Buchstabe Vern Im Kontext

Vernichtung

Im Unterschied zur Zerstörung ist die Vernichtung die Umkehrung einer Realabstraktion, die ihre eigene Stofflichkeit aufbraucht und eine finale Absicht mit zugehöriger Tätigkeit erweckt. Ihr Prinzip der Aufbrauch der eigenen Ressourcen zur Aufrechterhaltung ihrer Abstraktion, die in ihrer Wirklichkeit als Ganzes zerfallen ist (siehe Vernichtungslogik). Hieraus ergeht das Prinzip der finalen Plünderung des Bestehenden zum Heil einer Unwirklichkeit, die Ausrottung, das Ausschalten und Auslöschen des Seins zur Aufhebung eines Unheils, welches in einem unheimlichen Dasein begriffen ist.

Vernichtung kommt nicht aus dem Leben, sondern aus abgetötetem Leben, das sich in seiner abstrakte Existenz gewöhnt hat, diese zu ihrem Heim geworden ist und darin ihre Fremdbestimmung aufgehoben erscheint (siehe Schein) und in keiner Beziehung zu Fremdem mehr steht (siehe Rassismus). Meist entsteht sie ohne Bewusstsein als Reaktion auf ein Gefühl der Zerstörung oder Zerstörtheit (s.a. Untergangstheorien).

s.a.

=> Vernichtungslogik

=> Nichtung

siehe auch Themenabend
Kapitalentwicklung, Staatswesen und Staatsbankrott

Vernichtungsangst

Im Unterschied zu den Untergangsängsten ist die Vernichtungsangst nur innerhalb eines Verhältnisses möglich, in welchem eine lebende Negation herrscht, welche die Bedrohung einer Identität ausmacht (siehe Identitätsangst). Die Fähigkeit der Bedrohung kann sie nicht aus sich haben, sondern nur durch bestimmte Ausschließlichkeiten des Negierten, das zwischen den sich darin Beziehenden als Position einer Scheinwelt herrscht.

s.a.

=> Vernichtungslogik

=> Untergangsängste

Vernichtungslogik

Die Vernichtungslogik ist die Umkehrung der Logik der Realabstraktion, die in ihrer eigenen Systematik an ihr Ende gekommen ist und ihre stoffliche Bedingung aufgehoben hat, z.B. in der Folge einer unauflösbaren Krise. Sie ist die Fortexistenz ihrer Wirklichkeit als Entwirklichung aller materieller Beziehungen, als Ganzes, das sich durch die Negation seiner Teile nährt. Aber im Unterschied zur Ausbeutung ist diese Beziehung keine Nutzung, die am Fortbestand des Benutzten interessiert ist, sondern eine vollständige Aufzehrung ihrer Objekte.

Die Gewalt der Vernichtungslogik kommt aus der Not, in welche ein ganzes System geraten ist, das auf einer Realabstraktion basiert und all dessen Notwendigkeiten ausgewirtschaftet hat. Da darin das Abstrakte nur als Zusammenhang des Konkreten besteht, also dessen reale Vermittlung ist, worin sich alle Beziehungen nicht mehr vermitteln, sondern unmittelbar aufheben, realisiert sich die Notwendigkeit solcher Bezogenheit als blanke Not des Ganzen in einer Nichtung, die jedweden Stoff erheischen muss, um das Dasein des Ganzen fortzusetzen, die also als naturbestimmt scheinende Not wirksam wird. Dem war die Abtrennung der natürlichen Existenz vorausgegangen, die jetzt als Abwesenheit von Natur überhaupt, als Nichtigkeit der eigenen Natur, sich geltend macht (z.B. in der Form einer Selbstverkehrung). Bestand bis dahin der Fortschritt auf der abstrakten Quantifizierung des Qualitativen (z.B. durch Aufhebung von wirklichen Sachbeziehungen in reine Geldbeziehungen), so kehrt sich der Mangel an Qualität jetzt als wesentliche Nichtigkeit des Lebens heraus und muss jeglichen Stoff an sich ziehen, um ihn zum Selbsterhalt vom Leben im Nichts aufzubrauchen. Vernichtungslogik ist die Herrschaft der Nichtigkeit, die sich unwirkliche Werte mit hohem Anspruch (z.B. "Endlösung", Übermensch) geben muss, um sich gegen ihre Objekte durchzusetzen. Im Elend ihrer nichtigen Wirklichkeit binden auch diese sich an solche Werte, weil sie der abstrakten Not ihres Seins entsprechen, soweit ihr Bewusstsein deren Nichtigkeit nicht zu durchdringen vermag.

