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Kunst

"Aber ihre Autonomie beginnt, ein Moment von Blindheit hervorzukehren. Es eignete der Kunst von je; im Zeitalter ihrer Emanzipation überschattet es jedes andere, trotz, wenn nicht wegen der Unnaivetät,- der sie schon nach Hegels Einsicht nicht mehr sich entziehen darf." (Th. W. Adorno in "Ästhetische Theorie")

Kunst ist Denken im Fühlen und Gefühl, in seinem Eindruck und Ausdruck, unmittelbar erkennende Sinnestätigkeit, Artikulation von Sinn, die sich ohne jede Vermittlung an die Menschen wendet; auch, um sich selbst zu wenden, eigene Wahrheit außer sich zu haben. Kunst ist eine Arbeit, die unmittelbar Schönes erzeugt, - nicht im Sinne einer Ästhetik, wohl aber als Sache für ein Leben, das sich jenseits der Sachwelt der Nützlichkeiten gründet. Kunst reflektiert diese Trennung und vollzieht in der Abtrennung der Schönheit den Ausschluss, wie er durch die bürgerliche Gesellschaft gegeben ist, auch oft im Bemühen, sie durch sich selbst aufzuheben. Dies gelingt insofern, wie Geist und Sache, Schönes und Nützliches, nicht durch sich selbst getrennt sind, und somit eine zumindest intelligible Einheit im unmittelbaren Arbeiten möglich ist, nicht aber in der Form, worin sich Kunst auf die Gesellschaft überhaupt vermittelt. Sie ist insofern zwar eine politische Kraft in der Erinnerung an wirkliche Arbeit für Menschen, als deren Gedächtnis, aber ihre Sprengkraft wird sich nur in der Verbindung mit gesellschaftlicher Wirklichkeit, in der Erkenntnis gesellschaftlichen Zusammenwirkens beweisen.

Erkenntnis und Tätigkeit sind in der Kunst eins, Einheit der tätigen Empfindung, und äußern sich als ihr Gefühl. Kunst ist die Äußerung, Beziehung und Auffassung von Erkenntnis in verdichteter Form, welche ihre Intension ist. Darin unterscheidet sie sich von naiver Erkenntnis, die rein gegenständlich ist; - aber auch schon dadurch, dass sie selbst Äußerung einer Beziehung in ihrer Dichtung, ihres Außer-Sich-Seins ist. Sie ist darin nicht frei, weil sie aufhört, Kunst zu sein, wenn sie bei sich ist. Kunst endet, wo Leben zur Gewohnheit wird. Kunst kritisiert Gewohnheit, indem sie deren Gegenständlichkeit reflektiert, indem sie ihr den Sinn entnimmt, der darin wahrgehabt wird. Sie ist also in ihr und durch sie gebrochen, auch wenn sie ihren Sinn widergibt. Sie spürt auf und fühlt, was nicht wirklich wahr ist und in Wahrheit nicht wirklich sein kann.

Indem Kunst dies in der reinen Unmittelbarkeit vollzieht, scheint sie von gesellschaftlicher Vermittlung frei. Doch es ist ihr Schmerz, die "Wunde der Kunst" (Adorno), in dieser Freiheit sich nicht mit-teilen zu können. Sie bleibt als unvermittelte Lebensform innerhalb der bürgerlichen Lebensverhältnisse zufällig: Zufällige Begegnung von Unmittelbarkeiten, die keine Vermittlung erkennen können, weil es diese nur in der Beziehung der Nützlichkeiten gibt. Nur wo Kunst zufällig auch nützlich ist, kann sie unter diesen Umständen gesellschaftlich sein.

Kunst ist der stille Ort für die Wahrheit einer Sinnlichkeit, welche die schmerzhafte Einheit des Gefühls erkennt, die in der bürgerlichen Kultur nur als Ästhetik in ästhetischen Verhältnissen aufgenommen und zur Selbstwahrnehmung gewendet ist. Auf diesem stillen Örtchen hat sie aber keine transzendete Funktion, wie Adorno glauben machen will, sondern ist Moment der Selbstverständigung, in welcher Menschen sich zu verstehen suchen, was letztlich als Selbstbewusstsein besteht. Als Selbstverständnis ist Kunst in der Ästhetik längst verflogen, gerade weil sie sich dort absolut versteht. Ihre Existenz in der Ästhetik schadet ihrer Wahrheit, macht sie zu dem, dem sie zu entfliehen sucht: zu abstrakter Sinnlichkeit

Kunst ist die Äußerung von Sinn in der Bestrebung, ihn für sich zum Ausdruck zu bringen, ihn als Einfall in Beziehung zu setzen und als Ereignis der Wahrnehmung zu genießen. Sie ist darin gesellschaftlich, dass sie sich in der Beziehung auf die Welt der Nützlichkeiten, der Gebrauchswerte und Konsumgegenstände (Kulturkonsum) als zwischenmenschliches Wissen und Gewissen ausdrückt und Menschen auch wirklich beeindruckt, die darin ihren Schmerz erkennen: Die Einheit ihrer Lust und Selbstverneinung.

