Zum Thema siehe auch =>
Zwischenmenschlichkeit =>
Zwischenmenschliche Beziehungen =>
Zwischenmenschliche Verh�ltnisse
Die gesellschaftliche Beziehung der Menschen ist in der zwischenmenschlichen Gesellschaft umgekehrt, wie in der Gesellschaft der Sachen. Die Menschen haben hier zwar nicht die Fetische der Sachwelt aufgehoben, nicht das gesellschaftliche Verhältnis der Sachen zu einem sachlichen Verhältnis der Menschen gewendet, aber sie erscheinen sich jetzt als unmittelbar freie Menschen, die keiner Sache bedürfen, um menschlich bestätigt zu sein. Ihr sachliches soziales Verhältnis verschwindet im Verhältnis ihrer Emotionen. Sie erscheinen sich als Menschen, die im Gleichklang ihrer Menschlichkeit sich als Mensch fühlen und in der Dissonanz die Vernichtung ihrer menschlichen Identität fürchten. Sie nehmen sich unter der Bedrohung ihrer Wahrheit wahr. Und sie ergänzen deshalb fortwährend ihre menschliche Identität durch Hinzunahme vieler, unendlich vieler Wahrnehmungen. In der Wahrnehmung sind die Gegenstände eigener Wahrheit vorausgesetzt; das Subjekt der Wahrnehmung ist objektiv. Die Wahrnehmung ist die Form der Erkenntnis, die ihre Wahrheit außer sich hat.
Dennoch sind Wahrnehmungen auch wirkliche Momente menschlicher Erkenntnis, in der das Leben seine Beziehung hat. Ihre Beziehung als Menschen zu einander, ihre Liebe und ihre Bestätigung als Mensch verwirklicht sich auch in ihren Wahrnehmungen, in ihren Empfindungen und Gefühlen. "Der Mensch erkennt sich nur im Menschen" (Marx) und ein Mensch kann deshalb ohne Menschen nichts erkennen, nicht lieben, nicht sein, nicht leben. In der Beziehung zu einander verspüren sie ihr Leben, tasten in ihren Empfindungen nach eigenem Sinn und finden endlich auch hier und dort für sich menschliche Bestätigung, eigene Wahrheit, die als eigenes Gefühl des Lebens ihnen eigentümlich bleibt. Für einander haben sie Empfindungen, die auch ihre soziale Welt reflektieren, aber für sich selbst haben sie Gefühle, in denen die Empfindungen zur Welt für sich werden.
In den Empfindung finden die Menschen in zwischenmenschlichen Beziehungen den Sinn, den sie füreinander haben. Jede Empfindung ist eine Form der Erkenntnis. Aber weil die Empfindung zwischen Menschen zugleich ein Bedürfnis nach Menschen überhaupt ist, bestimmt sich diese Form auch als Notwendigkeit des Beisichbleibens, als Bedürfnis nach Menschen, um Sinn für sich zu finden. Die Wahrnehmungen haben ihren Doppelcharakter als ein Verhältnis von Empfinden (= zu Ende Finden) und dem Fühlen eigener Sinnlichkeit. Empfindungen verschwinden in den Gefühlen, die Menschen unter Menschen haben. Ihr sozialer Charakter verschwindet in der Wahrheit der Individualität: Der Sinn unter anderen besteht als Sinn für sich. Solche Wahrheit ist nicht sinnlich, aber sie hat Sinn. Gefühle haben Sinn und deshalb kann es auch Sinn machen, wenn die Menschen ausschließlich ihren Gefühlen folgen, die sie in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen haben und die sie zwischenmenschlich austauschen. Der Austausch erfolgt über eine Kultur, die sie teilen, in der die Maßstäbe der Gültigkeit, die Bewertung von Wahrnehmungen gesetzt, verändert und als Momente der Subjektivität, ihrer Bewegung und Entfaltung verlangt werden.