Das Prinzip der Quantifizierung, in welchem die Realabstraktion gestanden hatte, wird nun zum Heilsprinzip der Entwirklichung, worin das zerteilte Konkrete aufgelöst wird, um die Abstraktion über ihr Dasein hinweg zu erhalten (siehe z.B. Negativverwertung). Soweit sich keine konkrete Wirklichkeit aus der abstrakten gebildet hat, verbleibt das Zerteilte das bloße Objekt dieses Heilsprinzips, das durch Vernichtung der Lebenszusammenhänge an der Macht ist und nur in der Finalität vollständiger Vernichtung bestehen kann. Es ist die in die Zukunft gewendte Vorwegnahme der eigenen Vernichtung, das Bewusstsein, dass es nicht mehr für alle reicht, und deshalb Vernichtung der "Unterwertigen" das eigene Überleben sichern soll (siehe Amerys Hitler-Formel).

Darin allerdings ist es auch vollständig rational. Ist z.B. der Kapitalismus als Gesellschaftsform menschlichen Reichtums nur durch Kapital existent und hat darin seinen Zusammenhang als Abstraktion seines gesellschaftlichen Werdens, so verbraucht das Kapital auch zunehmend gesellschaftliche Beziehungen, sobald es den Höhepunkt seiner Geschichtsnotwendigkeit (die Schaffung von gesellschaftlich notwendigen Produktionsmitteln) überschritten hat. Hierbei lösen sich auch Lebenszusammenhänge auf, die zur Reproduktion der Menschen fundamental sind (reproduktive Wirtschaft wie Handwerk, Landwirtschaft, Fischerei usw.) und wandelt sich in industrielle Produktion, die auch nur durch das Kapital versammelt und zusammengeführt ist. Eine Kapitalvernichtung durch Krisen wirkt somit unmittelbar auf die Lebenszusammenhänge der Menschen, die sich bis dahin auf ihre Zusammenführung durch das Kapital verlassen hatten. In der Vernichtungslogik gründet alles Verhalten des Kapitals in der Nutzung dieser abstrakten Abhängigkeiten, also auf untergeganger Gesellschaftlichkeit der Menschen. Es errichtet sich über diesem Untergang, den es einst für seine Entwicklung nötig hatte, um die Menschen damit auszupressen und ihre Interessen zu besetzen. Es vollzieht sich darin die Umkehrung des Besitzverhältnisses, das die bürgerliche Gesellschaft ausmacht. Von daher vollzieht sich darin in der Tat die Vernichtung der bürgerlichen Gesellschaft, allerdings ohne sie wirklich aufzuheben.

