 | Teil III: Die Ästhetik der Selbsttäuschung
Abschnitt 2: Die Heilskultur |  | 
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|  |  |  |  | 1 | 1. Der Wille der Kultur (Der subjektive Geist der Kulturmächtigkeit) |  |  |  | Die Vergöttlichung der Kultur hatte die Naturalisierung des Sittlichen zur Voraussetzung. Sie hatte die Selbstwahrnehmung zum reinen Geist eines übermenschlichen Wesens herausgesetzt und die einzelnen Absichten der Menschen zu einer Ausdrucksform ihrer Sinne isoliert. Damit waren diese zu eigenständigen Momente des Stoffwechsels naturalisiert und konnten als allgemeine Naturnotwendigkeit nackter Individualität erscheinen. Das Sinnliche war also auf Eigenschaften der Individuen reduziert, die als Eigenschaften für sich in der Natur ihre Wesenseigenschaft gefunden haben, als Natur von Bedürfnissen und Begierden, deren gesellschaftliche Natur im Grunde gleichgültig ist, weil Gesellschaft nurmehr rein geistig aufgefasst und erlebt wird. Die Natur wird damit zum Antagonisten des Geistes und der Geist zu einem notwendigen Machtfaktor der Kultur, zum Inhalt der Selbstbestimmung des Menschen.
Weil die sinnlichen Beziehungen nun ausschließlich naturgegeben erscheinen, werden die geistigen zu einem ausschließlichen Kulturphänomen. Weil sie in ihrer "Natürlichkeit" nur unkultiviert gelten können, wird auch keine natürliche Kultur mehr in ihnen erkannt. Tatsächlich haben sie sich der Allgemeinheit einer kultivierten Natur vollständig enthoben und vergehen als Natureigenschaften schnell mit ihrer Befriedigung. Ihre Kultur wird damit zu einer selbständigen Allgemeinheit, zu einem Sein jenseits aller Natur, das sich über deren profanes Dasein in der Kultur enthebt. Damit hatte die Kultur eine Bestimmung erworben, die zunächst nur religiös war. Im Gottesglauben und im Vollzug des reinen Gotteskultes liesen sich zwar sittliche Regeln vollziehen und vermenschlichen, aber der Mensch kann als göttliches Wesen nur Kultur haben, wenn er auch seine soziale Welt, und das schließt seine natürliche Erscheinung mit ein, auch wirklich zu kultivieren versteht. Seine materielle und soziale Wirklichkeit steht hiergegen aber bislang ab. Sie hat noch ihre rein "sündige Gestalt".
Das ganze kulturelle Verhältnis erscheint daher noch als Kränkung, als ein Verhältnis, worin sich kein Mensch erkennen will. Was solche Kultur objektiv geworden war, kann subjektiv nicht gewollt sein. Das allgemeine Subjekt wird daher aus der Abkehr von einer objektiven Boshaftigkeit begründet: Die Heile Welt bekommt Subjektform gegen das Unheil der Welt.
Es geht darin nicht mehr nur um eine Bergung des vor dieser boshaften Welt bewahrten oder zu bewahrenden Lebens, sondern um einen subjektiven Geist, der sich als Macht gegen die Bosheit zu entwicklen sucht, - als ein Wille, der sich zunächst als Naturrecht gegen das Böse herauskehrt. Und die sozialen Konflikte, die sich hierbei verdeutlichen, bilden den Stoff dieses Rechts, das nun als Naturrecht auftritt, sich gegen Untergang und Vernichtung, sich gegen Unheil zu verhalten: Ein Recht im Sinne des Heils der Menschen. Die Wirklichkeit dieser Konflikte spielt dabei keine Rolle mehr; sie werden schlicht durch das Recht auf eine heile Welt ausgeschlossen, negiert und als Heilsprinzip gegen ihren Grund gerichtet. Gegen die soziale Wirklichkeit wird eine Esoterik des Guten gerichtet und diese zum Träger einer allgemeinen Sebstbezogenheit des guten Menschen, zu einer Kulturmacht der Güte.
