Buchstabe Rea Im Kontext

Reaktion (politische)

Eine Reaktion ist die Rückwirkung auf Aktion als Bezichtigung ihres Sinns als Negation des Gegebenen. Sie identifiziert dies Zerstörung und setzt sich für die Bekämpfung des Fortschritts ein. Reaktion meint im Grunde Rückschritt auf vorhergehende Zustände und deren Fixierung gegen Fortschritt (s.a. Progression). Die politische Reaktion ist rückwärtsgerichtete Politik; rückwärts gegen Aktivitäten, die das Fortschreiten der Geschichte beinhalten, indem sie ihre Position auf die Notwendigkeit der Gegebenheiten reduziert (siehe reaktionäres Bewusstsein). Der Begriff setzt ein Geschichtsbewusstsein voraus, welches Fortschritt fürchtet, weil es darin die Gefahren der Moderne wittert (vergl. z.B. den Vorhalt der Seinsvergessenheit bei Heidegger). Solches Bewusstsein steht auf der Seite der Faktizität, den Gegebenheiten, denen sich Menschen zu beugen hätten, um dem Übel subjektiv bestimmter Geschichte, deren vermeintlichem Unheil zu entgehen. Reaktion setzt die Gegebenheiten als Maßstab einer heilen Welt gegen die Menschen, die sie nicht anerkennen.

Die politische Reaktion will das Objektive absolut machen, die Menschen an das binden, worin sie schon aufgehoben sind, will die Gewissheiten konservieren, die vor allem als Selbstbegründung, als Beziehung auf sich selbst zum Zweck der Selbstbestätigung geeignet sind. Im reaktionären Bewusstsein wird das praktische Bewusstsein zu einem Selbstbetrug des Erkenntnisvermögens: Die vergangene Geschichte wird zum Sinnbild jeder Geschichtlichkeit, das Gedächtnis zum Maßstab der Geschichte.

Die Kritik hieran kann aber keine Kritik des Gedächtnisses selbst sein. Die Erkenntnis, dass solche Geschichte, die sich bloß wiederholt, eine Farce ist, enthält das Wissen, dass es keine Geschichte gibt, die sich nach ihren eigenen Voraussetzungen richtet, ist also potenziell geschichtlich. Die Reaktion betreibt von daher auch ihre permanente Selbstaufhebung, die sie an ihrem Gegner vollstreckt und sich nur dadurch erhält, dass sie ihn hat. Sie ist vollständig abhängig von ihm udn reagiert auf seine Aktionen, um sich selbst aus ihrer Nichtung herasuszukehren, sich an ihrer Außenwelt zu erstarken oder stark zu machen. Deshalb hat die politische Reaktion die Aufhebung von jeglicher Aktion nötig, will also die Rückwendung eines Fortschreitens durch Lähmung, Bekämpfung oder Zersetzung. Von daher ist sie eine Gegenbewegung zu emanzipatorischen (Emanzipation) Entwickungen. Sie bestehen nicht aus einer Kritik an politischen Progressionen oder Aggressionen, sondern gründen auf einem allgemeinen inneren Widerstand, der sich niemals klar formuliert, weil die Reaktion selbst ausschließlich ist, also auch Auseinandersetzung ausschließt, damit sie ihre Stärke nicht verliert. In einer wirklichen Auseinandersetzung würde sie an ihrem eigenen Widerspruch zerschmelzen. Dennoch folgt sie einem Bewusstsein, welches zumindest allgemein eine entgegengesetzte Entwicklungsvorstellung enthält, welches also einen Streit um das, was Fortschritt ist, evozieren will, um sich auf das zurückzuziehen, worin sie sich aufgehoben weiß.

Reaktionäre Tendenzen sind oft als Kritik getarnt, die in der Lage ist, Aussagen und Inhalte von emanzipatorischen Aussagen durch Apelle obsolet zu machen, welche eine Logik der Notwendigkeit hervorkehren, die sich als Fürsorglichkeit für das Faktische gibt. Zur Begründung hierfür werden negative Allgemeinheiten im Sinne eines kategorischen Imperativs bemüht, die an höchste Vernunft appellieren (z.B. Kant). Aber auch durch Mystifikationen (Psychiatrisierung des Akteurs) oder metaphysische Hintersinnigkeiten (z.B. durch Genealogie, als höheres Wissen von Zusammenhängen) werden historisch abhängige Aktivität gestört. Das Bewusstsein der Reaktion ist nicht unbedingt konservativ, wohl aber immer nominalistisch (siehe auch Nominalismus).