Kunst setzt die gegenständlich selbständige Welt, die Produktion von den Gütern des Stoffwechsels voraus und ist von ihr dadurch verschieden, dass sie ihren Sinn für sich hat, dass sie sich nicht als Arbeit im Nutzen der Dinge wirklich macht, sondern als menschliche Erkenntnis, welche den Sinn der Dinge als Sinn und Geist für die Dinge nimmt, als Empfindung und Auffassung und Interpretation, als reine Sinnesform von Eindruck und Ausdruck menschlicher Sinnlichkeit.

Kunst ist Bestandteil der gegenständlichen Welt des menschlichen Reichtums, der sich allerdings in einem eigenen Lebensbereich getrennt von der Welt der nützlichen Dinge erhält. "Kunst kann nicht nützlich sein" (Oskar Wilde), aber sie ist nicht ohne diesen Nutzen, welcher auch ihren Stoffwechsel ausmacht, welcher aber auch in ihr "nicht aufgeht" (Adorno). Sie ist das geistige Moment der Kultur, wie es (noch) für sich ist, wie es Sinn sucht und in der Welt der Gebrauchsgüter und Werte keinen Sinn hat. Kunst ist die im Untergang begriffene Religiosität, aus der sie kommt, die noch nicht wirklich im gegenständlichen Reichtum der Menschen aufgehobene Kultur abstrakter Sinnlichkeit.

Kunst enthält das Verlangen, für die Menschen wirklich zu sein, wie auch die nützliche Sache als Verlangen der Menschen zu reflektieren, das Bedürfnis der Menschen nach gegenständlicher Wirklichkeit zu befriedigen und darin wirklich aufzugehen. In der Reichhaltigkeit menschlicher Gegenstände exisistiert dies alles nebeneinander, unvermittelt und doch bezogen, als Kulturdinge und Lebensmittel, als Welt voller Kultur und Sache, die sich ausschließen, wo sie zusammengehören, sich bedrängen, wo sie einander ergänzen. Es ist ihre abstrakte Vermittlung, die sich als sachliche Macht zwischen alles stellt, was sich im menschlichen Reichtum, in der wirklichen Potenz der Menschlichkeit, der Wirklichkeit der Menschenliebe, dem Wesen nach sucht, einander zustrebt, wo es auseinander getrieben wird. So verliert sich ihr Zusammenhang in Kräften, welche sich daraus nähren, was die Menschen ihnen überlassen. Auch die Menschen verlieren sich in ihren Sachen, wenn sie diese nicht als ihre Sache ansehen. Und sie verlieren sich in seeligen Wahrnehmungen, wenn sie die Erkenntnisse ihres Lebens darin aufheben.

Die Abstraktion, welche die gegenständliche Welt auseinandertreibt, hat von der Seite der Lebensmittel abstrakt menschliche Arbeit zur Substanz, von der Seite der Wahrnehmung abstrakt menschlichen Sinn. Wenn und wo sie sich wirklich vereinen, wird Kultur und Lebensalltag sich treffen und sich gegen die abstrakten Mächte der Welt, gegen den Wert der Dinge und die Absichten der Seeligkeit sich wenden.

Kunst für sich beruht auf einem besonderen Können, das sich von der Produktion der Lebensmittel schon immer unterschieden hat und immer noch unterscheidet. Aus der Gottesanbetung entstanden, war sie noch die Kunst der Verehrung eines Jenseits, das im Jammertal der Welt keinen Sinn hatte. Es waren besondere Menschen und geweihte Gegenstände, was Kunst genannt wurde. Erst die Entwicklung der Kultur zu einer Welt menschlicher Wahrnehmung in notwendiger Beziehung zur Alltagswelt hat Kunst zu einer menschlichen Sinnesäußerung und damit zu einem Bestandteil menschlicher Arbeit gemacht. So bezieht sie sich heute auf menschliche Existenz und auf die Dinge des Alltags mit der Selbstverständlichkeit des Kunstschaffenden, der sich ihrer annehmen will, weil er mit ihr auch nur gebrochen leben kann. Kunst hat diese Gebrochenheit ebenso, wie die Existenzen des Alltags in ihrer Selbstwahrnehmung gebrochen sind: Das Leben ist ungeheuer sinnlich, aber es hat keinen Sinn. So besteht Kunst neben der Produktion für Lebensmittel, also den Sachen menschlicher Bedürfnisse in der Kultur als aparte Produktion von Selbstwahrnehmung, welche Sinn sucht. Was sie an Sinn als Welt in sich aufnimmt und reflektiert, nicht als Widerspiegelung, sondern als Geist für sich, der seinen gesellschaftlichen Sinn außer sich hat, das zerarbeitet sie sogleich als Sinn für sich. Kunst ent-deckt diesen Sinn als Moment menschlicher Beziehung, der nicht Gegenstand gesellschaftlicher Bedürfnisse ist, also hierin nicht nötig erscheint, und vollzieht hierin ihr Bedürfnis nach Sinn. Dies ist ohne Wirklichkeit, ohne Verwirklichung in der Welt, ihr Schmerz (nicht ihre Wunde), der in dieser Form unendlich ist.

