Buchstabe Gew Im Kontext

Gewalt

Gewalt ist zunächst die Tätigkeit von Wille und Macht, eine Kraft, die waltet, die also eine eigene Welt, einen eigenen Zusammenhang hat und als Ganzes, als systematische Kraft andere Kräfte und Gegenkräfte zu subsummieren oder aufzuheben sucht. Als Welt enthält sie keine wirkliche Kraft, sondern eine der Wirklichkeit entnommene Kraft, fremde Kraft, die ihr zum Mittel gereicht. Gewalt erfüllt also einen Zweck, der von der Kraft unterschieden ist und deshalb auch nicht an ihrer Begrenztheit endet.

Der Zweck von Gewalt ist das Leben der aufgehobenen Identität, der Tod, der nicht für sich bleiben kann und daher aus sich heraus gegen alles Identische antritt. Gewalt stiftet nur darin für sich Identität, dass sie anderes vernichtet. Die Vernichtung hat in der Gewalt keinen wirklichen Grund, sondern ist durch absolute Grundlosigkeit, durch die Zerstörtheit aller Gründe abstrakter Wille, abstrakt politische Identität.

Gewalt verläuft auch in einem Menschen, wie sie außer ihm ist. So er seine Identität nicht findet, kann er sich daher selbst zerstören. Die Wahrheit über sich und seine Gründe, das Wissen um seine Absichten ist die notwendige Enttäuschung, die ihn der Gewalt abzieht.

Gewalt entspringt oft auch einem radikalisierten Erlösungsglauben, der sich in der Politik oder in der Psychiatrie (siehe z.B. Elektroschock) aus deren äußerlicher Beziehung auf die Verelendung von gesellschaftlichen Zusammenhängen oder auch einzelnen Menschen ergibt. Dadurch, dass hier rein staatliche Funktionalität als sanktionierende Routine abgewickelt wird, handelt es sich hier um eine besondere Brutatilität in der Anwendung von Allgemeinvermögen (Staat) gegen einzelne Menschen, die meist mit rassistischer Ideologie unterlegt wird (siehe Vernichtungslogik). Dies ist Ausdruck der Barbarei in Krisenzeiten der bürgerlichen Gesellschaft (siehe Krise), die einhergeht mit der Entwicklung faschistoider Staatsstrukturen, die sich durch Heilsvorstellungen legitimieren und durch Heilsversprechen als allgemeiner Gewaltapparat etablieren (siehe Populismus).

s.a.

=> Faschismus

=> Terrorismus

=> Revolution

kulturmacht Die Kultur der Macht
 

Gewinn

Ideologischer Begriff für Profit, der die Aneigung von fremdem Eigentum als Resultat eigenen Glücks mit eigenem Risiko ausgibt. Gewinn und Verlust erscheinen so als Bilanzierung eines Lebens, das selbst nur quantifiziert ist in ein Mehr oder Weniger des Habens, und von da her wie ein Wettbewerb angesehen wird. Dabei wird natürlich und selbstverständlich, dass es nur Gewinner geben klann, wo es auch Verlierer gibt; Aufgehen und Untergang zeigen sich darin prinzipiell als Lebensmythologie der bürgerlichen Gesellschaft, die ihrer Gesellschaftlichkeit dadurch enthoben verbleibt, dass sie ihre Geschichte in die Glücksgeschichte der Bürger verlegt, oft eine Unglücksgeschichte mit "sozialem Netz". Geschichte erscheint so nicht mehr in ihrem Lebenszusammenhang, sondern als Zufall individuellen Geschicks, das sich aufsummiert zur Bewegung einer Masse von Individuen. Das kann natürlich auch "schief gehen" (siehe Faschismus) - aber klar: Schicksal!

statist2up11a1a Gewinnentwicklung im Verhältnis
statist2up11b1a
Gewinn zu Lohn
statist2up11c1a
Gewinnentwicklung allgemein

Gewissen

Das Gewissen ist die bewährte Gewissheit der Wahrnehmung als Gedächtnis (Wissen) der Sinne und ihres Stoffs, ihres Körpers.

s.a.