Auch seelisch gibt es viele reaktionäre Absichten, die sich aus der Angst ergeben. Nicht Angst ist reaktionär (keine Wahrheit kann reaktionär sein), sondern die politische Position, die sich zu ihrer Bewahrung durch Selbsttäuschung formiert, kann sich offen oder versteckt poltisch emanzipatorischen Bestrebungen entgegenstellen. Solche Haltung beruht auf einem Mangel an Mut zur eigenen Wahrheit und auf der Angst vor wirklicher Kraft, vor wirklicher Veränderung. Dies kommt von einer Not des Erkenntnisvermögens, das durch die rein seelische Wahrnehmung der Menschen entstanden ist und keinen Zugang zu ihrer freien Lebensäußerung gefunden hat, wie auch nicht zu einer eigenen. Aber mit der Angst hiervor (s.a. Lebensangst) stehen sich die Menschen selbst im Weg und haben von da her

die Notwendigkeit, sie zu überwinden, als Notwendigkeit ihrer Befreiung in sich. Von daher stehen sie objektiv selbst im Interesse, eine reaktionäre Haltung abzulegen. Oft fehlen ihnen nur die Möglichkeiten hierzu (entsprechende Gespräche oder Gruppen).

s.a.

=> reaktionäres Bewusstsein

siehe hierzu auch den Themenabend
Der Wertbegriff als Realabstraktion

Erlautup2b6 Realabstraktion und Geschichte

reaktionäres Bewusstsein

Reaktionäres Bewusstsein ist ein Bewusstsein, das sich als Reaktion auf eine Veränderung der Gegebenheiten versteht, das also seinen Grund außer sich hat, sich als Reaktion auf eine Störung des Gegebenen bildet. Es entspringt von daher den Gewohnheiten einer heilen Welt, die sich angegriffen sieht von einen äußeren Feind, der Täter ist und Schutz vor ihm nötig macht. Der Reaktionär begreift sich also als Opfer böser Mächte, die als originäre Verursacher einer bösen Macht oder als Macht des Bösen, nicht selbst innerhalb eines Verhältnisses reagierend, begriffen werden. Diesem Bewusstsein liegt an der Wiederherstellung ursprünglicher Verhältnisse (siehe Ursprungssehnsucht), die an und für sich heil gelten, bevor sie dem Bösen anheim fielen.

Die materielle Grundlage, auf die sich reaktionäres Bewusstsein bezieht, ist die Notwendigkeit der Gegebenheiten, also das, was ihre Not ausmacht und was zwingend nötig, not-wendig ist. In der Notwendigkeit steckt eine doppelsinnige Forderung an das Subjekt: Was nötig ist das fügt sich. Das reaktionäre Bewusstsein bezieht sich vorwiegend auf die Fügung und die Fügsamkeit. Als positive Begründung jenseits des Notwendigen wird dem Subjekt dadurch objektive Substanz überstellt, dass es eine ontologische Beschränkung zu leben habe, die in seiner individuellen, natürlichen oder universellen Geschichte stecken würde: Eine Seinsbestimmung seiner Natur (z.B. als Archtypus). Das somit objektiv gewordene Subjekt wird hierdurch der subjektiv wirkenden Objektivität, also dem wirklich objektiven Subjekt, dem Kapital, angeglichen. Diese Verdopplung des Menschen wird in subjektiver Not mit objektiver Wendigkeit in eins gesetzt und alles, was ihm nötig, zugleich allgemein notwendig behauptet. Es ist der objektiv verallgemeinerte Mensch, der sich darin notwendig begründet, das menschliche Objekt als menschliche Objektivität. Jeder Mensch mit reaktionärem Bewusstsein betreibt diese Gleichsetzung in der Vermittlung einer mächtigen Beziehung auf sich selbst, als Selbstbehauptung. Führerpersönlichkleiten sind die logischen Konsequenzen aus diesem Bewusstsein.