Da diese Gefühle die Inhalte des einzelnen Lebens reflektieren, ist ihr Austausch der maßgebliche Lebensinhalt, wenn das Leben keinen weltlichen Inhalt mehr hat. Und wer sie hat, hat viel davon, weil er sich gerade dort, wo er der Welt vollständig unterworfen ist, wie ein Wesen über aller Welt erscheinen kann, ein kleiner Gott seines Innenlebens. Solange Gefühle mit anderen Menschen ausgetauscht werden können und solange sie neuerliche Gefühle erzeugen, solange also Gefühle Ursachen wie Wirkungen dadurch haben, dass es keine andere Wirklichkeit gibt, birgt die Gefühlswelt selbst eine eigene Wirklichkeit. Obwohl solche Gefühle an und für sich Momente des Erkennens sind, im Grunde Wahrnehmungen, in denen Menschen Sinn empfinden, verspüren und weiterbilden, werden sie jetzt zum Träger, zum Mittel ihrer wechselseitigen Beziehung. In zwischenmenschlichen Beziehungen fühlen die Menschen einander so, wie sie empfinden und sie empfinden das, was sie fühlen. Sie fühlen sich als Mensch durch die Empfindung von anderen und sie empfinden andere, indem sie ihre Gefühle mit ihnen austauschen und hierdurch ihr Leben erneuern.
Aber die Erneuerung stellt auch ihre eigene Bedingung. Gefühle für sich sind nichts anderes, als was man fühlt: Ist ein Ofen heiß, so spürt man die Hitze. Ist ein Mensch gewalttätig gegen Menschen, so fürchtet man sich vor ihm. Als dies einfache Fühlen wäre Gefühl mit der bestimmten Empfindung eines Gegenstands identisch. Als Gefühl tritt es erst selbständig auf, wo seine Herkunft verschwunden ist, wo es aus der Empfindung heraustritt. Das Gefühl ist dann die Ahnung des Lebens, das in zwischenmenschlichen Beziehungen verspürt wird. Gefühle des Glücks, der Trauer, der Verliebtheit, der Zufriedenheit usw. enthalten die Bedingungen solcher Beziehungen, ihre Herkunft und ihr Streben, kurz: Ihre Geschichte. Sie ist aber darin zu einer Beziehung zu sich selbst geronnen.
Gefühle hat man also nur, wo zwischenmenschliche Beziehungen empfunden werden, wo Menschen sich unter empfindenden Menschen fühlen. Dieses Verhältnis stellt die Menschen in zwischenmenschlichen Beziehungen in gegensinnige Postitionen. Nur dort entsteht für einen Menschen Gefühl, wo er von einem anderen auch wirklich und ausschließlich wirklich empfunden wird. Er bestimmt sich aus der Empfindung, die andere zu ihm haben. Zugleich empfindet er andere in dem, was sie für ihn sind. Im Gefühl kristallisiert sich eine Teilhabe an Empfindungen, die in dem vereint sind, was sie für einen Menschen bedeuten, was sie ihm an Leben geben. Das Leben der Empfindung wird zur Anteilnahme des Gefühls. Die Teilhabe am Gefühl anderer ist die Selbstbezogenheit des Wahrnehmens, Wahrheit, die nur im Gefühl seiner selbst auf Menschen zurückkommt, Wahrheit, die so genommen wird, wie sie schon gehabt ist. Was Menschen wahrhaben, das nehmen sie nicht wahr. Was die Menschen in den zwischenmenschlichen Beziehungen wahrhaben, verschwindet in ihrer Wahrnehmung zu zwischenmenschlichen Gefühlen, die ihren Grund nur außer sich haben können, aber als Eigenwelt erscheinen. Das sind Gefühle, die als Moment eigener Wahrheit bestehen und Bestand haben und welche die eigene Identität durch die Wahrnehmung anderer Menschen haben. Nur unter Menschen hat das Gefühl seine Eigenwelt. Die Welt entzieht sich der Wahrnehmung in dem Maße, wie sich diese Eigenwelt gegen sie als eigene Menschlichkeit errichtet.