=> Schuld

Gewissheit

"Der konkrete Inhalt der sinnlichen Gewissheit läßt sie unmittelbar als die reichste Erkenntnis, ja als eine Erkenntnis von unendlichem Reichtum erscheinen, für welchen ebensowohl, wenn wir im Raume und in der Zeit, als worin er sich ausbreitet, hinaus-, als wenn wir uns ein Stück aus dieser Fülle nehmen und durch Teilung in dasselbe hineingehen, keine Grenze zu finden ist. Sie erscheint außerdem als die wahrhafteste; denn sie hat von dem Gegenstande noch nichts weggelassen, sondern ihn in seiner ganzen Vollständigkeit vor sich. Diese Gewissheit aber gibt in der Tat sich selbst für die abstrakteste und ärmste Wahrheit aus. Sie sagt von dem, was sie weiß, nur dies aus: es ist." (Hegel, Phänomenologie des Geistes)

Gewissheit ist die Beziehung des Lebens auf sich, die Identifizierung seines Sinnes durch sich selbst. Sie ist die Identität lebendigen Seins. Eine Seinsgewissheit als solche, also in Absehung (siehe Abstraktion) von dem, was wirklich ist, kann es nicht geben. Darin kann nur eines wahr sein: Dass etwas lendig ist, was bei aller Macht der Gegebenheiten tot erscheint, nicht wirklich lebend ist, aber in Wirklichkeit lebt (siehe Schein).

So gewiss ein Reiz, eine Empfindung oder ein Eindruck sein kann, so fraglich auch ist dessen Wahrheit, ob sein Sinn vielleicht nicht eine Täuschung sei - dies umso mehr, als Eindrücke auch Reize oder Stimmungen sind, die unmittelbar wesenlos sind, im Gewesenen schon verwesen. Selbst die einfache Gewissheit, ob sie von außen oder innen kommen, macht ein ganz elementares Erkenntnisproblem aus (z.B. im Wahnsinn).

Wer zum Beipsiel Stimmen hört, die kein sprechendes Subjekt erkennen lassen, zweifelt an seinem Wahrheitsvermögen. Indes ist diese Wahrheit in der Tat eine andere, als die existente Gewissheit der Umwelt, wenn auch die Gewissheit des Hörens unbestreitbar ist - zumindest solange, als man den Stimmen wahrnehmenden Menschen nicht selbst bestreitet. Aber die Wahrheit des Wahns hat nicht dieselbe Welt, die allen zukommt; es ist tatsächlich eine hiervon abgetrennte Welt, welche ein unendlich scheinendes Leiden gegensinniger Gewissheiten bewirkt. Die Fähigkeit, an der Gewissheit der Welten zu zweifeln, ermöglicht immerhin, wenn auch äußerst schmerzhaft, eine überaus sinnvolle Bewegung der entzweiten Identität, die eine vielleicht ebenso bedeutende Leistung ist, wie die Begründung einer ganzen Philosophie. Von daher ist die Ungewissheit eine Bedingung, sich als wahrnehmender Mensch der Wahrheit zu nähern, besonders, wenn diese in zwischenmenschlichen Beziehungen weitgehend aufgebraucht wird. Darin entsteht Gewissheit oft erst in der Erkenntnis der Gründe eines Ungewissen, eines unheimlichen Grundes, einer abstrakten Lebensbedingung. Auf der Basis realer Abstraktionen ist die Erkenntnis gänzlich umgekehrt als auf der Basis unmittelbarer Wahrnehmung: Es verlangt Denken, welche die Erfahrung hintergeht, wenn und weil das Erfahrene hintersinnig ist.

Die Gewissheit ist die zweifelsfreie Erkenntnis, also eindeutiges Erkennen (siehe hiergegen Deutung), wenn sie nicht nur die Anwesenheit des Gegenstands, sondern auch seinen bestimmten Gehalt vor sich weiß. Doch dies ist nicht selbst unmittelbar inhaltlich; es ist die Wahrheit gegenstüändlicher Vermittlung im Nachhinein der Erkenntnis, die sich begreifen läst (dies also gänzlich umgekehrt als bei Hegel). Allerdings kann sie auch darauf gründen, dass ihr Gegenstand eindeutig sinnlich ist (z.B. ein heißer Ofen, an dem man sich gewiss verbrennt), oder dass ein Gedanke zu einer Gewissheit sinnlicher Zusammenhänge gelangt, worin er sich bewahrheitet (s.a. Beweis). In beidem ist die Gewissheit eine Tatsache, also Wissen einer Tat, die unmittelbare sinnliche Gegenwärtigkeit (Sinn) von Stoff ist (siehe auch Sein). Gewissheit ist durch die Empfindung eines Gegenstands, die sich als Gefühl für ihn bestätigt, und ihn als Wissen zweifelsfrei im Gedächtnis bewahren kann, weil und sofern kein Zwiespalt zwischen Empfindung und Gefühl besteht.