Reaktionäres Bewusstsein ist also das sich selbst behauptende Bewusstsein als Bewusstsein der Selbstbehauptung, das sich als Bestrebung einer Reaktionsbildung gegen die Verrücktheit einer Gegenwart festmacht, welche Untergangsängste weckt. Es bestrebt gegen diese die Rückkehr zu ursprünglichen Verhältnissen zu setzen, und begründet sich oft auch mit Ursprungstheorien.

Die Gegenwart wird hierbei als subjektive Verfälschung begriffen, als Resultat von Oberflächlichkeit und Hedonismus gegenüber den Wesenheiten objektiver Geschichte, gegen Objektivität schlechthin. Die Gefahren der Moderne sind darin allgegenwärtig und allgemeine Grundlage (vergl. z.B. den Vorhalt der Seinsvergessenheit bei Heidegger). Solches Bewusstsein steht auf der Seite der Faktizität, den Gegebenheiten, denen sich Menschen zu beugen hätten, um dem Übel subjektiv bestimmter Geschichte, deren vermeintlichem Unheil zu entgehen. In seiner Praxis bewegt es sich gerne in esoterischen Kreisen (siehe z.B. Hellinger) - oder aber auch in purer Dummheit.

s.a.

=> Reaktion

siehe hierzu auch den Themenabend
Der Wertbegriff als Realabstraktion

Erlautup2b6a Realabstraktion und Geschichte

Realabstraktion

Mit einer Abstraktion wird im Mannigfaltigen des Konkreten abgesehen, von der Vielfältigkeit seiner Bestimmungen. Jede Abstraktion, so sie nicht willkürlich, sondern notwendig ist, ist der Prozess eines Widerspruchs, in welchem sich Gegensätze aufheben, aufgehobenes Sein haben, sowohl nicht sind, als auch schon sind, also im Werden begriffen und aufgehoben zugleich, in ihrer Not behoben und verwirklicht zugleich - oder in ihrer Unwirklichkeit als Notwendigkeit zerstört, also zur blanken Not geworden (siehe Barbarei). Bei einer Realabstraktion ist dies nicht die gedankliche Absehung vom Mannigfaltigem (siehe Gedankenabstraktion), sondern deren wirkliche Aufhebung, Abzug von Wirklichkeit, also der Prozess einer Aufhebung von wirklichen Zusammenhängen, Reduktion konkreter Wirklichkeit auf eine abstrakte Wirkung, Aufsaugung von wirklichem Leben zu abstrakten Macht über dieses, Lebensmacht durch ohnmächtiges Leben. Diese entsteht aus dem Abstrakten selbst, in welchem Nicht-Identisches zu einer Identität verschmolzen ist, die nicht wirklich ist, aber Wirkung hat (siehe Logik).

Die Macht, welche die Realabstraktion gewinnt, entspringt einem wirklichen Mangel an konkreter Bezogenheit. Wo sich menschliche Beziehungen nicht verwirklichen, wo ihre Gestaltung also nicht wirklich geschieht, verbleibt das Unwirkliche und doch Seiende als hintersinnige Bezogenheit, als fremde Kraft ihrer Verhältnisse, der sie sich beugen, um es überhaupt erfüllen zu können, um überhaupt zu sein. (vergl. z.B. den gesellschaftlichen Zusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft durch den Wert der Waren). Hierdurch ist Nichtidentisches eine Identität, die ein Sein hat, ohne wirklich zu sein, z.B. diese Arbeit und jene Arbeit als Arbeit überhaupt (siehe abstrakt menschliche Arbeit), dieser Sinn oder jener Sinn zu Sinn schlechthin (siehe abstrakt menschlicher Sinn). Aber im Unterschied zur Gedankenabstraktion, worin diese Identität nur ideell bewahrt ist, bewährt die Realabstraktion eine wirkliche Reduktion, worin sich menschliche Beziehungen auch aufheben, worin ihre Mannigfaltigkeit sich also nicht nur aufhebt, sondern in ihrem inneren Bezug auch wirklich verschwindet, zu einem bloßen Antrieb ohne wirklichen Sinn, aber zum abstrakten Sinn aller Wirklichkeit wird. Das Abstrakte wirkt darin als Negation des Konkreten, als dessen Entfremdung in seinem eigenen Dasein. Die Macht der Realabstraktion resultiert aus ihrem Dasein als Sinn einer menschlichen Beziehung, einer Gesellschaft, welche die wesentlichen Seinsinhalte der Menschen, die Substanzen ihres Lebens durch unwirkliche Gesellschaft verkehrt. Die Abstraktion selbst als Wirklichkeit zu erkennen heißt, eine Verarmung eines Lebens zu begreifen, das schon als Reichtum erscheint, Reichtum in fremder Form ist. Eine Realabstraktion ist der Prozess der Lebensreduktion, Lebensform des Todes, die zugleich die Notwendigkeit einer Lebensentfaltung durch die Aufhebung der bestehenden Lebensform enthält.