Die Aneignung des bestehenden Besitzes wird selbst zum Trieb der Vernichtungslogik, zum Prinzip der Entrechtung der Bürger. Deshalb hatte sich auch der Nationalsozialismus durchaus als Kritik am Bürgertum ausgeben können. Es hat sich inzwischen auch erwiesen, dass die Judenvernichtung unmittelbar dieser Logik folgte. Es waren die ideologischen Gründe für den Antisemitismus von untergeordneter Bedeutung; sie wurden lediglich zu gegebenem Zeitpunkt genutzt. Für den faschistischen Staat stand tatsächlich die Arisierung des jüdischen Eigentums im Vordergrund - und die Juden hatten einen hohen Anteil von Privatbesitz im Land. Es wurden ihnen beträchtliche Werte enteignet. Die Nutzung völkischer Aversionen und deren Hochzüchtung stand in einem klaren politischen Kalkül, wodurch der Staatsbankrott der kriegsführenden Nation verschleiert werden sollte, und die Judenvernichtung war eine finale Zeugenvernichtung. Tatsächlich konnte es auf diese Weise dem Rest der Bevölkerung noch relativ lange relativ gut gehen. Deren Zustimmung erfüllte also ebenso wirtschaftliche Interessen, wenn auch eher aus einem Erfolgsgefühl des nationalsozialistischen Bewusstseins heraus.

s.a.

=> Vernichtung

=> Hitler-Formel

siehe auch Themenabend
Kapitalentwicklung, Staatswesen und Staatsbankrott

Vernichtungsmaschinerie

s.a.

=> Vernichtungslogik

Vernunft

"Ein wenig besser würd' er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein."
(Mephisto in Goethes Faust, Christian Wagner Verlag S. 17)

"Sei doch endlich mal vernünftig!" Die gängige Redensart zeigt als Appell: Vernunft ist nicht unmittelbar, aber sie scheint notwendig, sinnvoll dadurch, dass durch sie etwas erreicht wird, was sein muss. Vernunft ist das Wissen um das Notwendige, zugleich aber ohne ein Urteil, ob es dem Menschen nötig ist. Von daher steht Vernunft auch notwendig im Widerspruch zur Freiheit und verlangt nach der Einsicht in die Notwendigkeit. Freiheit wird durch Vernunft einsichtig, wenn sie sich ihrer Willkür entledigt und sich dem Nötigen zuwendet, dessen Entwicklung sie im Sinn hat. In der Vernunft allerdings wird dieses nicht unbedingt reflektiert, insofern sie selbständig als ein absolutes Objektivitätsverständnis eingeführt wird. Von dieser Seite wird sie zum Werkzeug der Affirmation, weil sie nichts als die Logik des Bestehenden vertritt, als ein Verstand über das, was als objektiv nötig gilt. Von daher betreibt Vernunft die Disqualifikation des Subjektiven und des Unbegrifffenen, die Herabsetzung des Unlogischen und vollstreckt die Lebensbemächtigung des Gegebenen, denn Leben ist unlogisch. . Wenn Eltern an die Vernunft ihrer Kindern appellieren, dann wollen sie, dass sie sich an einen Verhalt angleichen, der ihnen geboten erscheint. Vernunft kann man nicht wollen, aber es kann gut sein, ihr zu folgen - oder auch nicht. Das Gebot ist natürlich meist vernünftig, aber nicht unbedingt Sache der Kinder. Es will ihre Verhältnisse bestimmen durch einen Zweck, der für sich vernünftig, aber nicht von ihnen gewollt ist (z.B. Ordnung halten usw.) und auch nicht unmittelbar ihren Bedürfnissen entspricht.