Die Bestimmungen müssen hierbei nicht erkannt sein; sie werden sich dem Denken erschließen, wenn es nottut. Im Wissen ist alleine die Gewissheit vollzogen, dass etwas Empfundenes wirklich da ist und sich als solches auch in seiner Wirkung bewährt hat. Erst durch die Not, welche eine Gewissheit gegen andere bringen kann, wird Denken notwendig sein. Sofern es sich einem Unding zuwendet, wird es logisch sein müssen, um es zu begreifen (siehe Begriff).

s.a.

=> Wissen

=> Gewissen

=> Tatsache

webup3a Gewissheit im Philosophischen Lexikon
Systemup37a Ungewissheit

Gewohnheit

Gewohnheiten erleichtern das Leben“, sagt man. Das ist wahr, wäre doch die immer wiederkehrende Erneuerung von etwas, an das man sich auch gewöhnen kann, die absurdeste aller Gewohnheiten. Es zeigt sich im Alltag der Bewegungsabläufe und der Nutzeneffizienz, wie sich Gewohnheiten als Mittel des Vorankommens bewähren. Allles was uns gewohnt ist oder angewöhnt wurde, geht wie von selbst, sei es die Bedieneroberfläche eines Computerprogramms oder der Ablauf eines Haushalts oder die Verhältnisse in einem Betrieb. Alles Neue strengt an und verlangt Einfühlung und Auseinandersetzung, das Gewohnte aber erscheint bewährt.

Und genau das ist auch die Falle, die es ausmacht. Das Gewohnte bewährt nur, an was man gewohnt ist; es ist lediglich eine Bewahrheitung der Selbstbeziehung, die Menschen darin vollziehen, die Verlaufsform isolierter Beziehungen. Nichts entsteht aus Gewohnheit, aber in der Gewohnheit geht alles unter, was neu ist. Von daher haben Gewohnheiten auch eine reaktionäre Seite. Sie sind offenbar doppelbödig.

Das stetige Dasein besteht sowohl aus Wiederholung, als auch aus Veränderung. Unter der Bestimmung des Habens (siehe auch Besitz) trennt sich Wiederholung von der Geschichte ab und wird zur Gewohnheit. Schon Hegel hat dies so verstanden, seine Ableitung aber nur ideell aus der "Leiblichkeit der Seele" gewonnen und damit jeder Kritik entzogen (was ja überhaupt seine letztendliche Bemühung ist). Immerhin lässt sich bei ihm Besitz konstatieren, wenn auch als notwendige Bedingung einer notwendigen "Abhärtung" gegen die "unmittelbare Empfindung".

"Daß die Seele sich so zum abstrakten allgemeinen Sein macht und das Besondere der Gefühle (auch des Bewusstseins) zu einer nur seienden Bestimmung an ihr reduziert, ist die Gewohnheit." (Hegel, Enzyklopädie § 410)

Wenn man davon absieht, dass Hegel das "abstrakt allgemeine Sein" affirmativ verstanden haben will, so spricht er doch von einer Reduktion, worin das Besondere aufgehoben wird - allerdings müsste man gegen Hegel sagen: untergeht, veschwindet. Weil ihm Gewohnheit ein Moment der Sittlichkeit ist, so enthält sie für ihn auch die "vernünftige Befreiuung" des Geistes von der "Unmittelbarkeit der Begierden und Triebe" (ebd.), die ihn zur Geschicklichkeit im Umgang mit der Sache bringt.

Zwar enthält jedes Lernen Gewöhnung, aber das Geschick selbst entsteht nur im Konflikt, in der Lösung von Widernissen, also in der Veränderung. So muss die konservative Intelligenz des Altvaters der modernen Dialektik auch hier auf die Füße gestellt werden: Gewohnheit kommt allleine aus der Formbestimmung der bürgerlichen Kultur, aus den seinsnotwendigen Routinen ihrer Lebensräume, die nur dadurch befreiend wirken, dass man sich in der Gewöhnung ihnen unterwirft.

