 | Teil I: Das Prinzip der Selbstverwirklichung
Abschnitt 1: Der Selbstwert |  | 
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|  |  |  |  | 1 | 1. Wahrheit und Wahrnehmung |  |  |  |
Die Kultur der Gesellschaften, worin Geld als Lebensgrundlage herrscht, setzt die Lebenserzeugung, die Erzeugung der Lebensmittel für die Bedürfnisse der Menschen und damit deren Stoff, Sinn, Geschichte und Entfaltung voraus, sei es in Form von Gegenständen, als Produkte für den eigenen Bedarf, die durch Geld erworben werden können, sei es in Form von Kapital, wodurch über die Existenzweise der Menschen verfügt wird. Der bestimmte Inhalt dieser Lebensgrundlagen ist in solchen Gesellschaften selbstverständlich. Er muss sich daher auch von selbst verstehen, also unabhängig von seiner Entstehung und Herkunft sein.
In dieser Selbständigkeit erscheint Kultur als Sinn für sich, als eine von den Lebensgrundlagen der Menschen abgetrennte Welt voller Erlebensmöglichkeiten, voller Gegenstände der Konsumtion und Anschauung, wodurch alle möglichen Wünsche erfüllt werden können. In dieser Welt der Möglichkeiten ist das Leben nicht unmittelbar wirklich. Es erscheint davon bestimmt, wie es erlebt wird, wie es unabhängig von jedem wirklichen Lebensverhältnis wahrgenommen wird.
Nötig hierfür ist alleine Geldbesitz. Im Geld erscheint jede wirkliche Not schon gewendet, der Mensch der es hat, von ihr befreit. Weil das Leben unabhängig von jeder wirklichen Notwendigkeit erscheint, also in Wirklichkeit bedingungslos ist, ist solche Möglichkeitswelt die Welt einer Freiheit, in welcher sich eine bedingungslose Beziehung auf sich selbst verwirklicht.
Der bloße Besitz eines gesellschaftlichen Faustpfands, durch welches Gebrauchsgüter und Lebensmittel zu haben sind, ist die einzige Bedingung dieser Beziehung. Und diese ist nicht in ihr selbst wirksam, sondern jenseits von ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit begründet - gleich, durch welche Tätigkeit Geld erworben wird.
Es ist zugleich ihr absolutes Ur-Teil: Nur durch Geld ist diese Beziehung überhaupt. Ohne Geld ist ein Mensch in solcher Gesellschaft nichts. Geldbesitz ist von daher nicht einmal mehr existenziell wahrnehmbar, erscheint nicht mehr wirklich existenzsnotwendig. Umgekehrt: Existenz ist ohne Geld nicht möglich. Man muss es einfach haben. Es ist schon für sich Inhalt allen Seins. Ohne Geld gibt es hier nichts, gilt jeder Mensch nichts und ist in dieser Besitzlosigkeit nichts. Als bloßer Mensch ist er in dieser Beziehung nur noch eine Last. Das unmittelbare Sein ist durch Geld schon so vollständig bestimmt, dass Geld nicht mehr mittelbar ist, nicht Form von Lebensmittel, nicht Zahlungsmittel für Arbeitsprodukte. Es ist in solcher Gesellschaft von "eigener Wahrheit", Zweck an sich, totale Lebensbedingung. Und es bestimmt als solche unmittelbar alles Leben.
Die unmittelbaren Bedürfnisse der Menschen befriedigen sich durch Gegenstände, deren Erzeugung keine gesellschaftliche Wirklichkeit mehr hat und deren Tätigkeit gleichgültig gegen jeden Sinn ist, den Menschen haben. Die Gegenstände der Befriedigung, die Befriedigungsgegenstände solcher Gesellschaften, die Lebensnotwendigkeiten der Bedürfnisse, erscheinen daher unmittelbar als Daseinsform des Geldbesitzes, in welcher die Notwendigkeit und Freiheit des Stoffwechsels von Mensch und Natur, die unmittelbar sinnliche Selbstgewissheit des Lebens, im Geld schon aufgehoben ist, bevor es überhaupt erworben werden kann.
Die Welt der Arbeit ist in solcher Gesellschaft nicht mehr vermittelt durch Geld und Kapital, sondern dem Inhalt nach vollständig getrennt hiervon, rein quantitativ auf Geld als Substanz allgemeiner Individualisierungsmöglichkeit der Bedürfnisse bezogen. Der Großteil der Gebrauchsgüter wird zu Bedingungen hergestellt, die mit der hießigen Arbeit nichts mehr zu tun hat, derweil bestimmt der Geldhandel, der Finanzmarkt, also das Verhältnis des Kapitals zu sich selbst, mehr oder weniger unmittelbar die Entwicklung solcher Verhältnisse. Wiewohl Geld nach wie vor die Vermittlung von Lebensverhältnissen betreibt, sind diese jenseits des Geldes der Wahrnehmung entzogen. Durch Geld werden sie lediglich wahrgehabt. Und weil in der hier zu beschreibenden Gesellschaftsform Geldbesitz deren ausschließliche Bedingung ist, gibt es keine wirklich äußere Welt, keine weltlichen Gegenstände. Jede menschliche Äußerung ist nur unmittelbar menschlich und ohne wirklichen Zusammenhang. Sie hat ihren Sinn nur für sich und beruht auf einer gesellschaftlich abgehobenen Grundlage.
Die kulturellen Inhalte, die das menschliche Leben in seiner bisherigen Geschichte geschaffen hatte, sind die Gegenstände der Kultur, die Schönheiten der Sinngebilde, die Lebensformen der Natur, der Dinge des Lebens, der Kunst und Begierden, gleich, ob diese nützlich oder unnütz sind. Wesentlich ist, dass menschlicher Sinn darin unmittelbar geäußert ist oder sich unmittelbar äußert, gleich, in welcher gesellschaftlichen Vermittlung er erscheint.
Auch wenn diese Vermittlung selbst völlig ohne Sinn ist: Was als Kultur hervorgebracht ist, bleibt sinnliche Äußerung von Menschen, menschliche Sinnlichkeit. Auch in der Abtrennung vom gesellschaftlichen Leben der Menschen bleibt es menschlicher Sinn. Aber in dieser Verselbständigung der Sinne besteht Sinn nur durch die Wahrnehmung selbst. Wie sie auf die Sinne wirkt, so erscheint die Welt menschlich und was von den Menschen wirklich ist, hat keinen anderen Sinn als diesen der Wahrnehmung selbst.
Die Welt selbst wird zu einer Wahrnehmungswelt, zu einer Welt reizvoller Wahrnehmungen, einer ästhetischen Welt, in welcher die Reize des Wahrgenommenen auf die Menschen wirken, soweit sie darin für sich sind. Es ist nicht bloß ein "Überbau" der Reichen, sondern ein wirklich allgemeiner abstrakter Sinn des menschlichen Zusammenwirkens, eines abstrakten Gemeinwesens, den Kultur nurmehr abstrakt von ihrer Entstehung her ausmacht - nicht als gesellschaftliches, sondern als wirklich allgemein abstraktes Wesen, das lediglich von der Art und Weise des Menschseins kündet, wie es in jeder Gesellschaft impliziert ist - hier jedoch der Mensch als bedürftiges Wesen, das kein wesentliches Bedürfnis haben kann: Der wirkliche Mensch selbst wird darin zu Wesen einer Abstraktion. Die Wahrnehmung der Menschen, wie sie empfinden, wie sie ihre Inhalte auffassen, z.B. als schön, häßlich usw. , wird hierdurch in ihrer bloßen Form bestärkt, von einem herausragenden Reiz in der Wahrnehmung bestimmt, von ihrer Ästhetik.
In der Abtrennung von den Bedürfnissen und der Arbeitswelt der Menschen hat solche Kultur keinen wirklich sinnlichen Inhalt. Sie enthält keine wirkliche Lebensbeziehung und also auch keine wirkliche Erkenntnis, wiewohl sie voller Leben ist. An sich und für sich ist sie vollständig leer und erlebt nur das Leben, das darin wahrgenommen wird. Ihre Wahrheit kann daher nicht durch sie selbst wirklich sein. Sie besteht nur in ihrer bloßen Form als Wahrnehmung menschlichen Lebens, aus der Formbestimmung ihrer eigenen Wahrnehmungen, aus der Art und Weise, wie sie sich für wahr hält und als Wahrheit für sich nimmt. Sie besteht als Sinn für sich, als eigenständige Sphäre menschlicher Sinne, wie sie in der Wahrnehmung gewiss sind, ohne gegenständliche Gewissheit haben zu können. Es sind wahre Formen ohne Sinn für sich, veräußerte Sinnesgestalten, worin die Menschen zwar Sinn erkennen, aber nicht durch und mit ihm wirklich leben können, Potenziale veräußerbarer Sinnlichkeit, in welchen vergangenes Leben gegenständlich ist.
Als Lebensvermittler sind die Formen solcher Kultur die Mittel der Selbstdarstellung und Selbstwahrnehmung und vermitteln von daher auch Ereignisse, welche den Menschen Wünsche nach bestimmten Seinsweisen und Gefühlen erfüllen und Erlebnisse der Befriedigung bescheren, die gleichgültig gegen ihren Inhalt sind. Sie sollen ihnen einen Frieden verschaffen, der vor allem ihr Leben ausfüllt und der über Kulturgüter und Erlebenswelten ermöglicht wird. In dieser Form, also in der Sättigungsform eines entleerten Lebens, sind sie den Bedürfnissen nach Gegenständen des menschlichen Lebens äußerlich geworden, nicht mehr Inhalt lebendiger Reichhaltigkeit, sondern zum Reichtum einer bloßen Lebensform reizvoller Wahrnehmungen überhaupt geworden.
Kulturgüter waren in den Kulturen der Menschen entstanden, sind Produkte menschlicher Lebensäußerung, die ohnedies über den bloßen Nutzen und die Vernutzung hinaus Bestand haben. Sie gehen nicht im Verbrauch unter und vernutzen sich nicht durch den Gebrauch. Ihr Sinn bleibt über jeden Nutzen erhaben und so im Vermächtnis und Gedächtnis der Welt erhalten, auch wenn ihr Gebrauch und Brauchtum vergegangen ist. Es sind die Produkte, welche den Menschen kulturell entsprechen, welche also die unmittelbare Art und Weise ihres Daseins als Menschen ausmachen, gleich, ob sie nur aus Momenten zur Erinnerung, zum Bedenken oder zur Erbauung bestehen oder lange währende Existenz durch Sachen haben, deren Nutzwert, also der Inhalt ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, längst aufgehoben ist, wenn er denn überhaupt existiert hatte (z.B. als Architektur). Wesentlich an den Kulturgütern ist, dass sie für die Menschen als gut und schön gelten. Und nur dies hat über den bloßen Nutzen hinaus als Sinnbildung von Sache und Mensch geschichtlichen Fortbestand und bildet zugleich die Grundlage aller weiteren Entwicklung menschlicher Sinnlichkeit. Es macht die geschichtlichen Inhalte dieses Lebens aus, welche Form auch immer es eingehen mag.
Aber als Gegenstände des Erlebens sind Kulturgüter vor allem Gegenstände der Wahrnehmung. Es handelt sich hierbei nicht mehr um wirkliches Leben und wirkliche Lebensgegenständlichkeit, um die Wahrheit einer gegenständlichen Beziehung, sondern um die Art und Weise, wie sie wahr genommen wird. Leben kann nicht einfach erlebt werden und mit keinem Geld der Welt ist es zu erwerben. Im Erleben verbleibt es als eine äußerliche Sinnlichkeit, als eine veräußerte und daher auch veräußerbare Kulturgestalt des Sinneslebens, auch wenn sie sinnlich geboten ist und geboten wird, sei es als griechische Insel im Nimbus alter Gottheiten oder als Jahrmarkt heftiger körperlicher Effekte oder als zwischenmenschliche Beziehung, die hierin begründet ist. Hier geht es alleine um eine Art und Weise, deren Wahrheit so genommen wird, wie man sie erleben und also wahr haben kann. Es geht hierbei also um einen entäußerten Sinn wie er von dem verlangt ist, der danach begehrt.
Das Verlangen nach Sinn ist mitnichten ein wirklich sinnliches Verlangen. Nicht ein quasi natürlich wirkender Mangel oder ein Reichtum an nützlichen Dingen kann solches Verlangen stillen, sondern eine satte Lebenswelt muss ihm geboten sein, wo immer sich das Leben ungesättigt anfühlt, wo also das erlebt wird, was nicht wirklich leben kann. Es ist eine bunte Welt des Möglichen, die als einzige Notwendigkeit kennt, dass man eben Geld besitzen muss, um darin auch wirklich gesellschaftlich zu existieren. Eine ungeheuerliche Masse des Möglichen und für alles Mögliche wird darin geboten, wodurch dieses Geld, das man hier so dringend haben muss, auch wieder ausgegeben wird.