In den zwischenmenschlichen Gefühlen verlangen die Menschen nach einander nicht mehr unmittelbar aus ihrem Bedürfnis nach menschlicher Gegenständlichkeit, nicht aus der Notwendigkeit, für sich gegenüber anderen wahr zu sein. Sie verlangen nach einander, aus der Notwendigkeit, eigene Wahrheit zu bekommen, sich wahr zu machen und hierdurch eigene Wahrheit zu haben, Identität aller Gefühle, Sein ihrer Selbstwahrnehmung. Ziel und Grund ihres Verhältnisses ist der Bezug auf sich, zu dem sie menschliche Umgebung als Bedingung für sich wahr haben müssen, um für sich wahr zu sein. Sofern und solange ihnen ihre Existenz sachlich gegeben ist, müssen sie nicht mehr unbedingt um ihre Sache bangen, sondern um sich selbst, um ihr Erkenntnisvermögen, das leer läuft, wenn sie kein Gefühl für sich haben, wenn sie also von anderen Menschen nicht mehr empfunden werden. Ihr menschliches Verlangen nach einander enthält in Wahrheit die Notwendigkeit der Selbstbezogenheit. In Gefühlen haben sie ihre Wahrheit als Selbstgefühl, während sie unter Menschen sind. Und in Gefühlsverhältnissen müssen sie sich deshalb auch nach den Gefühlen verhalten, die sie füreinander haben wollen.
Das nette Miteinander erscheint voraussetzungslos, weil es zwischen den Menschen keinen anderen Sinn zu haben scheint, als den der Menschen selbst. Es hat durch sie Sinn und verlangt auch Sinn durch sie. Jeder Einzelne gilt daher als Mensch schlechthin, soweit er diesen Sinn stiftet. Das Allgemeinmenschliche wird zwischenmenschlich erlebt - nicht weil jeder ein Mensch ist, sondern weil er sein Menschsein im Verkehr mit anderen erst erzeugt. In den zwischenmenschlichen Beziehungen erzeugt und bestätigt er sich als Mensch. So kann das leben, was gesellschaftlich nicht mehr möglich ist, was in keiner Arbeit und durch keine Arbeit mehr entsteht, was aber jetzt in der Konsumtionsspäre sein menschliches Antlitz erhält, was hier also wirklich noch menschlich und voller menschlicher Gegenständlichkeit erscheint. Gesellschaft findet im Privaten statt, jenseits von Existenz und Produktion. Zwischenmenschliche Kultur ist die verbliebene Kultur einer entwendeten Gesellschaflichkeit, die ihre Existenz verlassen hat, weil sie nicht mehr getragen, sondern nurmehr ertragen werden muss um das zu erhalten, was hier einziges existenzielles Lebensmittel ist: Geld.
Kultur erfüllt jetzt die klassischen Reproduktionswelten mit höherem Sinn und Sinn fürs Höhere: Es erscheint alles gewollt, was notwendig war, um dem Leben diesen Sinn zu geben. Gemeinschaft, Gemeinde, Familie, Freizeit, Kinder, Kultur usw. hatten schon immer einen Sinn, einen Sinn unter vielen, die als Momente des Lebens auftraten; jetzt sind sie der Sinn des Lebens überhaupt, der Sinn, wofür gelebt wird. Und die ökonomische Partikularisierung der Arbeit und Existenz entspricht dem voll und ganz. So läßt sich die Individualität verallgemeinern, verklärt als menschliches Sein, das zwar von jedem gesellschaftlichen Sinn jenseits der Zwischenmenschlichkeit abgeschnitten ist, das aber immerhin Sinn macht. In den Gefühlen der Menschen hat sich ihr Bedürfnis bewahrt, das nach Gesellschaft verlangt. Hierin steckt noch ihr Geist und hat so weit Sinn, wie ihre unmittelbare Beziehung aufeinander Sinn macht. Es ist das Reich der Seelen, die nach ihrer Welt verlangen. Aber die Seele wird so auch zu einem gegen die Welt affirmierenden Geist.
