| Buchstabe Hei | ||
Eine Philosophie beginnt meist mit einer Fragestellung, die mit bisheriger Philsophie nicht aufgegriffen oder in einer Beziehung begriffen war, die zu bezweifeln blieb. Nicht so bei Martin Heidegger. Ihm ging es um eine neue Ontologie, die das Ontische im Phänomen des Daseins im Gegensatz zur platonischen Seinsbegrifflichkeit, aber auch als deren konsequente Weiterführung verstehen wollte. Heidegger wollte sich (wenn auch etwas verspätet) dem verselbständigten Rationalismus von Descartes entgegenstellen und dem Sein "wieder" sinnliche und unmittelbare "Existenzialien" zusprechen, deren wesentlichste die Angst des "In-der-Weltseins" des Menschen sei, eben das "Sein zum Tode". Es sollte eine radikale Erneuerung des Seinsbegriffs werden, der vor allem auf der Kritik des schlechthin Objektiven, aber auch als Verneinung des objektivierten Subjekts (siehe Phänomenologie) beruhte. Er verwarf daher sowohl die in der objektiven Philosophie verwendeten Begriffe eines der Erkenntnis vorausgesetzten Seins und dessen Dinglichkeit, wie auch die subjektiven oder subjektbeschreibenden Begriffe wie Mensch, Leben, Gewissheit, Leiden, Entfremdung usw., also alle bis dahin für die Erkenntnis von Wahrheit geläufigen Grundlagen. Zunächst war dies eine Abweisung der Erkennbarkeit von Gegenwärtigkeit und Geschichte, eine transzendentale Fundamentalontologie, die sich vom Standpunkt einer allumfassenden Seinswahrheit an das Seiende gewendet hatte, an das Sein, das sich im Seienden "lichtet", aus einer eigentlichen Wesenhaftigkeit entschlüpft ist und in die Welt hinein "west". Das Sein ist das Prinzip einer Ganzheit, die nicht wirklich und an und für sich grundlos ist, die aber lediglich in der Einzigartigkeit und Ausschließlichkeit des Seienden hervorragt (ex-istiert) und sich in jedem einzelnen "Schicksal" verwirklicht. Es ist, weil sonst Nichts ist, weil alles andere nur tot ist. Alles ist nichts, was sich nicht selbst hervorbringt und hierin seiend wird - und das heißt bei Heidegger: über den Tod hinausragen, sich über das Verwesende als Wesen setzt. Hieraus ergibt sich die Seinsnotwendigkeit, das Wesentliche zu bergen, um es dem Tod zu entziehen. "Bergen" ist daher ein fundamentaler Begriff der Heideggerschen Gedankenwelt (siehe Lebensbergung). Sie kennt keine Bedingtheit oder Vorausgesetztheit, weder Geschichte noch Wirklichkeit, sondern bloße Zeit als abstrakte Form der Geschichte. Von daher ist diese auch nur ein Zeitverlauf, in welchem sich das Sein je nach Geschick und Schicksal lichtet und sich als das Eigene in den Ereignissen des Lebens bildet. Insofern wird Geschichte als die bloße Herausnahme des "Eigentlichen" im Fortschreiten von Existenz zu Existenz verstanden, das als Eigenes Bewahrte des Fortschritts. Es sei von daher wesentliches Sein, welches dem Seienden entnommen ist wie ein Wesen, das seiner Erscheinung enthoben wurde. Der Heiggersche Konservatismus kann sich hierdurch fortschrittlich geben: Alles sei in die Welt geworfen, in seiner Entstehung zufällig und substanzlos, und lebe im Antlitz des Todes solange es sich ihm widersetzt, solange es also gegen ihn ankämpft, bis es schließlich im Tod verschwindet. Darin habe die Lebensangst eben auch ihre Wahrheit, so dass zu folgern ist, was alles Reaktiionäre ausmacht: "Leben heißt kämpfen". Natürlich spricht Heidegger nicht vom Leben, sondern nur vom Tod, denn Leben ist ihm lediglich Existenz.Es gehe hierbei um die bloße Selbstverantwortlichkeit des Existierens, welche das Sein ausmache (siehe Existenzialismus) und sich überhaupt nur im Ereignis die Nähe des Menschenwesens zu seinem Sein ergeben könne: Das Seinsgeschick (siehe Schicksal). Darin alleine können nach seiner Auffassung die Menschen ihre Seinsvergessenheit überwinden, ihr ontisches Wesen finden, das heißt: sich zu eigen, eigentlich werden (vergl. hierzu Adornos Kritik an dem "Jargon der Eigentlichkeit"). Mit dem Begriff des Ereignisses vereinigt Heidegger die Phänomenologie mit einem konservtiven Existenzialismus. Hierdurch wird das, was dem Existenzialismus widerstrebt, der wesentliche Sinn, den etwas schon vor aller Erfahrung hat, zugleich zu einem Phänomen, das sich als wesentliches Sein in seiner Existenz offenbahren soll. Damit gerät ihm die Dialektik von Wesen und Erscheinung zu einem Einerlei von Begriff und Sein, in welchem das eine sowohl das andere ist, Sein selbst für Wahrheit steht, für sich schon wahr ist. Mit einem monströsen sprachlichen Apparat, welcher der Umgangssprache unzugänglich ist, muss dieser doppelte Boden seines Denkens überbrückt werden. Aber auch die Geschichte von Heidegger selbst zeigt, wie beliebig sich seine "Wahrheit" wenden lässt, taugt doch das "wahre Sein" sowohl zur absoluten Selbstbegründung, als auch für jeden Vorwurf gegen andere (z.B. der Seinsvergessenheit des modernen Menschen), denen im Sinne der Philosophie gleiche Selbstbegründung zugestanden werden müsste. Aber wo es weder Subjekt noch Objekt gibt, überlebt nur das Geborgene, das sich zu einem ganzen einzelnen Wesen emaniert, das sowohl in und außer den Menschen besteht. Das Nichts ist damit sehr wohl etwas, - nämlich das Reich einer Wahrheit, die den Kosmos zumindest als Prinz des wahren Ganzen, des entkommenen Unheils, ausfüllt. Das darin implizierte Heilsprinzip sollte (in der Zeit nach dem Nationalsozialismus) durch die sogenannte "Kehre" überwunden werden, in welcher das Sein