Die Menschen müssen nach wie vor Geld verdienen, um das Mögliche für alle möglichen Wünsche und Bedürfnisse besorgen zu können und nur für Geld wird Lebensfülle geboten. Aber hierbei sind Bedürfnisse und Wünsche selbst nicht sonderlich verschieden, denn das Bedürfnis als natürliche Notwendigkeit ist in solcher Gesellschaft längst in der Welt der vielen Möglichkeiten aufgegangen und unnötig geworden. Es ist keine bestimmte menschliche Natur oder Kultur, welche solche Bedürfnisse hervorruft, sondern das Unbestimmte, was diese Kultur der Welt des Geldes an sich hat, also nicht das, worin sich Leben erfüllt, sondern das, was Lebenserfüllung nötig macht. Die Menschen müssen zwar arbeiten wie eh und je, und zwar weiterhin zu den Preisen, was ihre Reproduktion unter gegebenen Umständen wirklich kostet. Aber sie müssen nicht unbedingt Lebensmittel erzeugen. Sie müssen nur irgendetwas tun, wofür sie Geld bekommen, um irgendeine Welt von Wünschen sich herzustellen, die sich damit erfüllen lassen. Ihre Bedürfnisse sind nur hiernach ausgerichtet, ihre Selbstwahrnehmung ist hieraus gewonnen und ihre Identität hängt hiervon ab. Über die Erfüllung ihrer Wünsche erfahren sie die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, die darin aufgehoben sind und darin zugeich auch aufgehoben werden.
Die Gegenstände, die hierzu taugen, sind Kulturgüter, die alleine der Wahrnehmug dienen und wodurch Lebenswelten geschaffen und bewahrheitet werden, die durch sich selbst bestimmt erscheinen können. Daher sind es auch nicht nur die Gegenstände selbst, über welche die Menschen sich als Menschen zueinander verhalten, sondern die Art und Weise, wie sie diese wahrhaben - wie sie damit leben und sich in solchen Verhältnissen erleben. Sie erleben in diesen Verhältnissen eben nur das, was ihnen gegeben erscheint und was ihnen zu erleben möglich ist. Jede Beziehung von Menschen auf Menschen und Sachen besteht in solchen Gesellschaften aus der Wahrnehmung ihrer Erlebensformen nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten, also in der Abtrennung von dem, was sie wahrhaben und was hierin für die Erkenntnis gewiss werden kann. Die Wahrnehmung ist die Elementarform aller gesellschaftlichen Beziehungen, die sie wahrhat und die auf Geldverhältnissen gründen, die das Leben auf das Maß des allgemein Möglichen reduzieren, auf das, was wie selbstverständlich wahr gehabt und hierdurch in seiner Wahrheit beschränkt wird. Ich beginne daher die Untersuchung der bürgerlichen Kultur mit der Analyse der Wahrnehmung.
Wahrnehmung ist zunächst die Form eines Erkenntnisprozesses, worin sich Menschen in einem Verhältnis zu ihrem Gegenstand befinden, in welchem der Gegenstand ihrer Beziehung zugleich Gegenstand ihres Befindens ist. Darin sind sie sich mit ihm einig und nehmen wahr, was nicht unmittelbar mit ihnen eins ist, was aber Sinn für sie hat, weil es ihren Sinnen entspricht. Wahrnehmung ist von da her und ihrem Wesen nach ein Prozess, worin die Ungewissheit einer Erkenntnis aufgehoben erscheint durch die sinnliche Bewährung einer Beziehung von Gegenstand und Mensch, von Objekt und Subjekt, durch das Wiedererkennen des Menschen in seiner Gegenständlichkeit, in den Objekten seiner Wahrnehmung. Darin wird ihre Wahrheit gegenständlich genommen und ist zugleich im Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit und ihres Verlangens gegenwärtig. In der Wahrnehmung ist das gegenständliche Bedürfnis zugleich in der Erkenntnis seines Gegenstands tätig, menschlicher Sinn als Sinn für Menschen, wie er für sie Sinn macht. Die Wahrnehmung als Beziehungsform eines Verlangens oder Wunsches enthält daher die Bestätigung der dem zugrundeliegenden Gegebenheiten einer Kultur.
Wahrnehmung ist aber in diesem Sinne nicht nur selbst Tätigkeit, sie unterstellt auch kulturelle Tätigkeit, die in ihren Gegenstand eingegangen ist, sei es in der Sinnbildung der Natur oder in der Erzeugung von Gegenständen durch Menschen, die darin ihre Sinne oder Wünsche vergegenständlicht haben. Bedürfnisbefriedigung kann sich nur dann als Wunscherfüllung vollziehen, wenn das Bedürfnis im Verlangen nach Kulturgegenständen aufgegangen ist, wenn und soweit also Wunsch und Bedürfnis ein und dasselbe geworden sind. In diesem Sinn sind sich die Menschen eins mit ihren Gegenständen und erfahren die Wahrheit ihrer Bedürfnisse in der Befriedigung durch die Gegenstände ihrer Wahrnehmung.
Die Wahrheit der Wahrnehmung ist dieser Friede im Verhältnis zu ihrem Gegenstand, im Erkennen seiner Güte und Schönheit und Nützlichkeit für den Menschen. Erst aus diesem Verhältnis enstehen neue Bedürfnisse, neue Arbeit und neuer Reichtum, menschliche Erneuerung. Wo Gegenstände nicht mehr sinnvoll für die Menschen sind, da haben Bedürfnisse keinen Sinn und werden sich selbst überdrüssig oder zur bloßen Gier, zum Hunger nach Erlebnissen oder zu einem übersinnlichen Verlangen, zu einem Trieb nach Befriedigung in jenseitiger Wahrheit, woraus sich keine Erneuerung mehr ergibt, sondern Absterben der Wahrnehmung: Verdummung, Abstumpfung.
Wahrnehmung hat immer ein gegenständliches Verhältnis der Menschen im Sinn, ein Verhältnis, worin sie den Sinn für Menschen in ihren Gegenständen erkennt. Ihre Erkenntnis ist der Sinn für das, was die Menschen wahr machen, was sie durch einander sind, was sie durch sich und mit anderen von ihrem Leben haben und äußern, was sie ausdrücken und was ihr Leben bereichert, entfaltet und wachsen lässt in dem, was sie von sich schon kennen. Nur in diesem menschlichen Verhältnis hat Wahrnehmung Sinn, weil sie darin erkennt, was ihre Kenntnis schon enthält, weil sie auffasst, was man hierdurch erleben kann. In der Wahrnehmung findet Erkenntnis ihren Sinn, weil und sofern sie in ihren Gegenständen den Gegenstand ihrer Wünsche als Befriedigungspotenziel ihrer Bedürfnisse erkennt, weil sie ihr Interesse als ihr Verlangen nach solchen Gegenständen erkennt und in ihrem Leben dessen Befriedigung verwirklicht sieht und als Befriedung begreift.
Und dieser Sinn ist es auch, der in der Wahrnehmung tätig ist. Wahrheit ist darin in doppelter sinnlicher Gestalt, - nämlich als das, was hierin erkannt ist, als das, was schon bekannt ist, als etwas, welches den Sinn hat, wie er in Wahrheit schon subjektiv wie objektiv besteht, und wie er in der Geschichte des Gegenstands ebenso enthalten ist wie in der Geschichte des wahrnehmenden Subjekts. Wahrnehmung, worin sich diese Beziehung bewahrheit, wo sie also mit sich identisch und über jeden Zweifel erhaben scheint, ist selbst nur Moment eines zwiespältigen Erkenntnisprozesses. Die Unzweifelhaftigkeit ihres Erlebens verschafft ihr hiergegen ein eigenes Sein. Dieses aber erleidet zugleich das Leben, was ihr widerfährt, was sie also wie eine fremde Wahrheit erfahren muß. Die Wahrnehmung wird daher ideologisch gerne gestützt durch die Wahrnehmungstheorien, welche sie als reine Kognition ausgeben.
So für sich genommen wäre der Wahrnehmungsprozess bloße Beschauung. Dieser aber könnte zu keiner Erkenntnis gelangen, wäre er nicht selbst eine Beziehung zu seinem Gegenstand, fände er also nicht unter Menschen, in gesellschaftlicher Gegenständlichkeit der Menschen statt. Ein Mensch nimmt in seiner Wahrnehmung etwas für sich wahr, was ihm zunächst auch als eigene Wahrheit gilt. Aber für den Prozess der Erkenntnis ist es gleich, was ihr eigentümlich und als Eigentum gültig ist, denn Wahrheit kann kein Eigentum sein und also auch nicht für andere als dieses gelten. Wahrnehmung ist selbst ein Moment des Seins und hat für sich keine eigene Wahrheit. Sie hat daher auch in der Sprache den doppelten Sinn, ein Ereignis für sich wahr zu machen, z.B. einen Termin wahrzunehmen, wie er zur Erfüllung zugeeignet ist, und einen Gegenstand zu nehmen, wie er ist, ihn aufzufassen und zu ergründen, was er ist und wozu er sich eignet. Wahrnehmung ist so subjektiv wie sie objektiv ist und kann selbst nur dadurch unwahr werden, dass ihr Dasein selbst bestimmt wird, dass der Gegenstand ihrer Bedürfnisse ihre Beziehung zu ihrem Gegenstand deformiert.
Zunächst erkennt die bloße Wahrnehmung also, dass etwas für jemanden wahr ist. Dieses aber ist schon darin unwahr, dass es nur für ihn oder sie so ist. "Es" kann nicht wahr sein, wenn es nicht für alle wahr ist auf die es sich bezieht, gleich, von wem es wahrgenommen wird und zu welchem Zeitpunkt und von welchem Standort. Die Wahrnehmung kann nicht bei sich bleiben, weil sie Beziehungen enthält, die sich darin auch wahr machen. Etwas ist erst wahr, wenn es sowohl für sich als auch für die Menschen das ist, was seine Beziehung wahr macht.
Es ist relativ einfach, darüber zu befinden, ob eine Wiese grün ist, so die Bezeichnung Grün identifiziert werden kann. Selbst ein Farbenblinder kann Grün erkennen, wenn er bestimmte Sinneseindrücke aus Wahrnehmungserfahrungen in diesem Sinn zu koordinieren versteht. Auch ist es nicht schwer herauszufinden was ein Baum ist und ob das ein Baum ist, auf das man sich bezieht. Ob es Baum oder Strauch sein könnte, sind keine Fragen der Wahrheit, sondern der sprachlichen Klarheit und Definition. Es handelt sich hierbei eigentlich nur um Umstände oder um sprachliche Ordnungen, wie sie mit dem Wahrnehmen befasst sind. Aber die Wahrnehmung selbst ist paktisch, unmittelbares Sein und ist in aller Regel vertraut mit ihrem Gegenstand, mit ihm geworden und gehört selbst zur angeeigneten Welt, worin der wahrnehmende Mensch geworden ist.
Anders ist es zum Beispiel, wenn er von dem ansonsten für andere Menschen Vertrauten weggesperrt war. Ihm steht erst die Erkenntnis bevor, dass der Baum Bestandteil seiner Welt wird, sobald er sich auf ihn widerstandslos und widerspruchsfrei einlassen kann.
Und sehr viel schwerer ist es, die Wahrheit darüber herauszufinden, was scheinbar unmittelbar zwischen den Menschen geschieht, die durch ihre Wahrnehmung selbst aktive Subjekte der Wahrnehmung sind. Nichts kann größere Tragödien hervorrufen als die Frage der Wahrheit beim Liebesschwur. Der einfache Satz "Ich liebe dich" kann als Wahrheitsfrage ein ganzes Leben bestimmen, verlangt seine Erkenntnis doch praktisch die Erkenntnis der ganzen Welt. Diese kann sich als machtvoll gegen die Wahrnehmnbarkeit verhalten, sich entziehen und verstellen, bedrängen und bedrohen.