Allein die Zwischenmenschlichkeit dieses zwischenmenschlichen Verhältnisses ist die Existenzgrundlage für diese Kultur, welche sich jetzt auch als Macht herausstellt. Wer nicht mitmacht, fällt heraus; wer nicht mitreden kann, der darf nicht schweigen. Besonderes wird absonderlich; es macht Angst. Wer sich nicht so präsentiert, dass er verstanden werden kann, wie er verstanden werden muss, wer nicht ist, wie die anderen, der ist nichts - es sei denn, er ist nicht einfach etwas Anderes, sondern das Besondere seiner selbst - irgendwie kultisch, Paradegänger, Paradiesvogel oder Superstar, ein Avantgardist des Selbstgefühls.
Jedes Verhältnis zwischen Menschen, das keinen Gegenstand außer ihnen hat, wird selbst gegenständlich, sie werden sich darin wechselseitig zum Gegenstand, ihre subjektiven Beziehungen, ihr Werden und Leben, ihre Fragen, Zweifel und ihre Liebe, erscheint nun in der vollständigen und mittellosen Abhängigkeit vom anderen Menschen. Jeder ist darin als subjektiver Mensch zugleich Gegenstand, Objekt eines anderen Menschen. In dem Maße, in dem kein wirklicher Bezug mehr über die Dinge des Lebens, über die Sachen, die Arbeit und die Gestaltung des Lebensraums und keine dieser Dinge mehr auf die Menschen Wirkung hat, wird die subjektive Beziehung von Menschen zugleich objektiv, ihre Liebe zu ihrem Schicksal. Die mittellose Liebe, die unmittelbare Beziehung zwischen den Menschen, erscheint weltenlos, wiewohl sie sich aus der Negativität zur Welt bestimmt, begründet und entwickelt. Die Weltenlosigkeit wird hierdurch zu einem von keiner Endlichkeit geplagten Selbstgefühl, wie dieses Gefühl aber auch unendlich besorgt, bedrängt Der Widerschein ist betörend: Kultur wohin man schaut! Kultur erscheint plötzlich und unmittelbar für jedermann zugänglich und umgänglich - sie macht Spaß. Kultur beweist uns an jeder Straßenecke unseren Reichtum, wie er nur als Sehnsucht nach dem besseren Leben den Generationen vor uns und den armen Welten außer uns doch seit Menschengedenken bekannt war! Keine Stadtverwaltung, keine Sparkasse läßt es sich nehmen, Kultur mit Feiern zu verbinden und über Kulturfeste mit oder ohne Kommunalbeteiligung "den Bürger anzusprechen". Was jeder Schrebergartenverein bisher zum eigenen Wohlergehen betrieben hat, wird nun zum öffentlichen Einbrüderungsgewerke: Kultur als Mittel für einen guten Zweck: Das "Miteinander Auskommen". Kultur hat eigentlich verbindlichen Inhalt, aber als Kommunikationsmittel verbindet sie ihr völlig äußerliche Zwecke: Sie bietet den ganz gewöhnlichen Kult in der Ödnis eines ziellosen Lebensalltags, sie bietet Sinn in sinnloser Gemeinschaft und sie erzeugt Leben in jeder toten Hose. Kultur kann immer Sinn erzeugen, wo keiner ist - solange, bis sie sich selbst unsinnig macht. Sie kann begeistern, wo Geist fehlt, solange, wie sie sich nicht selbst entgeistert.
