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Feminismus

"Der weibliche Charakter und das Ideal der Weiblichkeit, nach dem er modelliert ist, sind Produkte der männlichen Gesellschaft. Das Bild der unentstellten Natur entspringt erst in der Entstellung als ihr Gegensatz. Dort, wo sie human zu sein vorgibt, züchtet die männliche Gesellschaft in den Frauen souverän ihr eigenes Korrektiv und zeigt sich durch Beschränkung als ihr unerbittlicher Meister. Der weibliche Charakter ist Abdruck des Positivs der Herrschaft. Damit aber so schlecht wie diese. Was überhaupt im bürgerlichen Verblendungszusammenhang Natur heißt, ist bloß das Wundmal gesellschaftlicher Verstümmelung. Wenn das psychoanalytische Theorem zutrifft, daß die Frauen ihre physische Beschaffenheit als Folge von Kastration empfinden, so ahnen sie in ihrer Neurose die Wahrheit. Die sich als Wunde fühlt, wenn sie blutet, weiß mehr als die, welche sich als Blume vorkommt, weil das ihrem Mann in den Kram paßt." (Adorno, Minima moralia)

Feminismus ist die poltische Position und Theorie zur Emanzipation der Frauen gegen die Mächte und Gewohnheiten des Patriarchats. Sie hat sich seit den Frühsozialisten des 19. Jahrhunderts entwickelt und besonders in den 80ger Jahren des 20. Jahrhunderts eine große gesellschaftliche und damit politische Bedeutung. Schon im "Kommunistischen Manifest" waren - noch von Männern (Marx und Engels) formuliert - poltische Forderungen zur Verwirklichung geschlechtsspezifischer Subjektivität - gegen die Fremdbestimmung der Frau, gegen weibliche Selbstentfremdung - aufgeführt, welche sich auch in der Deformation von Naturempfindungen zwischen den Geschlechtern, als Nutzungsverhältnis der Geschlechtlichkeit überhaupt darstellt. Bei der Diskussion hierüber hat sich zum großen Teil Einigkeit darüber hergestellt, dass in dieser Hinsicht die Frauenbewegung auch ein Problem männlicher Subjektivität diskutiert, in der sich auch Männer begreifen und verständigen sollten. Von da her wurden die Positionen, welchen an einen "Geschlechterkampf" lagen, immer seltener und zur Gender-Diskussion des Kulturverhaltens der Geschlechter im Zeitalter der Globalisierung entwickelt.

Politisch stand schon lange im Vorfeld des allgemeinen Rollenverständnisses die Frau als "geborene Dienstleistung" der "angeborenen Autarkie des Mannes" entgegen und hat zur Klassifikation des Kapitalismus als Gesellschaftsform des Patriarchats geführt. Die Gleichsetzung von beidem enthielt das bisher unaufgelöste Problem, dass ökonomische und kulturelle Verhältnisse hierbei ideologisiert wurden und nur ideologiekritische Postitionen erbringen, die sich teilweise auch zu rassistischen Äußerungen verstiegen haben (vergl. hierzu z.B. Roswitha Scholz "Der Wert ist der Mann"). Im Streit hierüber haben sich entsprechende Positionen weitgehend entpolitisiert.

Seit den 90ger Jahren formuliert sich ein neuer Feminismus, der geschlechtliche Identität als "Grundlage produktiver Konflikte" begreift "für eine Linke, die so nicht einheitlich, aber in einem perspektivischen Sinn 'universell' ist" (Widerspruch 44, S. 126).

Wesentlich und kulturell sind Frauen und Männer in der bürgerlichen Kultur in den Zwiespalt abstrakter Sinnlichkeit verstrickt, der auch als geschlechtliche Formation, als Machtbestrebung in einem Geschlechterkampf erscheint. Dieser existiert praktisch sowohl in der Rollenaufteilung, wie auch kulturell als Ästhetisierung der Geschlechtseigenschaften zu allgemein objektiven Körperlichkeiten (siehe Körperfetischismus). Letztres paralysiert Geschlechtlichkeit überhaupt (siehe Entleibung) und erzeugt deren Veranstaltung im Design des ästhetischen Willens. Die Fortentwicklung des Geschlechtsverhältnisses zu einem Leichnam vergesellschaftlichter Geschlechtlichkeit objektiviert sich im Gattungsbegriff des Faschismus als Lebensformation eines Volkskörpers. Hiergegen muss die Eigenheit der Geschlechter und ihre spezifische Subjektivität bewahrt und verteidigt werden - auch, um Mann und Frau als wechselseitige gesellschaftliche Subjekte herauszustellen. Der marxistische Feminismus will daher die Entwicklung menschlicher Geschlechtsverhältnisse mit der gesellschaftlichen Emanzipation der Menschen gegen eine auf Kapitalverwertung gründende Gesellschaft zusammenführen.

s.a.

=> Patriarchat

=> Frauenbewegung

webup1a1 Vergewaltigung, Pornografie und Kapitalismus

Systemup14a1 Frauenkultur
Systemup14a1 Männerkultur

Fetischismus

Das Wort "Fetisch" kommt aus dem Portugiesischen und steht für "Machwerk", "Sachzwang". Der Fetisch bedeutet im hießigen Wortgebrauch das Sinnbild der Fixierung an eine höhere Gewalt, welcher über symbolische Gegenstände gehuldigt wird. Es handelt sich hierbei also um die Huldigung einer vermeintlichen Macht, einer Metaphysik der Macht, welcher sich Menschen unterworfen fühlen, weil sie durch sie zugleich ihr Leben gegeben glauben oder fühlen. Fetischismus ist der Kult einer Verehrung oder Vergötterung von Geistern und Dingen, denen ein übermenschlicher Sinn zugesprochen ist, die also einen Sinn erfüllen, den die Menschen für sich selbst nicht haben, den sie aber allgemein im Fetisch als Bildnis einer für sich seienden Heraussetzung, einer Erhabenheit erleben, weil er ihnen in diesem Sinn erscheint. In solchem Bildnis erscheint das Erhabene selbst wirklich und hat durch diesen Schein eine wirkliche Gegenwart ohne wesentlich wirklich zu sein. Sie ist die Vergegenwärtigung einer Ungewissheit, das nur im Schein wie ein Wissen für sich sein kann (siehe auch Bewusstsein).

Es erfährt somit einen Sinn, der seinen Nutzen an einer Sache findet, die einen menschlichen Sinn reflektiert, der in der Sache seine rein geistige Form hat, also nicht sachlich ist. Durch sie und über sie schließt er sich ausschließlich mit sich selbst zusammen und erlebt sich in dem Fetisch, für den die Sache steht, lebt damit eine Abstraktion, die nur für ihn Sinn hat (siehe abstrakt menschlicher Sinn). Die Vermittlung der sinnlichen Beziehungen in der Welt wird im Fetisch zu einem scheinhaften Sinn, der seinen Ausschluss nicht mehr wahrhat, weil er die Täuschung für sich wahrmachen muss um das zu sein, was ausgeschlossen ist (siehe auch Isolation). Fetischismus ist somit nicht nur eine Form des Bewusstseins, sondern ein Zustand entfremdeter Selbstreflexion, die über äußere Gegenstände aufgehoben erscheint (siehe auch Warenfetischismus) oder Menschen zu solchen Gegenständen macht (siehe Körperfetischismus). Er ist sowohl eine Fixierung des Bewusstseins an die Gegebenheiten des Seins, also auch eine beseelte Wahrnehmung, welche an einem Gegenstand wahrmachen muss, was sie für ihre Seele nicht wahrhaben kann.