Wiewohl sich diese aus der bloßen Subjektivität des Leidens an der Welt begründet, wird sie dadurch objektiv, dass sie die Verhältnisse der Menschen bestimmt. Diese Bestimmung ist zunächst eine esoterische Selbstigkeit, eine bloß ästhetische Konfiguration einer allgemeinmenschlichen Güte, die in der sozialen Welt dazwischentritt, wo sich Böses auftut. Es ist im Grunde ganz einfach: Das Böse erscheint selbst unbestimmt, z.B. als Verwahrlosung, Seuche, Sucht und dergleichen und wird durch eine einzige allgemeine Bestimmung bekämpft: durch ein Gesetz, das sein Auftreten verbietet, Diese Gesetz selbst erscheint wie jedes Gesetz allgemein nötig, richtet sich aber nicht gegen das wirklich Einzelne, das sich an einer allgemeinen Wirklichkeit "vergeht", nicht gegen ein "Verbrechen", das mit dem allgemein nötigen Verkehr bricht. Es richtet sich gegen die Möglichkeit, ein solches Verbrechen überhaupt möglich sein zu lassen - es richtet sich gegen den Kern des Bösen, das aus Prinzip verfolgt werden soll und deshalb auch als Prinzip vernichtet werden muss.
Die prinzipielle Bekämpfung von sozialer Verwahrlosung jenseits ihrer Ursachen findet sich z.B. in der Theorie der "Broken Windows", die in den USA besonders von dem einstigen New-Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani und seinem Polizeichef William Bratton vertreten wurde und die derzeitig in Deutschland auch von Innenminister Schäuble propagiert wird. Auf der Grundlage dieser These wurde das New Yorker Polizeimodell „Zero Tolerance“ entwickelt. Es sieht unter anderem vor, aus Gründen der Kriminalprävention frühzeitig und rigoros auch gegen Bagatellkriminalität und kleinste Ordnungsverstöße vorzugehen. Es handelt sich hierbei um eine Machtdemonstration gegen die "Kräfte der Verwahrlosung", die erst mal einfach plausibel daherkommt. Es ist im Grunde eine Erstickungstheorie, wonach das Übel dort schon "im Keim erstickt" werden soll, wo es erscheint, seine Erscheinung also frühzeitig beseitigt werden muss, damit Übles nicht durchbrechen, sich nicht ausbreiten kann. Dies wird mit einer rein ästhetischen Begründung unterlegt: Wo ein oder zwei Fenster zu Bruch gehen, sollen sie unmittelbar und binnen Stunden ausgewechselt werden, damt die wahrnehmbare Zerstörung nicht zu weiterer Zerstörung anstiftet. Denn sind erst mal einige Fenster zu Bruch gegangen - so die Theorie - dann breitet sich Nachlässigkeit gegen die Zerstörung von Fensterscheiben aus; Verwahrlosung greift um sich. Gemeint ist damit natürlich nur das Prinzip von Erstickung der Ausbreitung durch Gegenmaßnahmen. Und dies soll vor allem die Bekämpfung sozialen Konflikten totalisieren. Durch krasse Bestrafung kleinerer Vergehen soll eine allgemeine Angst vor Betrafung überhaupt die Kriminalität überhaupt bekämpft werden. So werden z.B. Schwarzfahrer in der New-Yorker U-Bahn in Handschellen abgeführt und eingesperrt, weil dies eine drastische Wahrnehmung von Staatsgewalt vermittelt und allgemein beeindrucken soll. Es ist das billigste Mittel, um Angst vor Delikten und Abweichungen zu erzeugen. In Deutschland zeigt sich eine ähnliche Tendenz in der neueren Gesetzgebung, z.B. im bayerischen Versammlungsrecht und auch in den Durchführungsbestimmungen der Belauschung privater Daten.
Die Kultur wird durch ästhetische Handhabungen zum allgemeinen politischen Werkzeug eines Prinzips, welches sich nicht mehr kulturell, sondern wesentlich staatspolitisch bestimmt. Der einzelne Wille lässt sich daher auch unmittelbar als staatspolitische Bestimmung auffassen, die sich im einzelnen Menschen begründet oder besser: In der kulturellen Vereinzelung der Menschen. Was seiner Selbstwahrnehmung zum Wohl gereicht, sie zu einer wohligen Algemeinheit erhebt, das soll nun auch allgemein gültig werden. Was den Einzelnen bislang nur in Abwägung zu anderen einzelnen Menschen zum Recht verholfen hatte, wird nun als allgemeines Recht von Einzelnen, die dem wohligen Ganzen verpflichtet sind, zuerkannt, zur kulturbestimmten Allgemeinheit einer moralischen Totalität, zur Notwendigkeit eines allgemeinen Wohlergehenens, dem der wirklich vereinzelte Mensch sich beugen muss, damit die Menschheit im Allgemeinen wieder heil wird, zu ihrem Heil gelangt. Hierdurch wird das Heilsprinzip selbst zu einem staatspoltischen Prinzip, das von einer abstrakt menschlichen Ganzheit, einer politischen Totalität, einem abstrakten Gemeinwesen zu beanspuchen ist und über die einzelne Menschen verfügen muss und sich daher über das bürgerliche Rechsstaatsprinzip stellt: Nicht die Verfolgung nachgewiesener oder zumindest nachweisbarer Delikte bestimmen das Verhalten der Exekutiven, sondern die Vorbeugung von Vergehen überhaupt, die Bekämpfung von Unheil kündenden Erscheinungen, um das Sichtbarwerden und Ausbrechen wirklichen Unheils, wirklicher sozialer Brüche zu verhindern.