Und so entsteht auch das höchste Wahrheitsproblem durch die Wahrnehmung von dem, was gar nicht so einfach wahrnehmbar ist, worin sich also die Sinne selbst widersprechen, nicht sehn, was sie hören (z.B. Stimmen hören), nicht hören, was sie sehen (z.B. Halluzinationen) oder gänzlich irre gehen (Irrsinn), sich in einer Persönlichkeit oder Zeit oder Welt einfinden, die es für andere gar nicht gibt. Würde man ihrer Wahrnehmung Wahrheit bestreiten, würde man sie zu Unmenschen machen, die eigene Wahrnehmung gegen sie mächtig machen und abschotten - und damit die eigene Wahrheit betrügen. Es ist gewöhnlich wohl das Schwerste, auch den Wahnsinn als Lebensform einer bestimmten Wahrheit zu begreifen. Diese wird oft erst dann auch für andere Menschen erkennbar, wenn die weite Vermittlung der Lebensbedingung der Wahrnehmung, die zum Wähnen werden muss, begreifbar gemacht wird und über die Brücken der vermittelten Wahrheit wirklich gegangen werden kann,
"Der Mensch erkennt sich nur im Menschen" (Karl Marx). Wo Menschen sich aufeinander beziehen, beziehen sie ihr Leben aufeinander - gleich, wie genau und vollständig sie dies auch wahrnehmen. So ist ihr Leben auch immer gesellschaftlich in ihrer Beziehung gegenwärtig, sowohl gegenständlich als Objekt des Lebens (z.B. als Lebensmitte), aber auch als Menschen, welche darin vorkommen. Was immer sie miteinander tun und von einander haben, ist der Sinn, den sie miteinander teilen und einander mitteilen und in ihrer lebendigen Erkenntnis durch einander bilden. Indem von den betroffenen Menschen der Sinn ihrer Beziehung erkannt wird, erweist sich ihre Beziehung als wahr für jeden einzelnen, wie auch für alle - aber eben nur in dem, was gemeinhin und wirklich wahr ist.
Darüber kann immer wieder Streit entstehen und Kränkung. Aber eben daraus besteht die Wahrheit ihrer Beziehung. Was sich wirklich mitteilt, erweist seine Wahrheit in der Aussage, dem Gefühl und dem Verhalten hierzu, im Ganzen aller Verhältnisse. In der wirklichen Vermittlung hat Wahrnehmung ihre Identität im Ganzen ihres Seins, ihre Wahrheit sowohl in sinnlicher Gewissheit, als auch im Wissen über den Sinn, den diese Beziehung hat. Wahrnehmung erweist sich also als ein höchst gesellschaftlicher Akt der Erkenntnis und macht die Inhalte des Bewusstseins und die Wahrheit des Wissens von ihrem Sein aus.
Die Wahrheit als solche gibt es nicht. Sie besteht immer nur durch eine Reflexion, durch ein Objekt, das von einem Subjekt reflektiert wird, z.B. in einer Aussage oder einem Zeugnis oder einem Gefühl. Dieses ist für das Subjekt wahr, wenn es in der Wahrnehmung zweifelsfrei ist. Und nur diese Reflexion kann wahr oder im Zweifel oder unwahr sein. Von daher kann man allerdings umgekehrt auch etwas unreflektiert wahrnehmen, ohne für sich wahr zu sein und kann auch etwas wahrhaben, das man nicht wahrnimmt, wenn man es nicht reflektiert. Wahrheit hat kein unmittelbares Sein, kann also nur in etwas wahr sein als das, was es überhaupt und als ganzer Zusammenhang ist, den man wahrhat und wahr nimmt.
Wahrheit ist nicht "die Übereinstimmung von Gemeintem und Gegebenem" (Husserl). Weder eine Meinung noch eine Gegebenheit noch die Übereinstimmung von beidem kann wahr sein oder Wahrheit ausmachen, auch wenn sie zweifelsfrei ist. Jede Meinung ist als Meinung unbezweifelbar, ebenso jede Gegebenheit als Gegebenheit, und so auch die Übereinstimmung, die zufällig ist, weil beides zufällt. Nur durch die Wahrnehmung selbst steht Wahrheit in einem Bezug von Subjekt und Objekt und nur in dieser Beziehung kann sie überhaupt zur Frage stehen. Die Sache für sich ist so fraglos wie eine Kröte, die in einen Teich springt. Befragt werden kann sie nicht als Gegebenheit, sondern aus einer Beziehung heraus, aus der sie ebenso zur Disposition stehen kann wie die Wahrnehmung selbst. Wahrheit ist die Identität der Wahrnehmung mit ihrer Erkenntnis, also die Identität des erkennenden Subjekts mit dem, was ihm sein Gegenstand ist. Das macht die Wahrheitsfindung so objektiv, wie sie zugleich das Subjekt in seiner Vergegenständlichung, in seiner Objektivation bestätigt und bestärkt.
Wahrheit ist nicht nur der Wahrnehmung vorausgesetzt; sie setzt wiederum auch Wahrnehmung voraus und wirkt darin zugleich als das Bedürfnis der Erkenntnis, als ihr notwendiger Mangel: Wahrnehmung kann nicht für sich wahr sein; sie hat ihre Wahrheit zugleich außer sich. Die Wahrnehmung selbst schon offenbahrt die Beziehung auf anderes. Sie ist nichts ohne ihren Gegenstand, wie dieser auch nur in der Wahrnehmung wahr wird. So wie es keinen Gegenstand an sich gibt, gibt es auch keine Wahrnehmung an sich. Beides ist nur durch einander und in Beziehung auf einander. Dies ist ihre einzige und auch ihre leerste Wahrheit: Die Einheit von Subjekt und Objekt, wie sie sowohl wahrnehmend als auch tätig ist, in sich und außer sich zugleich. Ihre einzige Beziehung ist der Bezug, welchen ein erkennendes Subjekt in der Wahrnehmung eines Gegenstands wahr hat. Es ist dieser das Objekt, das selbst auch subjektiv ist. Subjekt und Objekt sind für die Erkenntnis beständig wechselnde Positionen. Wir beschreiben sie objektiv und sehen sie doch immer nur vom Standpunkt des Subjekts. Aber dieses ist auch Objekt einer Erkenntnis und muss diese in ihrer Wahrheitsfrage ebenso ertragen, wie es selbst auch diese Frage stellt. Subjekt und Objekt sind nur Positionen einer Beziehung, worin Erkenntnis entsteht und von daher auch Momente der Wahrnehmung, deren Wahrheit sowohl subjektiv wie objektiv ist.
Was das Subjekt in dieser Beziehung nicht wahrnimmt, muss es wahrhaben, um es erkennen zu können. Und es nimmt auch wahr, was es nicht wahrhat, weil es ihm gewiss ist. Indem es erkennt, nimmt es etwas so gewiss wahr, wie es Sinn in seiner Beziehung auf anderes hat. Damit ist es gewiss das, was es ist. Als Wahrgenommenes kann es sinnlos sein und als Wahrgehabtes kann es ungewiss sein. Wahr ist beides in einem, wenn der Sinn in dieser Beziehung seine Gewissheit erlangt. Aus beidem ergibt sich dann die Gewissheit einer Identität. Wahrheit ist das sich Gleichbleibende dieser Beziehung in den Zusammenhängen, in denen sie bestehen. Wahrheit ist Identität im Seienden, das in sich identische Sein dessen, was im Unterschied nur sein kann, das, was nur in seiner Beziehung auf alles andere wahr ist, subjektive Identität objektiv hat.
In Wahrheit ist alles eins, so verschieden es in Wirklichkeit auch sein mag. Deren vielfältige Beziehungen machen das Ganze vieler Eigentümlichkeiten, Leben, wie es in seiner Vielfalt zugleich auch wahr ist, solange es nicht zur Einfalt, zur Abstraktion gezwungen wird. In diesem Ganzen ist Wahrnehmung selbst nur ein Moment, das für sich äußerst relativ, also nur in Beziehung zu anderem wahr ist. Ihre Unwahrheit besteht schon darin, dass eine Wahrnehmung eine andere ausschließen kann, und dass Wahrnehmung zu täuschen möglich ist, aber Erkenntnis zu behindern deshalb schon unmöglich ist, weil sie dann nicht sein kann, denn Erkenntnis kann nur ganz sein. Nur ihre Ganzheit kann wahr sein, denn ihre Beziehung selbst ist nur dies Objektive im Subjekt. Ausschließliche Wahrnehmung schließt Wahrheit aus. Sie besteht vor allem darin, dass sie nicht erkennt, was sie wahr hat, und deshalb nicht wahrnimmt, was ihre eigene Bedingtheit ausmacht.
Wahrnehmung ist eine Position der Erkenntnis, die noch nicht für sich wahr, aber als Moment der Gewissheit des Wahrnehmens und in ihrer Sinnhaftigkeit zweifelsfrei ist. Doch diese Unzweifelhaftigkeit des sinnlich Gewissen ist nicht die Wahrheit von Wahrnehmung überhaupt, hat noch kein wahres Gewissen, sondern nur die Gewissheit des unvermittelten Erlebens, wie es für die Wahrnehmung von etwas ist. Schon im nächsten Erlebnis ist sie durchbrochen, ein völlig anderes Erleben, das ebenso unvermittelt ist, solange sein Zusammenhang mit dem vorigen nicht erkannt ist oder sogar unerkennbar bleibt. Auch wenn alles Erlebte unzweifelhaft, wahr für sich ist, so bleibt die Wahrheit des Wahrnehmens gebrochen, solange sie nicht zur Erkenntnis gelangt, worin das Leben eins ist, das sich darin äußert. In solcher Erkenntnis ist Wahrnehmung aufgehoben, bewahrt und bewährt in einem, als wirklich menschliche Identität.
Adorno hatte angesichts des totalitären Denkens der Nazisten und der ihnen förderlichen Philosophie, die er mit einem "Jargon der Eigentlichkeit" in Verbindung brachte, in seiner "Negativen Dialektik" sich dazu entschlossen, solche Identität als Prinzip des Eigentlichen anzusehen und nicht anzuerkennen. Von daher befand er jede Identität als eine bloße Identitätsbehauptung und somit als eine Keimform des Totalitären. Für ihn gab es nur Nicht-Identität, in welcher sich die Kritik am Identischen hervorbringt. Die Bewegung antitotalitären Denkens bestand selbst aus der Tätigkeit des Nicht-Identischen, dem die einzig mögliche Subjektivität zugesprochen und zugleich jegliche Objektivität abgesprochen wurde - das Denken hätte sonst auch das richtige Leben im falschen zum Gegenstand gehabt. Stattdessen erschien es selbst als praktischer Befreiuungsakt und vertrat damit lediglich einen objektiven Anspruch gegen das Objektive.
Das ist zwar als Versuch einer Faschismuskritik verständlich, entspricht aber auf fatale Weise den psychologischen Interessen derer, die Identitätsansprüche stellen, denn auch ein Anspruch auf Nicht-Identität ist totalitär. Und dem Nachdenken über Totalitarismus wurde der Grund entzogen: Die Kritik scheinhafter Identität, Kritik der Prinzipien anspruchsvoller Wahrheit, "Wahrheit" als Heilsprinzip. Diese Kritik hat er mit der Behauptung einer Falschheit des Lebens ersetzt, die dann allerdings ebenso Reinheit des Lebens als Wahrheit impliziert, Wahrheit der Empfindung, die im Diesseits zur offenen Wunde verstümmelt wäre.
Wahrheit kennt keine Ansprüche und ist unverwundbar. Auch wo sie niedergemacht wird, erweist sie sich in der Geschichte, indem sie ihre Gegner auf Dauer entlarvt und sie zum Untergang zwingt. Allerdings verlangt sie Erkenntnisarbeit, stellt sich durch widerspruchsfreie Resultate dieser Arbeit subjektiv wie objektiv heraus und bedarf mutiger Menschen, die sie artikulieren.
Schlimm, wenn eine widersprüchliche Welt auch noch widersprüchlich begriffen wird. Es ist das Ende der Erkenntnis überhaupt, eine unendliche Schleife der Erkenntnistheorie, die selbst Erkenntnis zu bewirken vermeint. Doch diese arbeitet nicht in der Analyse ihrer Gegenstände, sondern bestätigt sich selbst nur in ihren Interessen. In seinem wohlmeinenden Interesse hat Adorno die Erkenntnistheorie erst zu der Psychologie gebracht aus der er sie befreien und vergesellschaften wollte. Er und seine Schüler haben den Menschen die "Verdinglichung" als psychisches Manko vorgeworfen, das sie zugleich den Instituten der Kulturindustrie als Interesse unterstellten. Er hat nicht einmal versucht, diesen Prozess zwischen Industrie und Individuum, zwischen Ökonomie und Psyche zu begreifen, weil er immer schon seine Empfindsamkeit als Kunstform dagegen setzte und für jenen Prozess fertige Resultate von Karl Marx aus der Beschreibung des Warenfetischismus hernahm. Damit aber verführte er zu einem fundamentalen Missverständnis der Theorie von Marx, der mit seinem ganzen Werk solch negativer Dialektik ( ) widersprach, indem er die negative Position des Kapitals ausführte, die ihren Widerpart in der positiven Negation durch die Menschen hat. Ihre bloße Negation ist dagegen Nichts.