Marx verwendet den Begriff Fetischismus bezogen auf eine Gesellschaft, in der das Verhältnis der Waren (siehe Tausch) wie ein Naturwesen erscheint, das den Menschen mit einem eigentümlichen Wesen gegenübertritt und worin das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen wie ein Verhältnis ihrer Sachen gilt. Er nennt diese Erscheinung dann auch Warenfetischismus. Diese in seinen ökonomischen Schriften (Grundrisse und Kapital) referierte Reminiszenz an die Philosophiekritik hat keinen logischen Stellenwert in der Kritik der bürgerlichen Ökonomie, wohl aber in der Ideologiekritik. Ideologie, die ja auf Vorstellungen von gesellschaftlicher Wirklichkeit gründet, trägt wesentlich zu ihrer Mystifikation bei und bietet somit auch die Begrifflichkeiten für sublime Fetischismen.

Der Begriff der "Fetischisierung" wurde von Adorno allerdings darüber hinaus auch zu einer der Ökonomie unmittelbar entnommenen psychologischen Begrifflichkeit gewendet: Verdinglichung des Bewusstseins. Darin ist nicht nur die Adäquanz des unmittelbar praktischen und daher unentwickelten Bewusstseins mit dem Phänomen der Mystifikation des gesellschaftlichen Verhältnisses, dem Warenfetisch gemeint, sondern es wird von Adorno auch die Unterwerfung der Menschen, ihrer Empfindungen und Bedürfnisse, mit den Erfordernissen des Arbeitsprozesses überhaupt gleichgesetzt (siehe hierzu auch Friedmann Grenz: "Adornos Philosophie in Grundbegriffen", Suhrkamp-Verlag 1975, S.43ff). Dadurch wird der Fetischismus zu einem ontologischen Begriff, der nicht mehr die Unentwickeltheit eines bestimmten Bewusstseins im Schein des Warentauschs beschreibt, sondern die Beugung menschlicher Wahrheit durch Arbeit überhaupt. "Verdinglicht" ist, was sich der Notwendigkeit von sachlichen Beziehungen beugt und daher dem Hässlichen zugewandt ist. Seine Wahrheit ist die des Schönen (siehe Ästhetik) und so wird Adornos Fetischismusverständnis zum Inbegriff bürgerlicher Gekränktheit an dieser Welt, in der sich nicht richtig leben lässt ("Es gibt kein richtiges Leben im falschen"). Der Fetischismus wird so zur Fixierung an das beschädigte Leben, das Adorno immer in diesem Gegensatz und also als negiertes (also nicht widersprüchlich verwirklichtes) Leben beschreibt (siehe negative Dialektik). In diesem Sinne wird der Fetischismusbegriff auch von seinen Schülern (z.B. Postone) zu einer nicht nur durch die Geldform der Waren bedingte Mystifikation des Verstandes, die durch schlussforlgerndes Denken und durch Wissen überwunden ist, sondern zu einer umfänglichen psychologischen Unterwerfung unter den "Verblendungszusammenhang" bürgerlicher Wertschätzungen überhaupt. Dies macht ideologiekritische Begrifflichkeit zu einer psychologischen, die sich in ihrer Verwendung als beglifflich gefasster Vorwurf auswirkt (nämlich an die bürgerlichen Verhältnisse fixiert zu sein).

Solcher Vorwurf wird neuerdings (z.B. durch die Wertkritiker) auch ausgedehnt auf das Alltagsverständnis von Arbeit. Sie selbst sei erwiesenermaßen überholt und also die Menschen, welche darin ihre Wirklichkeit zu begreifen suchen, selbst einem Fetisch unterworfen. Hierzu wird Bezug auf Marx genommen, der zwar von einem immerwährenden Verhältnis von Notwendigkeit und Freiheit der Arbeit (als Dialektik von Freiheit und Notwendigkeit im Sinne Hegels) spricht, aber so gelesen wird, als ob darin dem freien Konsumenten das Wort geredet würde, der von einer vollautomatischen Warenproduktion durch Maschinen zu versorgen wäre. Die Gleichsetzung von Arbeit mit Fetischismus, also das Festmachen der "Fetischisierung" an der Arbeit selbst, am Aufwand der Produktion von Gegenständen der Bedürfnisbefriedigung, macht aus jedem arbeitenden Menschen einen "fixierten" Menschen, der bestenfalls keine andere Möglichkeit zu seiner Reproduktion hat (welche auch?) oder an seiner Borniertheit leidet und der sich deshalb gegen die Arbeit auch nur "therapieren" lässt (Bewusstsein muss ja wohl außen vor bleiben, wo es kein Sein hat!). Bleibt die Maschine als Automat der Bedürfnisbefriedigung, menschliche Bedürfnisse also als Notdürftigkeiten der Technologie. Welch aberwitzige Fixierung an die Technik selbst! Die Fetischismuskritik wendet sich so zum impliziten Technologie-Fetischismus im Glauben an die von jedem Aufwand befreiten Muse, die sich ihren Inhalt in der Muße gibt. Natürlich lassen sich damit die Freunde der Muse und des Schönen leicht ansprechen, weil sie damit flugs zum allgemeinen Menschen, zum menschlichen Subjekt gekürt sind; mit der Kritik der politischen Ökonomie hat dies jedoch ebenso wenig zu tun wie mit der Kritik bürgerlicher Ästhetik: Solcher Müßiggang ist nichts anderes.

s.a.

=> Verdinglichung

=> Täuschung

zitatup5a1a1 Warenfetisch im Kapital

Feudalismus

Der Feudalismus ist eine Gesellschaftsform, worin die Menschen als Schuldner an ihrem Leben bestimmt sind (feudum = das Lehen): Weil sie es durch höhere Macht verliehen bekommen haben, sind sie dem Gnadentum der Mächtigen auch ausgesetzt und verpflichtet. So war z.B. das Gottesgnadentum der Feudalfürsten eine Lebensstruktur von übermenschlicher Bestimmung, die Geburt einzige Stätte der Machtübertragung. Die Grundlage der Macht sind die Privilegien, die "einer höheren Geburt" zugewiesen sind. Die gesellschaftlichen Eliten beziehen ihre Bestimmung aus einem allgemein anerkannten geistigen Machtgefüge der Kultur.