Nur als herrschende Formbestimmung ist sie auch wirksame Abstraktion, fremde Kraft, welche in der Lage ist, Leben zu reduzieren, es zum Durchschnitt einer Masse herabzusetzen und die Masse als Prinzip gegen es durchzusetzen. Die Realabstraktion ist der Begriff für eine real sich vollziehende Reduktion konkreter Zusammenhänge in bestimmten Verhältnisses zu einem Verhältnis von Bestimmungen, die auf einen Grund bezogen werden (siehe Beziehung), den sie durch sich nicht haben, der also von jeder Wirklichkeit abstrakt ist und sich daher ausschließlich "hinter dem Rücken" der real handelnden Menschen als ihr abstrakter Zusammenhang verwirklicht. Indem sie konkret handeln, verwirklichen sie Abstraktes; indem sie etwas tun, lassen sie von dem ab, was es wesentlich für ihre Wirklichkeit ist.

So sind z.B. alle Dinge konkrete Produkte konkreter Arbeit. Abwohl die Arbeit selbst nicht abstrakt sein kann, haben ihre Produkte keine konkrete gesellschaftliche Wirklichkeit, weil und solange sie in Wirklichkeit widersprüchliche Dinge sind und nur in ihrer Einheit als Wertdinge existieren, für den Markt existieren (siehe abstrakt menschliche Arbeit). Die Realabstraktion ist also die Absehung von ihrer wirklichen Gesellschaftlichkeit, in der sie als reale Dinge nicht in Beziehung sind. Indem gesellschaftlicher Reichtum produziert wird, wird auch die Verarmung gesellschaftlicher Zusammenhänge produziert. Die Realabstraktion besteht daher auch wirklich aus einer Minderung von Bezogenheiten mit dem Resultat, dass den Menschen ihre eigene gesellschaftliche Wirklichkeit abhanden kommt. Diese Reduktion bewirkt die Substanz der Abstraktion, also das, was ihren Inhalt und Grund ausmacht, der sich quantitativ im Resultat einer Durchschnittsbildung durchsetzt.

Jede Realabstraktion ist die Verlaufsform eines wirklichen Widerspruchs, die prozessierende Substanz seiner Einheit, in welcher alles, was entsteht, ihr unterworfen ist (siehe Begriffssubstanz). So wird Bestimmtes erzeugt, das gegen seine Erzeugung gleichgültig ist. Es ist quasi die Fixation von Geschichte: Das Dasein überkommener Geschichte, die sich in einer Gegenständlichkeit ihrer Bestimmungen erhält, ohne diese wirklich weiterentwickeln zu können, weil sie in ihrer eigenen Form selbst zur Bestimmung ihrer Verhältnisse geworden ist (siehe Formbestimmung).

