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Zum Thema siehe auch  => Judenhass als Kulturaliserung des Nationalismus  => (, )   => Der Wahnsinn der "gerechten Kriege"



Geschichte einer intellektuellen Verblödung

Der Antisemitismusvorwurf soll ein implizites Vernichtungsinteresse kennzeichnen, das in der Ächtung von Juden sich zu begründen sucht. Indem das Judentum als Feind der Menschheit schlechthin gebrandmarkt wird, rüstet sich Totalitarismus ideologisch auf. Indem dem Judentum selbst dunkle Verschwörugsmacht und Weltherrschaftsinteressen zugeordnet werden, bereitet sich implizit ein totalitäres Machtinteresse als Selbstschutz eines totalitären Nationalismus vor. Der Vorwurf verlangt allerdings, den aktuellen Bezug auf diesen Sinnzusammenhang nachzuweisen, um ihn mit Bewusstsein zu unterlegen, an die Stringenz des Antisemitismus zu gemahnen und zu erinnern, was er in der Verarbeitungsweise von Gefühlen bewirkt und in der Geschichte auch wirklich umgesetzt hat.

Bei der Verwendung diese Vorwurfs spielt die deutsche Linke eine klägliche Rolle und hat dessen ursprüngichen Sinn mit Schlussfolgerungen verschüttet, die darauf hinauslaufen, dass sich die Vernichtungslager der Nazis selbst unmittelbar aus dem Antisemitismus, also aus einem Ressentiment, einem Feindbild zum Judentum, begründet hätten und dass (von daher) auch schon eine Kritik an der Politik Israels in dieser Stringenz zu verstehen und zu verurteilen sei. Nicht selten wird dabei das Feindbild einfach umgekehrt und Palistinenser oder "der Islam" zur neuen Gefahr für die Menschheit erklärt (vergl. Samuel Huntington: "Der Kampf der Kulturen").

Seit einigen Jahren ist ein solcher Antisemitismusvorwurf in einer "antideutschen" Szene zur ideologiekritischen Mode geworden, indem alleine aus bestimmten, manchmal auch unreflektierten Wortwendungen (vergl. die Heuschreckendiskussion) und Gewohnheiten selbst schon der totale Gegner eines anständigen Menschseins ausgemacht wird. Das Unreflektierte, die Monsterbildung von Gefühlen, offenbare nämlich selbst schon den unbewussten Willen zum nationalistischen Totalitarismus und "entlarvt" also auch den Gegner im eigenen Lager. In phänomenalen Assoziationen und inflationären Anwendungen des Vorwurfs wird Nationalismus und Antisemitismus zu einem politpsychologischen Moralbegriff heruntergespielt, der sich einer genaueren Analyse entzieht und vor allem durch ideologiekritische Überhöhungen gefüllt ist, wenn z.B. schon bei der Verwendung der Begriffe Nation oder Internationalismus Antisemitismus und Nationalismus zu unterstellen ist, denn es handle sich dabei ausschließlich um Fantasien. Nationalität sei eine Fiktion des Nationalismus und habe keine wirkliche, also beispielsweise wirtschaftliche oder politische Bedeutung.

Der Mechanismus der Unterstellung ist sehr allgemein und in der Lage, jede Kritik auszuschalten. Vor allem besorgt er einer Selbstgerechtigkeit ein weites Betätigungsfeld, das sich aus hohen Idealen begründet, besonders natürlich mit dem Imperativ von Adorno, alles zu tun, dass Ausschwitz sich nicht wiederhole. Mit dieser Begründung wendet sich der Gerechte gegen falsche Weltbilder und Ideen. Aber eine Ideologiekritik, die nicht zum wirklichen Grund für Ideologie vordringt, zur wirklich abstrakten Vermittlung von notwendigen Lebenszusammenhängen, lebt von Rechthaberei: Sie kann immer nur Recht haben, weil sie auch immer Recht haben muss. Denn wo Ideologiekritik nur in der reinen Sprache verharrt, kann sie sich selbst auch nur als Ideologie verhalten, die lediglich höhere Definitionsmacht beansprucht. Der durch sich selbst ermächtigte Antiideologe stellt alles unter sich, was auch nur im Wortlaut als reines Nomen mit Nationalismus oder Antisemitismus in Beziehung gebracht werden kann.