In der Französischen Revolution wurde der Feudalismus zu einem Kampfbegriff und zielte darauf ab, die von ihrem Leben abgetrennte Klasse der Menschen als Objekte eines allgewaltigen Schuldverhältnis ohne wirkliche Verschuldung, als Leibeigene zu kennzeichnen, durch welche sie zur Fronarbeit gezwungen sind.

s.a.

=> Kapitalismus

webup1a Begriff im Netz (Google-Suche)

Feudalkapital

Das Feudalkapital beruht auf dem Besitz von Kulturgütern, welche Menschen lebensnotwendig sind und durch welchen sie gezwungen sind, sich für Geld zu verdingen, um in deren Besitz zu gelangen. Dies setzt voraus, dass es solche Güter gibt, die als kulturelle Lebensbedingung für Menschen existieren und auf dem Markt angeboten werden. Dies ist der Fall, wo in einer Gesellschaft Gegenstände die Tauschbeziehung der Menschen bestimmen, die keine wirklichen Bedürfnisse befriedigen, sondern lediglich Notwendigkeiten des rein kulturellen Bedarfs erfüllen. Das ist eine Gesellschaft, worin menschliche Identität nicht gegenständlich und also nicht wirklich möglich ist. Von daher bestehen die dort erworbenen Güter nur geistig als Allgemeingüter einer Kultur, die nicht mehr wirklich existieren kann. Das sind Güter, die käuflich erworben werden, um gesellschaftliche Identität zu erlangen, ohne welche Menschen völlig beziehungslos blieben (z.B. Kommunikationsmittel, Mode, Design, Kult, Musik, Status usw.). Durch die Unmöglichkeit, ohne dieses Güter in eine menschliche oder zwischenmenschliche Beziehung zu treten, besteht deren Besitz als Lebensbedingung kultureller Bedürfnisse.

Das Feudalkapital resultiert aus der Verwertung solcher Bedürfnisse und ist eine Wirklichkeitsform des fiktiven Kapitals (siehe hierzu auch Tittytainment). Dieses füllt sich dadurch mit angeeigneter menschlichen Arbeit, dass diese veräußert wird, um überhaupt kulturelle Bedürfnisse zu befriedigen. Diese Art der Verwertung entspricht einer Negativverwertung, durch welche im Nachhinein einer Verwertungskrise Werte gedeckt werden, die ansonsten nicht realisierbar wären.

Feudalkapitalismus

Der Feudalkapitalismus ist eine Verwertungsgesellschaft von Feudalkapital durch den Besitz von Kulturgütern, welche als Kulturbesitz Kulturmacht darstellen. Weil sie als menschliche Lebensbedingung veräußert und von daher gesellschaftlich notwendig sind, müssen sie auch käuflich erworben werden, um gesellschaftliche Identität (z.B. Mode, Design, Kult, Musik, Status usw.) zu erlangen.

Eine solche Gesellschaft setzt eine vollständige Entfaltung des Geldbesitzes als gesellschaftliche Grundlage voraus, welcher alle Beziehungen darin bestimmt, und dennoch Geld nur Arbeit verfügbar macht: Eine durch Dienstleitung selbst gestaltete Gesellschaft.

Darin bestehen alle Verhältnisse aus den Möglichkeiten, welche die unterschiedlich verfügbaren Geldquanten bieten. Eine subjektive Identät, welche der Warentausch noch nicht ausschließt, ist jetzt im gesellschaftlichen Verhalten von bloßen Geldbesitzern ausgeschlossen und die Menschen sind gezwungen, für das, was sie zu ihrer Identität in dieser Gesellschaft nötig haben, Geld zu erwerben. Geld ist von daher das Unterwerfungsmittel einer Kultur, die selbst Kultur als Medium des Geldes nutzt, Urspruch und Ziel des Geldbesitzes verkörpert: Politische Kultur. Solcher Geldbesitz bezieht sich nicht mehr auf sachliche Bedingungen und Verwirklichungen der Lebensproduktion und ist nicht durch Dinge gedeckt, welche diese dastellen und aufheben (siehe z.B. Lebensmittel), sondern allein durch Kulturgüter.

Kultur hat hierdurch eine unmittelbar feudale Rechtsform: Kulturbesitz (Lizenzen, Eintrittsgelder usw.). Sie ist zwar nach wie vor durch menschliche Tätigkeit entstanden, aber politisch ist sie als Maßnahme des Geldbesitzes festgehalten, um hieraus Kulturwert zu schöpfen, der die Verwertungsprobleme der Geldverhältnisse, vor allem ihre Inflationierung auszugleichen. Die Menschen entäußern ihre Arbeit dann nicht, um ihre Lebensmittel zu erwerben, sondern um ihre kulturelle Identität zurück zu kaufen. Auf diese Weise wird fiktives Kapital selbst zu einer Feudaleinrichtung - wenigstens, solange die Menschen an das Geld als solches glauben. Es füllt sich durch Substanzen der Kultur und zwingt durch deren Inbesitznahme die Menschen zur Veräußerung einer entfremdeten Lebenskraft, um durch damit erworbenes Geld sich Selbsterlebnisse zu verschaffen. Diese haben sie nötig, weil und sofern ihre eigene Kultur auf den Verhältnissen abstrakt menschlicher Sinnlichkeit beruht. Von daher befinden sie sich in einer kulturellen Leibeigenschaft und die Kultur selbst hat ihren Sinn nur durch die Aneignungsformen menschlicher Sinne, durch deren Verwertung im Angebot des Erlebens: Entleibung durch Verleiblichung des Geldes.

Feudalkapitalismus begründet sich kulturell aus den Verhältnissen menschlicher Nichtigkeit, welche in der Logik des Kapitals sich entfaltet. Durch die Unterwerfung der Menschen unter die Verwertungskrisen des Kapitals wird ihr Leben selbst in eine Nichtung versetzt, wodurch sie unmittelbar keine Identität als gesellschaftliche Menschen mehr haben. Sie müssen sich diese daher im Privaten ihre Selbstgewissheit als ihren besonderen Selbstwert erwerben.

Der Feudalkapitalismus produziert daher nicht wesentlich für den Stoffwechsel, sondern für die Selbstgewissheit der Menschen. In der Selbstinszenierung und derer Darstellung auf den unterschiedlichsten Bühnen der Welt, also in allen Formen des Selbsterlebens (siehe auch Körperfetischismus), werden die Grundlagen einer politischen Kultur geschaffen, welche sinnliche Abstraktion selbst zum Inhalt hat. Kultur wird dadurch unmittelbar politisch, dass sie die Not, die sie erzeugt, selbst zum Mittel ihrer Macht nimmt und Personifikationen erzeugt, die wohl am besten von George Orwell als "Großer Bruder" beschrieben wurden. Von der Seite des Kapitals wurde dies mit dem Begriff Tittytainment belegt, der vor allem die Verwertbarkeit von kulturell abhängigen Menschen reflektiert.