Vernunft dient zunächst also der Begründung für Moral, indem sie ein Verhalten oder eine Absicht auf ihre "Gangbarkeit" und Güte prüft, aufzeigt, was innerhalb der gegebenen Bedingungen gut für ein ganzes Verhältnis ist, was nicht. Sie unterstellt ein Ganzes, dessen Wirklichkeit ihre Voraussetzung ist und aus dem heraus sie allgemein urteilt und das für vernünftig ansieht, was in diesem Ganzen aufgeht, und das als unvernünftig abwehrt, was ihm widersagt oder widerspricht. Vernunft beruht auf der Logik eines Verhältnisses und bestärkt dessen immanente Systematik und bekämpft deren Transzendenz. Sie ist die Rückvermittlung der Menschen an Verhältnisse, die nicht unbedingt die ihren sein müssen. Von daher steht sie immer als Behauptung von der Vernünftigkeit des Ganzen im Widerspruch seiner Vermittlung. Vernunft fordert Widerspruchsfreiheit durch Allgemeinsetzung der Güte des menschlichen Lebens. Sie ist der Imperativ des Guten schlechthin, das durch das Handeln der Menschen erst zum Leben erweckt wird: Handle so gut, wie du behandelt sein willst. Das betreibt eine implizite Verkehrung von Leben und Güte: Bevor Leben wirklich ist, seine Widersprücke da sind, könnte alles giut sein, wenn alle Gutes tun. Das ist die Grundlage des bürgerlichen Bewusstseins, das sich damit von einer schlechten Welt enthebt. Im Grunde ist es das, was es ausschließen will: Religion, der Glaube an die unendliche Rückbeziehung des Menschen auf seine Güte.

Kant hat dies in einen kategorischen Imperativ aufgelöst, indem er das Ganze als maximale Absicht des Willens wie einen Allgemeinwille vorstellte, der so in jedem einzelnen Willen wirksam sein könne. Er ist an der Widersinnigkeit seines Allgemeinwillens gescheitert, der von den Nationalsozialisten zur Begründung von Gesinnung durchaus folgerichtig genutzt wurde. Mit der Kritik der Gesinnung stellte sich die Frage, wieweit ein Ganzes überhaupt allgemein sein kann und sich als solches rückvermitteln muss. Als allgemeingültige Ganzheit stellt es sich notwendig als eine Gewalt der Abstraktion vom Einzelnen und gegen dieses heraus. Von daher bestimmt sich Vernunft durch sich selbst: "Es setzt sich nur so viel von der Vernunft durch, wie die Vernünftigen durchsetzen." (Bert Brecht). Hieraus ergibt sich auch der doppelte Sinn von Vernunft: Zum einen ist sie ein herrschendes Prinzip, dem sich die angleichen können, die nicht ihr Opfer sind, zum anderen ist sie die Hoffnung des Opfers auf einen Sinn von der Vorherrschaft der Vernunft.

Das unmittelbare praktische Leben selbst ist unvernünftig, auch wenn seine Natur als Gewordene, also im Nachhinein ihrer Geschichte, mehr oder weniger vernünftig erscheinen mag, weil sie schlicht einen Sinn hat und sich in diesem auch gestaltet. Aber in ihrem Werden regelt sich dies nicht nach Vernunft, die somit vorgegeben wäre, sondern nach der Einflußnahme verschiedenster Wirkungen, deren Resultat nur dadurch vernünftig ist, dass es da ist und als dieses Resultat eine Logik des Daseins enthält, das nur durch Unvernunft gesprengt würde. Man spricht von der Vernunft des kosmischen Ganzen und setzt diese oft bruchlos mit einer Vernunft im sozialen Verhältnis gleich, ja, begründet gar das eine durch das andere. Doch die Beziehungen in der Natur haben keine Systematik, keine selbständige Ganzheit. Sie wirken in uns, indem wir sie vollziehen, weil wir Teil der Natur sind und zugleich doch über sie hinaus tätig sind. Und nur unsere Tätigkeit stellt die Frage nach seiner Vernunft.

Aber auch das einfache Tun in unserem praktischen Leben hat für sich keine Vernunft nötig, solange die Menschen ihre Verhältnisse darin überschauen können, ihre Wirkungen erfahren und ihre Wirklichkeit erleben. Nur wo es sich systematisiert hat, wo es Verhältnisse gebildet hat, die in sich selbständig sind, erscheint Vernunft auch als ein Vermittlungsprinzip geboten. Vernunft als Gebot ist die Moral der Notwendigkeit von Gegebenheiten, welche eine Folgsamkeit gegenüber ihrer Logik fordern. Um sich an ihr nicht zu zerreiben wird Vernunft auch zur Handlungsanleitung für diese Gegebenheiten, wodurch ein hierin sinnvolles Verhalten gewährt ist. Vernünftig ist jeder, der alles sinnvoll sieht, was unter dieser Bedingung Sinn macht, auch wenn es keinen Sinn hat.