Wahrnehmung ist die Form einer Wahrheit, die danach verlangt, ungebrochen, also ein Verlangen zu sein, dass Menschen die Identität ihres Erlebens als ihr Leben erkennen, worin Leiden und Tätigkeit, Sinn und Tat, vereint sind im Frieden von Bedürfnssen und ihren Gegenständen. In der Abgetrenntheit vom tätigen, von einem sein Leben selbst erzeugenden Menschen, in der reinen Leidensform, bleibt Wahrnehmung unendlich für sich und zerfällt im Erleben, worin Menschen ihre Wahrheit verlieren, wenn ihre Erkenntnistätigkeit nicht damit beginnt, das Leben dieser Erlebnisse in sich zu vereinen, also für sich wahr zu machen. Wahrnehmung ohne Erkenntnis ist für sich nichts. Aber Erkenntnis ohne Wahrnehmung kann auch nicht wahr sein. In Wahrheit ist alles eins, aber ohne Wahrnehmung wäre sie lediglich eine Symbiose der Eigentlichkeit, eine in sich überhobene Unendlichkeit, Überheblichkeit des Intellekts, ein absolut unnötiger Geist, Phänomenologie ( ) eines fremden Wesens.
In der Wahrnehmung für sich besteht unmittelbar keine Identität. Sie selbst ist noch keine wirkliche Erkenntnis, weil sie prozessierendes Moment davon ist, weil darin also nichts Ganzes sein kann. Sie ist als Form zunächst ganz Ausdruck ihrer Inhalte, ihrer Empfindungen und Gefühle, Form ihres Elements, Elementarform.
Erkenntnis ist die Identität von Tat und Sinn, Tätigkeit und Leiden in einem, leidenschaftliches Verhältnis zu ihrem Gegenstand, gleich, ob dieser Sache oder Mensch ist. In der Erkenntnis ist dieses Verhältnis als einfache Beziehung und ohne Zweifel, einfach wahr. Verhalten und Wahrnehmen unterscheiden sich darin nicht.
Was evident ist, muss nicht wahr sein. Nur weil es keinen Zweifel erweckt, muss es nicht frei sein von Täuschung. Diese ist erst in Beziehung auf etwas anderes möglich. Gerade das macht ja Täuschung aus, dass Evidenz verführt, dass die gute Tat erst zum Betrug verleiten kann und dass das Hochgefühl die Niederungen der Seele zu verbergen versteht. Wahrheit kann es nur in einem ganzen Zusammenhang geben, als ganzes Sein, worin das Teil ebenso klar ist wie sich das Allgemeine durch den Grund seiner Bezogenheit im Einzelnen selbst erklärt. Wahrheit kann man nicht nehmen, haben oder machen, aber man ist wahr in allem durch die Identität, die man darin vollzieht. In Wahrheit ist alles eins, auch wenn es in Wirklichkeit sehr verschieden ist, eben weil in Wirklichkeit nichts wahr ist außer dem, was von ihr wahrgenommen wird. Die Wahrnehmung ist Form dieses Erkenntnisprozesses als Moment einer Identitätsbildung. In der Erkenntnis des Ganzen dieses Prozesses hebt sich die Wahrnehmung auf. Von daher ist die Wahrnehmung die Form eines Erkenntnisprozesses.
Der Gegenstand der Wahrnehmung ist mit dem ihrer Erkenntnis identisch, Leben in menschlicher Gegenständlichkeit. Wahr kann nur die Identität von Leben und Gegenstand sein, Vergegenständlichung des Lebens zum lebendigen Gegenstand, Lebensreichtum von und für Menschen, verwirklichtes Verlangen als Verlangen nach Wirklichkeit. Der Gegenstand der Bedürfnisse ist das Produkt ihres Wirkens, ihrer unmittelbar menschlichen Wirklichkeit und seine Wahnrnehmung hat darin ihre Wahrheit. Er ist die Äußerungsform menschlicher Sinne, Produkt menschlicher Lebensäußerung, in welcher menschliche Natur wie auch menschliche Tätigkeit aufgehoben und bewahrt ist, sowohl von Menschen, als auch für sie geschaffen. Wahrnehmung ist die Auffassung menschlicher Lebensäußerung, der Prozess ihres Leidens in einer Form, die in lebendige Erkenntnis mündet und dort als Ganzes aufgeht, als ihr Lebenszusammenhang wahr wird, als Erkenntnis ihres Lebens in der Sachlichkeit ihrer Gesellschaft. Von daher ist die Wahrnehmung, so einzeln und isoliert sie stattfinden mag, immer auch schon gesellschaftlich. Die einzelne Erkenntnis, die darin keimt, ist immer Erkenntnis gesellschaftlicher Zusammenhänge in den Gegenständen, wie sie von und für Menschen sind. Sind sie nicht für sie, so haben sie in der Wahrnehmung auch keine Wahrheit, in den Bedürfnissen keinen wirklichen Gegenstand und in der Befriedigung keinen Frieden. Sie lassen sich nicht unmittelbar als menschliche Gegenstände erkennen, weil sie nicht menschlich vergegenständlicht sind. Es sind dann ent-täuschte Menschen in einer Welt täuschender Wirklichkeiten selbst als Momente eines Austauschs, der Verwechslung evoziert.
Dennoch handelt es sich hier nicht um eine Erkenntnistheorie, sondern um eine Kritik der Form, worin Erkenntnis verharrt, Kritik der Handhabung von Wahrnehmung, wie sie im zwischenmenschlichen Erleben gesellschaftlich aufgelöst wird. Wir sind daher weit von Adornos Anspruch entfernt, eine Erkenntnistheorie als Gesellschaftstheorie auszuführen. Dies wäre ein Widersinn in sich, wo ich doch selbst erkennend tätig bin, wenn ich Gesellschaft theoretisiere, also in eine Tautologie der Erkenntnis eintreten müsste, wäre dies zugleich ein Theoretisieren der Erkenntnis. Adorno hat diesen Doppelsinn darin aufgelöst, dass er im Hintersinn Ästhetik hatte, die selbst gesellschaftlich erkenend sein sollte. Damit hat er den Widersinn gesellschaftlicher Selbstreflexion sowohl in seinen Gegenstand, also auch in den Prozess der Erkenntnis gebannt. Das allerdings macht jeden Gegenstand der Erkenntnis zur bloßen Erscheinung des erkennenden Subjekts, das ihn in sich aufhebt, wenn es erkennend tätig ist - und das ist im Grunde eine Paralyse, eine unendliche Lähmung der wirklich gegenständlichen Beziehungen für den, der ihm dahin folgt. Immerhin kann der sich dann in solcher Ästhetik unendlich selbstgenügsam, weil sich selbst genügend einrichten.
Bei aller Gegenständlichkeit nimmt die Wahrnehmung selbst keine Zusammenhänge wahr. Sie kennt subjektiv nur die Momente des Lebens, worin sie deren Zusammenhänge objektiv wahrhat. Sie empfindet sie für sich und fühlt, was darin als wahr erscheint. Jede Wahrnehmung besteht daher zunächst aus unmittelbaren, also unvermittelt scheinenden Empfindungen und Gefühlen.
|  | Wahrnehmung ( ) ist die Form einer Wahrheit ( ) und kann kann nicht für sich wahr sein, ohne außer sich Wahrheit zu haben. Von da her ist sie vermittelt, also nicht unmittelbar.
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11 | 1.1 Wahrnehmen und Wahrhaben |  |  |  | Die Auffassung eines Gegenstands enthält immer schon eine Wahrheit, die der Wahrnehmung vorausgesetzt ist, die Geschichte eines Bedürfnisses, das nach ihm verlangt hat, einer Tätigkeit, die ihn erzeugt hat und einer gesellschaftlichen Naturmacht der Menschen, die in ihm verkörpert ist. Die Auffassung enthält also selbst den Sinn, den ihr Gegenstand hat, weil man ihn tasten, riechen, schmecken, hören, sehen usw. kann, wie er geworden ist durch das, was Menschen hierfür, also für das Tasten, Riechen, Schmecken, Hören, Sehen usw. darin geäußert und außer sich haben. In der Empfindung findet sich, was sie für sich geschaffen haben und ihr Gegenstand ist das, worin sich ihr Sinn auch unmittelbar finden lässt (Empfindung meint auf Mittelhochdeutsch Ent-findung, zu Ende Finden, abgeschlossenes Finden) und wodurch der Mensch zu sich kommt, die Einheit seiner Kultur und Natur erfährt. Er hat darin die gesellschaftliche und natürliche Gegenständlichkeit seiner Sinne als seinen Reichtum außer sich und bedarf ihrer als Individuum einer Gesellschaft, denn durch sie erfährt er die Bestätigung seiner einzelnen Sinnlichkeit, die Befriedigung seines Bedürfnisses in den Gegenständen, die es innerhalb dieser Kultur vorfindet. Er findet darin seinen Frieden mit sich, mit seinem Tun und seinem Verlangen, Schönheit und Sinnlichkeit seines Lebens. Seine Individualität ist von seiner Kultur erfüllt, wie diese zugleich deren Naturalform ist. In der Empfindung vollzieht sich die unmittelbare Naturalform jeder Kultur. Mit der gesellschaftlichen Entwicklung des Kapitals haben sich mit dem Kolonialismus, dem Imperialismus und der Globalisierung die kulturellen Beziehungen der Menschen selbst aus ihrer Unmittelbarkeit herausgehoben. Es war Geldbesitz zu einer gesellschaftlichen Macht über andere Gesellschaften geworden, welcher sie abhängig machte und ihre Kulturen zu Monokulturen vereinseitigte. Das Geld repräsentierte in den reichen Ländern die Wertdifferenzen der armen, also das, was ihnen als Lebensstandard im Vergleich zum Standard der Reichen entzogen wurde. Geld repräsentierte von daher die Abhängigkeiten der Ohnmächtigen durch Kulturwerte, die nicht dem Wirtschaftskreislauf des eigenen Landes entsprangen. Hierdurch entstanden Bedürfnisse, welche auf der Grundlage von Ausbeutung anderer Kulturen sich über das gesellschaftlich Notwendige und Wirkliche heraussetzten, Möglichkeiten der Befriedigung boten, wofür keine Tätkeit nötig schien. Der gesellschaftliche Reichtum der armen Länder versiegte in ihrer Wirklichkeit zu einer grenzenlosen Monokultivierung zugunsten der reichen Länder, welche im Reich grenzenloser Möglichkeiten ihre Bedürfnisse ausbreitete, ohne ihnen Sinn zu vermitteln. Damit wurden auch innnerhalb der weltmächtigen Nationen Welten getrennt, die Reproduktion der Menschen zunehmend in eine Selbstverständlichkeit ihrer Bedürfnisbefriedigung gebracht, für welche relativ wenig Aufwand nötig war, und die Produktion, welche zum einen für andere Länder notwendige Arbeitsmittel hervorbrachte - und für die eigene Kultur Güter, in welchen sich Reichtum an schönen und guten Dingen akkumulierte. Der gesellschaftliche Reichtum, der sowohl den Bedürfnissen der Menschen, wie auch ihrer Schönheit entsprach, wurde getrennt zu einem Reich des Bedarfs und einem Reich der Wahrnehmung. Wurden erstre durch eine politische Ökonomie der bloßen Existenz entwickelt, entstanden für die Wahrnehmung die Lebensräume der Kulturen, die in sich nur ästhetisch begründet schienen. Die getrennten Welten bestehen durch einander, aber in gegensätzlicher Sinnesform, unterschieden in Nutzen für das Verlangen und Schönheit des Wahrnehmens. Diese waren getrennt durch den Besitz von Geld als lebensnotwendiges Mittel als Geld für Lebensmittel zur Reproduktion der Menschen (Lohn), und Geldbesitz als gesellschaftliche Lebensgrundlagen zwischenmenschlicher Beziehungen. Die gegenständliche Wahrnehmung war von der Tätigkeit der Erzeugung ihrer Gegenstände getrennt, Bedürfnis und Wahrnehmung fielen auseinander. Das hatte Folgen für die Bedürfnisse der Menschen, wie auch für ihre Wahrnehmungen. In der hier zu betrachtenden Gesellschaft, in einer reinen Kulturgesellschaft, ist die gegenständliche Welt der Bedürfnisse und ihrer Befriedigung veräußerlicht, der Kultur äußerlich geworden, weil sie mehr oder weniger als bloßes Existenzmittel selbstverständlich ist. Jenseits des reinen Bedarfs an nützlichen Sachmitteln erscheinen die gegenständlichen Sinne der Wahrnehmung nurmehr für sich als Wahrnehmung von Sinn, als veräußerlichte Wahrnehmung, deren Wahrheit nicht nur in dem ist, was sie sinnlich aufnimmt, sondern zugleich in dem ist, welches Leben sie in ihren Gegenständen wahr hat. Die Wahrnehmung hat damit eine doppelte Wahrheit, weil sie sich nicht wirklich in den Gegenständen der Bedürfnisbefriedigung mit der Tätigkeit ihrer Erzeugung vereint. Sie nimmt also die Tätigkeit der Menschen nicht mehr gegenständlich wahr, die sie in den Gegenständen ihrer Wahrnehmung wahrhat. War dies noch im 19. Jahrhundert ausschließlich das Verhältnis der Bourgoisie zur Produktion, ist es heute mehr oder weniger das ganze Verhältnis der reichen Länder zu den armen, wie es auch weiterhin in der eigenen Kultur das Kulturverhältnis der Geldbesitzer zu den Besitzlosen ist. Deren Armut hat sich dadurch verstärkt, dass sie jetzt nicht mehr nur von Existenzmitteln, sondern auch von gesellschaftlicher Kultur abhängig sind, von der Art und Weise des gesellschaftlichen Umgangs. Als Teilnehmer an einem darin allgemein lebensnotwendigen Kulturzusammenhang werden sie an den Rand des gesellschaftlichen Lebens bis hin zum Ausschluß durch Arbeitslosigkeit gedrängt, wenn sie ihren Besitz an Arbeitskraft nicht hinreichend vermarkten können. Die Ohnmacht ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung in solcher Kultur wendet sich zur bloßen Selbstwahrnehmung, der Wahrnehmung einer ausgeschlossenen gesellschaftlichen Identität (siehe hierzu auch: "Auf dem Weg in eine andere Gesellschaft"). Die Gesellschaftsform, worin die Wahrnehmung selbständig ist, setzt eine Welt außer sich voraus, worin die Gegenstände erzeugt werden, die darin wahr gehabt werden, ohne als solche Gegenstände der Wahrnehmung zu sein. Die Grundlage hierfür ist ein Lebensverhältnis auf der Basis von Geld, das sich innerhalb dieser Gesellschaft nicht im Tausch der Produkte begründet und bildet, sondern aus dem Geldverhältnis selbst, aus Kapital, das die Produkte überhaupt nur vom Standpunkt ihrer Verwendbarkeit kennt. Von daher ist der Sinn, in welchem sich hier die Menschen gesellschaftlich verhalten, ihr unmittelbar sinnliches Menschsein, ihr Dasein als Sinn für andere.