selbst nicht inneres und gestaltendes Wesen einer Wahrheit ist, sondern nurmehr wesentlich seiend sich im Menschen denkt. Auf diese Weise entstand eine Philosophie der Hermeneutik, ein "An-Denken des Seins" in den Ereignissen der Existenz, die ein reines Verstehen des Seins im Seienden sein wollte. Darin war jede Voraussetzung und Bedingung der Lebensereignisse ebenso abgestritten wie ihr Sinn, soweit er sich nicht ontologisch herleitet. Sie selbst seien das Wesen, das west, geschichtliche Faktizität des "Seins-Geschicks" und damit einzig dem Geschick der Menschen und ihrem Schicksal geschuldet. Jedweder Bezug eines Subjekts auf ein Objekt oder eine durch Objektivität bestimmte Subjektivität gab es für dieses Denken nicht mehr. Solche Begrifflichkeit sollte als Entweichen aus menschlicher, aus ontischer Selbstverantwortung aufgefasst und abgewiesen werden, als Unschuld einer rationalistischen Begriffsdeterminierung beschuldigt werden. Solches Sein sei von der Philosophie unnötig zerdacht und deren Begriffe seien es daher nicht mehr wert, verwendet zu werden. Jeder Begriff müsse sich ontologisch ausweisen lassen: "Dinglichkeit selbst bedarf erst einer Ausweisung ihrer ontologischen Herkunft, damit gefragt werden kann, was positiv denn nun unter dem nichtverdinglichten Sein des Subjekts, der Seele, des Bewußtseins, des Geistes, der Person zu verstehen sei. Diese Titel nennen alle bestimmte, »ausformbare« Phänomenbezirke, ihre Verwendung geht aber immer zusammen mit einer merkwürdigen Bedürfnislosigkeit, nach dem Sein des so bezeichneten Seienden zu fragen. Es ist daher keine Eigenwilligkeit in der Terminologie, wenn wir diese Titel ebenso wie die Ausdrücke »Leben« und »Mensch« zur Bezeichnung des Seienden, das wir selbst sind, vermeiden." (Heidegger, Sein und Zeit, § 10, S. 46) Was bereits als Gegenstand der Erkenntnis objektiv aufgegriffen und bedacht (und von Marx in den Historischen Materialismus gewendet) war, wurde von ihm neu bedacht, weil es subjektiv als ontische Wahrheit begriffen sein und das Eigentliche als das besondere Sein im Seienden hervorgekehrt werden sollte. Hierfür wurde der Ausgangspunkt des Denkens nicht mehr im denkenden Subjekt, sondern in seinem Sein genommen, das als Phänomen im Dasein zu begreifen sei, in welchem es selbst nur seiend zu lassen sei, Bestandteil des Daseins als "Lichtung des Seins". "Das Dasein ist zwar ontisch nicht nur nahe oder gar das nächste - wir sind es sogar je selbst. Trotzdem oder gerade deshalb ist es ontologisch das Fernste. Zwar gehört zu seinem eigensten Sein, ein Verständnis davon zu haben und sich je schon in einer gewissen Ausgelegtheit seines Seins zu halten. Aber damit ist ganz und gar nicht gesagt, es könne diese nächste vorontologische Seinsauslegung seiner selbst als angemessener Leitfaden übernommen werden, gleich als ob dieses Seinsverständnis einer thematisch ontologischen Besinnung auf die eigenste Seinsverfassung entspringen müßte. Das Dasein hat vielmehr gemäß einer zu ihm gehörigen Seinsart die Tendenz, das eigene Sein aus dem Seienden her zu verstehen, zu dem es sich wesenhaft ständig und zunächst verhält, aus der »Welt«." (Heidegger, Sein und Zeit, § 5, S. 15) Auch dieser "eigentlich" doch eher objektivistische Ansatz wäre nicht sonderlich neu, wäre er von Heidegger nicht geleugnet und zugleich subjektivistisch umgesetzt worden, indem ihm nur die Qualität des Sein-Könnens zugesprochen wird, das auch Sein-Lassen enthält, Dankbarkeit angesichts der Gegebenheit, Entlastung aus dem beängstigenden In-der-Welt-sein bietet, ohne dabei aus der Welt zu sein. Die Welt wird zum Raum, zum "Haus des Seins", das Ontische zum Ereignis des Ontologischen, das Denken zur Bestätigung des Gedachten. Denken selbst wird als Bestandteil der so gedachten Welt zirkelschlüssig. Das geschieht bei Heidegger dadurch, dass er subjektives Denken für identisch mit objektiven Gedanken, Bewusstsein selbst für seiend hält und das Geschöpf als Schöpfer in der Welt allein sein lässt, im "Geviert von Erde und Himmel, Göttlichem und Sterblichen". Der dreieinige Gott wäre hiergegen leicht zu verstehen, aber als selbst seiende Einigkeit einer sich im Gegensatz produzierenden Welt wird eine Ganzheit unterstellt, die wie das verbliebene Unwesen des überwunden geglaubten Heilsgedankens sich phänomenologisch forttreibt und "west", zersetzt, was es gebiert, sich seiner Ohnmächtigkeit bewusst wird, indem es seinem Schicksal dafür dankbar ist, dass es dies alles denken kann. Es ist die reaktionäre Emanzipation eines abgrundtiefen Nihilismus gegen das Nichts, in das es alles versetzt, was es nicht ist. Es ist ein Denken, das sich zur fortwährenden Selbsterläuterung aufmacht, um sich wesentlich zu scheinen. Wahrheit ist für Heidegger durchaus subjektiv (wenn auch ontisch), während die Gegenstände des Denkens entweder Naturdinge oder Umweltdinge, und als solche nur leere Objektivität des "Angeschauten" sind. Er beschrieb eine Ontologie subjektiver Wahrheit, die als eine besondere Art von philosophischer Psychologie rezipiert wurde, besonders dort, wo Subjektivität selbst objektiv, wenn auch menschheitsgeschichtlich begründet werden sollte (z.B. bei C.G. Jung, Binswanger, Derrida, Foucault, Hellinger). Und darin ist er verfänglich, thematisiert er doch ein umfängliches Phänomen des Erkenntnisprozesses in der bürgerlichen Kultur, von der er zugleich vollständig absieht und stattdessen zum