Kunst hat sor keine eigene Wahrheit, etwa als "richtiges Leben im Falschen" oder umgekehrt als Krititik des falschen Lebens in den Fetischen des Alltags (frei nach Adorno). Kunst mag sich dagegen absetzen, insofern auch unterscheiden; aber für sich ist sie nur eine Besonderung von Sinn, der allgemein nicht sein kann, wie jede besondere Sinnesäußerung sich in der bürgerlichen Gesellschaft nicht wirklich verallgemeinert, der aber für sich Geist hat. Kunst ist also nicht "richtiger" als der einfache Lebensbedarf; im Gegenteil: Sie ist sein notwendiges Anderssein. Sie führt aus, was dort verschwindet. Dies entspricht auch ihrem geschichtlichen Werdungsprozess. Ursprünglich inhärentes Teil von Arbeit, das sich ungebrochen der Religion oder dem Kult oder dem Magen zugewendet hatte, wurde sie gegen die fortschreitende Verwertungsproduktion, also der Vermassung der Lebensmittelproduktion, zu einem eigenen Wert. Er begründet sich aus der Besonderheit der Unmasse, sich selbst als Sinn zu haben, um sich geistig zu gewinnen. Und dieser Wert hat tatsächlich einen Sinn für sich, der in der bürgerlichen Kultur sich ausbreitet als ihr ästhetischer Sinn. In der Ästhetik ist dem Menschen sozusagen geistig wiederhergestellt, was er in seinem Lebensalltag verloren hat - nicht als wirklicher Mensch, aber als abstrakt gesellschaftlicher Mensch. Heute kommen Menschen praktisch nicht mehr ohne irgendein Produkt der Kunst aus, und sei es auch "nur" die Unterhaltungskunst (siehe Tittytainment). Die Rolle der Medien und Datenträger hat daher der Kunst erst wirklich zu ihrem Kulturwert verholfen, weil er erst hierduch zur Massenveranstalung wurde. Sie lassen leben, was sonst gestorben ist, sei es als klassische Theateraufführung, als Musik aus dem MP3-Player, als Beschaulichkeit eines Heimatfilms oder als Selbsterregung durch eine Soap-Story. Dies alles lässt sich nicht wesentlich von Kunst unterscheiden - wie heute auch die Kunstentwicklung selbst zeigt (siehe Andy Warhol), wiewohl es sich im Gebrauch als Kunstsparte sehr unterschieden verhält (als Ereignis, als Arbeit oder als Lifestyle, Design). Kunst für sich ist immer auch Unterhaltung und als dies ist Kunst ein Ereignis, das zwar im Original seinen Ursprung hat, aber sich ähnlich reproduziert, wie eine Abendgala mit Hochtrapez. In der bürgerlichen Kultur existiert Kunst immer als Ereignisproduktion. Darin ist die abstrakte Form eines gesellschaftlichen Sinns Gegenstand der Wahrnehmung und von daher auch Gegenstand des Kulturkonsums.

Es ist ein kommunistischer Traum, die Einheit von Kunst und Arbeit als gesellschaftliches Verhältnis zu entwickeln. Aber dieser Traum hat auch schon seine - wenn auch gespaltene - Wirklichkeit in einer Welt des Reichtums, worin die nützlichen, die sinnlichen und die geistigen Dinge als Kulturgüter nebenenander und in verschiedenste Lebenswelten getrennt, also isoliert und daher für sich nur abstrakt bezogen, bestehen.

s.a.

=> Kulturarbeit

=> Ästhetik

=> Empfindung

=> Schönheit

Siehe auch Überblick Kunst & Ästhetik

siehe auch Themenabend
"Kunst und politische Aktion"

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Arbeit und Kunst