Als Anti-Ideologie ist solche Ideologiekritik allerdings in der Lage, gehörig Verwirrung zu stiften und Kritik zu neutralisieren. Es war der ursprüngliche Sinn von Ideologiekritik, ideelle Verbrämungen der Realitätswahrnehmung aufzudecken, z.B. die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Verschleierungsinteresse der wirklichen Unfreiheit, Gegensätzlichkeit und Konkurrenz in den bürgerlichen Lebensverhältnissen aufzudecken. Dieses wird nun umgekehrt zum Grund eines Handlungsinteresses, zur Zielbestimmung eines Handelns, das selbst erst die Realität aus irrsinnigen Fantasien heraus erzeugt. Schon die Behauptung, der moderne Nationalismus wäre eine Folge, und nicht der Grund für Antisemitismus, seine letztliche Schlussfolgerung aus einem internationalisierten Feindbild, vernebelt jeden Zusammenhang von existenziellen Bedrohungserlebnissen und ihrer absurden Figuration im Nationalgefühl der Größe und Macht des Staates. Der bedrohte Mensch, der bisher an die Gewalt und Macht des Nationalstaates gesetzt hatte, weil er sich als "guter Staatsbürger" verstehen wollte, der den Staat als Nothelfer allen existenziellen Problemlagen sehen wollte, wird nicht einfach von einem Ressentiment gegen eine "Weltmacht des Judentums" überfallen, sondern glaubt um so heftiger an das, was ihm geläufig war. Nationalismus ist eine Reaktion des bürgerlichen Bewusstseins, das reaktionär wird, wenn es keinen Sinn seiner Bedrängung erkennen kann. Antisemitismus ensteht aus der Internationaisierung des reaktionären Bewusstseins, das die Unfähigkeit des bürgerliche Staats, die Krisen der kapitalistischen Gesellschaft aufzulösen, dadurch überwindet, dass es seinen Feind in einem internationalen Volk wähnt.

Die Konfliktlage ist entscheidend für die Fixierung des Bewusstseins an das Klischee von schon immer ausgegrenzten Kulturen, das Klischee vom Juden, Zigeuner, Schwulen, Kriminellen, Geisteskranken usw. Wer Antisemitismus aus einer Ideengeschichte begründet sieht, macht daraus eine bildungsbürgerliche Klamotte, durch die nicht mehr die wirkliche Not der Menschen zu begreifen ist, die davon betroffen waren. Sowohl die "Täter" wie die "Opfer" folgten Notwendigkeiten, die sie nicht selbst erfunden hatten. Es müssen die Gründe und Bewegungen der Gefühle in einer bestimmten Realität verstanden werden, welche Gewalt zwischen den Menschen schürt und vollstreckt. Ressentiments sind keine Ideen sondern Verwerfungen einer Boshaftigkeit in einer verworfenen Welt, die mit vorhandenen Klischees und Denkgewohnheiten beantwortet wird. Nur wenn ein anderes Denken dazwischentreten kann, kann sich Bewusstsein ändern. Von daher haben alle Beteiligten "Schuld", wo die Reaktion erstarkt. Ein "Schuldkonflikt" ist selbst eine Fiktion, wenn er nicht in seiner historischen Dimension begriffen wird. Ein fixiertes Bewusstsein muss aus seiner Verfangenheit gelöst werden, um sich zur Geschichte auch wirklich verhalten zu können. Und das verlangt, dass man die Barbarei der Verhältnisse nicht als Verhältnis von Barbaren belässt. Es waren historische Konflikte, welche Macht und Ohnmacht in absurde Gegensätze aufspießten und welche sich in einfältiger Wut und Sucht nach Herrschaft über das Ungeheuerliche ihrer Zeit in absurden Vernichtungsspiralen aufzehrten, bevor sie überhaupt einen "Schuldigen" finden wollten.

Der Antisemitismus steht dann allerdings als ein ebenso ungeheures Argumentationsmonstrum voller Rassismus und Ressentiments zur Verfügung, das mit einer eindeutigen Absicht und Zielrichtung durch die Nazis zu deren politischen, militärischen, ideologischen und kulturpolitsiche Interessen verwendet wurde. Es ist deshalb schwach, nur zu behaupten, er sei zum Synonym einer Ideologie des Deutschtums schlechthin geworden, das sich quasi geisteswissenschaftlich aus der Geschichte deutscher Begrifflichkeit und Gefühle ergeben habe, als Selbstbestärkungsprinzip des "deutschen Geistes", das sich darin selbst zu einem Machtgebilde des Nationalismus totalisiert habe.