Grundleger einer Diskurstheorie wird (Habermas war ihm hierfür dankbar): "Das ist der phänomenologische Sinn der Rede, daß ich in evidenter Wahrnehmung nicht die Wahrheit dieser Wahrnehmung selbst thematisch studiere, sondern in der Wahrheit lebe. Wahrsein wird erfahren als ein ausgezeichneter Verhalt, ein Verhalt zwischen Vermeintem und Angeschautem, und zwar im Sinne der Identität." (Heidegger, Prolegomena zur Geschichte des Zeitbegriffs, S. 70) Das haben sie alle aufgegriffen, die sich auf ihn beziehen: Das Gemeinte im Gegensatz zum Angeschauten, die Evidenz der Wahrnehmung im Widerspruch zu ihrer Wahrheit. Nun war dies zwar allemal Grundlage des Denkens. Aber in dieser Selbstreflexion wird es zu einer unendlichen Selbstreferenz einer Identität im Gedachten, wenn "ich nur in der Wahrheit lebe": Was an Gegensätzlichkeit zu erklären wäre aus der Gegenständlichkeit der Verhältnmisse der Menschen wird als Erklärung genommen für die Notwendigkeit der Selbstbestimmung des Denkens. Wie für viele vor ihm war Entfremdung des modernen Menschen auch sein Thema, jedoch rein implizit als eine Selbstgenügsamkeit der Wahrheit an sich, die er ontologisch verstand und daher als Unangemessenheit des Menschen zu seinem Sein den Menschen selbst zum Vorwurf machen konnte. Damit wird jeder Gedanke zugleich wirkmächtig für das, was er zu verneinen vorgibt, denn er muss nicht erkennen, was er zum Gegenstand hat, er wird selbst zum Maß für das Vorgeworfene, mit dem er die Menschen ihm unterwirft. Damit hatte Heidegger einen doppelten Ausgangspunkt für eine umfängliche Kritik der Welt: Kritik des Seienden mit all seinen Aufwänden der Moderne (z.B. Technik) und Kritik des Menschen, der in seiner Seinsvergessenheit das Vermögen zur Wahrheit verloren habe. Damit gab es für seine Philosophie kein wirkliche Problem mehr, keine wirkliche Frage, denn er hatte alle Antworten im Begriff der menschlichen Existenz, in welcher dies Doppelte sich widerstreiten müsse - aus Furcht vor dem Tod. So reduzierte Heidegger alle Entfremdung, welche das Problem der Erkenntnis ausmacht, auf die Form der existentialen Selbstentfremdung. Nachdem alle bisherige Philosophie sich aus den Widersinnigkeiten der Welt entsponnen hatte und mit Marx zu dem Ende kam, dass sich Philosophie als Handeln in der Welt selbst aufheben müsse und von Nietzsche hiergegen zu einer Geschichtstheorie des Übermenschen gebracht worden war, machte nun Heidegger die Welt selbst zur Philosophie und die Philosophie zum Weltschmerz. Sein Denken war letztlich ein einziger Vorwurf an den unphilosophischen Menschen, der seine Selbstentfremdung betrieb und sogleich vergaß, sein "Ich-Selbst" als "Man-Selbst" zerstreute und in seiner Seinsvergessenheit sowohl als Täter wie Opfer seiner unglücklichen Wahrheit verblieb. Er ist der Theoretiker des selbständigen Intellekts, der sich auf seiner Wahrheitssuche von der Welt gekränkt fühlt - und das ist für Intellektuelle natürlich auch besonders reizvoll, wenn sie vergessen haben, was bisher hierzu gesagt war. Kein Wunder, dass er - nachdem der Marxismus als überwunden galt, zum Begründer der Postmodernen (siehe Derrida) wurde. Martin Heidegger folgt seinem Lehrer Edmund Husserl in der Auffassung, dass sich Bewusstsein nicht vom Sein unterscheidet und ihm als beständiges Erschließen aus dem Seienden selbst als dessen "Logos" inhärent sei (Identität von Sein und Logik). Für die Erkenntnis gebe es somit keinen Gegenstand, sondern Sein schlechthin, die im Seienden, im Ereignis, ihre "Lichtungen" als Anwesen der Wahrheit habe. Diese wird selbst ereignishaft, eben darin subjektiv wie objektiv in einem. Und darum vor allem geht es ihm auch. Seine Philosophie wendet sich gegen die "neuzeitliche Trennung von Mensch und Welt", gegen den Objektivismus von Kant, dem er eine Ontologie des spezifisch Menschlichen entgegenhält, das er aber weder als metaphysisches Prinzip (Aufklärung), noch als metaphysischen Subjektivismus (Idealismus) begriffen wissen will. Die Einheit von Mensch und Welt sei unmittelbar in der Welt als Dasein ontischer Gegensätze, wie etwa Leben und Tod, also unmittelbar subjektive Objektivität, welche absolut in der Zeit bestimmt sei und ihre Wahrheit im Sein habe. Aber sein subjektiver Objektivismus, mit welchem er ursprünglich in der Tradition von Schopenhauer und Nietzsche stand, die sich überhaupt gegen objektives Denken wandte, wendete sich zu einem objektiven Subjektivismus, der weit verfänglicher wurde. Heidegger glaubte, die Gedanken von Nietzsche erst wirklich auszuführen, indem er sie aus ihrem notwendigen Nihilismus, aus ihrer metaphysischen Subjektivität in die Welt der Ereignisse brachte. Die Lebenswelt wird so ein "Bewusstseinsstrom", weder subjektiv noch objektiv, dessen Wahrheit ontische Objektivität habe und sich im Seienden nur erschließen lasse. Der Mensch sei in die Geschichte des Seins hinein "geworfen", wie auch die Sachen, mit denen er sich umgeben sieht. Dadurch, dass der Mensch im Unterschied zu ihnen sich sein bestimmtes Dasein selbstbewusst wählen könne, unterscheide er sich von ihnen durch seine Existenz. Diese entsteht als Hervorkehrung menschlicher Individualität aus der Begegnung mit dem Tod, der Erfahrung von der Endlichkeit des Lebens, also einer Zeiterfahrung, die nur Menschen bewusst sein könne. Hieraus ergebe sich auch unmittelbar das Verhältnis der Menschen zueinander, in welchem sie sich als "Mit-Seiende" einig wissen und sich als ebensolche durch ihre Eigenheiten unterscheiden. Damit hat Heidegger dem zwischenmenschlichen Verhältnis eine Ontologie geliefert, die ihn zum Philosophen der Zwischenmenschlichkeit machte. Und von daher kommt wohl auch das Interesse an ihm, das sich besonders in der postmodernen Philosophioe (s.a. Derrida) wieder entfacht hatte. Als Philosoph der Zwischenmenschlichkeit machte er sich vor allem dadurch nötig, dass er den Mitseienden vorwarf, von ihrer existentiellen Freiheit keinen Gebrauch zu machen. Es sei dies das "uneigentliche Dasein", in welchem der Einzelne in der Anonymität der Masse verschwände und erst in der existentiellen Selbstbehauptung (sprich "Existenzkampf") zu einer selbstbewussten, entscheidungsstarke Persönlichkeit des "eigentlichen Daseins" werde. Die Sorge um die Existenz prägt alle Lebensentscheidung, da sie Wissen um die Endlichkeit, das Schicksal und die Angst vor dem Dunkel und der Zukunft enthalte. In der Daseinsanalyse sei daher das kritische Potential der Selbstbefreiung "geborgen", das - aus dem Verborgenen geholt - die Menschen in die Konfrontation zu ihrem Leben bringt - ganz so, als sei "das Leben" bislang ihr Hauptgegner gewesen. ... Das gefällt natürlich ganz besonders den Psychologen und Psychiater (z.B. Binswanger, Hellinger), die endlich ihrem allmächtigen Seinsanspruch ein Brutkissen bereitet finden und ihre Einfühlsamkeit jetzt als Hermaneutik allgemeinbegrifflich einordnen dürfen. Ihr Gefühl konnte als ihr Daseinsbezug auch ohne Reflexion mächtig werden - im Seienden und ohne Bewusstsein. Die Daseinsanalyse wurde hierüber zu einem festen Bestandteil des psychotherapeutischen Angebots. Die Hermeneutik wurde somit auch ein unmittelbares Selbstverständnis von der politischen Funktion von Psychologie: Indem Menschen sich der Mitmenschlichkeit ihres Daseins inne werden, sind sie als Mit-Seiende Täter und Opfer zugleich. Das ist der Pferdefuss ihrer Emanzipation: Sie müssen die Welt so übernehmen, wie sie ihnen gegeben ist und sich ihr so geben, wie sie sich darin zu verantworten haben. Dies ist auch die ausdrückliche "Erfordernis an den Willen", welche Daseinsanalytiger (ganz besonders z.B. Hellinger) an ihre Klienten richten, ihr gesolltes Wollen. Und indem sie diesem in sich gegensinnigen Sollen sich übereignen, werden sie sich als besonderter Mit-Seiender zu eigentlichen Menschen - wenn auch zwischen ihrem sollenden Willen jegliches wirkliche Bedürfnis ausgelöscht werden muss, um gesollter Wille zu sein. Darin geht die Philosophie in eine kämpferische Psychologie über, die vor allem reaktionäres Gedankengut zum Zwecke einer abstrakten Vergemeinschaftung überträgt. Und das hat Geschichte... und das macht Geschichte. Es ist die Wende des Nihilismus zum guten Bürger, dem Menschen, der seine Existenz in einer kollektiven Selbstabgrenzung zu leben hat. Heidegger kritisisierte das Seinsverständnis von Nietzsche, dessen Nihilismus, als Seinsverlassenheit, das dem Seienden selbst entspringt. Das Sein sei dagegen als wesentliche Wahrheit zu begreifen, welche vom Seienden getrennt sei und sich ihm als tiefere Wahrheit im geschichtlichen Wandel "zuwirft". Deren Sinnbezug komme also nicht aus dem Dasein, sondern aus einer Ontologie höherer Wahrheiten. Sie sei nur ergündlich in der Frage nach dem Sinn des Seins. Die ganze Geschichte der Philosophie sei eine Seinsgeschichte, die in der beständigen Frage verlaufe: "Was ist das Seiende im Sinn?". Dies sei überhaupt die Grundfrage nach dem Sinn als Wahrheit des Seins, wie sie aus dem Seienden hindurchscheint, Lichtungen findet, die schließlich die (philosophische) Erkenntnis ausmachen. Philosophie ist für Heidegger nichts anderes als eine "universale phänomenologische Ontologie, ausgehend von der Hermeneutik des Daseins, die als Analytik der Existenz das Ende des Leitfadens alles philosophischen Fragens dort festgemacht hat, woraus es entspringt und wohin es zurückschlägt." (Sein und Zeit S. 436). Existenz sei dabei - ganz im Gegensatz zur Auffassung des sonstigen Existenzialismus - nicht das "Hinausstehen" des Seienden (ek-sistare), sondern das ursprüngliche "Draußen-Sein", "das ek-statische Wohnen in der Nähe des Seins", die "Sorge für das Sein" (Heidegger: Platons Lehre von der Wahrheit. Mit einem Brief über den Humanismus. Bern 1954, S. 91). Zu fragen sei daher nicht aus der Existenz heraus, sondern sie selbst sei zu befragen "nach der Wahrheit des Seins" darin, die sich ontologisch zu erweisen habe (Heidegger: Was ist Metaphysik? Frankfurt 1975, S.16-17). Das nun ist eine vollständige und finale Umkehr der Philosophie: Sie besteht für Heidegger nicht als Frage nach Wahrheit, sondern als Ontologie der Wahrheit. Es ist die logische Konsequent aus Heideggers Denkansatz: Wahrheit ist dem erkennenden Subjekt vorausgesetzt und also nicht mehr der Antrieb seines Denkens, sondern sein Denken lediglich ihr Nachvollzug. Damit machte sich Heidegger tatsächlich zum Heilslehrer, zum "Hitler des Denkens", wie Martin Buber ihn bezeichnet hatte. Solche allmächtige Wahrheitsbehauptung macht Philosophie selbständig und mächtig für die Zwecke der Existenz, zur Theologie der Existenz als Instanz ihrer Wahrheit. Kein Wunder, wenn sie sich schließlich gegen die existierenden Menschen wendet, die ihr Sein in der Existenz vergessen. Sie selbst seien der Grund für die Seinsvergessenheit der Moderne, in welcher das einfache