Von daher waren z.B. auch die Rassentheoretiker der Nationalsozialisten vernünftig, so barbarisch die Grundlagen ihres Systems waren. Sie hatten für ihr System eine stringente Erlösungstheorie, die in sich folgerichtig war und einem Heilsprinzip zum Erfolg verhelfen wollte. Ihre Vernunft der Reinhaltung der höheren Rassen von den schlechten Instinkten der niederer Rassen (worunter die Juden, aber auch "primitive Völker", Slaven und dergleichen gerechnet wurden) leitete sich aus der Theorie des gesunden Volkskörpers ab. Von da her war das Recht des reinen Blutes, also das Unrecht der Rassenmischung zu beurteilen, das in sich pervers war und sehr umfassende und vernichtetende Folgen für viele Menschen hatten. Jede Perversion begründet sich vernünftig eben auch in ihrer Verkehrung. So haben die Zwangssterilisationen und die Euthanasie-Prozesse gezeigt, dass dahinter die Vernunft einer Verkehrung stand: Der Staat sollte als Kulturstaat die Menschen ersetzen und durch den in seinem Sinne kultiverten, dem staatsreinen Menschen begründet werden. Hierzu machte er Gesetze zur Reinhaltung der "besseren Instinkte", was zu einem allgemeinen Prinzip wurde. Niemand hatte hinterfragt, was diese Kultur war und warum Kulturstaat nicht sein kann, weil zwar eine Vernunft des Ganzen vorgestellt war, aber keine Erkenntnis von Kultur bestand. Nur hierdurch konnte diese Vorstellung tatsächlich und massenhaft zu einer nationalen Gesinnung werden.

Vernunft ist die Logik der Moral, die Zwangsfolge der Ideologie des Gegebenen. Ihre Kritik ist der Anfang des Denkens. Wer Vernunft selbst für unhinterfragbar hält, will eine Ordnung durchsetzen, über die nicht zu streiten sein soll. Dem Denken wird eine Falle gestellt, wenn es vernünftig daherkommt, sich in die Vernunft der bestehenden Ordnung einschleicht und dabei eben doch etwas ganz anderes betrieben wird. Die Kritik der reinen Vernunft (Kant) hatte dazu geführt, dass sie als Imperativ sich auf die Menschen beziehen sollte (siehe Kategorischer Imperativ). Von da her war Vernunft als praktisches Regelwerk des freien Willens aufgefasst, der sich in vernünftiger Selbstbeschränkung allgemein geben und verstehen soll. Eine solche praktische Vernunft scheitert allerdings auch notwendig an ihrer Selbstbegründung: Praktisch lässt sich ihre Allgemeinheit erst nach ihrem Vollzug beweisen, was ein Urteil erst möglich macht, nachdem es gefällt war: Ich kann nicht wollen, was ich als Allgemeinwille mir vorstellen kann - nachdem ich aber meinen Willen verwirklicht sehe, kann ich dessen Beschränkung allgemein beurteilen. So konnte sich der "ewige Frieden" noch nicht herstellen, weil jede Partei ihrem Willen nach allgemein sein muss gegen die andere.

In der Psychologie gilt Vernunft als eine Begabung der Selbstbeherrschung, ein Prinzip, durch welches Realität erst zu meistern sei (Realitätsprinzip). Aber was ist dann dieses Vernünftigsein und diese Realität: Selbstbeherrschung zugunsten einer höheren Seinsweise, einer besseren Kultur? Ist Vernunft die Fähigkeit zur Refexion, welche den Menschen zum Menschen, zum vernunftbegabten Wesen macht, das durch Vernunft erst seine Entwicklung, seine Zivilisation begann und von da her über dem Tier und aller sonstigen Natur steht? Ist die die "Einsicht in die Notwendigkeit", von der Hegel sagt, dass sie die Freiheit des Menschen ausmache?