Wir beziehen uns nun nurmehr auf das Kulturverhältnis als solches, wie es auf Wahrnehmungsverhältnisse reduziert ist. In der Wahrnehmung für sich findet sich der Sinn der Beziehung von Menschen auf den Gegenstand ihrer Wahrnehmung alleine in dem, was diese Gegenstände für sich sind. In ihnen ist Tätigkeit als solche verwirklicht und von daher abstrakt wahr, weil vorhanden ist. Und die Gegenstände der Wahrnehmung bestehen zugleich für die Menschen als Zweck ihrer Existenz, sind also für ihr Leben als solches da, wie sie es wahrnehmen. Ihre Wahnehmung hat einerseits menschliche Tätigkeit wahr, die zugleich nur Sinn für das Leben überhaupt, nicht aber einen konkreten Sinn für menschliche Bedürfnisse hat. Andererseits nehmen sie darin die Bedingtheit ihres Lebens gegenständlich wahr, wie es für sie ist. In ihrer Wahrnehmung trifft sich die Fremdbestimmtheit ihrer Bedürfnisse mit der Bedingtheit ihres Lebens. Beides hat außer ihr keinen Zusammenhang, keine Wirklichkeit außerhalb der Wahrnehmung. Die gesellschaftliche Beziehung der Menschen vollzieht sich daher ausschließlich in den einzelnen Beziehungen von Bedürfnisses und Gegenständen als die Beziehung menschlicher Sinne in der Sinnesform ihrer Lebensbedingung, wie sie der Wahrnehmung entsprechen. Deren ausschließliche Einzelheit macht daher auch die Sinnesform ihrer Kultur aus. Die Wahrnehmung selbst enthält darin das Verlangen nach Gegenständen und macht daher den Inhalt solcher Bedürfnisse aus. Darin finden sie, was sie nicht erkennen können. In der Empfindung finden sie die Beziehung zu einem Gegenstand in dem, worin sich ihr Befinden begründet. Was sie in der Empfindung erkennen, ist ihre Beziehung zu diesem Gegenstand ihrer Lebensbedingung. Sie erkennen sich selbst in dieser Gegenständlichkeit, welche die Sinne in ihrer Empfindung haben. Sie werden sich selbst gegenständlich. Und indem sie gegenständlichen Sinn als das finden, was sie hierin von sich fühlen, so fühlen sie zugleich, was ihre Sinne außer ihrer Tätigkeit sind, was also ihr Erleben in der Abtrennung hiervon ausmacht. Darin findet sich eine Welt zusammen, welche ohne dies keinen Zusammenhang und also auch keine Identität, keine Wahrheit hat. Die Menschen erleben, worin sich ihre Empfindungen und ihre Gefühle vereinigen. Die Wahrnehmung findet in ihren Erlebnissen ihre Wahrheit, die aus einer Beziehung von Empfingen und Gefühlen besteht, einer Beziehung, die unter den Lebensbedingungen des kultivierten Kapitalismus nicht wirklich wahr sein kann, weil darin das Einzelne nicht wirklich allgemein ist. Der Kapitalismus vollzieht sich von daher nicht nur in der Ökonomie, sondern auch in der Kultur - nicht durch äußere Gewalt einer Kulturindustrie, sondern als wirklicher Inhalt menschlicher Bedürfnisse.
Von daher ist Kultur eine Vergegenständlichung der Wahrnehmung als Sinn von und für Menschen, der als das, was er von ihnen ist, nicht wirklich für sie sein kann, der aber als etwas wirklich ist, was ihre Wahrnehmung bestimmt. Sie erkennen sich darin nicht als einzelne Wesen in wechselseitiger Beziehung. Sie erkennen sich als gegenständliche Wesen ihrer Erlebnisse, worin ihre Wahrnehmung gesellschaftlich vergegenständlicht ist. Erkenntnis kann daher keine Wahrheit durch die Wahrnehmung finden, sie findet sie nur in der Wahrnehmung, welche im Erleben gesellschaftlich gegegenständlich ist. In solchem Verhältnis ist die Wahrnehmung selbst gesellschaftlich, weil nur darin jeder Mensch zugleich als ein anderer wahr ist. Die Menschen finden darin, was sie von sich fühlen, und sie fühlen darin, wie sie sich empfinden.
Schauen wird dieses Verhältnis näher an. |  |
Wahrheit ist die Einheit des Vermittelten und verwirklicht sich in der Erkenntnis dessen, was in der Wahrnehmung auch wirklich wahrgehabt wird.
Empfindungen und Gefühle sind die wesentlichen Elemente der Wahrnehmung, subjektiver Inhalt dessen, was wahrgenommen und wahrgehabt wird und haben in dieser Form keine unmittelbare Beziehung, keine Identität ( ).
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111 | 1.1.1 Die Empfindung |  |  |  | Empfindung ist die Grundlage jeder Erkenntnis, lebendige Gegenwärtigkeit einer Beziehung, entstanden durch das Finden von jemanden oder etwas, das darin sich als Sinn einer Beziehung mit Wirkung auf den Menschen offenbahrt. Die Empfindung ist die Gewissheit einer Begegnung, in welcher die Sinne wirkliche Kenntnis nehmen, Wirkung auf sich verstehen. Das Gegenübersein unterstellt gegenständliche Wirklichkeit, die in der Empfindung schon bezogen ist, indem sie sich darin ihrer Kenntnis gewiss wird, ihre Wirklichkeit erfährt.
Empfindung ist der Sinn für Wirklichkeit überhaupt. Ich empfinde eine Sache oder einen Menschen, wie sie oder er auf mich wirkt. Solange diese Wirkung anhält, bin ich nicht nur meiner Wahrnehmung als unmittelbare Wahrheit, sondern auch meiner selbst sinnlich gewiss, ohne dass ich hierbei als Mensch in dieser Gewissheit bewahrheitet bin. In der Empfindung habe ich noch nicht unbedingt ein Gefühl für meinem Gegenstand. Empfindung ist zwar immer wirklich gegenständlich, weil sie immer ein existentes Gegenüber hat, das auf mich in irgendeiner Weise wirkt. Darin ist sie aber noch äußerlich, schon Inhalt, aber doch nur in einer Form für sich. Empfinden können wir nur, was für uns Sinn hat, sinnlich ist und unseren Sinnen entspricht, aber erkannt ist dies damit nicht. Zwar besteht alleine schon dadurch, dass unsere Wahrnehmung in ihrem Sinn gebildet ist und also Sinne hierfür hat, eine natürliche Beziehung zu einem Gegenstand. Aber unsere Empfindung bleibt in dieser Befangenheit einer unmittelbaren und zugleich äußerlichen Beziehung noch bloße Naturempfindung. Sie kennt den Gegenstand, wie sie ihn wahrzunehmen vermag (im Unterschied z.B. zu Strahlungen, für die wir keine Gewissheit und also keine Empfindung haben), aber sie kann sich zu ihm nicht wirklich erkennend verhalten.
Empfindungen setzen allerdings schon ein kognitives System voraus und unterscheiden sich darin z.B. von "niederen Tieren". Nicht jeder beliebige Eindruck auf irgendein Wahrhehmungsorgan macht Empfindug aus - der Organismus wäre ständig überreizt und müsste unentwegt interpretieren. Er lernt zum Beginn seines Lebens erst überhaupt zu empfinden, die Dinge "richtig zu sehen", die Töne "richtig zu hören" usw. Empfindung ist schon eine Form von Erfahrung und Wissen und nur von daher Inhalt einer Erkenntnis. Die "kognitive Signifikanz" des Organismus und davon wesentlich auch des Nervensystems machen eine Empfindung für einen Organismus gewiss. Ist das Erlernen dieser Kognition nicht in der allgemeinen Art und Weise möglich (z.B. durch beschädigte Organe wie durch Blindheit, hirnorganische Störungenen usw.), so muss sich der Organismus Umwege der Erkenntnis verschaffen (z.B. durch erhöhte Sensibilisierungen anderer Organe).
Empfindung ist aber auch das Befinden einer Wahrnehmung, ihr unmittelbarer Sinn im doppelten Sinne des Wortes: Sie hat den Sinn für den Menschen, den diese für ihre Gegenstände haben. Ich schmecke, rieche, höre, sehe, usw., wie sich mein Sinn hiernach und hierzu befindet und gebildet hat. Ich finde eben auch nur das, nach was ich im Grunde suche. Die Empfindung ist Moment der Suche als Sinnbildung und Sinnerfüllung in einem. Sie findet die Beziehung, die sie einerseits im Menschen schon durch seine sinnliche Ausstattung hat, und sei dies auch noch auf der Ebene der Naturempfindung, und sie bildet sich andererseits durch ihren Gegenstand aus, verinnerlicht die Beziehung zu ihm. Darin ist die Ausbildung der Sinne ebenso einbegriffen, wie die Bestätigung ihrer Wahrheit, also auch, worin erkennbar wird, ob sie nur Einbildung enthält, ob sie betrogen oder getäuscht worden ist.
Empfindung ist also das augenblickliche Befinden einer bestimmten Gegenwärtigkeit eines Gegenstands im Menschen, so wie er sich eingefunden hat, wie also die Beziehung hierauf entstanden ist. Sie kennt keinen gegenständlichen Zusammenhang und keinen Grund einer Beziehung hierauf.