Sein verschüttet werde. Heidegger kritisiert die Moderne als einen Willen der Eroberung des Seienden durch die Technik, durch die Ausbreitung von Oberflächlichkeiten, welche die Lebenswahrheiten des Seins enthaupte. Hierin wurde er schließlich als Kulturkritiker verstanden. Aber im Grunde war er alles andere: Ein radikaler Ontologe, der sich gegen die Unwahrheiten der Welt empörte und die Philosophie zum Medium einer sehr katholisch anmutendenden Wahrheitssuche machen wollte. Sein Existenzialismus hat mit dem ihm nachfolgenden und sich oft auf ihn berufenden Existenzialismus wenig zu tun. Er besteht aus hiergegen vor allem aus einem impliziten ontischen Sollen, das sich sogar weit über das objektive Sollen von Hegel erhebt, weil es nirgendwo wirklich zu "Innerst" (essentia) ist, sondern immer auch vollständig äußerlich (extensia) (Gesamtausgabe 26, S. 280). Die Differenz von Sein und Seiendem treibe überhaupt das Leben an, treibe die Menschen erst in die Konfrontation zu ihrem Leben und mache es nötig, dass sie sich im Tod ihres Lebens gewiss werden müssen und darin ihre Seinsvergessenheit aufheben, also erkennende Menschen werden. Das freilich ist ein übermächtiges Lebensverständnis, das immer und allgegenwärtig gegen das unmittelbare Leben mächtig sein muss. Es ist dies einerseits eine Fortsetzung der negativen Erkenntnis von Nietzsche, die Gewissheit der Zerstörung, welche überhaupt Geschichte ausmache und in der Vorausgesetztheit gegensinniger Bewegkräfte (und Rassen) nur im Überlebenskampf aufginge. Andererseits habe Geschichte für sich keine Wahrheit und könne also auch nicht Ausgang der Erkenntnis sein. Deshalb wendet Heidegger die subjektive Philosophie Nietzsches zu einer objektiven, mit der nurmehr der Philosoph Subjekt sein kann: Wahrheit mache das Sein existent, bergend und verbergend. Philosophie und Kunst würden darin verschmelzen, Welt und Erde zu Eins werden. In der Entgegnung zur Modernen, die in ihrer Seinsvergessenheit zum Untergang führe, sei seine Philosophie der Geschichte des Seins absolute Notwendigkeit des Denkens: Die Führung des Gedankens der Seinsverpflichtung zum Heil der Welt. Es ist dies der Kern von reaktionärem Denkens überhaupt, das sich daraus begründet, sich dem Untergang, dem Sterben durch Selbstbehauptung entgegen zu setzen - nicht ohne dabei eine gewaltige Überlebensmacht gewinnen zu wollen (vergl. hierzu Spenglers "Untergang des Abendlandes"). Es ist dieser aus dem Nihilismus gewonnene Zynismus, der alles Handeln gegen das Siechtum stellt, dieses als Bestandteil der Geschichte disqualifiziert, und Erkenntnis als Macht eines überwältigenden Handelns begreift, eines Handelns, das seinen Willen aus der Vorstellung des Überwunden-Seins des Seienden bezieht. Als Vorläufer des Existenzialismus hat sich Heidegger mit einer Seins-Mythologie eingebracht: Die Überführung des Seins in das Seiende als Dasein gelingt ihm nur in der Begründung der Lebenserkenntnis durch den Tod - und er begreift hierbei Leben als ausschließlich individuelle Seinserfahrung. Nur dadurch, dass Leben auch nicht sei, ist Sein auch Nichtsein. Dies ähnelt zwar der Hegelschen Ontologie, meint aber etwas gänzlich anderes: Sein ist selbst Idee, Logik, welche in etwas anderes, in die Geschichte der Ereignisse, in das Seiende als permanente Grenzerfahrung im Zeitverlauf zwischen Leben und Tod hineinscheint. Die Zeit selbst als logisches Argument des Daseins hebt alle Begriffslogik außer ihr auf - letztlich auch die Zeitbestimmung als objektive gesellschaftliche Bestimmung überhaupt. Es sei eine "Emanzipation" des Nichts aus dem Seienden, welche das Dasein zum Wesen erklärt, zum Inbegriff aller Lebensäußerung. Mit einem ungeheuerlichen Aufwand an "Wortzauber" und "Begriffsschaum" (Christoph Türcke) hat Heidegger als Schüler Nietzsches die Metaphysik darin überwunden (und zugleich auf seine Weise bewahrt), dass er "das Sein als Sein" selbst in Zweifel gestellt hat und das "Andenken an das Sein selbst" nach Jahrtausenden "Seinsvergessenheit" nun als eine völlig neue Seins-Erfahrung in der Bezweiflung der Strukturen des Daseins vorgestellt: das sich lichtende Sein, das übrigens auch das Nichts ist, "weil das Sein (...) sich nur in der Transzendenz des in das Nichts hinausgehaltenen Daseins offenbart" (M. Heidegger, Was ist Metaphysik, Frankfurt am Main 1969, 5. 8ff., S.40). Im Grunde hebt der Existentialismus von Heidegger den Unterschied von Erscheinung und Wesen in die Differenz zwischen Sein und Seiendem auf, in welcher das Seiende eine eigene Oberflächlichkeit gegenüber wesentlicher Wahrheit des Seins, aber nicht erscheinendes Sein ist. Diese "Entdeckung" der ontologischen Gespaltenheit der Geschichte ist so mythologisch wie eh und jeh. Heidegger hat so die Philosophie darauf zurückgeführt, woher sie kam und ihr in seinem raunenden Begriffsgebilde jegliche emanzipatorische Sehnsucht wieder genommen, die Nietzsche in seinen Visionen - wenn auch äußerst zwiespältig - noch hatte. Geschichte ist für ihn als Seinsgeschichte selbst schon allem Denken vorausgesetzt: Das Unsprachliche, der jedem Wort und jeder Gegenständlichkeit vorausgehende Sinn, hat kein Sein und also auch keine Wirklichkeit. Denken über dieses Sein fällt hinter seine eigene Voraussetzung zurück, zerstört sich in der Abstreitung eines Gegenstands in bloßer Selbstbehauptung, sich selbst zu verwirklichen. Als solche Selbstverwirklichung des Denkens