Wo Wohnen gewöhnlich wird, da bekommen die Umstände eine eigene Kultur; darin herrschen dann die Gewohnheiten des Umgangs, die Art und Weise der Beziehung aufeinander. Die Selbstwahrnehmung wird zur Wahrnehmung dessen, was sie durch die Gewöhnung zum Ausdruck bringt. Sie ist von sich selbst beeindruckt als eine über die Zeit der Gewöhnung verlaufende Allgemeinheit, die ihren Lebensraum ausfüllt, ihm die Unendlichkeit seiner Umstände als Dichte ihrer Anwesenheit vermittelt. Als solche sind sie in der Tat, in der alltäglichen Tätigkeit zu einer Tätigkeit des Wahrnehmens, Denkens und Fühlens verdichtet, so dass alles dem äußerlich verbleibende Gedächtnis zunichte wird.

Wirtschaftlich genommen können Gewohnheiten praktisch sein, Handlungsabläufe zu Routinen von höherem Nutzen und geringerem Ausfwand machen (siehe Automation). Aber In dem Maße, wie sie die Wahrnehmung ausfüllen, erzeugen und bewahren sie nur die immer dichter werdende Anwesenheit immer sinnloser werdenden Umstände und betreiben von da her ihre alltägliche Sinnentleerung und Sinnlosigkeit im Selbstgefühl der Menschen. Darin werden sie ebenso leer, wie sie ihre Umstände durch bloße Anwesenheiten füllen, diese idealisieren und schließlich verherrlichen. Und weil sie - hiervon leer geworden - ihre Nichtigkeit in solcher Welt auch fühlen (siehe Lebensburg), entsteht darin eine tiefe Lebensangst , die sie an ihre Umstände um so mehr bindet. In den Gewohnheiten des Alltags geht diese zwar im Eifer der Selbstwahrnehmung unter, die erfüllt ist von ihrem Kontinuum, dem Einerlei der Welt, aber in ihrer Wendung nach außen und gegen andere wird sie um so machtgieriger und - wo es gelingt - auch mächtiger. Durch Abgrenzung nach außen wird das Nichts im Innern erträglich und bald werden sich alle Steigerungsformen von Fremdenfeindlichkeit in unbegreifbatren Dimensionen auftürmen, die nichts anderes betreiben, als die innere Leere zu überwinden.

Nur in einzelnen Momenten der Selbstwahrnehmung lässt sich ihre Sinnentleerung verspüren. Ihre Nichtigkeit hat vor allem alle Eigenheiten beängstigt und darin aufgehoben, dass Eigenes nur Form haben kann: Sicherheit, Anstand, Ordnung, Sitte. Die Moral wird allmächtig und "die Macht der Gewohnheit" wird real, weil sie darin ihre einzige Lebensform hat.

Wo sich ein Kontinuum von Anwesenheiten zu einem Umstand aufmassiert, wo eine Masse von unbestimmter Bedingtheit im eigenen Lebensraum anwesend ist, da ist Eigenes ohne Gegenwart, ungegenwärtig, nichts - aber das Nichts ist auch von der Angst der Vernichtung befreit. Die Gewohnheit ist der Fortschritt einer Gleichgültigkeit gegen jede Bestimmtheit. In der Gewohnheit ist jede Vernichtungsangst aufgelöst, weil ihre Vernichtungslogik sich nur innerhalb ihrer Gegebenheiten unbestimmt vollzieht. Es der Lebensraum durch schlichte Anwesenheit besetzt und so wird unterschiedsloser Besitz durch die Dichte der Ereignisse darin der Wahrnehmung zu eigen gemacht, als Notwendigkeit, ihn so zu genießen, zu ertragen und zu bewahren, wie er ist. Die Gewohnheit ist das Resultat einer Seinsbestimmung des Raums im Verlauf unendlicher Zeit, nicht des Raums an sich, sondern des Lebensraumes, wie er umständehalber bestimmt ist und wie dies durch das Wohnen selbst grundlos geworden ist, die Gewohnheit zur Erscheinung von Grundlosigkeit wird. Alle Ereignisse erscheinen nurmehr für sich relativ zur Gewohnheit an sie, also wie gewöhnlich oder ungewöhnlich sie sind.