Das reicht bei weitem nicht, um die Durchsatzkraft dieses Begriffs zu verstehen. Die ökonomischen. kulturellen, staatspolitischen und militärischen Notwendigkeiten, welche aus seiner Verwendung eine ganze Vernichtungsindustrie ableiten und begründen konnten, ist bisher kaum zur Sprache gebracht worden. Diesbezüglich hat die Linke sich durch die Frankfurter Schule einen sehr sublimen, sich wissenschaftlich gebenden Moralismus eingebrockt, mit dem ihre Analyse nicht wirklich weiterkommen konnte. Die faschistische Vernichtungsindustrie war äußerst praktisch zur Durchführung eines totalen Kriegs und nutzte die vorhandenen Klischees des fixierten Bewusstseins für sich. Faschismus ist nicht einfach eine Bewusstseinstatsache, sondern eine feudalistische Reaktion, eine Reaktion des obersten Grundbesitzers, des Nationalstaats, auf eine totale Krise des Kapitalismus und von daher totalitär. Der Staat muss seine Bürger selbst bezichtigen, züchten, bedrohen und überwältigen, um Geld aus ihrer Arbeit einzutreiben, um seine Schulden ohne Gegenleistung bezahlen zu können. Ohne dies begriffen zu haben, ist der Kampf gegen Totalitarismus eine bloße Donquichotterie.

Bei der Durchsicht der antideutschen Web-Seiten ist der Unterschied von rechtem und linken Moralismus oft nur mit Aufwand zu erkennen. Die Linke bekommt ihre diesbezügliche Begrifflichkeit nun gründlich durch die Okkupation linker Belange durch die Rechte zu spüren. Dass der Antisemitismus-Vorwurf zu einem Allrounder der politschen Denunziation geworden ist, hat sie selbst verschuldet. Da war Friedrich Engels schon wesentlich weiter, als er den Antisemitismus als eine Reaktion mittelalterlicher, untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft  fasste und feststellte, dass er nur reaktionären Zwecken unter scheinbar sozialistischem Deckmantel  dienen könne. Er ist eine Abart des feudalen Sozialismus  schrieb Engels in seinem Artikel Über den Antisemitismus (1890) . (Marx-Engels-Werke Bd.22, S. 50). Doch wie kam es zu dieser absurden Psychomoral, mit welcher dieser Begriff durch die moderne Linke gefüllt worden war?

Die Entwicklung dahin hält schon seit über 10 Jahren an und streut inzwischen in viele politische Gruppierungen (z.B. Attac, Gewerkschaften) und auch in Parteien (z.B. SPD und DIE LINKE) hinein. Ihr Ursprung war der Zusammenbruch des Ostblocks und die deutsche Wiedervereinigung. Die Verarbeitung der gesellschaftlichen Probleme, die der sogenannte Realsozialismus aufwies, versetzte viele Linke, die darin bislang ihre Zukunft sehen wollten, in eine tiefe Krise. Ihr Verständnis von Sozialismus war am Boden zerstört. Für sie galt es, einen Schuldigen für die Verbrechen des Stalinismus nicht nur bei Stalin zu finden, sondern im Marxismus überhaupt. Die längst überholten Parolen der Arbeiterbewegung wurden plötzlich wieder aufpoliert zu einem Gegenstand der Kritiker, die deren Ableben nicht mit vollzogen hatten oder es in der heilen Welt linker Kader glatt verschliefen.

Die aus einem schlichten Vorwurf erstellte Kritik am sogenannten Arbeiterbewegungsmarxismus war entsprechend pauschal und reduzierte sich auf die Behauptung, der habe selbst wesentlich antisemitische bzw. nationalistische Anteile gehabt.

Darüber hätte man sicherlich viel diskutieren können, wenn es denn inhaltlich geworden wäre. Aber im großen Bogenschlag der deutschen Kritik ist es schon lange üblich, anstelle einer Analyse der wirklichen Geschichte diese mit einer großartigen Vorstellung beiseite zu fegen. So kam es in dieser Diskussion, die wesentlich im Autoren- und Leserkreis der Zeitschriften KONKRET und BAHAMAS und ihrer Herausgeber geführt wurde, nicht zu einer Analyse der Fehler in der deutschen Arbeiterbewegung, sondern zu einer Verfeinerung der ästhetischen Vorstellungskraft. Im Hahnenkampf der linken Selbstdarstellung wurden die Substanzen kapitalismuskritischer Positionen sprichwörtlich zerfleischt. Übrig blieb psychophilosophischer Popanz der verfeinerten Selbstwahrnehmung. Es entstand ein neuer Gegner: Die Blamage durch überkomplexe Inhaltlichkeit.