Die Kultur, unmittelbarer gesellschaftlicher Lebensausdruck und Inhalt der Arbeit, der Bedürfnisse und Reflektionen der Menschen, hat eine Funktion bekommen, die sie von ihrem Lebensgrund enthebt in das Reich abstrakter Befriedigung, Zufriedenheit und Sättigung zerrt. Die Kultur, die Substanz aller Gesellschaft bildenden Lebenskraft wird in den reichen Ländern zum Mittel der erweiterten Wertschöpfung, die ihren Grund nicht aus dem Stoffwechsel und seinen Substanzen bezieht, sondern aus dem Bedarf nach Leben. Er kommt aus der Fülle, die ihr Elend nicht begreifen kann, gesellschaftliche Ödnis in Hülle und Fülle, und wendet diese zu einer virtuellen Gesellschaft, zu einem gesellschaftlichen Sinn, dem das Leben der Menschen zum Mittel im Angebot an Illusionen gereicht. Solche Lebensillusionen vermarkten sich für einige Zeit auch als eine Suchtfalle, die sich gut verwerten läßt. Nichts schafft so schnell vergängliche und daher beständig nach Erneuerung süchtig machende Produkte, wie die Illusion. Und wer sie verkaufen kann, hat einen schier endlosen Kassenschlager. Aber weder die virtuellen Welten aus den Computern der Unterhaltungsindustrie, noch die Walkmen und sonstigen Prothesen des ruhelosen Selbstgefühls können den Sinn erfüllen, die Befriedigung verschaffen, die darin suggeriert ist. Sie treiben die Sehnsucht der Menschen in den leeren Raum, in die Scheingesellschaft, worin sich Menschen finden, ohne irgendeine wirkliche Beziehung zu haben: Die Starken, die Überleber, die Guten und die Schönen. Ihre Welt ist Design, Jux und Tollerei. Es ist ein anstrengender Spaß, der permanentes Lachen produzieren soll, wo die Menschen nichts mehr zu Lachen haben. Aber das "Klima" des mitmenschlichen Beisammenseins, selbst das Betriebsklima profitiert davon.
Das nette Miteinander erscheint voraussetzungslos, weil es zwischen den Menschen keinen anderen Sinn zu haben scheint, als den der Menschen selbst. Es hat durch sie Sinn und verlangt auch Sinn durch sie. Jeder Einzelne gilt daher als Mensch schlechthin, soweit er diesen Sinn stiftet. Das Allgemeinmenschliche wird zwischenmenschlich erlebt - nicht weil jeder ein Mensch ist, sondern weil er sein Menschsein im Verkehr mit anderen erst erzeugt. In den zwischenmenschlichen Beziehungen erzeugt und bestätigt er sich als Mensch. So kann das leben, was gesellschaftlich nicht mehr möglich ist, was in keiner Arbeit und durch keine Arbeit mehr entsteht, was aber jetzt in der Konsumtionsspäre sein menschliches Antlitz erhält, was hier also wirklich noch menschlich und voller menschlicher Gegenständlichkeit erscheint. Gesellschaft findet im Privaten statt, jenseits von Existenz und Produktion. Zwischenmenschliche Kultur ist die verbliebene Kultur einer entwendeten Gesellschaflichkeit, die ihre Existenz verlassen hat, weil sie nicht mehr
Der Widerschein ist betörend: Kultur wohin man schaut! Kultur erscheint plötzlich und unmittelbar für jedermann zugänglich und umgänglich - sie macht Spaß. Kultur beweist uns an jeder Straßenecke unseren Reichtum, wie er nur als Sehnsucht nach dem besseren Leben den Generationen vor uns und den armen Welten außer uns doch seit Menschengedenken bekannt war! Keine Stadtverwaltung, keine Sparkasse läßt es sich nehmen, Kultur mit Feiern zu verbinden und über Kulturfeste mit oder ohne Kommunalbeteiligung "den Bürger anzusprechen". Was jeder Schrebergartenverein bisher zum eigenen Wohlergehen betrieben hat, wird nun zum öffentlichen Einbrüderungsgewerke: Kultur als Mittel für einen guten Zweck: Das "Miteinander Auskommen". Kultur hat eigentlich verbindlichen Inhalt, aber als Kommunikationsmittel verbindet sie ihr völlig äußerliche Zwecke: Sie bietet den ganz gewöhnlichen Kult in der Ödnis eines ziellosen Lebensalltags, sie bietet Sinn in sinnloser Gemeinschaft und sie erzeugt Leben in jeder toten Hose. Kultur kann immer Sinn erzeugen, wo keiner ist - solange, bis sie sich selbst unsinnig macht. Sie kann begeistern, wo Geist fehlt, solange, wie sie sich nicht selbst entgeistert.