Die Gewohnheit ist der allgemeinste Grund des Fortbestands von unbegründeter Realität, die Aufhebung jedweden Anlasses zur Veränderung. Ereignisse können erst mal für kurze Zeit erschrecken, aufwühlen, nach Änderung verlangen usw. Hat man sich aber an sie gewöhnt, weil sie als Umstand unaufhebbar erscheinen, so werden sie nicht nur ertragen, man vermisst sie sogar, wenn sie nicht mehr sein sollten, man vermisst das Potential der Gleichgültigkeit und verweigert sich notwendiger Aufmerksamkeit. Darin steckt das Geheimnis der massenhaften Anwesenheit, der Anwesenheitsmasse, die sich selbst zu bestimmen scheint, indem sie sich im Zeitlauf des Raumes ohne Wirkung fortbestimmt, also alles zur Wirkungslosigkeit bestimmt: Durch beständige Anwesenheit gewöhnt man sich an alles, was jenseits seiner Wirkungen anwesend ist, was also unwirklich ist und nur durch seine Ungewöhnlichkeit Wirkung hat. Umgekehrt gewöhnt man sich nicht nur durch die Massierung von Anwesenheiten an die eigene Unwirklichkeit. Durch anwesende Menschenmassen wird das Gewöhnliche selbst auch ungewöhnlich, das Moment zu seiner Allgemeinheit: Durch die unbestimmte Ausdehnung von Körperlichkeit entsteht mit der Macht der Gewohnheit zugleich die Gewöhnung an die Macht, welche die Masse in einem bestimmten Lebensraum alleine schon durch sich selbst hat: Die formbestimmte Masse an sich. Was auf der Bühne geschieht, hat für die Masse der Anwesenden immer Wirkung, wie unwirklich es für sich auch sein mag. Es ist die Grundlage der Oberfläche der Kultur. Was der Preis für die Ökonomie ist, das ist die Gewohnheit für die Kultur, - eben das, worin Gründe durch ihre umständliche Gegenwärtigkeit zu Umständen aufgehoben sind und die Umstände die Wahrnehmung an ihre Grundlosigkeit gewöhnen, zum bloßen Moment der Selbstwahrnehmung werden, zu dem, was diese an Eindruck bereitet. Darin verhalten sich jetzt die Unwirklichkeiten abstrakter Substanzen, das Quantum ihrer werdenden Masse und ihrer sich fortbestimmenden Masse, wodurch sie sich auch selbst ausdrückt.

Gewohnheit setzt voraus, dass eine Unabänderlichkeit als Umstand festgestellt war, als eine Notwendigkeit der Sache, das zu sein, wie sie für sich ist, ohne für den Menschen zu sein. Gewohnheit setzt eine Sachlichkeit voraus, die bewahrt und festgehalten sein muss, wie sie gegeben ist, um existieren zu können, und die so existiert, wie sie für gewöhnlich auch als Gegebenheit erscheint. Aber so genommen wäre die Gewohnheit nur die zirkelschlüssige Selbstbestätigung der Ideologie vom Sachzwang, Gewaltigkeit der Sachlichkeit.

Tatsächlich beruht sie auf einer Beziehung, die aus kontinuierlicher Anwesenheit von Menschen und Sachen besteht, also aus der Wesenlosigkeit einer Beziehung, die durch Anwesenheit unnötig ist, bzw. nichts anderes ist, als das Gewohnte. Umgekehrt hat die Nicht-Anwesenheit des Gewohnten eine gewisse Magie dadurch, dass das Abwesende sich alleine durch sein Nichtsein bemerkbar macht. Man kann es unter Umständen dann sogar hören, riechen, schmecken usw. weil es eigentlich da, aber nicht wirklich da ist (siehe Dasein). Die Gewohnheit macht in diesem Sinne eine nicht vorhandene Beziehung hörig. Von daher erzeugt die Gewohnheit eine sinnliche Abtrennung der Wahrnehmung von ihrer Beziehung auf andere und mcht im Bezug selbst dann auch Angst hiervor. Die meisten Angstzustände haben ihre sinnliche Basis in dieser Abstraktion, in der Abtrennung von Gewohntem als etwas, was ohne Beziehung wahrgehabt wird, gegen den Sinn der Wahrnehmung, welcher dies wahrnimmt. So wird z.B. in der Platzangst durchaus die Beengung der gewohnten Lebensräume empfunden, die ansonsten genussvoll wahrgehabt wurden, solange die Beziehungslosigkeit des Gewohnten nicht wahr werden musste (und die Erfolge der VerhaltenstherapeutInnen auf diesem Gebiet gründen eben auch darauf, dass ihr Verhalten hierbei selbst schon so ungewohnt gewöhnlich ist, dass sie tatsächlich helfen können).