Alle Derbheiten der bisherigen Sozialismus-Diskussion - darunter fielen z.B. auch die Texte von Berthold Brecht - wurden als volkstümelnder Konkretismus und damit selbst als Populismus, der zwangsläufig zu Totalitarismus führe, abgetan. Die Sozialisten, die ausdrücklichen Gegner und Verfolgten des Naziregimes, wurden so als Täter aufgebaut. Das Resumee der Debatte ist eine ungeheuerliche Verkehrung: Die deutsche Arbeiterbewegung, deren Vertreter massenweise in den Konzentrationslagern der Nazis geendet waren, seien selbst Volksgenossen und Teil des nazistischen Antisemitismus gewesen.

Dieser nämlich, so fasste das ein Autor namens Moishe Postone zusammen, begründe sich in einer besonderen Variante des Warenfetischismus, dem Arbeitsfetischismus. Darin würden sich die Arbeiterinnen und Arbeiter als potenzielle Subjekte der Arbeit mit dem Arbeitsbegriff der Faschisten gleich stellen, weil sie die Arbeit als höchstes nationales Ziel, als Subjekt ihres nationalen Heils ansahen, als schaffendes Kapital, das lediglich durch das raffende Kapital, durch den Judaismus bedroht sei. Von daher sei die Diktatur des Proletariats, wie sie in marxistischen Schriften vorkam, mit dem Faschismus identisch und Lenin und Stalin hätten dies auch nur folgerichtig umgesetzt. So wurde ein großes Problem schnell gelöst und der gesamte Arbeitsbegriff von Marx, der ausdrücklich und überdeutlich z.B. in seiner Kritik des Gothaer Programms der SPD, diesen Arbeitssubjektbegriff kritisiert hatte, beiseite gefegt.

Aber die Arbeit in ihrer politischen Formbestimmung durch das Kapital war nun mal der Kern des Marxschen Hauptwerks zur Kritik der politischen Ökonomie. Was außer einer klugen Philosophie- und Ideologiekritik von Marx blieb, war demzufolge fast nur noch ein Denken jenseits wirtschaftlicher Lebensbedingungen, auch wenn man oft im Kapital darüber las. Aber mit den hiervon bewegten Schriften von Theodor W. Adorno wurde dessen philosophische Revision des Marxismus nachvollzogen und Wirtschaft selbst zur bloßen Negation des Lebens, Subjekt einer negativen Dialektik. Adorno, der dieser Welt überhaupt wirkliches Leben und damit Lebenswirklichkeit absprach, weil es kein richtiges Leben im falschen geben könne, versalbte das Selbstgefühl einer politisch verselbständigten Intelligenz, die sich lieber mit der verleugneten Wahrheit ihrer Gegenwart identifizierte und den Rest der Welt als fetischisiert in der Verblendung einer großen Täuschung sah. Das subkulturelle Feingefühl für eine noch nicht vorhandene Welt war für eine ästhetische Abhebung natürlich recht passabel und das Leiden der Ohnmacht wurde mit Adorno zu einem inneren Schmerz tiefer Sehnsucht, zum Wesen einer weltfernen Wahrheit, zur Wunde, welche die Kunst alleine offenbare.

Damit wurden die Widersprüche der wirklichen Lebensverhältnisse selbst zu Metaphern eines Fehlers und dieser lief auch einzig darauf hinaus, sich in der Negation des Lebens durchzusetzen, als negative Dialektik, als Lebensvernichtung in der Glitzerwelt des Kapitalismus, als Verblendungszusammenhang, unter dem leider nur noch die Freunde der Wahrheit zu leiden verstanden. Das Verbrechen lag in der Welt, deren Fehler man außer sich wähnte. Und weil man es als Freund der Wahrheit auch schon kannte, dieses Monster des politischen Verbrechens, war man auch auserwählt, dies der Welt zu präsentieren, es der Welt vorzuwerfen. Auschwitz wurde zum Inbegriff einer neuen politischen Identität, denn Auschwitz kannte jeder. Nur kannte nicht jeder die Selbstgerechtigkeit der kritischen Selbstbehauptung, die Wahrheit des Weltschmerzes.

Wolfram Pfreundschuh