Die Kultur, unmittelbarer gesellschaftlicher Lebensausdruck und Inhalt der Arbeit, der Bedürfnisse und Reflektionen der Menschen, hat eine Funktion bekommen, die sie von ihrem Lebensgrund enthebt in das Reich abstrakter Befriedigung, Zufriedenheit und Sättigung zerrt. Die Kultur, die Substanz aller Gesellschaft bildenden Lebenskraft wird in den reichen Ländern zum Mittel der erweiterten Wertschöpfung, die ihren Grund nicht aus dem Stoffwechsel und seinen Substanzen bezieht, sondern aus dem Bedarf nach Leben. Er kommt aus der Fülle, die ihr Elend nicht begreifen kann, gesellschaftliche Ödnis in Hülle und Fülle, und wendet diese zu einer virtuellen Gesellschaft, zu einem gesellschaftlichen Sinn, dem das Leben der Menschen zum Mittel im Angebot an Illusionen gereicht. Solche Lebensillusionen vermarkten sich für einige Zeit auch als eine Suchtfalle, die sich gut verwerten läßt. Nichts schafft so schnell vergängliche und daher beständig nach Erneuerung süchtig machende Produkte, wie die Illusion. Und wer sie verkaufen kann, hat einen schier endlosen Kassenschlager. Aber weder die virtuellen Welten aus den Computern der Unterhaltungsindustrie, noch die Walkmen und sonstigen Prothesen des ruhelosen Selbstgefühls können den Sinn erfüllen, die Befriedigung verschaffen, die darin suggeriert ist. Sie treiben die Sehnsucht der Menschen in den leeren Raum, in die Scheingesellschaft, worin sich Menschen finden, ohne irgendeine wirkliche Beziehung zu haben: Die Starken, die Überleber, die Guten und die Schönen. Ihre Welt ist Design, Jux und Tollerei. Es ist ein anstrengender Spaß, der permanentes Lachen produzieren soll, wo die Menschen nichts mehr zu Lachen haben. Aber das "Klima" des mitmenschlichen Beisammenseins, selbst das Betriebsklima profitiert davon.
Das nette Miteinander erscheint voraussetzungslos, weil es zwischen den Menschen keinen anderen Sinn zu haben scheint, als den der Menschen selbst. Es hat durch sie Sinn und verlangt auch Sinn durch sie. Jeder Einzelne gilt daher als Mensch schlechthin, soweit er diesen Sinn stiftet. Das Allgemeinmenschliche wird zwischenmenschlich erlebt - nicht weil jeder ein Mensch ist, sondern weil er sein Menschsein im Verkehr mit anderen erst erzeugt. In den zwischenmenschlichen Beziehungen erzeugt und bestätigt er sich als Mensch. So kann das leben, was gesellschaftlich nicht mehr möglich ist, was in keiner Arbeit und durch keine Arbeit mehr entsteht, was aber jetzt in der Konsumtionsspäre sein menschliches Antlitz erhält, was hier also wirklich noch menschlich und voller menschlicher Gegenständlichkeit erscheint. Gesellschaft findet im Privaten statt, jenseits von Existenz und Produktion. Zwischenmenschliche Kultur ist die verbliebene Kultur einer entwendeten Gesellschaflichkeit, die ihre Existenz verlassen hat, weil sie nicht mehr getragen, sondern nurmehr ertragen werden muss um das zu erhalten, was hier einziges existenzielles Lebensmittel ist: Geld.