Aber die Gewohnheit ist auch eine Lebensform, wo Geld selbst die Grundlage des Lebens ist (siehe Geldbesitz), wo also keine Wirklichkeit der Lebenserzeugung mehr zu bestehen scheint. Dann wird die Gewohnheit zu einem Element der bürgerlichen Kultur, ja, zu ihrem Elixier, worin sich ihre zirkulären Erkenntnisse als sich selbst begründende Wahrnehmungsformen, als das Verhältnis von Selbstwahrnehmungen bewegen. Die Menschen gelten sich darin als das, was sie füreinander als Umstand ihres Lebens sind, als das eben, was jeder vom anderen hat. In der Gewohnheit eigenen sich die Menschen ihre Umstände an, machen sie sich zu Eigen und zu Eigenschaften ihre Verhaltens. In der Wahrnehmung stellt sich dies dar als Gefühl des Schönen und Guten (siehe schön und gut), als die Ästhetik des Alltags (siehe auch Kitsch).

In der Gewohnheit bewegen sich die Sinne, wie sie wohnen. Was ihnen in alltäglicher Routine geläufig ist, das läuft in ihnen, findet seinen Weg ohne Aufmerksamkeit, Beachtung und Achtung. Und ist erst mal die Achtung verloren, so auch die Selbstachtung. Gewohnheit ist die Routine einer Ökonomie der Gegebenheit. Das Ungewöhnliche tut sich hierin nur als Zwischenfall oder Zufall hervor und erfordert eigens Kraft, die notwendig begründet sein müsste, um aufgewendet zu werden. Es ist im Allgemeinen einfacher, der Gewohnheit zu folgen, als sie in ihrer Begebenheit, ihrem Werden und Gewordensein, zu verstehen, in ihrer Geschichte zu erkennen (siehe Brauch).

Allerdings kann dies auch sinnvoll sein. Nicht jedes Fakt ist immer wieder von Neuem zu begreifen, wenn es keine Notwendigkeit mehr hat. Es kann sich als Selbstverständlichkeit des Alltags zutragen, weil es nicht mehr verstanden werden muss und keiner Aufmerksamkheit und keines sonderlichen Gedächtnisses bedarf. Von dieser Seite erscheint Gewohnheit geradezu als die Ökonomie der Selbstverständlichkeit. Aber diese hat eigentlicch nicchts mit Gewohnheit zu tun. Jede Arbeit, jede Handreichung, lässt sich zwar leichter vollziehen, wenn man an sie gewöhnt ist, aber sie setzt eben den Verstand voraus und ist dessen Tätigkeit. Der Algorithmus einer Maschine, das Prinzip der Automation, muss nicht beständig verstanden sein, damit sie funktiert. Er muss nur - wie jede Selbstverständlichkeit - begriffen sein, wenn sie nicht funktioniert. All dies muss als Wissen gegenwärtig sein, nicht nur als Verstand eines Ablaufs.

Geht allerdings Wissen zugrunde, so ist auch die Selbstverständlichkeit des Gewöhnlichen zerstört. Es zeigt sich darin, wie weit das Gewöhnliche schon sich selbst nicht verstanden hatte, eben keine wirkliche Selbstverständlichkeit war. Die Achtlosigkeit ist in eine Falle geraten. Alle Aufmerksamkeit wird sich nun für das scheinbar bisher Gewöhnliche entfachen, ungewöhnliche Mittel und Fähigkeiten sind plötzlich gefragt. Selbstverständliche Gewöhnungen sind eben doch auch relativ und durch ihre Vergänglichkeit, durch ihre Zeit bestimmt.