fasziniert sie vor allem jene Intellektuelle, denen Gegenständlichkeit nur leere Form ist. Diese ist das eigentliche Resultat des Heideggerschen Existenzialismus: Der Mensch, der um sein Leben nur sorgt, weil er sich dem Tod widersetzt, entfaltet alleine die Bornierung seines Lebens, als dessen Schmied er sich dünkt. Jeder menschliche Reichtum ist ihm abhold, sofern es nicht die Reichhaltigkeit seiner Persönlichkeit ist. Deren Selbstbehauptung bringt aber in ihrer Einzelheit der Sorge und Besorgung das Unglück der Selbstbeschränkung notwendig mit sich, welche die Aufsammlung der Persönlichkeiten zu einem Volk, zu einem Volk der Persönlichkeiten (und ihrer persönlichen Hierarchie) nötig hat. Darin steckt das Gewaltpotential eines völkischen Staates, das nicht zufällig bei Heidegger eine Nähe zum Faschismus erbracht hatte. Wirklichkeit besteht in dieser Denke eben nur als schlichte Erfindung, als Mache von unmittelbar und voraussetzungslos, also geschichtslos tätigen Menschen, als Konstruktion (Wirklichkeitskonstruktion), die ebenso relativ ist, wie sie auch nicht ist. "Dies schlechthin Andere zu allem Seienden ist das Nicht-Seiende. Aber dieses Nichts west als das Sein", "was jedem Seienden die Gewähr gibt, zu sein", weil "niemals ein Seiendes ist ohne das Sein." (a. a. O., S.46). Indem es "west", sich "lichtet", "zuschickt" oder sonst irgendetwas Geheimnisvolles tut, wofür es keine angemessene Sprache gibt" (zitiert nach Türcke |
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Ursprünglich kommt Heil von Erfolg, Gelingen, Glück unter Bedingungen, in denen Anstrengung und Ansporn hierfür nötig ist. "Petri Heil!" war der Zuruf und Ansporn zum Jagdglück; ebenso "Waidmansheil". "Glückauf" sagen dagegen die Bergleute. Erst in der Religion wird das Heil als das Heilige Gott ähnliche, also das, was sich dem irdischen Geschick entwindet und einer abstrakten Ganzheit des Lebens zugehört und damit der Erlösung von irdischem Unglück und Schuld nahe ist. Der Heiland schließlich soll dies doppelte sein: Glücksbringer, der zugleich Heilung im Sinne von Erlösung, verschafft, Heilung durch Glück. Das macht ja schließlich jeden Glauben aus - und sei es der ans Nirwana (siehe Nichts). So sprach auch Buddha: »Wohlan, ihr Mönche, ich sage euch, alles geht dahin und stirbt, aber die Wahrheit bleibt. Strebt nach eurem Heil!« Das Heil leitete sich auch tatsächlich aus dem Gegensatz von Geist und Welt ab, zunächst aus dem Unheil, aus dem Schicksal, welches die Bestimmungen eines Jenseits vollzieht. Solange Unheil nicht als Unglück begriffen wird, das sich aus dem Glück erklärt, enthält es als einzig Anderes das Heil - sowohl bei den Christen, als auch bei den Juden, bei C.G. Jung wie bei Max Horkheimer. Das Unheil schlechthin kann keiner Erkenntnis gerecht werden und das macht seinen Mythos aus und macht es zum Mittel für die Dämonisierung des Unheils. Religion ist die höchste Heilserwartung und jeder Mensch bleibt ihr treu, solange er sein Heil nicht im Diesseits als sein einfaches Glück erkennen kann, solange er nicht diesen Apfel vom Baume dieser Erkenntnis pflückt. Für jeden Heilsbegriff ist ein Unheil vorausgesetzt, das auf dem Verkennen seines Wesens, die Gebrochenheit eines Ganzen, gründet. Das Heile wäre so nur das seinen überwunden Schmerz habende, das sich wirklich aufgelöst habende Unglück. Im Unheil raunt eine Abkehr von Ursprünglichkeit, von Wesentlichkeit mit, die in der Wesenlosigkeit, der Oberflächlichkeit selbst schon begründet scheint. Hierin wird jeder Erkenntnis eine Grenze gesetzt, Erkenntnislosigkeit als Tribut an das Unheile abverlangt, welches unendlich begründet ist, weil es unendlich viele Gründe hat. Von daher sind dem Heilsprinzip immer auch Untergangstheorien beigemengt, welche eine Endlichkeit ohne wirklichen Grund vorstellen, einen Vernichter ohne Grund und somit genug Grund für jede Vernichtung. Praktisch entsteht das Verlangen nach Heil aus der Zerstörung; es ist die Ideologie der darin begründeten schlechten Negation. Zur Begründung solcher Ideologie hat sich besonders die Philosophie gerne hergegeben, hat sie doch ständig auch mit ihrem eigenen Untergang zu kämpfen. Die Seinsvergessenheit, die Heidegger der Moderne zum Vorwurf macht, enthält den impliziten Vorwurf, dass Seiendes verflacht und seine Wahrheit verliert, was das "eigentliche" Unheil des Menschen in quasi ontologischer Gesetzmäßigkeit mit sich bringe. Das Unheil ist eine Abstraktion von allem, was wirkliches Unglück mit sich bringt - und deren Totalisierung als Geschichtsmythos, wie er urtümlicher Geschichtsschreibung zu eigen war (nicht ohne Grund war das germanische Unheil zum Ursprungsbegriff der Nazis geworden - und beispielsweise nicht das Gotische, Slawische, Fränkische usw.). Hitler sah im Unheil die Fäulnis, Dekadenz und den hinterhältigen Niedergang durch Charakterlosigkeit und Unwürde, den Verrat („Mein Kampf I", Kapitel 10, Seite 250, Auflage 1939). Heil ist daher vom Ansporn gegen den Verrat (z.B. Nibelungenmord) zu einem Ausruf der Selbstgerechtigkleit geworden; es wurde zum Ansporn und Glück des Führers, der die Gewalt und Kraft der Gerechtigkeit für alle verkörpern sollte. Obwohl Heil urspünglich nicht viel mit Heilung zu tun hatte, bekam es dennoch durch den Erlösungsglauben, der damit verbunden war, eine Bedeutung von Heilung aus der Not. Auch wenn diese sozialer Natur war, wurde sie in dieser Bedeutung der