Empfindung ist völlig ohne Nutzen, aber absolut notwendiger Inhalt einer Beziehung, Unmittelbarkeit meiner Sinne darin und dem, was in ihnen gebildet ist, was sie entwickelt hat und was ihr Gedächtnis enthält. Empfindung ist eine Befindlichkeit, die in die Lage versetzt, zu befinden. Im Unterschied zum Gefühl ist Empfindung ohne jede Refexion und enthält auch keine Erkenntnis außer der unmittelbaren Begegnung, wenn auch darin die Geschichte sinnlicher Begebenheit als Gedächtnis der Erfahrung eingeht, aber nicht als Reflexion, sondern dem Inhalt nach. Sie folgt nicht der Einfühlung in ihren Gegenstand, weiß nichts von Funktion, Stoff oder Schönheit (siehe Ästhetik). Sie ist der unmittelbare Sinn, den Kultur als gesellschaftliche Form der Naturempfindung und des sich in Gesellschaft Befindens der Menschen überhaupt hat, gleich, in welche Gefühle sie sich vermittelt. Jede Empfindung ist also eine Beziehung zu ihrem Gegenstand, die dem Akt des Empfindens auch vorausgesetzt ist und sich darin ereignet und erinnert. Wir können qualitativ nur empfinden, was mit uns zu tun hat, wie es da ist, nicht, warum es da ist oder wie es geworden ist. Wir finden in der Empfindung etwas, das wir darin zugleich befinden als etwas, das wir dem Sinn nach oder von Natur aus durchaus kennen, das aber darin oder qualitativ uns erst in seiner Gegenwärtigkeit gewiss wird. Empfindung ist die Form der Gewissheit, worin wir etwas, das wir dem Sinn nach kennen, in der Beziehung auf einen Gegenstand vergegenwärtigen. Die Beziehung auf eine Sache oder einen Menschen, der in unsere Wahrnehmung geraten ist, hat darin ihre erste und einfache Wahrheit, dass wir sie fassen können, weil darin Sinn von dem ist, was uns sinnlich ausmacht, was also auch gewahr für uns ist, Moment unserer Wahrheit. Wessen ich nicht gewahr werde, das empfinde ich nicht. Und was keine unmittelbare Wahrheit für mich hat, das kann ich nicht empfinden und kann es nur in Gefühlen erschließen. Empfindung setzt eine Welt als Gegenständlichkeit von und für Menschen voraus, die in ihr so ist, wie sie für den Menschen ist, wie sie von ihm als Gewissheit genommen wird, weil er darin seine Lebensäußerung erkennt. Von daher kann es keine richtige oder falsche Empfindung, keine wahre oder unwahre geben. Empfindung ist so elementar wie eine Naturempfindung, auch wenn sie gestört werden kann bis hin zu ihrer Auflösung, zerstört durch Gefühle oder Gedanken, bedrängt oder verrückt durch ihr Gedächtnis. Mehr noch: Empfindung kann selbst einer fremden Identität gehorchen, beherrscht werden von den Absichten einer Seele, die der Selbstverwirklichung sinnesmächtiger Persönlichkeiten unterworfen ist. Wir finden das, was wir empfinden, so, wie wir es vorfinden und jeder Mensch empfindet dies anders, sogar im Zeitablauf und den Umständen der Empfindung verschieden (z.B. ob man aus einer warmen Badewanne in kaltes Wasser gerät oder umgekehrt). Befinden und Empfinden sind ein Begriffspaar, das aufzeigt, dass das Befinden als Urteil identisch ist mit dem Befinden eines Menschen bei der Wahrnehmung eines Gegenstands unter bestimmten Umständen. Die Empfindung ist im Befinden ein abgeschlossenes Beziehen dessen, worin wir uns befinden, was wir darin suchen und finden. Als abgeschlossenes Sein des Findens bestätigt sich der Begriff Empfindung tatsächlich auch ethymologisch (empfinden = entfinden = zu Ende finden). Dies besagt, dass eine Suche unterstellt ist, eine Beziehung zum Gegenstand der Empfindung, eine Identität, die in der Empfindung lebt, weil sie auch außer ihr ist, ihr vorausgesetzt wie folgend ist, also gegenwärtig und geschichtlich zugleich als das, was in der Empfindung für den Menschen auch von ihm existiert, sinnliche Gegenwart wie Vergangenheit in einem. Als dieses ist Empfindung Voraussetzung und Inhalt der Wahrnehmung, wie auch für das Gefühl, welches sich im Menschen ereignet und so zum Ereignis seiner empfundenen Beziehung wird. Jede Empfindung ist die Entdeckung einer Beziehung, die schon war, bevor sie wahrnehmbar wird. In der Empfindung erkenne ich einen äußeren Sinn als geäußerten Sinn, den ich für mich finde, wie ich ihn vorfinde. Ich erkenne mich in der Empfindung als Teil der Natur wie auch als Teil gesellschaftlicher Lebensäußerung, die ich so wahrnehme, wie ich sie finde und befinde. In der Empfindung finde ich eine Beziehung durch den Sinn meiner Wahrnehmung, also dadurch, dass sich mir eine Beziehung sinnlich wahrnehmbar macht, weil ich darin deren Gewissheit finde und habe. In der Identität meines Sinnlichseins mit meinem sinnlichen Sein, in der Wahrheit meiner Sinne mit der sinnlichen Welt, ist die Empfindung meine ursprünglichste Gewissheit, die Grundlage aller unmittelbaren und vermittelten Wahrnehmung. Von daher sind Empfindungen auch Grundlage der Gefühle, worin Empfindung nicht unmittelbar gegenwärtig sein muss. Darin erst wird der Sinn zu dem, was er ist: Er bildet sich in der Empfindung durch das, was er findet. Und er befindet es so, wie er gebildet ist. Was er empfindet ist hierin lebendiger Zusammenhang, aber wie er dies empfindet, das macht seine Sinnesform aus. Die Naturformen der Sinne, die Sensoren und Neuronen usw. mögen schon genetisch und stofflich vor aller Empfindung da sein, - aber erst durch die Empfindungen werden sie wirklich sinnlich, weil sie darin ihren Sinn finden. Die moderne Neurologie kann inzwischen beweisen, dass auch die Gestaltung der neuronalen Verknüpfungen von der Entwicklung der bestimmten Wahrnehmungen abhängt, sich also darin auch die Erlebensformen der Wahrnehmung als die eigenartige Verknüpfung bestimmter neuronaler Bereiche finden lassen. Von daher gibt es die sinnliche Natur der Menschen schließlich überhaupt nur als ihre gesellschaftlich gewordenen Sinne.
In der Empfindung finde ich nicht nur den Gegenstand einer Beziehung, sondern auch meine Beziehung zum gegenständlichen Leben der Menschen, die ihn gebildet, ihn geäußert und außer sich haben, ihn teilen und sich durch ihn mitteilen. In der Empfindung erweist sich die Wahrnehmung unmittelbar gesellschaftlich, auch wenn sie sich nicht gesellschaftlich vermittelt. Man ist darin in Gesellschaft, auch wenn diese nicht empfunden wird. Das macht nicht die Empfindung als solche, aber das Befinden der Menschen durch ihre Wahrnehmung darin aus. Ich beziehe mich auf Gegenstände meines Lebens durch meine Sinne. Ich schmecke, rieche, höre, sehe, usw., wie meine Beziehung zu ihnen ist. Das erscheint zunächst einfach. Ein heißer Ofen tut weh und ein schmackhaftes Essen verbreitet Behagen. Aber das ist lediglich Moment, Erleben und macht noch keine Beziehung aus. Diese ist bestimmt durch das,was ich mir an Gewissheiten, Kenntnis und Erfahrung angeeignet habe, was ich im Zusammenhang hierzu weiß und was mir hiervon gegenwärtig ist. Empfindungen sind vor allem die Grundlagen eigener Lebenswirklichkeit, das Aufnehmen von dem, was Menschen geschaffen haben und sind, was sie gebildet haben und was ihre Bildung ist. Als Gebilde ist ihre Welt reich und tief, in der Wahrnehmung allerdings wird dies zum bloßen Ereignis, in welchem das Gebilde hineinwirkt und aufgefasst wird, von seinem bloßen Anreiz bis hin zu dem, was darin an menschlichem Leben wahrgehabt wird. Was in der Empfindung an menschlichem Leben gegenwärtig wird, das ist nicht unbedingt darin auch wahrnehmbar. In der Empfindung hat man auch das wahr, was sich nur dem Gefühl erschließt, was man hiervon in Zusammenhängen fühlt, die ihren Gewissheit nur vermittelt darin haben. Man verspürt darin den Sinn, den Ereignisse, Geschichten oder ganze Lebenswelten hinterlassen haben in der Weise, wie man hierauf bezogen war oder ist und sich hierauf auch beziehen kann. Im Gefühl ist alles gegenwärtig, was sich an Sinn für mich und in mir gebildet hat. Ihm vorausgesetzt sind Empfindungen, die ihr Spur im Menschen hinterlassen haben, nicht in ihm als Einzelwesen, sondern als ganzes Verhältnis zu anderen Menschen, Ereignisssen oder Sachen, als Geschichte, welche die Bedürfnisse der Menschen gebildet hat und worin die Bedürfnisse ihre Geschichte daher auch fühlen. Die einzelnen Empfindungen für sich waren noch platt, reine Sinneseindrücke, in denen sich sachliche, stoffliche, ätherische, elektrische und andere Beziehungen mitteilen, Töne, Geschmäcker, Gerüche, Bilder usw., Der Ton macht zwar nicht die Musik, aber eine Musik ohne Töne wäre sinnlos. Was ich durch Musik empfinde, ist voller Töne und Geräusche, Bewegung, Begeisterung und Erkennen, was ich aber dabei fühle, das kommt von mir als das, was ich darin für mich wahrhabe, das Wiedererkannte, das vergangen wäre, wie der Duft einer Kindheit, wäre er nicht in der Empfindung selbst Gefühl geworden. Und so stehen alle Gefühle in einer engen Beziehung zu den Empfindungen, die sie ursprünglich auch waren. Alle Gefühle, wie z.B. der Trauer, Lust oder Freude u.A. stehen immer im Zusammenhang einer bestimmmten Beziehung, die ich dabei empfinde, sowohl sachlich als auch menschlich. Und als Gefühl offenbaren sie ihren Sinn, zeigen sie ihren Grund, den ich in der Empfindung noch nicht kenne.
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Die Empfindung findet den Sinn der Wahrnehmung außer sich und für sich sinnlich so, wie er für den Menschen wahrnehmbar ist. Von daher ist darin die Wahrnehmung von ihrem Gegenstand noch getrennt und wird erst in der Beziehung auf das Gefühl zu einer menschlichen Wahrnehmung.
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112 | 1.1.2 Das Gefühl |  |  |  |
Im Unterschied zur Empfindung ist im Gefühl die Sinnesgeschichte der Wahrnehmung gegenwärtig als eine Art "ästhetische Resonanz" der Geschichte bestimmter Empfindungen in ihrem Sinneszusammenhang. Was in den Gefühlen Sinn hat, lässt sich nicht unmittelbar wirklich anfühlen, weil und sofern Empfindungen darin nicht unmittelbar gewiss sind. Im Gefühl reflektiert sich ein Wahrnehmungsverhältnis so, wie es wahrgehabt wird, wie also die wahrnehmenden Menschen darin sich und ihre Gegenstände wahrhaben und was sie im Zusammenhang ihres Lebens und ihrer Geschichte für einander und für sich sind und tun.
Gefühle beziehen sich auf Menschen wie auch auf Sachen, weil sich hier wie da menschliche Geschichte vergegenständlicht. Die Beziehung unterscheidet sich lediglich in der Form: Weil in Sachen menschliche Beziehung und Geschichte bloß stofflich vergegenständlicht ist, haben Sachen keine andere eigene Substanz als die ihrer Stofflichkeit. Auf Menschen bezogen finden Menschen in ihren Gefühlen selbst auch unmittelbar Sinn für sich. Darin sind sie unmittelbar sinnlich aufeinander bezogen. Auf Menschen bezogen sind Form und Inhalt der Gefühle daher zunächst ununterschieden.
Gefühle enthalten die geschichtliche Bildung der Wahrnehmung von Individuen so, wie sie diese in ihrer Gesellschaft auch wirklich haben, worin sie aber nicht unbedingt und unmittelbar gewiss sein können. Sie beruhen auf der Gewissheit vergangener und gegenwärtiger Empfindungen, wie diese für einen Menschen unter den gegebenen Lebensbedingungen waren und sind, wie sich also eine bedingte Lebensgeschichte für einen Menschen zugleich unbedingt zuträgt, wie ihre Objektivität zugleich im Subjekt aufgefasst wird und was hiervon für dieses identifiziert oder identitätslos ist. Darin bildet sich das Wahrheitsvermögen der Menschen, also die Fähigkeit, Täuschung zu erkennen oder zu verkennen. Letztlich entwickelt sich dieses als ihr Vermögen, mit sich überein zu stimmen, mit sich identisch zu sein, "eine Identität zu haben".