Feuerbach, Ludwig

zitatup5i3b1 Feuerbach-Thesen

Fichte

quelleup1c3 Antisemitismus bei Fichte

Fiktives Kapital

Fiktives Kapital ist ein Vermögen an Geld oder Schuldscheinen (Wechsel) oder Krediten oder Aktien, das nicht durch Waren oder Geld gedeckt ist, obwohl es durch verausgabtes Geld entstanden ist. Nicht dieses aber macht sich fiktiv; es wird höchstens wertlos. Fiktiv ist das Wirtschaften mit einem Kapital, das darin nur spekuliert ist, also mehr oder weniger sicheres Resultat einer Wertrealisation sein soll: Das hantieren mit Wechsel und Wertpapieren, welches abhängig ist vom Erfolg seiner Anwendung in der Geldverwertung, gleich, ob hierdurch nur Handelsprofite "erwirtschaftet" werden oder Profite aus der Produktion.

Das fiktive Kapital beruht auf Gewinnerwartungen oder Zahlungsversprechen, ist also Kapital, das aus der reellen Kapitalzirkulation herausgetreten und idell verselbständigt ist - allerdings mit hoher Funktion im Kapitalverkehr, vor allem, weil es realen Geldverkehr aufhebt und Wechsel gegen Wechsel stellt und sich daher ausßerordentlich schnell bewegen kann. Dieses Kapital hat daher auch eine enorme Bedeutung im Welthandel und macht etwa 98% der Kapitaltransfers aus (ca. 3 Billionen Dollar pro Tag).

Dieses macht in der Globalisierung den Motor der Geschichte aus. Darin deckt sich weder Geld noch Kapital durch reale Werte, sondern durch Werterwartungen, die als einzige Sicherheit die Tatsache haben, dass die Menschen nicht anders können, als zu arbeiten und auch Geld abzutreten, um im globalisierten Kapitalismus gesellschaftlich existent zu bleiben. Sie treiben daher vor allem die Grundrente hoch, also die Werte, die dem produktiven Kapital entzogen werden, um als Lizenz, Miete, Pacht, Leasing, Verkehrsgebühren (z.B. Maut) usw., selbst wertbestimmend zu werden. Aber auch in dieser Form verliert Kapital an Wert, wenn dies physisch nicht mehr realisierbar ist (z.B. zu wenig Menschen zum Erhalt der Mietpreise, Lizenzen, Verknappung der Ressourcen usw.). Dies bestmmt sich als Kapital fort, das eine rein politische Instanz wird, die bei einem anhaltenden Wertverlust des fiktiven Kapitals darauf abzielt, die Realisierbarkeit des Werts auch über die physischen Grenzen des Verwertungskreislaufs hinaus zu expandieren, das Wertversprechen letztlich also auch mit militärischer Gewalt durchzusetzen (siehe Petro-Dollar)

Natürlich steht am Ende immer die Produktion und ihre Produkte. Dass Menschen hierfür nach wie vor nur ihre Arbeitskraft besitzen, die sie für fremden Gebrauch verkaufen, und dass sie zum Großteil daher nicht in der Lage sind, die Spekulationen auf besondere Wertrealisiationen zu erfüllen, weil ihre Löhne hierfür niemals reichen können.

So bleiben Mietpreise weiterhin daran gebunden, was die Löhne einer bestimmten Region hergeben - es sei denn, es handelt sich um Pachten für Betriebsstätten der Produktion. Diese jedoch werden immer kleiner. Teurer können sie in dem Maße werden, wie die Konzentration der Kapitalanwendung zunimmt, sind damit aber zugleich eine innere Schranke der Kapitalverwertung.

Fiktives Kapital bleibt ein Kapitalverhältnis innerhalb der herrschenden Klassen und kann sich daher nur darüber hinaus entwickeln, wenn es die Produktion als Kulturmacht in der Form des Besitzes an Kulturgütern beherrscht. Indem Kultur selbst unter Druck gerät und die Menschen nicht nur für Lebensmittel arbeiten, sondern auch, um Geld für ihre kulturelle Identität zu erwerben, etabliert das fiktive Kapital aus seiner Krise heraus selbst eine Form des Kapitalismus: Den Feudalkapitalismus.

zitatup5i3b1a Fiktives Kapital
quelleup5a2729b1 Fiktives Kapital in der Zusammenbruchstheorie der Krisis
Systemup14a1 Kredit und Fiktives Kapital bei Marx

webup1a Begriff im Netz (Google-Suche)
 

Finanzkapital

Finanzkapital ist das Kapital, das aus dem Geldverkehr selbst Kapital erzeugt. Dies geschieht vornhemlich durch den Aktienmarkt und durch Nutzung von Zeitbeschleunigungen in Produktion und Zirkulation des Kapitals.

Das Finanzkapital ist vorwiegend politisches Kapital. Es handelt nicht nur mit Produkten, Währungen und Produktionsbedingungen, sondern auch mit Produktionserwartungen und Produktionsbedingungen und Kultur-und Rechtsunterschieden. Gilt eine Anlage als Wachstum versprechend, so wird mit dem entsprechenden Erwartungswert bereits gehandelt, bevor überhaupt irgendeine Produktion dies abgleichen kann. Der Druck auf die Geldanlage ist daher hoch. Aber irgendwann muss das Versprechen eingelöst werden und auch eine Währung muss immer noch so bewertet sein, dass sie durch die Warenwerte „gefüttert“ werden kann, die sie auf dem Weltmarkt erheischt.

Flexibilität

Flexion meint Beugung, eine aus bestehenden Aktivitäten abgeleitete Form derer selbst, die für sich ohne Reflexion ist. Praktisch meint Flexibilität das sich an bestehende Kräfte An- und Einpassen und daran keinen Schaden zu nehmen, also funktional zu bleiben. Es meint eine Art von Elastizität, also Freiheit von Starrheiten und Staarrsinn, Beweglichkeit in gegebenen Strömungen und Kräften, das sich darin Drehen und Winden im Zweck einer geschickten Nutzung von Vorteilen durch Anpassung mit geringstem Widerstand. Praktisch heißt dies optimale Anpassung an das Nötige und Gegebene, absolute Widerstandslosigkeit bis zur Selbstlosigkeit, dementsprechende Beweglichkeit, Veränderung, Sortierung und Ausgrenzung des Unnützen. Es ist die Lebensform eines vollständig utilitaristischen Pragmatismus, wie ihn der Neoliberalismus zur Grundlage hat. Als Grund hierfür dient der Gewinn aus Vorteilen, die sich zwischen allen Bewegungen ergeben. Verluste werden hierbei als Risiko angesehen.

Flexibel muss der Mensch vor allem sein, um Geld zu verdienen, und flexibel muss Geld sein, um den Menschen zu bedienen. Die Beweglichkeit ist das praktische Hauptmerkmal des Geldes: Man kann damit überall hin und dort immer etwas erreichen, wenn man am richtigen Fleck ist. Aber man muss ihm auch genügen, so beweglich sein, dass die durch Kraft, Vermögen und Fähigkeit gesetzten Schranken permanent überwunden werden können, der Mensch unerbittlich dazulernt, sich ausbildet und dorthin entwickelt, wo er gebraucht sein könnte.