Beispiel Wert: Indem die Menschen Dinge tauschen, wollen sie ein anderes Ding erwerben durch die Weggabe eines ihnen weniger wichtigen Dings. Sie können sich hierüber aus konkreten Überlegungen einigen (z.B. was soll ich schon mit etwas anfangen, das ich nicht brauche? Oder: Jeder Tausch unnützer Dinge ergibt einen neuen Gebrauch). Solche Überlegungen setzen aber reale Bezogenheiten zwischen den Menschen vorraus (z.B. Familie, begründete Gemeinschaft), in welchen die Dinge wesentlich sind, wenn sie wirklich Sinn haben sollen. Wo aber keine solche wesentliche Realität ist, bemessen sich die Menschen an etwas, das ihnen existenzeller Maßstab ist und jedem in der Bemessung "gerecht" wird. Was jedem hierbei Recht ist, das müssen alle billigen. Das ist das "Problem": Was jedem gerecht wird, ist zugleich nur abstrakt richtig, weil es von allem absieht, was in der Beziehung zu einem Ding wirklich bestand, bevor es unnütz geworden war - oder darüber hinaus, es weniger nützlich darüber werden ließ, dass andere Dinge nützlicher erscheinen können. In der reinen Absicht, Fremdes durch Veräußerung von Eigenem zu erwerben, steckt die Bemessung von Eigenem durch Fremdes in dem Begriff, der allem gerecht wird. In unserem Beispiel wäre dies die Substanz, die für die Entstehung der Dinge wesentlich ist, also die Arbeit, die in die Produktion der Dinge eingegangen sein muss. Da im Tausch der Arbeitsprodukte diese aber real von ihrem Grund getrennt werden, wird diese Abstraktion zur Wertsubstanz, welche in dem Verhältnis der Waren ausgedrückt wird. Als Quantum ist das eine Wertgröße, die in der Arbeitszeit bemessen wird. So kann sich der Wert als Realabstraktion in der gesellschaftlich durchschnittlichen Arbeitszeit darstellen, also einer Abstraktion von allen Bestimmtheiten der konkreten Arbeit wie reale Arbeitszeit, Masse, Menge, Nutzen, Stoff usw. Ein solches Maß reduziert dort, wo es wirksam wird (also beim Tausch selbst) alles auf dies Abstrakte. Und so setzt sich die Abstraktion allgemein im Verhältnmis der Menschen "hinter ihrem Rücken" durch.

Realabstraktion lässt sich also ganz allgemein so fassen, dass ein Reichtum an Vielfalt im selben Maß wie an Einfalt erzeugt wird, und Reichtum, der vielfache gesellschaftliche Zusammenhänge an Geist, Kraft, Verstand usw. erfordert zugleich menschliche Armut bedeutet, wenn er dies nur als isolierte und mental reduzierte Einzelstücke an Mann und Frau und Kind bringt.

Eine Realabstraktion existiert in der Wirklichkeit daher auch als realer Abstraktionsprozess, also als tatsächlich wegnehmende Kraft, negative Kraft, als Kraft, welche das, was ist, nicht bestätigt, sondern nichtig macht und nur abstrakt allgemein werden lässt. Indem Menschen voneinander absehen, wenn sie sich aufeinander beziehen, entäußern sie sich als etwas, was sie nicht sind, und im Verhältnis dieses Nichtseins und doch Bezogenseins verhalten sie sich zueinander als Menschen schlechthin, die konkret nichts, real aber alles füreinander sind, was Menschsein ausmacht: Menschlicher Sinn und Sinnhaftigkeit des menschlichen Lebens. Doch dies Reale verwirklicht sich nicht zwischen ihnen, sondern nur für sich: Bezogen auf andere ist das Reale nur abstrakt. Was sie an Sinn haben, haben sie nur für sich und was sie füreinander sind, ist nur dieses Sein als Mensch. So sich Menschen nicht in ihrem sinnlichen Sein beziehen, sondern sich darin nur als Menschen gelten, so wie sie auch für andere Mensch sind, so sie also nur sich als Moment des Menschseins füreinander mitteilen oder tauschen, sind sie füreinander Form für sich: als Mensch, als Mann, als Frau, als Kind. Sie teilen, was sie sind und unterwerfen sich ihrem Sein als Teil des Ganzen, das sie nur der Form nach sein können, weil sie von ihrem Wesen abstrahieren. An ihnen reflektiert sich allgemein ihre Abstraktion als Formbestimmung.