Die Gegenwärtigkeit von Gefühlen ist im Grunde dennoch unmmittelbar, weil die Sinne selbst sich in derselben Geschichte bilden und verändern, wie sich Wahrnehmung darin eben auch vollzieht und wie Gefühle auf ihre Empfindungen auch beständig zurückkommen und sich in den Fähigkeiten der Menschen bewahrheiten, die sie hierbei ausbilden. Mit der Bildung dieser Fähigkeiten bildet sich menschlicher Sinn überhaupt, sowohl der Form nach (z.B. als bestimmte organische Struktur der Organe und Drüsen usw.), wie auch in ihrem Inhalt, ihrem Lebensgrund. Das Gespür für einen Stoff oder einen Menschen ist unmittelbar sinnlich. Aber als ästhetische Repräsentanten von Empfindungen können sich Gefühle auch im Gedächtnis der einzelnen Menschen in eigener Art und Weise zusammenfügen und wahr sein oder nicht, je nachdem, wie sie sich in der Wirklichkeit auch bewahrheiten oder nicht. In jedem Fall bewahrheiten sie sich immmer erst dann, wenn sie auf Empfindungen zurückkommen, worin sie sich erfüllen. Nur wo das Gefühl für eine Sache oder einen Menschen dahin kommt, dass es in der Beziehung hierauf als Wirkung auf sich wahr wird, kann es auch wirklich wahr sein, weil die Empfindung dieser Beziehung darin Wirkung und also auch Wirklichkeit für den Menschen gewinnt. Gefühle sind dadurch wahr, dass ihre Empfindungen auf sich ungebrochen zurückkommen, dass sich wirklich einfindet, was auch der Empfing nach wirklich ist.
Gefühle sind nicht nur unmittelbar sinnlich, sondern auch im Gedächtnis und beziehen sich von daher auf das Dasein im Allgemeinen, das "In-der-Welt-sein", wie es auch genannt wird, das im Gedächtnis vergegenwärtigte Sein. Sie machen auf diese Weise die Beziehung der gemeinen Zusammenhänge von Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft aus, soweit sie eben schon gegenwärtig geworden ist. Gefühle sind also auch schon grundlegende Inhalte des Meinens und Ahnens, schon Grundlagen des Denkens. Sie können an Sachen und Menschen scheitern, wenn und weil sie damit nichts anfangen können, weil ihre Kenntnis nicht hinreicht, um sich in deren Empfindung zu vergegenwärtigen. Sie können dann also zu keiner Erkenntnis gelangen und sich im Ahnen und Meinen auf sich selbst zurückziehen, Vorgefühl, Ressentiment bleiben, oder Macht über die Empfindung zu erlangen, ver-rückt werden.
Gefühle vermitteln sich in ihrer Äußerung durch ihre gegenwärtigen Wirkung, also durch Tätigkeit. Aber auch wenn diese nur ein zeitliches Moment ausmacht, so sind Gefühle nicht augenblicklich wahr. Sie können sich nur bewähren, indem sie sich für eine Beziehung bewahrheiten. Sie haben einen Sinn, wie er sowohl im Individuum wie auch in der Gesellschaft gestaltet und wirksam ist, gleich, wie und ob dieser in der Wirklichkeit auch wirklich wahr ist oder wahr werden kann.
Ein Mensch, der einen Gegenstand erzeugt und bearbeitet, muss ein Gefühl für ihn und seine Stoffe haben; so auch ein Mensch der ihn begreifen und erkennen will. Wer ein schlechtes Gefühl für Holz hat, sollte nicht Schreiner werden oder seine Empfindungen hierfür besser einüben. Wo wir etwas bearbeiten, erzeugen oder verändern, müssen wir ein Gespür für dieses haben, fühlen, welche Stoffe und Gestalten darin zusammenwirken und was miteinander wirken kann, was nicht, was schön ist, was hässlich. Wir müssen Funktionen verstehen, ihren Sinn erkennen, ihre Gestalt begreifen und Stoff fühlen. Das theoretische Verhältnis hierzu mag eine Idee, eine Vorstellung hiervon oder ein Plan zur Herstellung einer Sache sein. Die praktische Beziehung zu ihr ist das Gefühl. Diese besteht in der Empfindung, worin die Begegnung als solche gewiss ist, als das Gegenübersein, als gegenständliche Wirklichkeit, die in der Empfindung schon bezogen ist, indem sie darin wirkt. Darin ist sie noch äußerlich und doch schon Inhalt, denn empfinden können wir nur, was für uns Sinn hat, Sinn ist und unseren Sinnen entspricht - alleine schon dadurch, dass unsere Wahrnehmung hierfür geschaffen ist (im Unterschied z.B. zu Strahlungen, für die wir keine Gewissheit haben). Gefühle und Empfindungen sind die unvermittelten organischen Momente der Wahrnehmung.
Jedes Gefühl ist die Entdeckung eines Sinnes, den ein Mensch, ein Gegenstand oder ein Ereignis hat, ein Erfühlen, Ergründen und Vollziehen von etwas, was ich verspüre, wofür ich Sinn habe, sinnliche Empathie. Ich fühle den Sinn, der in ihm gebildet und verwirklicht ist so, wie ich Sinn für ihn habe, wie ich ihn fühlen, nachvollziehen und auch erzeugen kann. Was in der Empfindung unmittelbar ist, kann im Gefühl selbst nur erschlossen sein. Ihm gilt der Sinn als Gestalt der Wahrnehmung und kann auch jenseits aller Empfindung da sein. Indem ich deren Äußerlichkeit durchdringe, erkenne ich seine Natur als die meine, seinen Sinn als meinen Sinn, sein Gewordensein als Sinn meines Werdens, meiner Geschichte. Im Gefühl erkenne ich daher auch mich als sich äußernden Menschen, als Mensch der sinnlich ist, indem er Sinn für anderes hat und durch seine Sinne daher unmittelbar in Gesellschaft ist. Und in diesem Anderssein des Eigenen wird ein Mensch erst vollständig sinnlich, weil er darin wirklich gesellschaftlich wird, zu einem Menschen, der eben nur dadurch sinnlich ist, dass er Sinn für anderes hat, - einen Sinn, der durch ihn wirksam wird und den er in Gegenständen seiner Bedürfnisse auch veräußert und außer sich vorfindet, empfindet.
Das Gefühl setzt die Beziehung zu seinem Gegenstand voraus. Im Gefühl besteht die Gewissheit eines Gewissens, ein Wissen, das sich zu einem Gegenstand verhält, ohne dass dieser ihm wirklich schon gewiss wäre. So ist Gefühl einerseits erworben aus einer Beziehung, die schon vor aller Gegenständlichkeit in der Gestaltung von Gegenständen war und die auf den Menschen zurückkommt, wenn er sich gegenständlich bezieht, wirklich empfindet. Darin kommt das Gefühl erst wirklich auf sich zurück als Reflexion des Gefühls, das in die Erzeugung des Gegenstandes eingebracht war. Das Gefühl hat in der Empfindung seine gegenständliche Beziehung und Gewissheit. Vorausgesetzt war ein Bildungsprozess, ein Leben in vielerlei Fühlen und Verlangen, ein Gestaltungsakt, der zur fertigen Form gerinnt. Das Leben des Fühlens ist im Gefühl zur Form gebracht. Gefühl ist als abgeschlossene Form des Fühlens schon Aneignung von etwas, das in sich abgeschlossen ist. In ihm ist das Gefühlte schon verschwunden (Form), Resultat eines Prozesses, der im Genuss nicht nur bestätigt, sondern auch erst vollständig verwirklicht wird. Gefühl ist also ein Verhalten zu einem Gegenstand, das ein Verhältnis hierzu vorraussetzt und zugleich erzeugt, indem es ihn darin wahrnimmt und wahrhat.
Die Empfindungen können Geschmack, Musik, Bilder usw. für sich erkennen, ohne dafür einen sonderlichen Sinn haben zu müssen, also ohne etwas im Sinn zu haben außer dem, was man an Sinnen hat. Ganz anders das Gefühl: Ihm ist der Sinn eines Zusammenhangs wesentlich. Das beste Essen, das tollste Ereignis kann es kalt lassen, wenn es z.B. in schlechter Gesellschaft ist. In ihr erst findet es wirklich einen Sinn seiner Wahrnehmung, Gefühle der Liebe, der Frische, der Freude, des Glücks oder Mitgefühl überhaupt, oder aber auch Hass, Verachtung, Neid und anderes Beschwerliche. Gefühle können erheben oder niederdrücken und sind völlig ohne Nutzen, aber notwendiger Inhalt einer Beziehung, Unmittelbarkeit der Sinne darin und in dem, was sich aus ihnen gebildet hat. In der Empfindung war der Sinn einer Beziehung wahrgenommen worden und also zu einem Befinden geworden. Im Gefühl wirkt das Vermögen der Sinnbildung in dem, was man an gesellschaftlichem Wirken, an naturmächtiger Lebensgestaltung wahr hat. Es ist dem Sinn nach die gesellschaftliche Spur der Bedürfnisse in der Wahrnehmung. War die Empfindung die Auffassung eines Gegenstands, wie er als Sinn einer Beziehung mir erkennbar wurde, so erkennt das Gefühl eine Sinnbildung in ihrer Wirkung für sich, die Entwicklung der Sinne für sich und durch sich wirkend und bewirkt. In den Gefühlen erweist sich, was ich an sinnlichen Zusammenhängen wahrhabe, in dem, was ich darin spüre und fühle. Ohne einen Zusammenhang in meinem Leben, worin Sinn entsteht, fühle ich nichts. Das Gefühl ist Resultat einer Sinnbildung durch die Geschichte, die es im Bezug auf seine Wahrnehmungsgegenstände hinter sich hat. Für die schönste Blume, dem feinsten Kristall, den besten Menschen kann ich nichts fühlen, wenn ich keine Geschichte hierzu kenne, keinen fühlbaren Sinn hierfür habe. Es verlangt auch viel Gefühl, um die Stoffe in meinem Sinn richtig zusammenzufügen, um z.B. Holz und Metall miteinander zu verbinden. Ohne ein Gefühl für Holz und Metall kann ich damit nichts bilden, was für mich Sinn hat. Ich fühle mich gut, wenn ich Stoffe gut fügen kann, über sie verfüge, indem ich sie meinem Sinn entsprechend mache. Das gute Gefühl zeigt mir, dass ich sie für mich wahrhabe, dass ich ohne Spannung und ohne Bruch mit ihnen bin. Das Gefühl setzt nicht eine Beziehung zu einem Gegenstand, zu einer Sache oder einen Menschen vorraus, sondern einen Sinn, der darin wahr gehabt wird. Es erkennt Lebensäußerung außer sich und ist das Gespür, das im fühlenden Menschen verbleibt, weil er darin einen Sinn erkennt, den er sich in seinem Gefühl aneignet und den er auch mit Gefühl veräußert, in seiner Vergegenständlichung ausgibt. Das Gefühl hat somit im Unterschied zur Empfindung sein gesellschaftliches Sein nicht in, sondern hinter der Wahrnehmung. Es bezieht sich auf Lebensäußerung, die Sinn hat, weil sie von und für Menschen ist und daher auch jeder Mensch fühlen kann, was hiervon auf ihn zurückkommt, was seine Gesellschaftlichkeit in seiner Wahrnehmung als Spuren vielfältiger Beziehungen hinterlässt. Von daher sind Empfindungen und Gefühle völlig unterschiedliche Momente der Wahrnehmung. Die Beziehung der Menschen auf ihre Gegenstände erscheint in der Empfindung in der Weise ihrer unmittelbaren Wahrnehmung, im Befinden. Im Gefühl erweist sich deren Grund als Sinn, der zu spüren ist, als das, was man wahr hat in dem Sinn, den man für etwas so hat, wie die Empfindungen darin vermittelt und bezogen. Beides in einem macht die Gegenständlichkeit einer Beziehung im Menschen, seine Wahrnehmung als Ganzes aus. Es befindet sich darin ein Sinn, in welchem zu fühlen ist, wie er von den Menschen geäußert ist und wie er sich auf Menschen bezieht. In den Reflexionen zu Empfindungen und Gefühlen werden diese gerne zusammengefasst und Emotion genannt. Damit werden sie in der Sprache zu etwas gemacht, was erst im Selbstgefühl vorkommt: Die Regung (Emotion kommt von Emovere und meint "herausbewegen"). Wenn dann über Emotionen gesprochen wird, wird Gefühl unmittelbar als Selbstgefühl behandelt und zeigt eine selbstverliebte Stumpfheit in der Unterscheidung von beidem. Da geht dann alles wie von selbst, nicht mehr um einen Sinn für anderes, sondern um Regungen, welche sich als Eigenwelten ausbreiten wollen. Der Ursprung der Regung ist damit verschüttet - was eigentlich die Grundage dafür war, Gefühle nicht als Selbstbeziehung von Menschen, sondern als sinnliche Beziehung zu begreifen. Die Reduktion von Gefühlen auf Selbstgefühle kommt also von der Anerkennung des Selbstgefühls als Gefühlswelt schlechthin, der Allgemeinwelt der Regungen, die keine Wahrnehmung mehr nötig haben. Wer das nicht unterscheiden kann, beugt sich der Allgemeinheit des Selbstgefühls.