Geld ist allseitig, unendlich beweglich und gegen allles Bestimmte gleichgültig (siehe Geldbesitz). Wer ihm dient, muss dies auch sein können. Flexibilität ist das Phänomen einer Gesellschaft, die nicht nur Geld erwirtschaftet, sondern auf Geld als Kapital gründet: Das Phänomen einer Dienstleistungsgesellschaft. Wer darin erfolgreich sein will, muss hieran vollständig angepasst sein, muss sich selbst beständig und zu jeder Zeit selbst vergessen können, völlig widerstandslos und identitätslos sein können. Die Identitätslosigkeit der Menschen ist das Prinzip von Lebensverhältnissen, in denen der Gelderwerb als solcher ein Überlebenssprinzip ist, dem kein konkretes Leben mehr gegenübersteht.

Eine eigene Geschichte, eine Auseinandersetuung mit sich und anderen, mit dem Leben, seinen Grundlagen und Bedingungen ist hiergegen immmer borniert, Last der Vergangenheit gegen die Chancen und Möglichkeiten der Gegenwart. Darin ist ja alles schon enthalten. Man muss es nur finden. Vieles steht im IKEA-Katalog. Und was nicht drin steht, das wird bestimmt gemacht, wenn viele es wollen. Geld ist eben flexibel.

Wie die Dinge entstehen und vergehen, das muss möglichst gleichgültig sein, um damit flexibel hantieren zu können. Hauptsache, sie sind da. Aber gerade im Dasein steckt die Tücke seines Seins: Was geworden ist, nur um da zu sein, kann nicht werden, was es ist. Es ist immer vor allem etwas anderes. Alle Zusammenhänge sind darin bestimmt, nur da zu sein; sie müssen funktionieren, ineinandergreifen und ihrer Bestimmung genügen. Jeder Ausfall eines funktionierenden Zusammenhangs wird zur Katastrophe. Denn darauf gründet die Flexibilität. Und der Ausfall kommt bestimmt immer dann, wenn die Funktion optimal sein muss. Gerade dann kommt das zum Vorschein, was das ist, was da ist. Die Funktiion kann nur von Spezialisten wiederhergestellt werden, die das kennen, was da ist, die wissen, warauf es gründet und woraus es besteht. Für die Dinge und Gerätschaften stehen sie ja auch bereit, die Spezialisten. Wo aber zwischenmenschliche Beziehungen am Dasein scheitern, ihre Liebe plötzlich und unvermitelt zerstört ist, da gibt es keinen wirklichen Spezialisten außer den Betroffenen selbst. Ihnen ist da aber eigentlich nur irgendetwas dazwischen geraten, hat Reibungen in ihr Funktionieren gebracht, die nicht begreifbar sind in der Welt der Funktionen, ist irgendwie unheimlich.

Das Dasein hat seinen Sinn im Sein, und Flexibilität steht hiergegen. Sie nutzt nur die Funktion der Dinge und Ereignisse, die da sind, für einen allgemeinen Zusammenhang, der selbst nichts anderes ist als das Dasein ihrer Vermittlung. Flexibilität ist Fortbestimmung von Beweglichkeit ohne eigene Bewegung, die Unabhängigkeit von Bindungen, also von gesellschaftlichen Zusammenhängen, ohne Rücksicht auf das Gestern und Morgen, ohne Geschichte. Sie ist eine selbstlose Beziehung um ihrer Selbst, unter Nutzung aller Umstände, Utilitarismus pur als vollständig rücksichtsloses Prinzip der Anpassung an jedwede Gegebenheit, Selbstbeziehung als Fremdbeziehung, als Anerkennung der eigenen Bedingtheit ohne eigene Autorisierung, also in der Autorität der Sachgewalt. R. Sennet leitete daraus eine Persönlichkeit des modernen Erfolgsmenschen ab: "Die flexible Persönlichkeit".

s.a.

=> flexible Persönlichkeit

siehe hierzu auch den Text

Thesen zur Diskussion des Begriffs "flexible Persönlichkeit"

siehe hierzu auch den Themenanbend zu

Die "flexible Persönlichkeit" - Merkmale des modernen Erfolgsmenschen


Systemup14a1 Flexible Persönlichkeit
quelleup5a27g1a1a2a Neue Identitäten
quelleup5a14c1 Der "flexible Mensch"
quelleup5a34b1 Proteische Persönlichkeit
webup1a1b Flexibilisierung der Arbeitswelt
webup1a1b1 Jens Bergmann: "Sei Du selbst"
webup1a1b1a Call-Center Evolution
webup1a1b1a1 Rezension "Der flexibel Charakter"
 

flexible Persönlichkeit

"Der Druck auf den Einzelnen, der sich auch in einem gewandelten Verständnis des Zeitbegriffs zeigt, steigt immens. Hinzu kommt eine engmaschige Überwachung der gesamten Produktionsprozesse - einschließlich der Arbeitenden - durch den Einsatz moderner Kommunikationsmittel. All dies trägt zu einer Atmosphäre von Angst, Hilflosigkeit, Instabilität und Verunsicherung in weiten Teilen der Gesellschaft bei. Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer. Die Mittelschichten werden ausgedünnt. Dort ist eine Polarisierung zwischen einer kleineren Gruppe von Profiteuren und einer großen Anzahl von Verlierern des neuen Systems zu beobachten." (Richard Sennet, "Die Zukunft des Kapitalismus")

Geld ist allseitig, unendlich beweglich und gegen alles Bestimmte gleichgültig. Solange es alleine als Zahlungsmittel fungiert,nimmt man das für eigene Zwecke in Kauf. Wenn es aber selbst Leben vermittel, zum Lebensmittel wird, so geht es als Lebensbestimmung ein, der man selbst unterworfen ist. Wer ihm dient, muss sein können, was es erfordert: Allseitig, unendlich beweglich und durch es gebeugt. Flexibilität ist das allgemeine Phänomen einer Gesellschaft, die nicht nur Geld zu ihrem Lebensunterhalt und ihrer Mehrproduktion erwirtschaftet, sondern die ihren gesellschaftlichen Zusammenhang auf Geld als Kapital gründet: Es ist das Phänomen einer Dienstleistungsgesellschaft, in welcher das Individuum nicht mehr als ein auf seine gesellschaftliche Tätigkeit und Bedürftigkeit bezogener Mensch aufgefasst wird, sondern als ein Zentrum seiner Beziehung auf unendlich viele Lebensmomente, als Knoten einer im Grunde unbestimmten und unbestimmbaren Beziehungswelt. Das wird auch von den Vertretern des postmodernen Existenzialismus in dieser Phänomenologie aufgenommen und damit affirmiert: "Wir existieren nicht mehr länger als Subjekte, sondern eher als Terminal, in dem zahlreichreiche Netze zusammenlaufen" (Jean Baudrillard: Das andere Selbst, Wien 1987, S. 14, zitiert nach Rifkin: Access, S. 283). Das Leben besteht nach solcher Auffassung aus beliebigen, völlig relativen Momenten ohne jede Wahrheit und Allgemeinheit, deren Sinn sich aus einem aktuellen Beziehungsgeflecht ergibt, in welchem gut leben kann, wer sich darauf einzustellen vermag, wer also flexibel ist.