Diese allgemeine abstrakte Bestimmung als positive Setzung macht die Gewalt der realen Abstraktion aus und sie entsteht, wo sie notwendig ist, wenn und solange es keinen anderen konkreten und realen Bezug gibt. So entsteht eine Realabstraktion zwar positiv durch das Beziehen und Handeln der Menschen. Aus diesem ergibt sich jedoch außerhalb ihres Tuns (hinter ihrem Rücken) eine Bestimmung, die ihre Tat in ihrem unmittelbaren und konkreten Sinn nicht nur theoretisch abstrahiert, sondern ihn auch dem Konkreten real entnimmt, weil sie das Verhältnis bestimmt - z.B. weil sich die Menschen gegenübertreten, um noch als Mensch zu sein und bestätigt zu sein, ohne einen wirklichen Bezug zueinander zu haben (siehe auch Nichts). Ihre Wirkung entsteht so aus einer Formbestimmung ihres Verhältnisses, das von einer abstrakten Substanz ist, die sich darin nicht inhaltlich bezieht. So erscheint die Abstraktion dort, wo ihre konkrete Beziehung nicht ist und nicht werden kann: Als Form für andere oder als entäußerte Form (z.B. abstrakte Arbeit im Austausch der Waren, welche in Wertform sind).

So ist es auch, wenn sie sich mit ihren Produkten gegenübertreten, in denen sie vielen konkreten Aufwand eingebracht haben, Sinn, Geschmack, Einfallsreichtum, Fleiß und dergleichen. Sofern sie keine andere Beziehung zueinander haben und sich als Warenbesitzer aufeinander beziehen, sind sie füreinander so real und abstrakt, wie es auch ihre Ware im Tausch gegen andere Ware ist: Wert, der sich aus dem Tausch ergibt und eine eigene Substanz hat, die mit der erzeugenden Tätigkeit nichts Konkretes, aber alles Abstrakte gemein hat (abstrakt menschliche Arbeit). Das liegt nicht daran, dass das Konkrete eine bessere Wahrheit hätte (vergl. z.B. die Gebrauchswertdiskussion im Verhalten zum Tauschwert), sondern dass sie nur unvollkommen vermittelt existiert, also abstrakt vermittelt werden muss. Weil und solange das Konkrete keine gesellschaftliche Darstellung und Vermittlung hat, bestimmt sich nur das Abstrakte gesellschaftlich fort (Fortbestimmung).

Die Abstraktion wirkt daher tatsächlich in allen Verhältnissen, welche der Begriff erfasst und welche sich hierauf wiederum gründen. So stellt z.B. auch das konkrete Verhältnis der Waren die negative Bestimmung ihres Begriff in allen Verhältnissen dar. Alles Bestimmte wird so gleichgültig gegen seine Bestimmtheit; alle konkreten Erzeugnisse, der ganze menschliche Reichtum, verschwindet in einer Abstraktion, die sich zu einer fremden Kraft gegen die Menschen verhält, die ihrer abstrakten Bestimmung folgt, alle Stoffe des Lebens zu ihrer Substanz macht und sich in dem mächtig macht, wo sie von zehrt (z.B. als Kapital oder als Seele). Auf allen Ebenen ist "alles, was entsteht, nur wert, dass es zugrunde geht" (Mephisto in Goethes Faust). Jeder Stoff wird so zum Mittel seines Gegenteils, seiner Abstraktion, das Leben zum Moment des Totes, lebende Arbeit zum Objekt der toten Arbeit. Durch konkrete Produkte wird abstrakte Negativität wahr. Was Menschen entwickeln und was ihr Leben füllt, befördert zugleich die abstrakten Gewalten, welche das Konkrete Leben seiner eigenen Wirkung entziehen, was es im eigentlichen Sinn unwirklich macht, zum Objekt einer fremden, mächtigen Substanz. Diese verhält sich in den Verhältnissen der Menschen, als sei sie die Macht eines Geistes, der sich hinter ihrem Rücken gebildet hätte.