Gewöhnen kann man sich auch nur an das, was einem im Grunde fremd ist, was man nicht empfindet, weil es grundlose Lebensbedingungung ist, und dem man wie aus der Fremde beiwohnt, und mit dem man gerade deshalb wie selbstverständlich auskommt, weil man nichts wirklich damit zu tun hat, weil man es eben besitzt. Es ist dann eine gänzlich äußerliche Selbstwahrnehmung, die über die Fremde hinwegtäuscht, weil für sie das eigentlich Nötige das schlechthin zu Ertragenende, das gewöhnliche Leiden ist. So erschreckt nichts mehr, an das man gewohnt ist; wenn es sich an die gewohnte Erscheinungsweise hält. Es kann sein, was will, wenn es so erscheint, wie es gewohnt ist; die größten Verbrecher sind die gewöhnlichsten Menschen.

Gewohnheit ist sowohl die Leugnung und Verleugnung von Fremdheit, wie auch die Ignoranz gegen sie, abgetötete Neugier, die sich in ihrem Sinn getäuscht hat. Der Grund hierfür ist das Ertragen von Gegebenheiten, die keinen Sinn haben, keine Liebe und keine Gegenwart, keine Neugier machen und keine Arbeit, die für sie nötig ist, Lebensräume ohne Sinn für das Leben, aber doch Gefühle, die sich aus der Lebensform begründen: objektive Gefühle. Darin ist das Sinnlose als Bedingung der Wahrnehmung bewahrt, weil der darin verschwundene Sinn seine Gefangenschaft nicht erkennt, solchen Raum nicht durchbricht. Es ist nicht die Liebe, die sich in der Gewohnheit verliert, wodurch sie zu einem objektiven Gefühl wurde. Es ist der Lebensraum, der zu ihrem Mittel geworden war, worin sie sich entäußert hat. Mag es ausgänglich eine Frage der Lebensökonomie gewesen sein, sich den Raum seiner Liebe zu schaffen, der Raum wird zu einem verhängnisvollen Mittel jeder Zwischenmenschlichkeit, weil er ihre Vermittlung ausmisst, ihr Maß, ihre Ausdehnung und Grenze bestimmt. Er erfordert unendlich viele Ereignisse, um Leben zu bewegen - und er begrenzt das Zwischenmenschliche auf sein nötiges Minimum, auf die Erträglichkeit von Neuem im Gewohnten; er überfordert und ist Anmaßung (siehe hierzu auch Familie). Gewohnheit ist nicht nur ein Produkt der Überforderung von Menschen durch Gegebenheiten, sondern auch ihre ausdrückliche und gewollte Affirmation als objektives Gefühl, das hinter allem Erleben entsteht, indem es gewöhlich wird. Von daher ist die Gewohnheit nicht einfach konservativ, sondern auch oft die Grundlage für reaktionäre Urteile und Verhaltensweisen. Das Neue ängstigt mehr, als das Gewöhnliche, weil dieses doch immerhin im Augenschein bewährt ist und jenes Aufmerksamkeit erfordert - und das reicht hin, wo der Schein auch schon alles ist, was sich bewähren kann, wo also schon alles als Unerkennbar anerkannt ist. Gewohnheit ist die tote Erkenntnis.