Die Heile Welt, welche die Basis des Heilsprinzips ist, wird damit zur Grundlage einer Politik des Weltenheils, die ganz allgemeine Strategien verfolgt. Damit wird nicht nur eine Vorstellung umgesetzt, die jederzeit an den Möglichkeiten ihrer Verwirklichung scheitern könnte, sondern ein Gemeinwesen geschaffen, das selbst überhaupt nur aus einem Willen der Kulur besteht: Ein esoterisches Gemeinwesen, das sich ästhetisch gegen die Auswirkungen der wirklichen sozialen Verhältnisse stellt. Alles, was durch diese bedrängt oder "beschmutzt" wird, muss vor dem Über der Wirklichkeit bewahrt werden, gilt als Monster des Bösen, welches "das Gute" bedroht. Umgekehrt wird auch, wer dem "Guten" nicht frönt oder etwa dessen Mängel kennzeichnet, zum "Nestbeschmutzer". Das Artige ist damit gegen das Abartige eindeutig bestimmt und wird zu einer Schablode ästhetischer Urteile, die sich bis zu einer Rassentheorie entwickeln kann.
Überwunden erscheint dadurch die allgemeine Sinnentleerung der kulturellen Wirklichkeit, wie sie sich in den zwischenmenschlichen Verhältnisse einer allgemein abstrakt gewordenen Kulur zuträgt. ,Eine nun errichtete allgmeine Esoterik der Kultur bestrebt eine unendliche Fülle von Erhabenheiten, die im Prinzip der Güte ein Heil für die Menschen versprechen, durch das sie sich von ihrer unheil gewordenen Wirklichkeit abwenden können; Es ist das Heil eines ästhetischen Willens, der dem entleerten Ego übermenschliche Dimensionen verleiht.
Alles, was den allgemeinen Egoismus der bürgerlichen Kultur bestärkt hatte, wird nun gebeugt durch die unendliche Allgemeinheit einer Selbstbeziehung, dies sich nur in einer eigenständigen Totalität verwirklichen kann: Dem Kult einer Politik des Heils. Totalitarismus ist immer das Herausbrechen aus einer Dialektik, in welcher sich das Ganze durch die Beziehung seiner Teile fortbestimmt. Und dies kann nur dort sich auch wirklich verselbständigen, wo sich mächtige Gegensätze zu einer Abstraktion, zu einem mythologischen Ganzheit vereinen lassen: Staat und Kultur. Hier wird die Elite zum selbständigen Maßstab gegen den "Rest der Gesellschaft", also gegen jene, welche sie auch wirklich bilden.
Die Absichten, welche die Sittlichkeit in dieser Gesellschaft ausgemacht hatten, werden nun, nachdem sie ihren wirklichen Sinn verloren haben, durch das Heil bestimmt, dem sie sich in der Totalität dieser Esoterik verdanken. Die Sinnlosigkeit des Kulturverhältnisses hatte sich zum bloßen Nichts des Sinnlichen verdoppelt und wird nun zu einer außerwirklichen Sinnlichkeit, die sich nur im Widerschein, als Glanz einer Wirklichkeit darstellt, die für sich trist und öde ist. Alles erscheint nun im Licht einer großartigen Reflexion, die als Reflex des Großartigen unter die Menschen kommt. Ihre Not ist darin zu nichts veronnen und das ist ihre einzige Wahrheit.
Aber wo nichts ist, da kann nur etwas sein sollen, das nicht ist, eine Wahrheit, die sein soll, auch wenn sie nicht wahrnehmbar ist. Es wird daher die Natur des Sittlichen sich nicht mehr an dem bemessen, was Sitte und Brauch war, sondern was wahr sein muss, damit die Menschen sittlich miteinander umgehen. Es muss eine Wahrheit sein, die es nicht gibt, damit die Menschen überhaupt in dieser ihre Einheit finden.