Krankheit - ja sogar der Verwesung gleichggesetzt. Heilung ist eigentlich nur die Wiederherstellung des Ganzen, was durch Kränkung oder Krankheit gebrochen war. Hierin ist sie bestimmt und beschränkt auf die Umstände und Mittel, die hierfür verfügbar sind. Jetzt wurde sie zur Lebensmacht, zur Macht des Überlebens gegen das Sieche, Faule und ... Schwache. Heil bekam die Bedeutung von Größe, Herrschaft und Macht gegen Meute, die Masse, die sich nicht ordnen und nicht ausrichten kann. Es war so ein Begriff für Massentherapie. Damit war jeder Grund für die gesellschaftlich auftretenden Probleme beseitigt und diese selbst zum Grund gemacht: Das Unheil kommt aus dem Unreinen und dieses wird zum Objekt des Heilsgedankens. Es ist das Abstößige, das abgestoßene werden muss. Jede Rassentheorie enthält ein Heilsprinzip, nach welchem die Rassen sortiert sind. Letztlich aber ist es die Sortierung des Lebens selbst, um die es im Heilsgedanken geht. Seine finale Konsequenz ist daher der NS-Begriff des "lebensunwerten Lebens", aus dem als konsequente Praxis die Euthanasie der Kranken und Verkrüppelten vom obersten Arzt der NS, Karl Brandt, entwickelt wurde. |
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Das Verlangen nach einer heilen Welt entsteht für das praktische Bewusstsein aus dem Gefühl eines Unheils, das die öffentliche Welt beherrscht und das nicht begreifbar erscheint und also gemieden wird. Im abgetrennten Lebensraum wird so ein Heim geschaffen, das in der Abgrenzung zur Öffentlichkeit privates Glück bildet durch ein selbstbestimmtes für sich Sein, das sich der Außenwelt überhebt als Hort der Selbstgefühle. Die können sich darin ungestört als unmittelbarer Lebensausdruck fühlen, soweit sie sich als Gefühl der Menschen füreinander erleben lassen. Das in sich geschlossene Ganze muss allerdings das Ganze solcher Gefühle auch aushalten, die vor allem den Mangel haben, nur entäußerte Selbstgefühle sein zu können, sobald die Gewohnheiten in solchem Raum das Gefühl füreinender seines Grundes enthebt, seinen Sinn in der Dichte der Anwesenheiten aufhebt. Und in den Selbstgefühlen verheimlicht sich dann der Zweifel am Ganzen, am Heil dieser Lebensburg, solange er sich nicht verwirklicht als Widerspruch oder ausbricht als Streit, Vorwurf oder Schuldgefühl. Solange er heimlich bleibt, ist er immer gegenwärtig als Gefühl von etwas Unheimlichem, einer potenzielle Vernichtungsmacht des eingeschlossenen Glücks, worin alles schön und gut ist, aber durch böse Mächte bedroht wird. Diese sind in keiner Weise identifizierbar, weil nichts in der heilen Welt Identität haben kann. In ihnen wird eine totalisierte Wirkung unterstellt, die sich aus dem verheimlichten Zweifel als abstrakt allgemeine Negation ergibt: Das Böse schlechthin. So ist das Böse auch das wichtigste Thema in einer heilen Welt, die Mythologie ihrer Selbstbegründung als das verbliebene gute Menschsein, als Zusammenschluss guter Menschen, die sich in der Abgrenzung vom Bösen immerhin selbst bestimmen und verwirklichen zu können vermeinen. Aber es ist die Verwirklichung der Abgrenzung, der Selbstunterscheidung und der Selbstbehauptung, die zugleich eine allgemeine Pflicht ist, welche diese Welt für ihr Heil nötig hat und sich bildet und sich darin auch zusammenhalten muss. Von daher wird das Böse zur einzig konstitutiven Kraft des Guten, zu seiner Macht, an deren Befolgung jeder gemessen wird, der darin lebt. Denn es ist die "Macht der Freiheit" (G.W.Bush), zu der jeder für sein Heil verpflichtet ist. |
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Das Heilige ist das Heil des Glaubens, das reine Ganze der Gläubigkeit, das vom Unglauben unberührbatr ist. Diesem wird die Reliquie geboten, in welchem das Heilige ausschließlich Rührung ist. |
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Heilserwartung ist zunächst die Erwartung eines Erlösers, der das Heil für viele bringt. Von daher hat sie ausgesprochen religiösen Ursprung aus der Sehnsucht nacht Heilung der Wunden der Welt. Auch wenn sie vom reaktionären Bewusstsein als politische Teleologie vorgestellt wird, so macht sie implizit auch in den Utopien linker politischer Strategien oft das Prinzip Hoffnung aus, das hiervon getragen wird (vergl. z.B. Horkheimers Vorstellung von dem "ganz Anderem"). Wo Politik nicht von solchen Erwartungen getragen wird, gründet sie auf einer Analyse der bewegenden Kräfte der Wirklichkeit, die ihre Änderung selbst schon in sich tragen, wenn ihre politische Formation aufgehoben wird (vergl. Kritik der politischen Ökonomie). |
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Krankheit, Elend, Siechtum, Verwahrlosung, Barbarei und jede andere Gestalt von Schmerz hat Gründe, die nicht unmittelbar erkennbar sind (siehe praktisches Bewusstsein) und die ohne näheres Eingehen auf die einzelne Geschichte nicht begriffen werden können. Ohne ihre Kenntnis und Anerkenntnis bestimmen sie das Leben lediglich in der Hoffnung auf Erlösung, auf Auflösung aller Schmerzen. Diese schlechte Negation kehrt sich von wirklicher Veränderbarkeit, von einer Heilung im Sinne von Wachstum, Erneuerung und auf sich selbst kommen (siehe Revolution) ab und wendet sich durch den Begriff des Heils zur Behauptung eines reinen glücklichen Andersseins, zur Lösung und ihrem finalen Prinzip, zur Endlösung schmerzhafter Existenz. Es ist die Ablösung von jedem Grund und daher auch von jeder Begründung durch