Menschen in der ästhetischen Macht ihrer Kultur suchen.

Darin hat alles seinen Zusammenhang und seine Art als allgemeine Art. Die Natur erscheint nicht mehr einfach nur als das, was sie ist, als Materie und Leben, sondern als ein Kosmos, der über all dieses hinausgeht und also auch einen höheren Sinn erfüllt, nicht unbedingt religiös, nicht unbedingt kulturell, aber auf jeden Fall als Persönlichkeit einer Macht, die über allem Persönlichen steht. Es schält sich ein Sinn heraus, der über all diese Rückbindungen an wirkliche Natur und Menschlichkeit hinausgreift: Das Ganze als Menschsein schlechthin, das sich nicht mehr wirklich besondert und also auch gänzlich unwirklich ist. Aber in solcher Allgemeinheit würde sich Menschlichkeit selbst aufheben, wäre nicht auch sie aus einem Menschsein jenseits wirklicher Menschen begründet, so dass die eigene Art nur in einem Mensch der höheren, der reinen Art begründet sein kann.

Dem gegenüber ist alle Wirklichkeit unrein, und das heißt jetzt: Wesensfremd. Die eigene Art, was immer das auch ist, kann daher nur durch Ausgrenzung fremder Eigenarten überhaupt gewonnen werden, wie immer die sich auch begründen lassen. Die Masse des Selbsthasses wird somit zu einer Masse des Willens, eine allen gemeine Art als Wesen der eigenen Natur, wie sie außer sich ist, zu entdecken und diese als eine abstrakte Gemeinschaft zu kultivieren.

Von daher erscheint jetzt Natur als eine Ganzheit für sich, der Mensch selbst nur als Moment einer kosmischen Persönlichkeit, in welcher sich nun der ästhetische Wille allgemein veräußert und veredelt. Rassismus ist das Resultat und der Antrieb solcher Selbstveredelung.

3.2 Der Rassismus (Die persönliche Wahrnehmungsdichte
des ästhetischen Willens)

Die Masse selbst hat nun eine Persönlichkeit durch ihre eigene Bewegung, welche sich in der Selbstaufgabe der Menschen darin ergeben hat. Durch ihre doppelte Selbstverneinung, ihren massenhaften Hass, wird sie zu einer unendlichen Bindung für jeden, zu einer Massenerregung der Wahrnehmung, die wie eine elektrische Spannung funktioniert, "Elektrizität der Masse" hat das dereinst Göbbels genannt. Er hat damit das Selbstgefühl des Rassismus beschrieben.

Darin werden alle Kulte, welche der Massenbewegung kosmische Grundlagen verschaffen, zum Klebstoff der Massengefühle. Die Massenverschmolzenheit ist damit selbst als allgemeines Phänomen naturalisiert, als kosmisches Ganzes, als Sinn des Kosmos in jedem ideologisiert.

Tatsächllich aber handelt es sich hierbei nicht einfach nur um eine Ideologie. Es entspricht solche Ideologie dem, das die Menschen darin auch wirklich fühlen und vor allem als Selbstgefühl unter sich und ihresgleichen unter einer Selbstbestimmtheit naturalisierter Masse haben: Ihre Natur an sich, ihre Eigenart als Vollkommenheit ihrer Natur, als Rasse. Von sich selbst fühlen sie ja nur, was sie für sich nicht sind und nicht sein können. Ihre Selbstgefühle gehen daher in solchem Kosmos auch wirklich auf, werden wirklich durch einen Kosmos bewegt, den sie nicht mehr beherrschen können, sondern der sie beherrscht.

Die ungemeine ästhetische Dichte vernichtet alle Wirklichkeit der Wahrnehmung, wie sie zugleich die Form eines allgemeinen Selbstermächtigung des Unwirklichen, ein ungemeines Machtgefühl des Ganzen ist, das sich mit der kosmischen Bewegung identifiziert. Die Götter sind nun die Übermenschen, die sich der wilden Horde überstellen und sie zu führen vermögen, weil sie sich selbst als Inbegriff kosmischer Macht verhalten, erleben und fühlen.

3.3 Der Wille als Masse und die Masse des Willens

Der Wille der Masse ist die Vernichtung aller Eigentümlichkeiten, die totale Aufhebung jeder eigenen Wirklichkeit - sowohl der einzelnen Menschen, als auch des Menschseins schlechthin. Es ist der Wille des Übermenschen, der hier zur tragenden Figur wird, zum Übermenschen als Herrenmensch, der als Heilsprinzip zu jedem Moment des unheils emporgehalten wird.

Die Vernichtung des Besonderen kann sich nur als Vernichtung des Absonderlichen herausstellen und legitimieren. Die Masse will dessen Vernichtung, um damit den Selbshass zu vernichten, der ihre allgemeine Besonderheit ausmacht, ihren abgrundtiefen Selbstzweifel, den jeder Mensch darin verspüren muss. Er will sich ästhetisch in der Masse aufgehoben wissen und fühlt, dass er in Wahrheit schon aufgehoben ist, bevor er ihr beitritt. Bevor er Massenmensch werden kann, muss er sich als Mensch längst verloren haben. Er ist nichts, und nimmt sich als Nichts wahr, und kann daher nur alles zugleich sein wollen, was für sich nichts ist: Masse.

Was seine Not war, bevor er in sie eingetreten ist, wird nun zur Notwendigkeit: Zur notwendigen Vernichtung des absonderlichen, dem, was seiner kosmischen Natur widerspricht, dem Unheilen und Unartigen: Dem Abartigen. Dessen Vernichtung wird so zu einem allgemeinen Willen der Masse und zur Selbstbegründung eines Volks, das sich selbst dem wirklichen Menschsein entsagt hat.

In dieser Selbstbegründung formiert sich ein Prinzip der Absonderung, in welchem sich Kultur institutionalisiert und hierdurch selbst den Charakter einer Staatsform bekommt. Da repräsentative Demokratie auf der Repräsentanz einer allgemeinen, einer verdurchschnittlichten Meinung beruht, taugt sie durchaus auch dazu, einen Kulturstaat dahin zu befördern, sich als Staatskultur zu etablieren. Dieser ist die institutionalisierte Form der Masse eines Willens, der als ästhetisches Ganzes zu einer fatalen Wirklichkeit gebracht werden kann.

Weiter mit Teil III.3. Der Kulturstaat