Das Ensemble aller Selbstwahrnehmungen, welche sich gegen die Wirklichkeit entfaltet haben, sind seelisch. Wo nichts ist, kann die Wahrnehmung nur solche Wahrheit haben. Diese Wahrheit kann daher auch nur den Gefühlen entspringen, welche dem Seelischen entspringen, Selbstgefühlen also, die keine andere Wirklichkeit haben, als jene des Gefühls, worin sich die persönlichen Selbstwerte versammeln.
Von daher wird nun sie Psyche, die ja das persönliche Wesen unwirklicher Selbstgefühle war, nun zum Selbstgefühl einer Wirklichkeit, die keinen Sinn mehr hat. Dies hat eine Selbständigkeit des Seelischen zur Folge, welches allerdings zunächst nur Sehnsucht ist. Sinnlose Wirklichkeit erzeugt in der Sehnsucht des Seelischen Ursprünge, welche eine wesenhafte Allgemeinheit darstellen, Archetypen des Seelenlebens, der Träume und der Wünsche, welche der Sitte übermenschlichen Sinn verleihen. Es ist die Ursprungssehnsucht in einer rauhen Kultur, in welcher die Menschen nur noch den Willen entwickeln können, solche ursprüngliche Menschlichkeit zu finden oder herzustellen, eine Sitte zu errichten, die unmittelbar sein und wirken muss und unmittelbar nur übermenschliche Ethik sein kann. Der Wille beruht in Wirklichkeit nur darauf, dass alles unmenschlich Gewordene menschlich werden soll und dass alles, was ist, anders werden muss. Die Borniertheit der Sitte wird darin offenkundig, dass sie sich selbst bezwingt, dass sie nur noch als Wille nach einer Ethik des Andersseins sein kann.
Man befindet sich selbst in einem Zustand der Menschenlosigkeit. Je massiver und massiger die Sinnlosigkeit der Sitte ist, desto seelenloser wird sie: Unschön. Die Not der Sittlichkeit ist ihre seelische Unwirklichkeit in der Masse, die dies als Unmöglichkeit einer beseelten Ethik erlebt. Sie ist damit unästhetisch, ohne irgendeine Form der Menschlichkeit, ohne Liebe. Die Güte menschlicher Gefühle steht mit der Sinnlosigkeit menschlicher Gemeinschaft in dieser Kultur wirklich in Frage - und damit ihre Basis. Was sitlich ist, muss auch gewollt werden. Der ästhetische Wille bildet sich wie von selbst aus den Widersprüchen der Selbstwahrnehmungen, die sich nur in Selbstverleugnung sittlich gestalten können. Eine rein aufklärerische Sittlichkeit gibt es nicht wirklich und schon gar nicht in der Masse.
So bildet sich der ästhetische Wille auch nicht in der Körpermasse, sondern in deren Durchbrechung, in der Ohnmacht der Seele, welche nach Seelengemeinschaft verlangt. Darin wird der Glaube, welche dem Selbstgefühl schon in der einfachen Wahrnehmung zugrunde liegt, zur gemeinen Notwendigkeit. Es ist der allgemeine Glaube an die Güte der selbständigen Gefühlswelt - nicht als theoretisches Verhalten, sondern praktisch als Sehnsucht nach einer Ganzheit des Lebens voller Sinn und Liebe. Diese Sehnsucht kann sich nur als eigenständige Ästhetik des Willens durchsetzen, und dies wiederum nur durch ästhetische Versinnlichung des Gemeingefühls.
Darin erscheint die sittliche Masse sich selbst äußerst persönlich und verlangt nach einer persönlichen Gestaltung ihrer Sehnsucht und also nach einer Persönlichkeit, in welcher sie sich erkennen kann. Die Masse der Selbstgefühle werden darin zu einer Massenpsyche des allgemeinen sittlichen Selbstgefühls, zur Persönlichkeit der Gesinnung selbst. . |  | |
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11 | 1.1 Die Erweckung und die Sendung |  |  |  | Die Gewohnheiten haben sich entleert, so dass sie den Notwendigkeiten der Selbstwahrnehmung widersprechen. In der Leere des bloß gemeinhin kultivierten Menschen kann sich ein Mensch nicht mehr selbst wahrnehmen, wenn er darin seine abstrakte Selbstbegründung als seine Leere und Ödnis verspürt. Selbstwahrnehmung begründet sich daher jetzt negativ zu allem, was außer ihm ist. Er selbst muss sich durch Negation der Wahrnehmungen, die er von der Welt hat, begründen. Er ist nicht einfach als Mensch da, so wie er Menschen und sich unter Menschen wahrnimmt; er ist als die besondere Wahrheit unter ihnen, irgendwie ein bisschen wie Gottes Sohn, der eingebohrene Geist einer Kultur, die ansonsten keine Wirklichkeit außer ihm selbst hat.