Wer unter solchen Bedingungen sich bestätigt sieht, kann sich auch nur am eigenen Erfolg bestätigen und sich für ihn betätigen. Jede Meinung ist hierin völlig relativ dazu, jede Auffassung ohne weiterreichende Bedeutung. Aber auch Erfolg ist realtiv, besonders zu Erwartungen und Vorstellungen, die man aus seinen konkreten Lebensbedingungen heraus für sich hat und bildet. Von daher gilt auch schon als Erfolg, wenn man sie bewältigt, mehr noch, wenn es einem gelingt, ihnen noch eine Besonderheit abzugewinnen, indem die Ereignisse darin hierfür zugerichtet und aufpoliert werden, jedes zu einem Kult für sich. Die Fragmentation des Welterlebens wird durch fragmentarisches Bewusstsein bestätigt, das lediglich durch wirkliche Erfolge mit größeren Geschäften aus seiner Dämmerung erwacht. Solche Erfolge gelten dann aber eher als zufällig, als ein "Treffer" in einer Welt unbestimmter Möglichkeiten, der sich ereignet und für den man eigentlich nichts kann. Doch der Sinn steht im permanent geleugneten Lebenshintergrund vor allem danach. Im Grunde geht es nur um Erfolg und der ist dann eben ein Zusammentreffen von Können und Fügung, das eher durch Flexibilität zu erreichen ist als durch Reflexion.

Wer an den Erfolg aus ungewissen Sachverhalten heraus glaubt, der glaubt, was den Neoliberalismus ausmacht, glaubt an die Niederkunft eines Glücks aus dem Selbstregelungsprozess der faktischen Welt, das man erlangen kann, wenn man sich dauerhaft für etwas engagiert, sich auf diese Verhältnisse einstellen kann und bereit für alles ist - eben flexibel. Das Prinzip des Erfolgs ist nach diesem Glauben zugleich sein Zufall: die Bereitschaft sich jeglicher Botschaft zu öffnen, die es verheißt, jeden Deal mit zu machen, der es möglich sein lässt. Leben erscheint einem solchen Menschen als eine Art Glücksspiel, bei dem er sich selbst zum Einsatz bringt. Er muss sich selbst beständig und zu jeder Zeit selbst vergessen können, völlig widerstandslos und identitätslos sein können, denn die Identitätslosigkeit ist das Prinzip von Lebensverhältnissen, in denen der Gelderwerb als solcher ein Lebenswert, ein Lebenssprinzip ist, das über sich sebst hinausgeht, also eigentlich ein Überlebenssprinzip ist, eine Hoffnung auf ein Leben, das sich aus den bloßen Möglichkeiten der Lebensbedingungen irgendwo und irgendwann ergibt, also letztlich von selbst erfüllend und darin schon lebendig sein soll, dass es Lebensbedingungen hierfür, nämlichen materiellen Reichtum gibt, der lediglich der Aneignung harrt. Das Erfolgsversprechen ist so hoch, wie es gerade auch noch erreichbar erscheint. Aber der Zufall, es zu erlangen, ist damit besonders überzufällig und ereignet sich aus ungeahnten Hintergründen heraus, nicht aus der Logik der Wirtschaft, sondern aus ihrer Mystik. Das letztlich macht Neoliberalismus als ihre abstrakteste Ideologie, die sich somit als praktischer, ja, seelsorglicher Lebensratschlag gibt: Leben kann man nicht einfach, man muss dafür etwas tun, auch wenn man selten genau weiß, was. Flexibilität wird zur allgemeinen Erfordernis an das Leben schlechthin, um so strenger, je leblos es selbst wird. Es steht daher solchen Bedingungen bald kein konkretes Leben mehr gegenüber. Sie selbst werden Lebensgrund und Grundlage für alles, was dabei sich ergibt, weil es darin immer möglich ist. Leben, das ist das, was vielleicht dabei herausspringt und was jeder unter solchen Bedingungen so tut und treibt, steht in dieser Erwartung, ohne zu erkennen, dass er oder sie sich dabei schon als leblos unterstellt. Von daher ist Leben nicht Ausgang, sondern Ziel aller Tätigkeit. Das bedingt, dass solche Menschen sich nicht von ihren Lebensbedingungen unterscheiden können. Ihr Leben ist ein unterschiedsloses Sein und Empfinden, dessen Frucht erst Leben sein soll.

Die flexible Persönlichkeit ist aber nicht ein Kind unsarer zeit, sondern ein Kind des Kapitals - und zwar dort, wo es besonders volkstümlich auftreten kann, wo es Volksaktien ausgibt und an den Glauben appelliert, Gläubiger sucht. Sie entspricht der Beweglichkeit des Kapitals, in dessen Diensten sie meist indirekt steht als dienstleistende Arbeitskraft, als "Volksaktionär" oder als Verbraucher -nicht nur als Konsument eines Marktes der Lebensmittel, sondern auch eines Marktes, der sich jenseits des Marktes organischer Gebrauchswerte in einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt: Der Kulturmarkt. Hier entsteht nicht Kultur, hier wird gegeben und genommen, was eine bestimmte Kultiur nötig hat, die nicht durch ihren Lebens- und Arbeitsprozess sich entwickelnn und ausbilden kann: Kultur die durch Kulturkonsum aufgezehrt wird. Für solchen Konsum muss es nichts geben, was auch nützlich ist, kein Entstehen und Vergehen als Sache hat, sondern vor allem Ereignisse, welche zur Unterhaltung, zur Bewegung, Erregung und Besänftigung geboten werden. Es ist ein Markt der Kulturevents, der seine Konsumenten mit präsentierter Kultur, mit Eventkultur abfüttert und darin bestärkt, was er als Vorstellung von sich hat und dass die Welt zu nehmen ist wie sie ist, indem man sie schön und gut sein lässt. Flexibel nämlich ist eine Persönlichkeit nur solange, solange sie sich mangels Selbstidentifikation nicht wirklich verhalten kann, weil sich nicht wirklich auf sich, andere und die Welt bezieht, solange sie ihre Eigenheiten mit ihrer Geschichte zu Grabe trägt. Durch ein eigenes Verhältnis zu ihren Lebensgrundlagen würde sie nämlich notwendig disfunktional, gestört und störend, weil Kapital selbst tot ist, tote Arbeit enthält und totes Leben verwirklicht. Man sieht daran: Es ist eine gesellschaftlich erzeugte Persönlichkeit, die Unpersönlichkeit eines gesellschaftlichen Leidens.