Kultur erfüllt jetzt die klassischen Reproduktionswelten mit höherem Sinn und Sinn fürs Höhere: Es erscheint alles gewollt, was notwendig war, um dem Leben diesen Sinn zu geben. Gemeinschaft, Gemeinde, Familie, Freizeit, Kinder, Kultur usw. hatten schon immer einen Sinn, einen Sinn unter vielen, die als Momente des Lebens auftraten; jetzt sind sie der Sinn des Lebens überhaupt, der Sinn, wofür gelebt wird. Und die ökonomische Partikularisierung der Arbeit und Existenz entspricht dem voll und ganz. So läßt sich die Individualität verallgemeinern, verklärt als menschliches Sein, das zwar von jedem gesellschaftlichen Sinn jenseits der Zwischenmenschlichkeit abgeschnitten ist, das aber immerhin Sinn macht. In den Gefühlen der Menschen hat sich ihr Bedürfnis bewahrt, das nach Gesellschaft verlangt. Hierin steckt noch ihr Geist und hat so weit Sinn, wie ihre unmittelbare Beziehung aufeinander Sinn macht. Es ist das Reich der Seelen, die nach ihrer Welt verlangen. Aber die Seele wird so auch zu einem gegen die Welt affirmierenden Geist.
Allein die Zwischenmenschlichkeit dieses zwischenmenschlichen Verhältnisses ist die Existenzgrundlage für diese Kultur, welche sich jetzt auch als Macht herausstellt. Wer nicht mitmacht, fällt heraus; wer nicht mitreden kann, der darf nicht schweigen. Besonderes wird absonderlich; es macht Angst. Wer sich nicht so präsentiert, dass er verstanden werden kann, wie er verstanden werden muss, wer nicht ist, wie die anderen, der ist nichts - es sei denn, er ist nicht einfach etwas Anderes, sondern das Besondere seiner selbst - irgendwie kultisch, Paradegänger, Paradiesvogel oder Superstar, ein Avantgardist des Selbstgefühls.
Jedes Verhältnis zwischen Menschen, das keinen Gegenstand außer ihnen hat, wird selbst gegenständlich, sie werden sich darin wechselseitig zum Gegenstand, ihre subjektiven Beziehungen, ihr Werden und Leben, ihre Fragen, Zweifel und ihre Liebe, erscheint nun in der vollständigen und mittellosen Abhängigkeit vom anderen Menschen. Jeder ist darin als subjektiver Mensch zugleich Gegenstand, Objekt eines anderen Menschen und in diesem Verhältnis auch Objekt sienes Verhaltens. In dem Maße, in dem kein wirklicher Bezug mehr über die Dinge des Lebens, über die Sachen, die Arbeit und die Gestaltung des Lebensraums und keine dieser Dinge mehr auf die Menschen Wirkung hat, wird die subjektive Beziehung von Menschen zugleich objektiv, ihre Liebe zu ihrem Schicksal. Die mittellose Liebe, die unmittelbare Beziehung zwischen den Menschen, erscheint weltenlos, wiewohl sie sich aus der Negativität zur Welt bestimmt, begründet und entwickelt. Die Weltenlosigkeit wird hierdurch zu einem von keiner Endlichkeit geplagten Selbstgefühl, wie dieses Gefühl aber auch unendlich besorgt, bedrängt und ängstlich um seiner Selbst ist, da es nur durch das unmittelbare Verhältnis zu andern Menschen besteht und Bestand hat - je besonderter, desto ausschließlicher.
Die Krise der Zwischenmenschlichkeit
Während die Kulturen der armen Länder durch Ausplünderung ihrer Lebensstrukturen und Ressourcen durch den Kapitalmarkt unmittelbar bedroht sind, besteht die Kultur der reichen Nationen zunehmend aus zwischenmenschlichen Beziehungen, die ihrem gesellschaftslosen Reichtum Sinn verleihen müssen. Was die Bedürfnisse der Menschen als notwendiges Verlangen nach Tätigkeit, Lebensäußerung, Produktion und Befriedigung enthalten hatten, kann in dieser Welt nicht als Verlangen existieren, weil der aufgehäufte Reichtum an Produkten nach Absatz verlangt. Für jeden Bedarf gibt es Stoff. Bevor dieser zum Gegenstand für Menschen werden könnte, ist er schon als Produkt notwendig, als Produkt des Wertwachstums. Stoff allein kann kein menschliches Bedürfnis befriedigen, aber er sättigt es. Was nicht befriedigt wird, das ist die menschliche Beziehung der Bedürfnisse auf Gegenstände für das menschliche Leben, das Ineinandergreifen und Beziehen von menschlichem Verlangen auf die Entwicklung und Erzeugung von Produkten für Menschen. Die Gesellschaft als ein lebendiges System von Bedürfnissen und Entwicklungsnotwendigkeiten ist ausgefallen; gesellschaftliche Tätigkeit als Sinn für den Lebensbedarf ist obsolet.