Das Gewöhnliche zieht ihn daher geradezu von sich ab; er muss es von sich abstoßen und findet allerlei Negationen der menschlichen Gewohnheiten, die ihm insbesondere als jeweils einzelne Kränkung gegenüberstehen. Umgekehrt stellt er sich ihnen entgegen, indem er sich darüber erhebt, indem er das Abstoßende des Gewöhnlichen zum Ausschluss bringt, es von sich aussschließt bund sich ihm auch verschließt. Wiewohl er in Wirklichkeit genausoviele Gewiohnheiten und Außergewöhnlichkeiten hat, wie andere Menschen, begründet er sich selbst in der besonderen Außergewöhnlichkeit, sich als der besonders Empfindsame, besonders sensible, besonders gefühlige Mensch, der seine Kränkungen als Grunderfahrungen seines Lebens ausführlich zu schildern versteht. Er ist erweckt, durch besonderes Wissen oder durch höhere Erkenntnis begnadet, ohne dieses Wissen oder diese Erkenntnis überhaupt au andere Menschen wirklich zu beziehen.
Es ist diese Wonne des Ungewohnten und das Gefühl der Besonderung, die Selbstwahrnehmung des Erhabenen, die jetzt zur Grundlage einer Kultur wird, in welcher die Menschen einen höheren Sinn erwerben: Die Hochkultur. Darin wird erweckt, wozu sie sich berufen fühlen können, weil sie Fähigkeiten besitzen oder erworben haben, die über das bloße Überleben des kulturell Notwendigen hinausführen und höhere Sinne wecken, die wie ein Ruf aus höheren Sphären, wie Berufung erscheinen.
Es ist dies nichts anderes als die erhabene Fähigkeit als Befähigung zur Erhabenheit, der Dienst am Altar eines Willens, der über das wirkliche Leben der Menschen hinausgeht und sie überragt. Solcher Beruf begründet sich aus der Besonderheit der Ästhetik von Kultur, der allgemein besonderen Beschaffenheit von Kulturgütern, ihrem besondren ästhetischen Wert übergeschichtlich scheinender Güte und beschaffenheit. Er macht vor allem das Selbstverständnis der höheren Kulturbürger, der Medien und der Beamten aus. Und das ist schließlich auch das, was nicht nur als Sendung zu verstehen ist, sondern das, was auch auf Sendung geht.
Solche Werte verschaffen der menschlichen Zivilisation überhaupt einen allgemein besonderten Sinn, eben dern der höheren Kultur, gegen welche die Gebundenheit der Sinne an Leib und Seele unkultiviert erscheint, ja, als Begründung einer Archaik des Menschentiers (Nietzsche), einer Horde, welche als Trieb die Menschen beherrscht. Kultur wird damit zum Mittel der Befreiuung des Menschen aus der vermeintlichen Barbarei seiner Natur - und auch zur Grundlage der Bekämpfung jeder Unkultur, als welche andere Kulturen dann erscheinen (siehe hierzu den "Kampf der Kulturen"). Der Kulturbürger verhält sich jetzt als Kulturprofi gegen die Begierden des "kleinen Mannes". Er sieht sich in einem Licht, das von oben kommt und wonach er strebt, worin er sein Glück nicht nur religiös ergreifen kann, sondern als wirkliche Lebensfreude zu ergreifen sucht. Was seiner Persönlichkeitsbildung noch als Selbstverwirklichung nützlich war, wird jetzt zu einem Streben nach höherer Selbstigkeit, die sich von den Begehrlichkeiten dieser Welt angewidert abwendet und sich selbst zu einem Sinn bringt, den sie allein durch ihre Selbstvermittlung hat, durch die Erweckung der höheren Sinnlichkeit in den Menschen, einem Allgemeingefühl, das sich über die Sinne hinwegsetzt und deren Inhalt bestimmt, indem es sich als allgemeine Kulturwirklichkeit diesen voraussetzt..