Selbstbeherrschung kann schlecht Freiheit sein, auch nicht im Nachhinein: Wie soll das Beherrschte wissen, was gut für den Menschen sei? Für die Vernunft gibt es nur die Notwendigkeit eines Resultats, Beherrschung, damit etwas werde, Selbstbeherrschung für etwas, das nützlich sein muss: Mittel einer Bedürfnisbefriedigung, wie Freud meint. Wenn dem so ist, so hat die Vernunft aber gleichermaßen dazu beigetragen, eigene Mittel dadurch zu finden, dass fremde genutzt werden, dass Befriedigung des Mächtigen erreicht wird, indem der Ohnmächtige beherrscht wird. Vernunft taugt genauso dazu, Zivilisation zu erreichen, wie auch dazu, sie zu zerstören. Indem sie Selbstbeherrschung verlangt, dient sie auch dem Prinzip einer Macht und kann in ihrem Sinne Frieden erzwingen, wie sie die Herrschaft der Gewalt zu industrialisieren vermag. So unmittelbar menschlich kann Vernunft nicht sein.

Schon Goethe hat Vernunft (allerdings nur aus dem Mund Mephistos) als "Schein des Himmelslichts" hingestellt, als Blendwerk der Vorstellung von einem höheren Wesen, das gegen tierhafte Sinne taugt, die Fahigkeit, durch höhere Folgerung das Niedere beschönigen und betreiben zu können: schlussfolgernde Absicht. Vernunft sei unser aller Vorteil, sagt der Gott der Aufklärung. Sie habe von daher einen höheren Zweck, sei der Sinn, den jeglicher Fortschritt nur haben kann.

Wenn Vernunft die Fähigkeit zu einer Schlussfolgerung ausmachen soll, die zum Vorteil aller Beteiligten führt, so gibt es diese durchaus auch schon im Tierreich. Vernünftig ist dann das meiste, was auch Tiere tun. Vernunft wäre so schlicht die Fähigkeit, einzusehen, was nötig ist. Aber die Aufklärung hat sie als Prinzip der notwendigen Sittlichkeit (Kant) ausweisen wollen und damit eine Trennung von natürlicher Notwendigkeit und Kultur erzeugt. Im Vollzug der Geschichte hat sich gezeigt, wie diese als Gesinnung sich selbst zum Zynismus gegen die Menschen entwickelte. Ihre Vernunft erwies sich als die Rationalität einer menschenlosen Sachlichkeit, die sich über dem Zusammenhang der Menschen als logische Struktur gegen ihr Leben ausrichtete. Und auch wenn Sloterdijk diesen Zynismus durch Kritik zu überwinden oder als gegebene Notwendigkeit auszugleichen vermeint, so treibt er mit seiner kynischen Vernunft doch nur das Leben der Menschen zur Camoufflage ihrer Verhältnisse (Menschenparks).

Vernunft ist ein rein sachliches Prinzip, was die Logik eines Zusammenhangs ausmacht. Vernünftiges Verhalten ist daher immer ein diesem Prinzip folgendes Verhalten zum Nutzen eines Anwendungszweckes, wie er in der Sache steckt. Vernünftig verhalten sich Menschen ausschließlich zu ihrem Nutzen, ob dieser einzeln oder allgemein ist. Dies muss nicht unbedingt fortschrittlich sein. Um vernünftig zu sein, ist die Erkenntnis der Logik nötig, welche in solchen Verhältnissen sachlich wirkt. Diese ist nicht der Erfahrung und auch nicht dem Verstehen zu Folge, sondern ergibt sich alleine aus dem Denken in der Schlussfolgerung, dass ein Ding oder ein Verhalt nur als Mittel eines Zwecks zu verstehen ist, der also auch nur durch Vernunft zu erreichen ist. Vernunft ist kein subjektives Vermögen "die Verstandesregeln unter Prinzipien zu ordnen" (Kant), sondern Resultat von gegenständlichem Denken, Folgern und Schlussfolgern, welches aus der Ungewissheit einer Sache oder eines Verhalts nötig ist. Sie ist die Auffassung sinngegebener Logik, welche nur objektiv sein kann.