Das Leiden heißt Geldbesitz. Aber es ist ein Leiden an seiner Macht, an der die Menschen in einer solchen Gesellschaft teilhaben, allgemein reich sind dadurch, dass sie darin leben. Und deshalb müssen sie auch die Unwirklichkeit des kapitalisierten Geldes ertragen, sich darin verallgemeinern, sich generieren, und sich unentwegt wiederfinden, weil sie sich in solcher Allgemeinheit nur verlieren können. Unter solcher Bedingung sind alle Verhältnisse der Menschen, auch ihre Generationsverhältnisse, reine Regenerationsverhältnisse als zwischenmenschliche Verhältnisse, die sich durch selbständige Geldverhältnisse sowohl begründen, als auch regeln. Geld verhält sich darin zu sich als Erscheinung von Reichtum in einer Hand, die dessen Herkunft nicht berührt und begreift, weder verpflichtet, noch beschuldigt, solange sie es hat. Es ist ohne Geschichte und ohne Wirklichkeit, aber voller Wirkung. Die einen macht es arm, weil sie es nur haben, wenn sie es durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft verdienen, die anderen reich, weil sie es haben und damit umgehen können. Flexibel sind vor allem die.

In deren Leben geht es daher auch weniger um den Mangel und die Not, die Geld mit sich bringt, sondern um dessen Glanz, um Design und Mode, und, wo es unter solchen Menschen ist, geht es durch sie hindurch und bringt ihren Willen zur ästhetischen Form, zu einem ästhetischen Willen, der ihre Beziehungen aus der Dichte ihrer körperlichen Anwesenheit bestimmt. Da geht es dann um Körperkult (s.a. Körperfetischismus), um Selbstwahrnehmung, die sich aus dem Verhältnis des körperliches Wesen Mensch als Sinn der Wahrnehmung, als beständig nach Erneuerung trachtendes Selbstgefühl ergibt, das sich an der Art und Weise körperlichen Daseins als Sinn für sich wahr fühlt.

Eine flexibkel Persönlichkeit besteht aus unendlich viel Gefühl für sich selbst, das dort entsteht, wo sie sich unter anderen Menschen als Mensch fühlt (siehe zwischenmenschliche Beziehung). Solche Selbstgefühle sind die in der Entleibung der Gefühle gewonnene Gefühlsgewohnheiten, die sich unendlich ausbreiten lassen in Ton und Bild, Musik und Bühne, so beweglich, wie die Bedingungen, die sie in sich überwunden und aufgehoben haben. Es sind die Gefühle der Flexibilität, welche somit zu einem Charaktermerkmal der Eliten einer Dienstleistungsgesellschaft geworden ist, zum Elixier kultischer Gefühligkeit, dem alles bestimmte Leben unterworfen ist.

Dieses wird dadurch selbst zum Kulturmittel, zu einer belebenden Substanz kultischer Bezogenheiten, die sich über die Nähe und Ferne der Menschen in ihren Lebensräumen ausbreiten und ihre Zeit vergessen sein lassen. Das konkrete Leben erscheint darin selbst nur noch zeitlos, ohne wirkliche Geschichte, weil dafür keine Zeit ist, weil die Zeit selbst schon im Ereigniswechsel bestimmt ist, in der Endlichkeit der Gefühle, die darin auftreten. Freundschaften, Liebe, jede Zwischenmenschlichkeit hat darin keinen wirklichen Verlauf, keine bestimmte Entwicklung und Geschichte, sondern besteht aus aus der Wechselhaftigkeit der Lebensintensitäten. Sie sind von ihrem Überlebensprinzip nicht nur bestimmt, sondern ausdrücklich verneint, zur Nichtigkeit bestimmt. Daran muss man sich gewöhnen, um es ohne Lebensangst zu ertragen: Jede Auseinandersetzung scheitert an der Ausschließlichkeit der Überlebensinteressen und Leben gelingt darin nur in einer ziemlich toten Form, nämlich wenn man sich damit abfindet und sich daran gewöhnt, es selbst als Lebensumstand nimmt.

Aber die zur Gewohnheit gewordenen Lebensumstände zeigen auch dann ihre vertraxte Dialektik, wenn sie ihre Ausschließlichkeit behaupten: Im Dasein des Ungewöhnlichen, des ganz und gar Unstetigen der gesellschaftlichen Lebensbedingungen, verschleißt sich menschliches Leben bis zur Unkenntlichkeit und evoziert Verrückungen und Verrücktheiten, die von einer heftiger Lebenssehnsucht getrieben sind. Ihre Wahrheit aber kann nicht von dieser Welt sein; sie findet sich in esoterischen Übungen, Selbstheilungen, Familienaufstellungen usw., in denen die Ordnung der Ursprünglichkeit, die Geister der Vergangenheit zu leben beginnen (siehe hierzu "Hellinger, ein Heiland der herrschenden Ordnung").

Weil Leben beständig überlebt werden muss, weil es ohne dies keinen Sinn hat, wird es zu einer Aufgabe und Pflicht. Die Ordnungen des Jenseits machen daher Sinn, der in der Sinnlosigkeit des Diesseits wie eine übersinnliche Wesenstiefe empfunden werden kann, wenn man da etwas nachhilft und davon überzeugt ist. Je extremer die Ereigniswechsel im Alltagsleben sind, desto hilfreicher ist das Geraune der Selbstfindung aus den Ursprünglichkeiten des Innersten. Das "Cool-Bleiben" im Arbeits- und Lebensalltag, das sich damit beständige Abfinden und das drein Einfinden, um sich an die abrupte Wechselhaftigkeit des Seins zu gewöhnen, wird ausgeglichen durch eine flapsig verbrämte und doch hoch bewertete Innerlichkeit, die jedem zugestanden ist, wenn er sich rechtzeitig auch wieder daraus zurücknimmt, durch Lebenswerte, die eine Lebensweise der Selbstbezogenheit abdecken und abdeckeln. So reflektieren die Nettigkeiten und Gewohnheiten in der öffentlichen Lebens- und Arbeitswelt der Menschen eine Abgrenzung durch Zuneigung, die durch irrwitzige Selbstbestätigung und Pervertierungen von Selbstgenuss, im Erlebnis seiner selbst als Medium seiner Selbstgefühle, des allgemeinen Selbstgefühls auf den Bühnen des öffentlichen Lebens - in den Medien, den Kulturveranstaltungen und den Arenen der Leidenschaften.