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12 | 1.2 Die Not der Sitte und die Notwendigkeit der Güte |  |  |  |
Die Bildung eines allem vorausgesetzten Allgemeingefühls entsteht aus der Not, welche der gewöhnliche Wille mit sich selbst hat. Er wird für sich selbst unschön und primitiv, wenn er sich nur für sich behaupten und durchsetzen soll. Die Gegenwart des primitiven Wollens und Verlangens, wie sie noch das leidende Herz in der Religion veräußern konnte, kann in der wirklichen Kultur keine kulturelle Gegenwart finden. Die Vergegenwärtigung des Begehrens und der Getriebenheiten kann sich kulturell nur darstellen und mitteilen, wenn es über das Sittliche selbst hinausgeht, sich in seinem Zweck nicht nur in einer allgemeinen Vernunft begründet, sondern in deren besonderen Güte. Das Besondere wird dadurch selbst zu einer kulturellen Allgemeinheit, welche die Not der gewöhnlichen Sittlichkeit überschreitet und sich aus dem Jenseits derselben als das allgemein besonderte Gute zu erweisen sucht. Die Menschen verlieren damit ihre kulturelle Gegenwärtigkeit überhaupt und beugen sich der Güte des allgemein und also auch in seier Allgemeinheit besonderten Sinns als allgemeinen Zweck der Kultur.
Zur Erläuterung ihrer Güte wird allerelei herbeigezogen, nichts Wirkliches und auch nichts Konkretes, aber alles, was Not im Allgemeinen - und damit eben allgemein Nötiges - aufzeigt. Schien die deutsche Politik in Not, so hieß es: "Du bist Deutschland", und schon wurde jeder zum Teil einer allgemein gebotenen Güte, die sich selbst und auch alles andere zu übertreffen trachtete.
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13 | 1.3 Das Medium von Schön und Gut (Die höhere Bildung) |  |  |
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Die Selbstvergegenwärtigung hat sich durch die Notwendigkeit eines gesitteten Allgemeingefühls umgekehrt: Nicht das Sich-Einfühlen in einen - wenn auch äußerlichen - Kulturzusammenhangs begründet das gesellschaftiche Zusammenwirken der Menschen, sondern die Notwendigkeit, ein allgemeines Kulturverhalten zu vollziehen, in welchem das einzelne nurmehr Moment des Ganzen ist. Die Kulturprominenz wird dadurch verbindlich, dass sie nun Menschen in diesem Zusammenhang verbindet. Nicht, was sie wirklich verbindet, treibt diese Entwicklung, sondern was einer Verbundenheit des Guten nahe steht.
Das Allgemeine hat keinen anderen Grund, als allen gemein zu sein, also eine allen gemeine Güte zu verkörpern. Aber Güte kann sich nicht selbst begründen und entwickeln; sie ist in dem, was im Gebotenen, in den Gegebenheiten der Kultur als gut erscheint, was ihre besonder Qualität als qualitative Gegebenheit ausmacht, in der Form, wie es sich begibt. Die nahestehende Begebenheit ist daher die Substanz der Prominenz des Guten, deren Bedeutung sich alleine in der Dichte zur Wahrnehmung ergibt. Es mag die größten Katastrophen auf der Welt geben, wenn das, was das Herz ergreift, z.B. ein leidendes Affenbaby im Zoo, gut präsentiert wird, so ist alleine diese Güte für die Wahrnehmung prominent. Das Gute steht eben nicht aus irgendeinem objektiven oder moralischem Grund nahe, sondern dessen Dichte zur Selbstwahrnehmung in der Wahrnehmung von anderem.
Was die Wahrnehmung in dieser Beziehung begeistert, das wird auch zum Geist derselben, reduziert also auch die Wahrnehmung selbst auf den Gesit, der ihr schon vorausgesetzt ist. Hierdurch kehrt sich Ursprung und Resultut der Kultur, das Sein und Vermögen menschlicher Sinne, um: Es wird ihnen diese Güte praktisch im Vorhinein unterstellt, wonach sich das einzelne dan auch wirklich ausrichten muss - nicht nur durch Ethik oder Moral oder Benehmen, sondern als Zweck und Grund der eigenen Gegenwart. Es wird in solchem Verhältnis nichts anderes mehr zur Wirkung gebracht und also von der Wirklichkeit zugelassen, als der in diesem und zu diesem Zweck gebildete Mensch.
Dieser hat in dieser Wirklichkeit kein anderes Sein als das der Allgemeinbildung. Was der persönlich wirklich ist, hat keinen Belang. Sofern er zumindest in diesem Zweck zur Güte der Kultur gebildet ist, kommt er auch in dieser abgehoben Sphäre der Kultur, in der Hochkultur zur Wirkung. Es ist letztlich das Ungewohnte, das hier zur Gewohnheit gebracht wird, die elaborierten Wahrnehmungen, welche erlebbar gemacht werden und sich als gehobene Gewohnheit in den Menschen niederlassen.