Vernunft ist die Rationalität eines Urteils und seine Entsprechung mit den Sinngegebenheiten. Ein Kunstwerk kann nicht vernünftig sein (Oskar Wilde), ein Mensch muss es manchmal. Vernünftig ist, was so bestimmt ist und nicht anders. Bestimmung gilt der Vernunft also immer schon als objektiv und wird erst durch ihre Logik im Bezug zur menschlichen Lebenswelt erkannt. Insofern ist Vernunft ein Begriff für den Nachvollzug dessen, was in der Wahrnehmung verstanden worden war und sich als Bestimmung verstehen lässt, wie sie erscheint und nicht anders (siehe Verstand). Eine Bestimmung, welche eine andere aufhebt, gilt als unvernünftig, wenn sie sich dieser nicht überordnet.

Der Begriff der Vernunft war aus der klassischen Philosophie heraus aus der Metaphysik der Idee entstanden, dass das Walten göttlicher Vernunft das Bestimmende des Lebens sei. Durch das Dilemma der Evidenz (Descartes) war durch die Entwicklung des Vernunftsbegriffs Gott zumindest als Vernunftswesen zu bezweifeln. Descartes zu Folge konnte nichts vernünftig sein, was ich nicht denken kann, weil das Denken die ursprünglichste Evidenz der Vernunft, der Beweis des Selbstbewusstseins, ist ("Ich denke, also bin ich"). Im darauf gründeneden Bestreben der Aufklärung hatte sich aus der kritischen Vernunft selbst die Kritik Gottes ergeben: Vernünftig konnte die Bestimmung des Menschen in unendlicher Bestimmtheit nicht sein. Die Abweisung der Theologie hatte mit dem Rationalismus der Aufklärung begonnen und der Vernunft eine unlösbare Position gegeben: Sollte sie für den Menschen sein, konnte sie nur menschlich werden, indem der Mensch vernünftig wird, sollte sie ihn entwickeln, konnte sie nur vernünftig sein, wenn sie nicht menschlich ist. Was Menschen tun und was zugleich über ihr Sein hinausweist, was sie erzeugen und darin zugleich werden, war vernunftgemäß nicht auflösbar. Aus dem heraus gab es eigentlich nur eine Entscheidung zwischen dem Menschen als vernünftig werdender Mensch und dem Menschen, der vernünftigerweise nicht Mensch sein kann, damit er sich endlich als Mensch ereignet.

Rational ist die Schlußfolgerung, welche Vernunft hat, für den Menschen erst in der Logik der Sache. Die Kritik der Vernunft wurde (zum Ende des 18. Jahrhunderts) zur Erkenntnis, dass ihr Begriff dem Menschen ein bestimmtes Sein abverlangt, dass der Mensch also von seinem Sein entfremdet ist (siehe Hegel). Diese Erkenntnis hat Marx dahin gebracht, der Philosophie die Durchdringung der dem Menschen fremden Sache als vom Menschen enfremdete Wirklichkeit seiner sachlichen Verhältnisse aufzuerlegen. Dies hat ihn zur Kritik der politischen Ökonomie, also zur Kritik der Ökonomie, welche die Rationalität der versachlichten Arbeit affirmiert, geführt.