In der Absehung von konkreten Lebenszusammenhängen entstehen Absichten, die im Fühlen und Empfinden selbst abstrakte Lebenswelten entstehen lassen, Scheinwelten, die so schnell abwechseln, wie sie von ihrer Wirklichkeit her nötig sind, Verliebtheiten, die der Selbstverliebtheit folgen, die hier und dort die Identität stiftet, die gerade lebensnotwendig erscheint. Das kann nicht gut gehen, wenn alle darin befangen sind. In solcher Welt eruptiver Weltenwechsel gibt es nichts mehr, worauf man sich verlassen und also auch nichts, worein man sich wirklich einlassen kann. Die Verlassenheit erweckt immer das Bedürfnis nach Rückbindung, das Gefühl der Gottverlassenheit und damit allerlei Religiosität und Sinnfragen. So paradox es ist: Die flexible Persönlichkeit ist ein gottverlassener Mensch, der zugleich höchst religiös ist, ob er das nun praktiziert oder nicht. Das Verlangen nach Sinn entsteht ja gerade dort, wo er zerstört wird. Und so wundert es nicht, dass hinter allem Unsinn der Verhältnisse, die sich darin forttreiben, das Bedürfnis nach Erlösung sich herausstellt, das Gefühl eines gigantischen Elends, das nicht mehr mit den Mitteln dieser Welt zu beherrschen ist, sondern nur durch ein höheres Wesen aufgehoben werden kann. Unendliche Beziehungswelten machen die Weite unendlicher Beziehungslosogkeit aus, und die setzt sich das höhere Wesen als etwas Geistiges, das die Welt verlassen hat und das als Kultstätte des Geistes, der sich vom Gewöhnlichen abhebt, der untergehenden Hoffnung auf menschliche Beziehung abstrakte Nahrung gibt. So lassen sich die Gewohnheiten der Welt wenigstens als Gefühl für sie fortleben, wenn sie in einem übermenschlichen Wesen fixiert sind - sei dies nun Gott oder irgendeine andere Vergötterung. Darin muss es einen übermenschlichen Sinn geben, eine Ordnung, der alles entspringt, was ohne dies keinen Sinn mehr hat (siehe Phänomenologie).

Hieraus entsteht ein weiteres Paradox: Die an ihre Welt gewöhnte, die gewöhnliche Persönlichkeit ist so flexibel, wie sie sich zugleich an dem einregelt, was ihr widerfährt. Sie nimmt die Welt als Medium ihrer Selbstbeziehung wahr und sich als Medium ihrer Ordnung, sich automedial (siehe Multimedia). Sie ist sozusagen Meister in der Selbstbeherrschung der herrschenden Ordnung, ein Mensch, der genau dem entspricht, was zum Leben notwendig ist, ohne darin wirklich leben zu können. Für ihn ist nichts mehr identifizierbar als fremd oder eigen, weil er darin ununterschieden ist, seine Äußerung zugleich Entäußerung von allem ist, was ihm zu eigen sein könnte. Kein bestimmter Inhalt ist hierin lebensbestimmend, keine Gewissheit möglich. Das fremd bestimmte ist ebenso Lebensform, wie Eigenes darin geäußert sein kann, ohne ihm fremd zu erscheinen. Ihm ist daher Aufbegehren ebenso fremd wie Autoritarismus und Hierarchie. Die neueren gesellschaftlichen Entwicklungen haben ihm seine Eigenheiten bis ins Mark ausgetrieben.

Trotzdem nun die herrschende Ordnung selbst wie eine übermenschliche Ordnung anerkannt ist, bleibt in der Unterschiedslosigkeit der Flexibilität die Wahrnehmung selbst vor allem von der Dichte der Ereignisse bestimmt, vom Quantum ihrer Anwesenheit, der Abfolge der kontinuierlichen Wechsel, worin sich die Selbstwahrnehmung in Bewegung erhält. Alle Mittel der Wahrnehmung, die unendlich vielen Kulturereignisse, Computerspiele, Medienauftritte, Musikträger usw. dienen weiterhin vor allem dem, dass innere Bewegungungen und Erregungen die Welt unbetrefflich und eintönig erscheinen lassen, lediglich geeignet als Mittel des Gelderwerbs. Allerdings ist jetzt der Übermensch in den Selbstgefühlen verfestigt und bereitet sich darin auf wie eh und jeh als Gefühl für Größe, Macht und Masse. Der Kulturkonsum wird hierdurch nicht geringer sondern breitet sich nun auch in die vertikale Dimensionen der Scheinwelten aus, die das Leben nicht mehr leiden mögen. Sie schließen jedes wirkliche Leiden aus, bestehen gerade in dem Zweck, kein Leiden, keine wirkliche Empfindung aufkommen zu lassen. Das bringt solche Persönlichkeiten zu eigentümlichen Verarbeitungsprozessen ihrer Seelenschmerzen, die sich besonders durch reaktionäre Lebenswerte füllen, um sich darin in ihrer Empfindungslosigkeit zu bestärken.

Die letztendliche Kehrseite der "flexiblen Persönlichkeit" ist ihre vollständige Abhängigkeit von den Verhältnissen, in denen sie sich bewegt, ihre Unfähigkeit, sich darin wirklich zu verhalten, ihre absolute Verhältnislosigkeit. Sie ist zutiefst verunsichert, weil ihr Handeln immer nur Reaktion sein kann auf Bedingungen, die sich ereignen und gestalten, wie sie es wollen und müssen. Solche Persönlichkeiten haben für sich ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Selbstbestätigung und Lebenssicherheit, die sie nur noch im Gelderwerb, durch einen guten Job mit gutem Lohn finden können. Darin allein scheint Sicherheit zugleich als Selbstbestätigung möglich: Durch die Einflussnahme auf die Lebensbedingung anderer Menschen und durch Verfügung über ein allgemeines, ein gesellschaftliches Faustpfand, durch die sie sein können, was sie wollen. Aber gerade weil dies ihr Problem ist, schließt sich der Kreis: Das Leben solcher Menschen besteht aus der Umklammerung der Gegebenheiten, die alleine Sicherheit versprechen, auch wenn sie die in keinster Weise wirklich erbringen. Die Sicherheit ist lediglich ihre jeweilige Anwesenheit, die Anwesenheit von Menschen, Ereignissen und Sachen, gleich welchen Sinn sie auch haben und welchem Geist sie entspringen und unter welchem Bedingungswechsel sie wieder verschwinden. In ihrem Dasein als solchem, in ihrer bloßen Gegenwart steckt ihr Sinn und Zweck als Potenzial der Überwindung der Gefangenschaft, der Bedingtheit. Und gerade dies erzeugt das letztendliche Paradox: Es macht die Bedingtheit zum Potenzial ihrer Überwindung, macht sie absolut nötig, ihren Besitz lebensnotwendig und die Gewohnheit hieran ausschließlich. Es ist der Kern eines reaktionären Bewusstseins, das sein Sein vergessen machen will.

s.a.

=> Flexibilität

siehe hierzu auch den Text

Thesen zur Diskussion des Begriffs "flexible Persönlichkeit"

siehe hierzu auch den Themenanbend zu

Die "flexible Persönlichkeit" - Merkmale des modernen Erfolgsmenschen

audioup1a2e1a1a Die flexible Persönlichkeit (Themenabend)
Systemup14a1a Flexible Persönlichkeit
quelleup5a27g1a1a2a1 Neue Identitäten
quelleup5a14c1a Der "flexible Mensch"
quelleup5a34b1a Proteische Persönlichkeit
webup1a1b2 Flexibilisierung der Arbeitswelt
webup1a1b1b Jens Bergmann: "Sei Du selbst"
webup1a1b1a2 Call-Center Evolution
webup1a1b1a1a Rezension "Der flexibel Charakter"
webup1a1b2a Die "proteische Persönlichkeit"
 

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