ein Wissen, also Propaganda für das Ungewisse, dessen Inhalt selbst nicht mehr wirklich sein kann und daher meist seelischer Natur ist. Wo etwas unheil, also beschädigt ist, da ist es nicht mehr ganz. Das Ganze kann nicht sein, weil es unheil ist, nicht funktioniert und daher auch ein Unheil darstellt. Heil ist die Vorstellung einer funktionierenden Ganzheit, in der die Teile eingegliedert sind, selbst wenn sie nicht wirklich existieren oder als Teile sogar unvorstellbar sein können. Das Heil ist also auch ein Begriff für das Ganze, das unteilbar ist oder als unteilbar behauptet wird. Alle Ideologien enthalten die Vorstellung einer abgeschlossenen Ganzheit (z.B. die Freiheit an sich), die nicht bestimmt und auch nicht bestimmbar ist. Das Heil ist der Inbegriff einer Glücks-Ideologie, die sich gegen das Unglück der Wirklichkeit wendet und daher selbst gegen dessen Wahrnehmung sich stellt. Wieweit ihr das gelingt, hängt davon ab, wie das Unglück im konkreten Leben eines Menschen gegenwärtig ist oder die Seele selbst schon dessen Aufhebung konkret betreibt, also in seelischer Gestalt wahrmacht, was sie nicht mehr wahrhaben kann. Weil durch die Ideologie des Heils Wirklichkeit gleichgeschaltet, also gleichgültig gemacht ist, dient der Begriff des Heils auch als Leitmotiv von Gesinnungsbewegungen, die darin ihren Zusammenschluss und ihre Geschlossenheit betonen oder propagieren, um neue Wirklichkeit politisch zu bestimmen. Als Zielvorstellung solcher Bewegungen wird der Heilsgedanke eine Heilsvorstellung von Politik, welche notwendig einem Willen der Macht folgt. Praktisch entsteht das Prinzip des Heils aus einem notwendigen Verlangen in der Zerstörung von bestehenden Verhältnissen, aus ihrer Paralyse, die zur Überlassung jeder Macht zwingt, die deren Auflösung verspricht (siehe Vernichtungslogik). Solche Macht begründet sich poltisch allerdings nicht mehr durch wirkliche Verhältnisse, sondern durch Urteile und Aburteilung nach Begriffen einer Lebenssophistik. Letztlich ist es die Sortierung des Lebens selbst, um die es im Heilsgedanken geht. Seine finale Konsequenz ist daher der NS-Begriff des "lebensunwerten Lebens", aus dem als konsequente Praxis die Euthanasie der Kranken und Verkrüppelten vom obersten Arzt der NS, Karl Brandt, entwickelt wurde. |
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Ein Heilsversprechen ist ein Erlösungsversprechen durch eine Person, die sich als Erlöser bestimmt und eine Politik betreibt, die Heilserwartungen schürt und zu befriedigen vorgibt, um Kräfte zu mobilisieren, die der Negativverwertung im Produktionsprozess dienlich sind. |
s.a. siehe hierzu das Heilsversprechen im "Aufstandsplan" der Rechten nach den Vorstellungen von Clausewitz | |
Eine Heilsvorstellung gründet zum einen auf einem Erlösungsgedanken, welcher den meisten Religionen unterlegt ist, zum anderen auf einem Ideal, das sich aus den Mängeln von Wirklichkeit ableitet und sich darin notwendig ergeben soll. Letzteres macht die Sophistik aus, welche von der beständigen Unangemessenheit der Realität gegen ihren idealisierten Begriff ausgeht. Wo Sophistik mit Religion verschmilzt oder selbst religiös wird, da verwirklicht sie sich als Sekte. Heilsvorstellungen können sich sich in einer Menschenmasse als Sehnsucht nach einem Heil des Volkes auch als eine durch die Masse erregte Selbststimmulation wahr machen, die darin konkreten Sinn bekommen, dass sich Menschen in ihrer bloß massenhaften Anwesenheit erlöst fühlen gegen die Wirklichkeit und von ihr. Ohne eine Vergemeinschaftung von Menschen kann eine Heilsvorstellung nichts anderes als irgendeine Phantasie sein; durch sie aber wird sie zur Richtung für eine Masse, die gegen die Erfahrung von Elend und Sinnlosigkeit ihnen abstrakten Sinn gibt und hieraus Kraft schöpft. Dieser Sinn vermasst sich zu einer Wirkung, die nur aus der Masse kommt und daher von Propagandisten und Populisten genutzt wird.
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Heilung setzt eine Ganzheit voraus, die durch Krankheit sich inadäquat geworden ist. Heilung ist der Prozess der Wiedererlangung dieser Ganzheit. Im Begriff der Heilserwartung ist dies politisch instrumentalisiert nach Maßgan des politischen Ganzen, die Nation. Der Nationalismus moniert die Gebrochenheit des bürgerlichen Staates und bringt von daher Heilsvorstellungen in Gang (siehe Nationalsozialismus). |
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Heim ist ein Begrifff für das Zuhause sein, für das Fürsichsein in einem privaten, in sich geschlossenen, also isolierten Lebensraum, Stammwort für Heimat, Daheim, Verheimlichen, Unheimlich. "My home is my Castle" meint das Zuhause als Herrschaftsbereich, das als solcher auch bewehrt sein muss. Es ist der Umgangsbegriff für bewohnten Besitz, für den Raum des Gewohnten schlechthin, das Dasein als Gewohnheit, das Absolute dessen, was nicht fremd sein kann und niemals fremd sein darf, also das von allem Anderen Abgeschirmte, nicht unbedingt Eigenes, aber immer als Raum Gehabtes, des geborgenen Lebens. |
s.a. | |
Heimat ist der Kulturraum der eigenen Herkunft, meist mit Ursprünglichkeit gleich gesetzt, auch mit Geborgenheit. Von daher ist der Begriff mit vielerlei Ressentiment belegt und wird auch oft im Interessse eines reaktionären Bewusstseins oder auch nur in der Absicht einer Ursprungssehnsucht gebraucht. |
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