Es spielt daher auch der bestimmte Inhalt dieser Kultur überhaupt keine Rolle. Die rein materielle Form der Darbietung bestimmt die Prominenz und die Prominenz der Darbietung macht hierdurch bestimmte Selbstwahrnehmung prominent. Lediglich die sachliche Form des Mediums, also die Stofflichkeit der Beziehung des Dagebotetenen zur Wahrnehmung bestimmt das Verhälnis. Von daher sind die Fromen der Hochkultur auch nur darin zu unterscheiden, wie sie sich stofflich lokalisieren, ob auf der Bühne, auf der Leinwand, auf dem Bildschirm usw.
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1.3.1 Die Theaterbühne als Form öffentlicher Hochkultur
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Für junge Menschen bietet das Theater vielerlei Anreize zur Selbstreflektion und Selbsterfahrung, soweit sie darin ihr kulturelles Selbsterleben reflektieren können - eben weil und sofern sie es auch jenseits der Aufführung haben und kennen. Für sich und auf Dauer ist die Bühne aber vor allem eine Kulthandlung des Kulturerlebens selbst. Was in den Flachheiten der bürgerlichen Gewohnheiten abgeht und Sinnlosigkeiten erbracht hat, das findet auf der Bühne mit entsprechender Sinnesvertiefung statt. Das Schauspiel zeigt eben nicht nur Leben, wie es ist und Probleme und Geistesinhalte, wie sie wirklich sind, sondern gibt ihnen sinnliche Tiefe durch eine Entbergung ihrer öffentlichen Relevanz, durch die Öffnung eines Vorhangs, der ihren privaten Schleier aufzulösen scheint. Auf der Bühne ist das Kommen und Gehen eingerahmt und zu einer Choreografie geordnet, die ihre Wirkung als Gesamtwerk dadurch entfaltet, dass die Stimulanzen stimmen, die Fokussierung, die Beleuchtung, der Pathos, die Gestik usw.
Hier wird Hochkultur wirklich durch eine Erhöhung der Darbietung den Menschen gestiftet, die sie im Theater als ästhetische Darstellung ihrer Selbstwahrnehmung erleben, als ihre Vollkommenheit in ihrer Szenerie. Man könnte sagen, dass hier die native Form der Hochkultur sich äußert und unter die Menschen kommt: Der Fokus des Tiefsinns, der nur durch den Bühnenraum schon sinnlich gegeben ist und der darin erhaben wird, dass das Gewohnte selbst als Schau erfahren wird.
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1.3.2 Der Kinofilm, das Parkett der Hochkultur
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Das kulturelle Leben ist für sich wesentlich reizloser, wenn auch vielfältiger. Im Film kommt die Vielfalt in einer flachen Darbietungsform auf der Leinwand zum Tragen. Szenen wechseln ständig, Menschen werden platter und lediglich als Bild erlebt. Und der Fortgang der Geschichte vermittelt Reize, Aktionen und Eindrücke in einem Zeitablauf, der keinerlei Wirklichkeit mehr nötig hat. Die Eindrücke sind informativ und schnell wechselnd und bringen allerhand Stoff beiher. Aber sie bleiben Beispiele der Wirklichkeit, Interpretationen des Lebens und der Beziehungen der Menschen, durch welche die Darsteller überhaupt beispielhaft werden. Das Leben selbst wird hierdurch in seiner Idealität vorgeführt, also in seinem Glück, seinen Problemen und Krisen auf eine Idealität hin fokussiert, wie sie nicht wirklich sein kann.
Das Kino betreibt daher auch die Idolisierung der Leinwandhelden zu Stars, weil es in der Lage ist, unwirkliche Menschen zu produzieren, ihnen den Glanz des Lichtes von der glatten Leinwand heraus ins Gesicht zu schreiben.
Sie werden zu Figuren einer platten Wirklichkeit, die sie auch in ihrem sonstigen Leben für diejenigen darstellen, die im Parkett sitzen. Die Medienprominenz hat darin ihren Höhepunkt, dass die Menschen selbst als Beispiel ihrer Prominenz, als Idol einer Unwirklichkeit gefeiert und mit vielen Preisen für ihre rein ästhetische Leistung geziert werden.