Gewohnheit ist die zur Angewöhnung gewordene Eigenschaft fremder Sinne, das Fremde als Umstand, als Wohnung einer Sinnlichkeit, die keinen wirklichen Sinn hat. Die "Macht der Gewohnheit" besteht in der Möglichkeit, die sie bietet, Leben zu können ohne erkennen zu müssen, also in einer doppelten Verneinung der Erkenntnis zum Sein: etwas ohne Notwendigkeit zu können ohne es zu sein. Die Gewohnheit erhebt sich über den Schmerz der Erkenntnis des Bürgers, und ist in dieser Negation seine allseitige Beziehung, also sein allgemeines menschlich sein und wirklich als Mensch sein zu müssen. Im Besitz seiner Lebensumstände hat der Bürger seine Gewohnheiten darin versachlicht; zwischen Mein und Dein liegt ein Lebensabgrund, der ihm unüberwindlich erscheint. Für seine Gewohnheiten ist sein Besitz so konstitutiv, dass er ihm wie seine Lebensgewohnheit überhaupt vorkommt, wie etwas, das für sein Leben höchste Notwendigkeit hat. In ihrem Besitz sind sich die Bürger gleich; es ist lediglich die Besonderung ihres Lebensraumes, den sie darauf gründen, dass sie auch die besonderen Gewohnheiten darin haben. Als dieser gewöhnliche Mensch unterscheidet er sich von anderen Menschen nicht durch sein Leben und seine Erkenntnis, sondern durch seine Meinung. Was er von sich hält und wofür er ist, das bedeutet ihm seine Meinung. Das Dafür under Dagegen sein unterstellt eben die Bestimmung von Gegebenheiten, an die er gewohnt ist oder nicht und an die er sich gewöhnen will oder nicht. In der Meinung wird die Lebenswelt eben vor allem als Gegebenheit bestätigt, mal so oder mal anders: Es sind lediglich Positionen des Gegebenen. Von daher ist für die bürgerliche Politik die Wählermeinung auch konstitutiv (siehe bürgerliche Demokratie).

Auch hinter der Behauptung, dass etwas menschlich sei, verbirgt sich meist die Menschlichkeit als Gewohnheit, und kann daher geradezu hervorragend für die Legimitation von Unmenschlichkeit genommen werden (siehe z.B. den Psychiater Dörner, der mit der Feststellung, dass Irren menschlich sei und auch der Arzt, der den Irren behandelt dieser Menschlichkeit unterliegt, eben auch Elektroschock geben können muss, "wenn eben nichts anderes hilft"). Somit hat in der Gewohnheit nichts Lebendes mehr Fortbestand: Weder der Zweifel über die eigene Tätigkeit, noch die Erkenntnis der Not. Alles bleibt beim Alten, weil das Alte zur Gewohnheit geworden ist. Gewohnheit ist tote Wahrnehmung, die von den Sinnen lebt, die ihr unterworfen sind. Sie ist ihre Gestalt ohne Leben, gewohnter Lebensraum mit gewohntem Lebensgefühl, Gefühl für sich ohne Sinn durch sich. Alle Bewegung, sofern sie substantiell ist, hat darin keine Sinn. Jede Auseinandersetzunmg, jeder Streit verhallt in der Notdurft des Immergleichen und erfüllt dessen Hässlichket: Die Herabsetzung jedweden Sinnes unter die Bewahrung der Lähmung seiner eigenen Form. Die Selbstlähmung wird als Schmach der eigenen Gewissheit erfahren, welche ausgeplündertes Leben als selbstverständlicher Umstand, welche also zur eigenen Gegebenheit als Ergebenheit geworden ist. Hiergegen errichtet sich die Schönheit des Andersseins als gesellschaftliche Notwendigkeit der Selbstverleugnung, die politische Ästhetik , welche sich notwendig als ästhetischer Wille entfaltet (siehe Kritik der politischen Ästhetik).

Die äußerste Form der Gewohnheit ist die reine Ordnung, das Immergleiche, das sich als Wesensbehauptung (siehe Archetypus) oder auch als Algorithmus formulieren lässt. So lassen sich alle Routinen in der Arbeit wie im sonstigen Leben (bis hin zum Inhalt der Kühlschränke) als Gewohnheiten erfassen und von Automaten übernehmen. Es ist dies auch die Fixation des Gewöhnens selbst: Der Aufwand zu einer Änderung potenziert sich ins Unermessliche. Von daher wird die reaktionäre Seite der Gewohnheit total: Alles hängt lediglich von den Angeboten zur Veränderung (z.B. Hard- und Softwareentwicklung) ab, also dem, was objektiv und allgemein als Anderssein gewollt wird. Natürlich hat dies erhebliche Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Menschen für ihr eigenes Tun. Es relativiert sich zunehmens und in Masse den gegebenen Möglichkeiten der Veränderung - vermittelst der Automation versteht sich. Den Fortschritt erbringt so nur noch der Massenmensch! Darin allerdings besteht ein enormes Potential an Vernichtungslogik.

s.a.

=> Wohnen

siehe hierzu auch den Themenabend
"Lebensangst und Kapitalismus"

siehe hierzu auch das Papier
"Lebensangst und politische Kultur"

Systemup37a Gewohnheit