Das Gespensterhafte daran ist der Trieb, der sich wie eine Macht gegen die Menschen im Abstraktionsprozess selbst bildet. Er erscheint nur in den Verläufen ihrer Verhältnisse und Geschichten, z.B. als die Bewegungen des Marktes und des Geldes, die Wertvernichtungen, Verrücktheiten usw. Die Negation geht in das Konkrete ein, zwingt es zu bestimmtem Verhalten und zu Notwendigkeiten, die sich nicht im Sinne der menschlichen Not verhalten, der sie entspringen (z.B. Bedürfnisse und Arbeit, Liebe und Erkenntnis). Sie treiben die Menschen, ihre Gesellschaft und Kultur auseinander, erzwingen Konkurrenz, wo Verbundenheit besteht, erzwingen die Unterwerfung der Warenbesitzer unter die "Gesetze" des Marktes oder die Liebenden unter die Notwendigkeiten ihrer zwischenmenschlichen Verhältniss, erzeugen Sachzusammenhänge oder Seelenkräfte, welche die Verhältnisse der Menschen bestimmen, denen sie entstammen, Krisen, die außerhalb jeglicher menschlichen Kontrolle sind. Ihre Wirkung beruht auf der Trennung von Zusammenhängen, dem Ausschluss von Wirklichkeiten und der Ausschließlichkeit einzelner Wirklichkeiten von ihren eigenen Zusammenhängen, die sich zu einer Vernichtungslogik umkehren, nachdem die Realabstraktion ihr höchstes Quantum erreicht hat und sich im Ganzen ihres Begriffs selbst auflöst.

Die dialektische Methode ist die wissenschaftliche Form, mit der solche verselbständigte Welten in ihrem Zusammenhang als Formverwandlungen auseinander hervorgehend bewiesen werden. Zugleich ist sie aber auch ein Zugang und Sinn der Erkenntnis abstrakter Lebensverhältnisse und der Substanz des Triebs ihrer Abstraktion. Eine theoretische Erkenntnis ist erst ganz und vollständig, wenn sie den Begriff dieser Substanz benennen und im Gang der Konkretion, im Zusammenfügen des abstrakt Vermittelten vollständig beweisen kann.

s.a.

=> Abstraktion

=> Durchschnittsbildung

siehe hierzu auch den Themenanbend zu

Die "flexible Persönlichkeit" - Merkmale des modernen Erfolgsmenschen

siehe hierzu auch den Themenabend
Der Wertbegriff als Realabstraktion

Zur Kritik der politischen Ökonomie:
Was ist Wert, Wertsubstanz, Wertgröße?

quelleup5a1a1b1 Abstraktionsmethode bei Marx
quelleup5a27e1a1a1a1 Realabstraktion, was ist das?
Erlautup2b6b Realabstraktion und Geschichte
Diskusup1a1a Realabstraktion im Kulturforum
Diskusup1a1a1 Themenabend Realabstraktion

Realität

Realität ist als Kategorie die abstrakteste Bestimmung von Wirklichkeit, die darin ohne Ursache und Wirkung verstanden wird, eine Vorstellung von Wirklichkeit, also rein ideell. Im Hegelschen Idealismus lässt sich dies noch als notwendige Abstraktion formulieren; für positivistische Theorie ist sie der Inbegriff des Konkreten, also praktische Ideologie. Realität will ein Wort für Wirklichkeit sein, behandelt sie aber nur als Gegebenheit und erhebt den Faktenglauben zur Notwendigkeit der Selbstbeschränkung, ohne wirkliche Not zu wenden. Als Prinzip gedacht, wird Realität von Freud in der Psychoanalyse subjektiviert zu einem Teil seines "Psychischen Apparats". Freud hätte mit dem Begriff Wirklichkeit niemals schließen können, was er aus Realität geschlossen hatte, nämlich das Gegenteil der Lust zu sein. Er hätte in ihr alle Momente der Lust in allen Wirkungen erkennen müssen, für die es gleichgültig ist, ob sie Mittel oder Moment sind.