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1.3.3 Das Fernsehen, das Wohnzimmer der Hochkultur
(Die mediale Selbstermächtigung)
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Das Fernsehen bietet zwar wie alle anderen Medien vielerlei kulturelle Inhalte und Reflexionen, die Kultur des Fernsehens besteht aber in Wirklichkeit nur daraus, in einem Sessel zu sitzen oder einem Bett zu liegen oder dergleichen, um sich solcherlei Reflexion zur Unterhaltung zu machen. Was die Menschen inhaltlich davon zum Bedenken, Informiertsein oder für ihre Bedürfnisse und Begierden haben mögen, sind die Inhalte, wie sie überall vorkommen. In der Tat aber bietet es vor allem Eindrücke, die unterhaltsam sind und oft auch praktisch entspannen, dem praktischen Leben Inhalte vermitteln, die entspannen oder beruhigen oder Verbundenheit repräsentieren.
Fernsehen hat damit eine doppelte Funktion der Kulturmedien aufgehoben: Die Trennung von Unterhaltung und Bildung wird darin eins, dass Bildung selbst nur noch Unterhaltung ist, die lediglich dadurch medial ist, dass sie als Prominenz mitten im Leben der Menschen sich mitteilt und vermittelt. Sie gehört nicht mehr nur zum Lebensunterhalt, sondern ist selbst als Unterhaltung lebensfüllend - und zwar lebenserfüllend in dem Sinn, dass sich Menschen als Medium ihrer selbst, also sich in der Prominenz des Mediums erkennen. Dies verwirklicht sich nicht über die bloße Unterhaltung, sondern durch das sich selbst Herabsetzen der Prominenz in die Welt der Umbegung, welche das Fernsehen bei sich hat: Das gewöhnliche Leben, meist das Wohnzimmer.
Es wird vieles für diese Herabsetzung getan, denn es verlangt eine Art mediale Selbsterniedrigung zu dem Zweck, dass jeder "dabei sein" kann. In Talk Shows oder Dschungel-Camps werden Stars dafür bezahlt, dass sie sich entblättern oder sogar selbst bezwingen lassen (z.B. Fußballstars, die sich von Ratten blutig beißen lassen). Und es ist nicht die absurdeste Perversität, die sie davor abschrecken könnte, denn auch den Stars ist es im Grude gleichgültig, wer sie in QWahrheit sind. Geld alleine reicht schon, dass sie alles täten, was den Zuschauer "anmacht" oder begeistert. Und ihn begeistert nicht das wirkliche Leben, wie es manchmal im Fernsehen auch vorbeihuscht; ihn begeistert die Selbsterhöhung, die er dadurch genießt, dass er die Selbsterniedrigung prominenter Persönlichkeiten "miterleben" kann.
Von daher ist das Fernsehen - vor allem auch in Hinsicht auf seine noch möglichen interaktiven Entwicklungen - das absolut öffentliche Medium der politischen Kultur. Es ist die selbst zur allgemeinen Kulturmacht gewordene Subjektivität, die sich als Bild auf dem Schirm äußert - praktisch unerkennbar als Macht, aber allseitig darin wirklich tätig.
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1.3.4 Computerspiele (Die mediale Selbstverwirklichung)
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Schön und gut ist in der medialen Kultur letztlich nur, was eine Persönlichkeit selbst prominent macht. Hat sie sich an fremder Prominenz hinaufgezogen, will sie selbst zu einer prominet handelnden Person werden. Computerspiele ermöglichen, dass sich ein Mensch selbst in den Zweck seiner immer guten Sache auch dann wirksam macht, wenn ihm die Wirklichkeit von beidem abgeht., sowohl von seiner Persönlichkeit wie auch von seiner Sache - wirksam allerdings nur für die Selbstwahrnehmung über einen Bildschirm.
Diese steht zwangsläufig in dem Widerspruch zu jeder anderen Wirklichkeit, wie sie sich aus dieser ja gerade entfernt und abgehoben, als sich gegen sie selbständig gemacht hat. Im Computerspiel bekommt die geringste Kraft der Selbstverwirklichung eine Ästhetik, die weit über alle andere Verwirklichungen und Wirklichkeiten hinausgeht. Sie kleidet sich mit den Attributen des Computerprogramms und seiner Grafik und ist im Prinzip nur duch den Raum und die Zeit beschränkt. Kein Wunder, wenn Menschen dies manchmal verwechseln und auch Raum und Zeit vergessen.
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 | Weiter mit Teil III.2.2 Der ästhetische Wille |  |  |
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