Aber beides, das Befinden und das Fühlen, kann nicht in der Wahrnehmung sich einen, wenn darin kein wirklicher Grund hierfür erkennbar ist. Wahrnehmung ist eben nicht durch sich sondern immer durch Gegenstände vermittelt, die sie begründen. Sie ist ein Prozess der Erkenntnis, ein Prozess im erkennenden Individuum, die nur in der Beziehung auf ihren Gegnstand wirklich wahr sein kann. Von daher können Empfindungen und Gefühle sich in der Wahrnehmung nur dann ungebrochen beziehen lassen, wo die Erkenntnis ihrer Gegenständlichkeit zu ihrem Ende kommmt, aus Gewisssheiten und Gefühlen seiendes Wissen und also Bewusstsein wird.
Darin erweist und beweist sich die Wahrnehmung als wirkliche menschliche Beziehung, wie sie sich gegenständlich in der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse bewahrheitet. In der Befriedigung von Bedürfnissen heben Empfindungen und Gefühle einander auf, indem sie aus ihrem zurückgekommenen Sinn neuen Sinn bilden. Indem der Sinn für einen Gegenstand im Gefühl tätig ist, findet er zugleich in der Befriedigung seine wirkliche Empfindung und aus dieser Wirklichkeit findet er zugleich neuen Sinn, wodurch die Sinnbildung geschichtlich wird. Was ein Mensch darin fühlt, das empfindet er auch und was sich hieraus als Verlangen begründet, verschafft erneuten Sinn.
Die ganze Sinnbildung kann man daher auch als geschichtlichen Prozess der menschlichen Bedürfnisbefriedigung verstehen, wie er in der Wahrnehmung von Bedürfnisbefriedigung sich wahrmacht. Als Beziehung auf Menschen und Sachen begriffen, lässt sich die Gegenständlichkeit der Wahrnehmung, ihre Objektivität, nicht von ihrer Subjektivität unterscheiden. Wo sie objektiv irrt, verliert sie auch ihre Subjektivität, und wo sie subjektiv irrt, wird sie an der Objektivität irre. In jedem einzelnen Menschen trägt sich diese Beziehung auch als sein persönlicher Bildungsprozess zu.
Aber wo menschlichen Gegenstände keine menschliche Wirklichkeit vollständig ausmachen, wo sie menschliche Bedürfnisse befriedigen, die kein wirklich menschliches Verlangen als Ganzes äußern, weil sie zugleich einer gesellschaftlichen Not unterstellt sind, ist auch deren Wahrnehmung nicht vollständig, ihr Friede nicht wirklich geschlossen. Von daher können Gefühle und Empfindungen in unvermittelter Getrenntheit verbleiben, wo gegenständliche Wirklichkeit nicht unmittelbar menschliche Wirklichkeit ist. In einer gesellschaftlichen Wirklichkeit worin die Menschen nicht wirklich auf sich in ihrem Menschsein zurückkommen, ist mit ihrer unverwirklichten Wirklichkeit auch ihre wirkliche Gegenständlichkeit getrennt, auf welche sich die Wahrnehmung bezieht, so wie sich darauf auch die Bedürfnisse beziehen und die Tätigkeiten, welche die Gegenstände ihrer Befriedigung erzeugen.
In dem Maße, in welchem sich die Gegenstände der Befriedigung ihrem gesellschaftlichen Kreislauf zwischen Bedürfnis und Arbeit entziehen, wird ihnen auch Wahrnehmung entzogen, ihrer Gesellschaftlichkeit als nachfühlbare Gegenständlichkeit entfremdet. Die Entfremdung der Gefühle von ihren wirklichen Gegenständen beginnt mit der Entfremdung der Gegenstände von ihrem gesellschaftlichen Stoffwechsel. Das Resultat einer vollständigen Entfremdung ist die vollständige Abtrennung der Gefühle von ihrem gesellschaftlichen Sinn.
Diese Entfremdung vollzieht sich in den Verhältnissen, worin menschliche Eigentümlichkeiten sich nicht als menschliche Fähigkeiten verwirklichen und auf sie zurückbeziehen, sondern als Eigentum, das lediglich in der Form von Warenbesitz gesellschaftlich existiert. Wo dieser Besitz sich ausschließlich als Geldbesitz darstellt und dieser selbst gesellschaftliche Lebensgrundlage (also nicht nur gesellschafliche Vermittlung) ist, wird die Abtrennung der Wahrnehmung von der gegenständlichen Welt total. Dies ist in den Gesellschaften der Fall, worin der Weltmarkt Geld hortet und die auf der Anwendung von Geld, also auf Kapitalanwendung gründen. Dort herrscht der bloße Konsum vor, eine Bedürfnisbefriedigung nach Maßgabe des Kapitalumsatzes, und es haben menschliche Bedürfnisse nur einen verschwindenden Anteil an der gesellschaftlichen Lebensgestaltung. Ebenso wird dort die Wahrnehmung ungegenständlich, weil ihre Gegenstände sich nur abstrakt bestätigen, also für die Empfindung maßlos und unbestimmt sind. Diese bestimmt daher ihre Geschichte aus der Selbstwahrnehmung, aus dem Erleben, worin Empfindungen im Selbstgefühl verwirklicht werden und sich darin als Selbstvergegenswärtigung verdichten. Dazu wird hier notwendiges Wissen erarbeitet.
In der Ablösung von den Bedürfnissen ist das Befinden ohne Gefühl und das Gefühl ohne Befinden. Beides kann in der Wahrnehmung keine wirkliche Wahrheit haben, außer der Wirkung, welche ungegenständliche Wahrnehmung auf die Menschen hat. Gegenständliche Wahrheit kann nur in ihrem Gegenstand sein und sich also nur in ihm wirklich erklären - und sei dieser Gegenstand auch der wahrnehmende Mensch selbst. Was immer er ist, in der Wahrnehmung ist er nur so, wie er nicht wahrgehabt wird und er wird darin so wahr gehabt, wie er nicht wahrnehmbar ist. Der Wahrnehmung verbleibt diese doppelte Wahrheit, solange sie getrennt von ihrem Gegenstand ist: Die Wahrheit ihrer Sinnestätigkeit und die Wahrheit des Sinns, den sie für etwas hat. In der Wortbedeutung von Sinn ist beides enthalten, indem es sowohl stofflich das Organ meint, wie auch geistig die Identität von Gegenstand und Mensch. In der Trennung von beidem vollzieht sich die Selbstentfremdung menschlicher Subjektivität.
Man kann einen solchen Entfremdungsprozess im Leben eines jeden Indivuduums in der Zwiespätigkeit seines Wahrnehmungsprozesses verfolgen, worin sich seine Beziehungen zwischen Empfindungen und Gefühlen entwickeln.
Frisch auf der Welt muss er ein Gefühl für seinen Körper, für die einfachsten Körperfunktionen wie Schlucken, Sehen, Hören, Kriechen, Sitzen, Gehen usw. entwickeln. Seine Empfindungen bilden sich mit der Entwicklung dieser Gefühle. Die Entwicklung seiner Empfindsamkeit entspricht der Entwicklung seiner Gefühlsfähigkeiten. Beides ist zunächst in einer einfachen Entwicklungsgeschichte begriffen. Aber auch schon auf dieser Ebene können Zwiespältigkeiten entstehen, die ein ganzes Leben fortbestehen (z.B. Autismus).
Mit der körperlichen Entwicklung geht die Entwicklung der Erkenntnis einher und der Wahrnehmungsprozess ist nur die Bewegungsform hierzu. Ohne dass körperliche Organe oder Drüsen entwickelt sind, wird es keine ensprechende Erkenntnis geben. Erst später, wenn die Selbstunterscheidung aus der körperlichen Symbiose heraus entsteht, wird der soziale Charakter der Beziehung wirklich erfahrbar, als Abwesenheit und Anwesenheit von Menschen und Sachen verspürt. Die formelle Unterscheidung von Empfindungen und Gefühlen wird über den sozialen Charakter der zwischenmenschlichen Beziehungen bestimmt, die selbst schon eine gesellschaftliche Form darstellen.
Und sobald Empfindungen kein Gefühl mehr bilden können, unterscheiden sich die Gefühle auch substanziell hiervon. In der Formbestimmung drückt sich die Abtrennung aus und offenbahrt sich zugleich die gesellschaftliche Form der Getrenntheit, oft auch als Gespaltenheit oder Zwiespältigkeit der Sinne.
Die Wahrheit der Wahrnehmung kann also weder ausschließlich unmittelbar noch ausschließlich unwahrnehmbar sein. Wahrnehmung ist eben nicht nur Form des Leidens, Leidensform, sondern auch Tätigkeit, Prozess der Erkenntnis. Wahrnehmung ist ein Moment menschlichen Lebens, wie es in ihrem Gegenstand erscheint, wie es außer sich ist, für sich so wahr, wie es wahr genommen wird. Wahrnehmung ist die Auffassung des Lebens im Prozess des Erlebens. Wie ich mein Leben wahr nehme, so mache ich es mir wahr, und wie ich es wahr habe, so habe ich es außer mir, so erlebe ich es. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Menschen haben ihren Sinn in dem, was sie von ihrem Leben in sich wahrmachen und in ihrem Erleben wahrhaben. Erleben ist die Lebensform der Wahrnehmung, wie sie für sich ist, wie sie also ihre Empfindungen und Gefühle wirklich wahrhat. Darin erscheint Wahrnehmung nun als eigene Wirklichkeit, als Prozess einer Selbstverwirklichung, welche die gegensinnige Beziehung Wahrnehmung veräußert.
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Im Gefühl reflektiert sich ein Wahrnehmungsverhältnis so, wie es wahrgehabt wird. Und als Mangelgefühl bestimmt sich darin, wie es wahrgemacht werden muss, um die Wahrheit der Beziehung eines Menschen auf den Gegenstand seiner Wahrnehmung so zu erzeugen, dass er als menschlicher Gegenstand empfunden wird.
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113 | 1.1.3 Der wahrgehabte Sinn der Wahrnehmung |  |  |  | In der Empfindung erkenne ich eine Beziehung, die ich gegenständlich wahrnehme, im Gefühl, was ich davon sinnlich wahr habe. In der Empfindung ist der Sinn einer menschlichen Beziehung wirklich, im Gefühl ist er ohne wirkliche Beziehung, Wirklichkeit jenseits ihrer Wirkung. So lässt sich auch fühlen, was eine Beziehung nicht wirklich sein lassen kann, die als wirklich empfunden wird. Empfindungen und Gefühle sind ein Verhältnis in der Wahrnehmung, worin gegenständlich Beziehungen sich im Menschen befinden und sein Befinden ausmachen.
So, wie sie im Verhältnis der Menschen sich vergegenständlicht haben, so verhalten sie sich auch in ihm. Hier ist das, was objektiv ist, lediglich subjektiv und als Produkt menschlicher Lebensäußerung jetzt Gegenstand der Wahrnehmung. Darin ist Empfindung und Gefühl ein Verhältnis, das wesentlich die Rückkunft menschlicher Tätigkeit und Kultur in der Erkenntnis der Menshen ist, ihr wesentliche Bewahrheitung. In diesser Erkenntnis, die zugleich menschliche Selbsterkenntnis ist, bewahrheitet sich menschliche Lebensäußerung, indem sie ihre sinnliche Bezogenheit zur sinnlichen Gewissheit des menschlichen Lebens bringt, sich also darin wirklich aufhebt, dass sie ungebrochen subjektivieren kann, was Menschen verobjektiviert hatten, was also Menschen wirklich und in Wirklichkeit sind. In ihrer Erkenntnis hebt sich ihre Wahrnehmung in dem auf, was sie von sich in ihrem Gegenstand wahr haben. Darin bildet und entwickelt sich ihre Selbsterkenntnis als Wahrheit ihrer Geschichte - sowohl als einzelne wie auch als allgemeine Geschichte der Menschen.
Doch eine ungebrochene Erkenntnis kann es nur in einem ungebrochenen Leben geben. Das mag in Momenten der Liebe oder der Kunst schon praktisch vorkommen, aber meist und allgemein sind die Menschen doch in Verhältnissen befangen, in denen sie nicht gesellschaftlich wirklich und wirkend sind. Sie erzeugen zwar menschliche Produkte, die aber für den Menschen selbst eine gleichgültige, weil sich selbst gleich geltende Beziehung auf dem Markt haben. An und für sich sind sie bloß Wert, nach welchem sich Menschen verhalten müssen, um sich auf ihre Produkte wirklich beziehen zu können. Von daher müssen sie sich einem mystischen Subjekt beugen, um ihr Leben zu bewahrheiten. Das Geld, welches die allgemeine Wertform darstellt, kann für sie nicht wahr sein, weil es lediglich die Wahrheit ihrer Gleichgültigkeit vollzieht als allseitige Möglichkeit, Dinge zu erwerben, die menschlich waren, bevor sie zu Waren wurden. Dies macht ihre übermensch |
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