Realität wird so aber zum bloßen Mittel der Selbstvermittlung, zur äußeren Notwendigkeit von Objekten der Seele, die sich ihr widersetzen oder "Umwege zur Lusterfüllung" abverlangen. So wird Realität auch zu ihrer Vermittlung im Zweck der Befriedigung der Triebe, welche ihr das "Bild einer Bedürfnisbefriedigung" (Freud) verschafft. Von da her gibt es hier ein "Realitätsprinzip", das sich einem "Lustprinzip" entgegenstellt und zugleich aus ihm seine "Energie" schöpft: Triebenergie. Das zugehörige Menschenbild ist das einer Maschine, die aus den Notwendigkeiten ihrer Funktionalität mit Energie aus Triebbefriedigung gespeist werden muss, um überhaupt die "Umwege des Lebens" zu betreten. Realität ist somit die Wirklichkeit eines autoerotischen Egozentrikers, der sich in einem Strukturmodell von Es, Ich und Über-Ich "innerpsychisch" abregelt, um sich vermittelst der darin vollzogenen Anpassung an die Realität die höchsten Genüsse zu verschaffen! Solches Denken ist von Freud selbst mit der Einführung eines Todestriebs de facto aufgehoben worden. Damit hatte seine Theorie allerdings einen Boden bekommen, der zu einem theoretischen Fiasko wurde. Dies wurde von Freud wohl nicht mehr bemerkt (siehe hierzu Pfreundschuh: "Kritik des Freudschen Systems der Psychoanalyse").

Realität als Begriff einer wirkungslosen Wirklichkeit ist ein Widersinn, der Realität auf das Faktische reduziert, auf eine notwendige Existenz, die sein muss, wie sie ist. Erhellt wird diese Reduktion lediglich durch den Surrealismus, der die Wirkungen als Hintersinn des Realen, dadurch aber als Widersinn auffasst. Hierin gleicht er zwar der Auffassung der Psychoanalyse, welche Realität lediglich als faktisches Mittel der Seele versteht, stellt aber ihre Verkehrung auch sinnbildlich, also irreal dar. Wieweit dies eine Kritik des Faktischen darstellt, ist umstritten.

s.a.

=> Wirklichkeit

zitatup1e1a1 Realität bei Hegel

Realitätsprinzip

s.a.

=> Realität

=> Vernunft

Reallohn

s.a.

=> Lohn

statist2up19c1a1 Reallohnentwicklung
statist2up19c3a Reallohn-Nettoentwicklung
statist2up19b1a1 Reallohnposition 2001
statist2up19c2a1 Reallohnwert von Lohnerhöhungen

 

Realsozialismus

Der Realsozialismus basiert auf einem Verständnis von Sozialismus, worin Gesellschaft lediglich als eine gerechte Form der Verteilung von Arbeit begriffen ist. Diese Auffassung war von Marx schon bezogen auf das Gründungsprogramm der Sozialdemokratie, dem Gothaer Programm, heftig kritisiert worden.

Der Realsozialismus will sich von der bürgerlichen Gesellschaft vor allem darin unterscheiden, dass er eine von bürgerlichen Überbau-Interessen "gereinigte" politische Ökonomie betreibt (siehe Widerspiegelungstheorie). Ohne es selbst begriffen zu haben, wendete er sich damit gegen die Kritik der politischen Ökonomie, wie sie Karl Marx unternommen hatte, verstand sich aber als praktischen Marxismus. Die folgenschwerste Stilblüte dieses Strukturalismus war das Verständnis des Wertgesetzes als ein notwendiges Gesetz gerechter Verteilung von Arbeitszeit, als Maßstab gesellschaftlicher Entwicklung. Damit wurde Arbeitszeit selbst unmittelbar zur politischen Größe und als solche staatlich bestimmt und sanktioniert. Der politische Zweck der Arbeit als Bestimmung der Arbeitszeit war damit absolut staatlich und führte zu einer Art Arbeitszwang für den Fortschritt des Staatsbürgertums. Die Folge war eine Staatsdiktatur, welche unmittelbar Kapital für den Staatszweck aufhäufte und damit den kritischen Gehalt des Marxismus in sein Gegenteil verkehrte. Er scheiterte damit folgerichtig an seiner Unfähigkeit, einen Fortschritt für die Geschichte der Menschen zu ermöglichen.

s.a.

=> Überbau

=> Widerspiegelungstheorie

Siehe hierzu auch
"Probleme des Marxismus"