In ihrem Zusammensein haben die Menschen daher auch keine unmittelbar notwendige Beziehung. Sie brauchen einander als Mensch in räumlicher Bestimmtheit: als Anwesenheit von Menschen. Ihr Verlangen besteht in der Notwendigkeit, unter Menschen zu sein, um sich als Mensch noch wahr zu haben. Die Menschen existieren von daher in den reichen Gesellschaften vor allem in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen sie ihre Bedürfnisse abstrakt, gleichgültig gegen ihre Sachen, aufeinander beziehen und in räumlicher Nähe ihr Leben zwischen Menschen gestalten. Die Menschen sind jenseits ihrer Sachwelt allein und ausschließlich unter sich. Was sie sachlich versammelt, ist die Gewinnung von Geld, die Herstellung ihrer individualisierten Existenz im Besitz eines gesellschaftlichen Garanten für individuelles Fortkommen. Für sich machen sie jetzt ihr Menschsein zu ihrer Sache.
Das Gefühlsverhältnis verlangt nach einer Produktion von Selbstgefühl, das sich zugleich auch dem Selbstgefühl anderer beugen muss. Es schafft vielerlei Probleme in der Begrenzung und Entgrenzung dieser Wahrnehmungsidentität. Was die Menschen voneinander wahr haben, das nehmen sie nicht wahr und was sie wahrnehmen, das haben sie nicht als ihre Wahrheit. Sie produzieren eine Wahrheit ihres Verhältnisses, in der sie verschwinden und sich zugleich bereichern, in dem sie ihre Gefühle füreinander nutzen und sich darin zugleich verlieren. Die Entgrenzung und Verschmelzung mit Fremdem vernutzt die eigene Wahrheit und die Benutzung anderer zur eigenen Identitätsfindung gründet auf deren Dasein als fremder Sinn für menschliche Bezogenheit. Die Entfremdung der Sinne verläuft in den Polen zwischen Entgrenzung und Selbstaufopferung, in welchen die seelischen Entwicklungen verlaufen, die in diesen zwischenmenschlichen Verhältnissen stattfinden können.
Das Bedürfnis des Menschen nach dem Menschen lebt hier einerseits als Bedürfnis nach Gefühlen mit anderen, durch welche sich die Menschen auf sich selbst beziehen und für sich eine geistige Identität finden. Es sind Gefühle, an denen sich Menschen treffen, an dem sie ihre Gefühle als Selbstgefühl wahrhaben. Zum anderen lebt das Bedürfnis des Menschen nach dem Menschen als Verlangen nach menschlicher Gegenständlichkeit, als Verlangen nach der einfachen Anwesenheit von Menschen, die Gegenstand des Selbstgefühls sind.
Dies Beiderseitige der menschlichen Bedürfnisse, das dem Kind im Allgemeinen noch selbstverständlich gegeben ist, wird für erwachsene Menschen zu einem Kunststück. Das zwischenmenschliche Leben gerät hier zur Erlebenswelt, in der zunächst einmal nicht Leben, sondern das Erleben der Befriedigung einer gegensinnigen Bedürftigkeit produziert wird. Geistige und sinnliche Identität kann dabei nur der Mensch geben, der sich als vollständige Individualität, als Resultat seiner bloßen stofflichen und geistigen Geschichte leben kann. Er gibt in dieser Form zwar seine Geschichte als gesellschaftlich entwickelter Mensch auf, hat aber darin doch sein Leben als zwischenmenschliches Erleben. (Siehe "Skizzen zu einer Erkenntnistheorie der Kultur"). Jedes Bedürfnis in diesen zwischenmenschlichen Beziehungen ist daher ein Bedürfnis nach dem Erleben der Selbstwahrnehmung.