Marx wendete die Philosophie in die Kritik der politischen Ökonomie, in die vernünftige Kritik menschlicher Wirklichkeit als menschliche Gegenständlichkeit. Nietzsche verewigte die Kritik der Vernunft zur Erkenntnis des ungeborgenen Menschen, des zweifelnden Individuums, das nur im Zwiespalt von Rationalität und Kunst leben und sich seine Wahrheit nur einbilden und ästhetisch ausdrücken könne. Der wesentliche Geist könne nur als schmerzhafte Intellektualität bestehen, die gegenstandslos gegenüber einer Welt des Grauens verharrt, bis sie aus ihr als Härte des Übermenschen gegen das Schicksal hervortritt. Aus dem identitätstheoretischen "Skandal" (Nietzsche), der im Gottesglaube noch geleugnet war, hatte sich ihm die Unmöglichkeit des Strebens nach Wahrheit als eine Vernünftigkeit erschlossen, welche das Denken von Wesenheiten als fromme Illussion entlarvt. In der venünftigen Kritik der Vernunft, die keinen Gegenstand haben will, wird Nietzsche zu ihrem Übersinn, zum Gleichnis des Menschseins, der gleichermaßen Gott verneint, wie er sein Urteil über die Menschen als unvernünftige Wesen bejaht, der ästhetische Vollkommenheit zu seinem Willen hat und die Vernunft als das Werkzeug für sich nimmt, das er der Wahrheit stiehlt: Wo das Denken wesentlich Wahrheit konstatiere, stelle es nur Übereinstimmung mit seinen eigenen Produkten, Ausdruck seines Wesen fest, bleibe bei sich selbst. In ohnmächtigem Bewusstsein befangen, bleibe das Sein sich identisch und Bewusstsein schlechthin, "Gebälk der Begriffe". Der Mensch müsse sich durch sich selbst versetzen, um lebendig zu sein, und dies geschehe nur durch Entstellung und Selbstaufhebung. Das Bewusstsein müsse sich täuschen, um Bewusstsein sein zu können, es müsse sich entstellen, um Wahrheit zu finden und zu haben. Es muss daher seine Werte beständig umwerten, sich jeder Kausalität entziehen und sich gegen seine Objektivität sträuben. Alles Wissen ist nur Moment eines ästhetischen Verhältnisses zu sich selbst. Zwischen Subjekt und Objekt "gibt es keine Kausalität, keine Richtigkeit, keinen Ausdruck, sondern höchstens ein ästhetisches Verhalten" (Nietzsche "Über Wahrheit und Lüge" WW V, S. 317). Mehrup1a1. Vernunft wird so kritisiert, aber auch bewahrt wie ein notwendiger Hintersinn, der sich fortwährend zu bewähren habe.

Die vollständige Abtrennung des Bewusstseins von der Objektivität hat schließlich Heidegger betrieben, der es mit einem Sein identifizierte, das unter allem Seienden nur wie eine Lichtgestalt hervorscheinen könne, wie ein Raunen der Wahrheit gegen die Seinsvergessenheit der Moderne. Hiermit allerdings wird Vernunft selbst wieder zur Mythologie, unendliche Vorstellung eines Prinzips, welches nicht Sein kann, wenn es nicht sein will. Das nun ist höchste Aufklärung in ihrer vollkommenen Selbstzerstörung, indem sie sich gegen Geschichte überhaupt wendet, sie zu einem Willen macht, der Ergriffenheit verlangt.

Dieser Art von Kritik der Vernunft und der Aufklärung haben sich viele Intelektuelle bis zum heutigen Tag als Existentialisten oder Dekonstruktivisten angeschlossen (z.B. Sartre, Horkheimer, Adorno und Foucault), die sich dennoch als Marxisten verstehen. Der Nachweis, dass sie auf eine fatale Art in der Aufklärung verstrickt bleiben, wird z.B. bezogen auf die Kritische Theorie von Norbert Trenkle in seinem Aufsatz "Gebrochene Negativität" erbracht.

s.a.

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